Während in vielen überschwemmten Orten des amerikanischen Mittleren Westens die Wasserstände sinken, drohen am Unterlauf der Flüsse und am Mississippi neue Gefahren.
Seit der Regen im amerikanischen Mittleren Westen am 6. Juni begann und dann nicht aufhörte, mussten Zehntausende ihre Häuser und Wohnungen verlassen, wurden Hospitäler evakuiert, Strassen und Brücken für den Verkehr gesperrt und Geschäfte geschlossen, weil Flüsse über ihre Ufer traten und Städte, Dörfer und Felder überfluteten. Nach Angaben der Behörden hat es bisher 22 Todesfälle gegeben; die Sachschäden gehen in die Milliarden.
Amerikas Kornkammer betroffen
Besonders betroffen wurde der Gliedstaat Iowa, der als Amerikas Kornkammer gilt und der im Ausland bekannt wurde, weil dort der Kampf der politischen Parteien um die Nominierung ihrer Präsidentschaftskandidaten beginnt. Städte mit Namen wie Waterloo, Cedar Rapids und Iowa City wurden von den anschwellenden Flüssen schnell überschwemmt. Während aber in diesem Teil des Landes die Hochwasser aus den zuerst betroffenen Gebieten abzufliessen beginnen, drohen am Unterlauf der Flüsse und auch am Mississippi, in den sie münden, neue Gefahren.
Wie die Bundesregierung in Washington am Dienstag mitteilte, besteht, wenn die Wettervorhersagen sich als zutreffend erweisen, für 27 Deichsysteme am Mississippi das Risiko von Überflutungen, wenn die erwartete Hochwasserwelle am Donnerstag eintrifft. Um ein solches Desaster zu verhindern, sind seit dem Wochenende Tausende von Soldaten der Nationalgarde sowie Freiwillige damit beschäftigt, die gefährdeten Deiche durch Sandsäcke zu erhöhen.
Schiffsverkehr auf Mississippi gesperrt
Allein im Gliedstaat Illinois haben die Soldaten mit einer halben Million Sandsäcken an einem 25 Kilometer langen Uferstück des Mississippis die Deiche um knapp einen Meter erhöht. Flussabwärts wurden die Einwohner der Stadt Grafton vorsichtshalber evakuiert, während im Süden mehr als tausend Bewohner von Quincey Sandsäcke füllten, um den Ort und das umliegende Farmland vor den Wassermengen zu bewahren. Ob die Bemühungen ausreichen, wagt niemand vorherzusagen. Ron Fournier, ein Sprecher des Army Corps of Engineers, das für den Bau und die Erhaltung der Deiche zuständig ist, sagte der Nachrichtenagentur AP: «Dazu braucht man die Kristallkugel des Hellsehers, die keiner hat.»
Bei der Bekämpfung der gegenwärtigen Flutwelle arbeiten das Ingenieur-Corps und die lokalen Behörden zusammen, indem sie versuchen, Gefahrenpunkte an den Deichen frühzeitig zu erkennen, um Hilfsmittel dorthin zu lenken. Auch andere Behörden, die mit Notstandsmassnahmen beauftragt sind, verlassen sich darauf. Aber präzise Vorhersagen sind schwierig. Ein 400 Kilometer langer Bereich des Mississippis ist inzwischen für den Schiffsverkehr gesperrt worden.
Gefahren für Getreideernte
Aber die Flut ist nicht nur ein Problem für die betroffenen Einwohner und Landesteile, sie hat weltweite Auswirkungen, weil sie Schäden anrichtet, durch die Getreide- und Nahrungsmittelpreise in die Höhe getrieben werden, denn die Vereinigten Staaten sind ein führender Getreide-Exporteur. Allein in den beiden Gliedstaaten Iowa und Illinois wird rund ein Drittel allen amerikanischen Maises und aller amerikanischen Sojabohnen erzeugt. Es wird befürchtet, dass ein erheblicher Teil davon nicht geerntet oder gar nicht erst gepflanzt werden kann.
Noch vor wenigen Monaten hatten Experten einen Bedarf von 13,2 Milliarden Bushel von Mais vorhergesagt. Aber nach den ersten Flutschäden hat das amerikanische Landwirtschaftsministerium seine Ernte-Prognose um 6 Prozent auf 11,7 Milliarden Bushel nach unten korrigiert. Die Wirkungen waren prompt an den Rohstoffbörsen zu spüren. Der Preis für Mais, der sich in den vergangenen drei Jahren aufgrund hoher Nachfrage schon verdreifacht hatte, kletterte in den letzten Tagen um weitere 9 Prozent. Diese Entwicklung dürfte sich auf eine Vielzahl von Nahrungsmitteln auswirken und allein die amerikanischen Konsumenten in diesem Jahr mit Preissteigerungen von 7 bis 9 Prozent belasten.
Seit fünf Jahren schon regnet es viel zu wenig im Mittleren Westen der USA. Farmer legen erste Flächen still und Rancher verkaufen ihre Tiere, weil Wasser und Heu mehr kosten, als ihr Hof abwirft. Die Staubstürme während der 30er Jahre stürzten Hunderttausende Farmer ins Elend. Sie lösten einen Exodus aus, den John Steinbeck in "Früchte des Zorns" beschrieben hat. Solche Stürme blieben bisher noch aus, weil man aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat. Aber die Bauern wissen längst: Für große Teile der Weizen- und Maiskammer der USA hat die Natur keine Landwirtschaft vorgesehen - zwei Fünftel der USA sind Trockengebiete.