Das Urantia Buch
Schrift 122
Jesu Geburt und Kindheit
(1344.1) 122:0.1 ES wird kaum möglich sein, die vielen Gründe erschöpfend zu erörtern, die zur Wahl Palästinas als dem Land der Selbsthingabe Michaels führten, und im besonderen, wieso gerade die Familie Josephs und Marias als unmittelbarer Rahmen für das Erscheinen dieses Gottessohnes auf Urantia gewählt wurde.
(1344.2) 122:0.2 Nach dem Studium eines von den Melchisedeks in Abstimmung mit Gabriel vorbereiteten Spezialberichts über den Status abgesonderter Welten wählte Michael schließlich Urantia zum Planeten seiner letzten Selbsthingabe. Nach diesem Entscheid stattete Gabriel Urantia einen persönlichen Besuch ab. Sein Studium menschlicher Gruppen und seine Übersicht über die geistigen, intellektuellen, rassischen und geographischen Charakteristika der Welt und ihrer Völker führten ihn im Endergebnis zu der Überzeugung, dass die Hebräer jene relativen Vorteile besaßen, die ihre Wahl als Rasse für die Selbsthingabe rechtfertigten. Nach Michaels Genehmigung dieses Entscheids ernannte Gabriel die aus ausgewählten Persönlichkeiten der höheren Ordnungen des Universums bestehende Familienkommission der Zwölf, die mit der Untersuchung des jüdischen Familienlebens beauftragt wurde, und entsandte sie nach Urantia. Als diese Kommission ihre Arbeiten abgeschlossen hatte, war Gabriel auf Urantia anwesend und nahm den Bericht entgegen, der drei in Frage kommende Ehepaare nannte, die nach Meinung der Kommission für Michaels geplante Inkarnation gleich günstige familiäre Voraussetzungen erfüllten.
(1344.3) 122:0.3 Unter den drei vorgeschlagenen Ehepaaren traf Gabriel die persönliche Wahl von Joseph und Maria, welcher er später in Person erschien und die frohe Botschaft überbrachte, dass sie zur irdischen Mutter des Kindes der Verheißung auserwählt worden sei.
(1344.4) 122:1.1 Joseph, der menschliche Vater von Jesus (Josua ben Joseph), war ein Hebräer unter Hebräern, auch wenn sich in seinem Blut viele nichtjüdische Rassenanteile mischten, die seinem Stammbaum von Zeit zu Zeit durch die weiblichen Linien seiner Ahnen zugeführt worden waren. Seine Vorfahren reichten zurück bis in die Tage Abrahams und von diesem ehrwürdigen Patriarchen über frühere Vererbungslinien bis hin zu den Sumerern und Noditen und über die südlichen Stämme der alten blauen Menschen bis zu Andon und Fonta. David und Salomon waren keine direkten Vorfahren Josephs, noch führte dessen Ahnenlinie direkt zu Adam zurück. Josephs unmittelbare Vorfahren waren Handwerker — Bau- und Zimmerleute, Maurer und Schmiede. Joseph selber war Zimmermann und später Unternehmer. Seine Familie gehörte zu einem alten und berühmten Geschlecht aus dem Volksadel, das sich hin und wieder durch das Erscheinen außergewöhnlicher Einzelner hervortat, die sich im Zusammenhang mit der Entwicklung der Religion auf Urantia auszeichneten.
(1345.1) 122:1.2 Maria, Jesu irdische Mutter, war Nachfahrin einer langen Reihe von einzigartigen Ahnen, die viele der bemerkenswertesten Frauengestalten der Rassengeschichte Urantias einschloss. Obwohl Maria in ihrer Zeit und Generation eine durchschnittliche Frau mit ganz normaler Veranlagung war, zählte sie doch zu ihren Ahnfrauen so berühmte Namen wie Annon, Tamar, Ruth, Batseba, Ansie, Cloa, Eva, Enta und Ratta. Keine jüdische Frau jener Tage besaß eine glänzendere Ahnenreihe, noch eine, die zu vielversprechenderen Anfängen zurückreichte. Gleich denjenigen Josephs waren auch Marias Vorfahren überwiegend starke, aber durchschnittliche Individuen, aus denen ab und zu zahlreiche außergewöhnliche Persönlichkeiten herausragten, die sich im Fortschritt der Zivilisation und in der Höherentwicklung der Religion hervortaten. Vom rassischen Standpunkt aus gesehen, ist es kaum richtig, Maria als eine Jüdin zu betrachten. In ihrer Kultur und in ihrem Glauben war sie eine Jüdin, in hereditärer Hinsicht aber mehr ein Gemisch aus syrischen, hethitischen, phönizischen, griechischen und ägyptischen Erbanteilen. Ihr rassisches Erbe war also breiter angelegt als dasjenige Josephs.
(1345.2) 122:1.3 Von allen zur Zeit der geplanten Selbsthingabe Michaels in Palästina lebenden Ehepaaren besaßen Joseph und Maria die idealste Kombination weitreichender rassischer Verbindungen und überdurchschnittlicher Persönlichkeitsanlagen. Michaels Plan war es, als durchschnittlicher Mensch auf Erden zu erscheinen, damit das einfache Volk ihn verstehen und annehmen könnte, weshalb Gabriel gerade Menschen wie Joseph und Maria als Eltern für die Selbsthingabe auswählte.
(1345.3) 122:2.1 Jesu Lebenswerk auf Urantia wurde in Wahrheit durch Johannes den Täufer begonnen. Zacharias, der Vater des Johannes, gehörte zur jüdischen Priesterschaft, während seine Mutter Elisabeth ein Mitglied des wohlhabenderen Zweiges desselben großen Familienverbandes war, dem auch Maria, die Mutter Jesu, angehörte. Zacharias und Elisabeth, obschon seit vielen Jahren verheiratet, waren kinderlos geblieben.
(1345.4) 122:2.2 Es war spät im Monat Juni des Jahres 8 v. Chr., ungefähr drei Monate nach der Heirat von Joseph und Maria, als Gabriel eines Tages um die Mittagsstunde Elisabeth erschien, genauso wie er später Maria seine Gegenwart kundtat. Er sprach:
(1345.5) 122:2.3 „Während dein Mann Zacharias in Jerusalem vor dem Altar steht und das versammelte Volk für das Kommen eines Erlösers betet, bin ich, Gabriel, gekommen, um dir zu verkünden, dass du bald einen Sohn gebären wirst, der der Vorläufer des göttlichen Lehrers sein wird. Und du sollst deinen Sohn Johannes heißen. Er wird ganz dem Herrn, deinem Gott hingegeben aufwachsen, und als Mann wird er dein Herz erfreuen, weil er viele Seelen zu Gott hinwenden wird. Er wird auch das Kommen des Seelenheilers deines Volkes und des Geist-Befreiers der ganzen Menschheit ankündigen. Deine Verwandte Maria wird die Mutter dieses Kindes der Verheißung sein, und ich werde ihr ebenfalls erscheinen.“
(1345.6) 122:2.4 Elisabeth erschrak gewaltig über diese Erscheinung. Nach Gabriels Fortgang überdachte sie das Erlebnis immer von neuem, lange die Worte des majestätischen Besuchers abwägend, aber sprach zu niemandem mit Ausnahme ihres Mannes über die Offenbarung bis zu ihrem Gespräch mit Maria Anfang Februar des folgenden Jahres.
(1345.7) 122:2.5 Fünf Monate lang verbarg Elisabeth ihr Geheimnis sogar vor ihrem Mann. Nachdem sie ihm die Geschichte von Gabriels Besuch eröffnet hatte, war Zacharias sehr skeptisch, und wochenlang bezweifelte er das ganze Erlebnis. Er begann erst halbherzig an Gabriels Besuch bei seiner Frau zu glauben, als er nicht länger in Frage stellen konnte, dass sie guter Hoffnung war. Zacharias war über die Maßen erstaunt über Elisabeths bevorstehende Mutterschaft, zweifelte aber trotz seines vorgerückten Alters nicht an der Unbescholtenheit seiner Frau. Erst etwa sechs Wochen vor der Geburt des Johannes gelangte Zacharias infolge eines beeindruckenden Traums zu der vollen Überzeugung, dass Elisabeth einen Sohn der Vorsehung gebären werde, einen, der dem kommenden Messias den Weg bereiten sollte.
(1346.1) 122:2.6 Gabriel erschien Maria etwa Mitte November des Jahres 8 v. Chr., während sie in ihrem Heim in Nazareth bei der Arbeit war. Später, als Maria mit Sicherheit wusste, dass sie Mutter werden würde, überzeugte sie Joseph, sie nach der Stadt Juda im Hügelgebiet vier Kilometer westlich von Jerusalem reisen zu lassen, um Elisabeth zu besuchen. Gabriel hatte jede dieser werdenden Mütter von seinem Besuch bei der anderen in Kenntnis gesetzt. Natürlich lag ihnen viel daran zusammenzukommen, ihre Erfahrungen auszutauschen und über die wahrscheinliche Zukunft ihrer Söhne zu reden. Maria blieb drei Wochen lang bei ihrer entfernten Kusine. Elisabeth tat viel, um Marias Glauben an Gabriels Erscheinung zu festigen. Maria kehrte nach Hause zurück, bereiter, dem Ruf zu folgen und das Kind der Vorsehung zu gebären, das sie der Welt schon so bald als hilflosen Säugling, als ein durchschnittliches und normales Kind dieser Welt schenken würde.
(1346.2) 122:2.7 Johannes wurde am 25. März des Jahres 7 v. Chr. in der Stadt Juda geboren. Zacharias und Elisabeth waren von großer Freude erfüllt, als ihnen klar wurde, dass ihnen ein Sohn geschenkt worden war, wie Gabriel es versprochen hatte, und als sie das Kind am achten Tag zur Beschneidung brachten, tauften sie es auf den Namen Johannes, wie ihnen zuvor nahe gelegt worden war. Schon hatte sich ein Neffe des Zacharias nach Nazareth aufgemacht mit Elisabeths Botschaft an Maria, dass sie einen Sohn geboren habe und sein Name Johannes sein werde.
(1346.3) 122:2.8 Vom zartesten Kindesalter an wurde Johannes von seinen Eltern mit Bedacht die Idee eingepflanzt, er sei bestimmt, zu einem geistigen Führer und religiösen Lehrer heranzuwachsen. Und der Boden seines Herzens nahm solch eine suggestive Saat immer willig auf. Schon als Kind fand man ihn oft im Tempel während der Dienstzeiten seines Vaters, und die Bedeutung all dessen, was er sah, beeindruckte ihn gewaltig.
(1346.4) 122:3.1 Eines Abends bei Sonnenuntergang und vor Josephs Heimkehr erschien Gabriel Maria neben einem niedrigen Steintisch und sprach zu ihr, nachdem sie ihre Fassung wiedererlangt hatte: „Ich komme auf Geheiß eines, der mein Meister ist und den du lieben und nähren sollst. Dir, Maria, bringe ich eine frohe Botschaft mit der Kunde, dass deine Empfängnis vom Himmel bestimmt ist und dass du zur gegebenen Zeit Mutter eines Sohnes werden wirst. Du sollst ihn Josua nennen, und er wird unter den Menschen das Königreich des Himmels auf Erden eröffnen. Sprich mit niemandem darüber außer mit Joseph und deiner Verwandten Elisabeth, der ich ebenfalls erschienen bin und die auch bald einen Sohn zur Welt bringen wird; er wird Johannes heißen und der Wegbereiter für die Erlösungsbotschaft sein, die dein Sohn den Menschen mit großer Macht und tiefer Überzeugung verkünden wird. Und zweifle nicht an meinen Worten, Maria; denn dieses Haus wurde zum menschlichen Heim des Kindes der Vorsehung ausgewählt. Mein Segen ruht auf dir, die Kraft der Allerhöchsten wird dich stärken und der Herr der ganzen Erde wird über dir wachen.“
(1346.5) 122:3.2 Viele Wochen lang sann Maria im Stillen in ihrem Herzen über diesen Besuch nach, bis sie mit Sicherheit wusste, dass sie schwanger war. Erst dann wagte sie es, ihrem Ehemann diese ungewöhnlichen Ereignisse zu eröffnen. Als Joseph all das gehört hatte, war er sehr beunruhigt und konnte manche Nächte hindurch nicht schlafen, obwohl er großes Vertrauen zu Maria hatte. Zuerst hegte Joseph Zweifel am Besuch Gabriels. Als er so gut wie zu der Überzeugung gelangt war, dass Maria die Stimme wirklich gehört und die Gestalt des göttlichen Boten gesehen hatte, war er innerlich zerrissen, als er hin und her überlegte, wie solche Dinge möglich sein konnten. Wie konnte der Abkömmling menschlicher Wesen ein Kind mit göttlichem Schicksal sein? Joseph war außerstande, diese widersprüchlichen Ideen in Einklang zu bringen. Endlich, nach mehreren Wochen des Nachdenkens, gelangte er mit Maria zu der Überzeugung, dass sie als Eltern des Messias ausgewählt worden waren, obwohl die Juden kaum die Vorstellung hatten, dass der erwartete Erlöser göttlicher Natur sein sollte. Kaum waren sie zu diesem bedeutsamen Schluss gekommen, als Maria sich eilends zum Besuch Elisabeths aufmachte.
(1347.1) 122:3.3 Nach ihrer Rückkehr besuchte Maria ihre Eltern Joachim und Hannah. Ihre beiden Brüder, ihre beiden Schwestern ebenso wie ihre Eltern waren wegen der göttlichen Mission Jesu immer sehr skeptisch, obwohl sie zu jener Zeit vom Besuch Gabriels natürlich nichts wussten. Aber Maria vertraute ihrer Schwester Salome an, sie glaube, ihr Sohn sei bestimmt, ein großer Lehrer zu werden.
(1347.2) 122:3.4 Gabriels Verkündigung an Maria hatte am Tag nach der Empfängnis Jesu stattgefunden und war das einzige übernatürliche Ereignis im Zusammenhang mit Marias gesamter Erfahrung, das Kind der Verheißung zu tragen und zu gebären.
(1347.3) 122:4.1 Joseph konnte sich mit der Idee, Maria würde die Mutter eines außergewöhnlichen Kindes werden, nur schwer anfreunden bis zu dem Augenblick, als er einen sehr eindrucksvollen Traum hatte. In diesem Traum erschien ihm ein strahlender himmlischer Bote, der ihm unter anderem sagte: „Joseph, ich erscheine dir auf Geheiß Dessen, der jetzt im Himmel herrscht, und ich habe den Auftrag, dich über den Sohn, den Maria gebären und der ein großes Licht in der Welt sein wird, zu unterrichten. In ihm wird das Leben wohnen, und sein Leben soll zum Licht der Menschheit werden. Er wird zuerst zu seinem eigenen Volk kommen, aber dieses wird ihn kaum aufnehmen. All jenen hingegen, die ihn aufnehmen, wird er offenbaren, dass sie Kinder Gottes sind.“ Nach dieser Erfahrung zweifelte Joseph nie wieder gänzlich an Marias Geschichte vom Besuch Gabriels und an dessen Versprechen, dass das ungeborene Kind ein göttlicher Sendbote für die Welt werden würde.
(1347.4) 122:4.2 Während all dieser Besuche wurde das Haus David mit keinem Wort erwähnt. Es fehlte auch jeglicher Hinweis darauf, dass Jesus der „Befreier der Juden“ oder gar der lang erwartete Messias sein würde. Jesus war nicht ein Messias, wie ihn die Juden erwartet hatten, aber er war der Befreier der Welt. Seine Sendung galt allen Rassen und Völkern, nicht nur einer bestimmten Gruppe.
(1347.5) 122:4.3 Joseph stammte nicht vom Geschlecht König Davids ab. Maria hatte mehr Vorfahren vom Stamm Davids als Joseph. Es stimmt zwar, dass Joseph nach Bethlehem, der Stadt Davids, ging, um sich für die römische Volkszählung einschreiben zu lassen, aber das geschah nur deshalb, weil sechs Generationen zuvor Josephs väterlicher Vorfahr aus jener Generation als Waise von einem gewissen Zadok, einem direkten Nachkommen Davids, adoptiert worden war; deshalb betrachtete man Joseph auch als zum „Hause Davids“ gehörig.
(1347.6) 122:4.4 Die meisten der so genannten messianischen Prophetien des Alten Testaments wurden lange nachdem Jesus auf Erden gelebt hatte geschrieben, um auf ihn Anwendung zu finden. Jahrhundertelang hatten die hebräischen Propheten das Kommen eines Erlösers verkündet, und diese Verheißungen deuteten die aufeinander folgenden Generationen so, als bezögen sie sich auf einen neuen jüdischen Herrscher, der auf dem Throne Davids sitzen und es unternehmen würde, mit Hilfe der angeblich mirakulösen Methoden des Moses die Juden in Palästina als mächtige, von aller Fremdherrschaft befreite Nation wiederherzustellen. Wiederum wurden viele bildliche Stellen, die überall in den hebräischen Schriften zu finden waren, später fälschlich auf Jesu Lebenssendung angewendet. Viele alttestamentliche Aussagen wurden so verändert, dass sie sich auf irgendeine Episode des irdischen Lebens des Meisters zu beziehen schienen. Jesus selber bestritt einmal öffentlich jede Verbindung mit dem königlichen Hause Davids. Sogar die Stelle „eine junge Frau wird einen Sohn gebären“ lautete nun: „eine Jungfrau wird einen Sohn gebären“. Dasselbe trifft auch auf die vielen Stammbäume sowohl Josephs wie auch Marias zu, die nach Jesu Erdentagen konstruiert wurden. Manche dieser Abstammungslinien enthalten viele Vorfahren des Meisters, sind aber im Großen und Ganzen nicht authentisch und, was die Fakten betrifft, nicht verlässlich. Die frühen Anhänger Jesu unterlagen nur allzu oft der Versuchung, all die alten prophetischen Äußerungen in ein solches Licht zu rücken, dass sie im Leben ihres Herrn und Meisters in Erfüllung zu gehen schienen.
(1348.1) 122:5.1 Joseph war ein Mann von sanftem Umgang, äußerst gewissenhaft und in jeder Weise den religiösen Sitten und Gebräuchen seines Volkes treu ergeben. Er sprach wenig, aber dachte viel. Die missliche Lage des jüdischen Volkes erfüllte ihn mit großer Trauer. Als Jugendlicher zwischen seinen acht Brüdern und Schwestern war er heiterer gewesen, aber in den ersten Ehejahren (während Jesu Kindheit) war er periodisch leichter geistiger Entmutigung unterworfen. Diese Stimmungsäußerungen besserten sich erheblich kurz vor seinem frühzeitigen Tod und nachdem die wirtschaftliche Lage seiner Familie sich durch seinen Aufstieg vom Rang eines Zimmermanns zur Rolle eines wohlhabenden Bauunternehmers verbessert hatte.
(1348.2) 122:5.2 Marias Temperament war demjenigen ihres Ehemanns ganz und gar entgegengesetzt. Sie war im Allgemeinen fröhlich, war nur sehr selten niedergeschlagen und besaß ein immer sonniges Wesen. Maria gab ihren Gefühlen gern frei und häufig Ausdruck, und niemand hatte sie bis zum plötzlichen Tod Josephs je traurig gesehen. Kaum hatte sie sich von diesem Schock erholt, als die Ängste und Fragen im Zusammenhang mit dem außerordentlichen Werdegang ihres ältesten Sohnes, der sich vor ihren erstaunten Augen so schnell entwickelte, sie bedrängten. Aber während dieser ganzen ungewöhnlichen Erfahrung war Maria gefasst, mutig und recht besonnen im Umgang mit ihrem seltsamen und wenig verstandenen erstgeborenen Sohn und seinen überlebenden Brüdern und Schwestern.
(1348.3) 122:5.3 Seinem Vater verdankte Jesus viel von seiner ungewöhnlichen Sanftheit und seinem wunderbar mitfühlenden Verstehen der menschlichen Natur. Von seiner Mutter erbte er seine Gabe als großer Lehrer und seine gewaltige Fähigkeit zu gerechter Empörung. Als Erwachsener war Jesus in seinen gefühlsmäßigen Reaktionen auf seine Umwelt zeitweilig wie sein Vater, nachdenklich und andächtig, manchmal von offensichtlicher Traurigkeit gekennzeichnet; aber häufiger schritt er in der zuversichtlichen und entschiedenen Art seiner Mutter voran. Alles in allem schien Marias Temperament im Werdegang des göttlichen Sohnes mehr und mehr die Oberhand zu gewinnen, während er aufwuchs und die bedeutsamen Schritte in sein Erwachsenenleben tat. In gewissen Eigenschaften war Jesus eine Mischung der Charakterzüge beider Elternteile; in anderer Hinsicht zeigte er die Züge des einen im Kontrast zu denen des anderen.
(1348.4) 122:5.4 Von Joseph erhielt Jesus seine strenge Schulung in den Gebräuchen des jüdischen Zeremo-niells und seine außergewöhnliche Vertrautheit mit den hebräischen Schriften; Maria verdankte er eine weniger enge Auffassung vom religiösen Leben und eine großzügigere Vorstellung von persönlicher geistiger Freiheit.
(1349.1) 122:5.5 Die Familien beider, sowohl Josephs als auch Marias, waren für ihre Zeit sehr gebildet. Die Bildung Josephs und Marias lag weit über dem Durchschnitt jener Tage und ihrer gesellschaftlichen Stellung. Er war ein Denker; sie war eine Planerin, verstand es, sich mit Leichtigkeit anzupassen und war praktisch in der unmittelbaren Ausführung. Joseph hatte schwarze Augen und braune Haare; Maria hatte braune Augen und war fast blond.
(1349.2) 122:5.6 Hätte Joseph gelebt, so wäre er zweifellos zum festen Glauben an die göttliche Sendung seines ältesten Sohnes gelangt. Maria schwankte zwischen Glauben und Zweifeln und stand dabei stark unter dem Einfluss der von ihren übrigen Kindern und von ihren Freunden und Verwandten vertretenen Ansichten, aber immer wurde sie in ihrer endgültigen Haltung bestärkt durch die Erinnerung an die Erscheinung Gabriels vor ihr unmittelbar nach der Empfängnis des Kindes.
(1349.3) 122:5.7 Maria war eine geschickte Weberin und besaß eine überdurchschnittliche Fertigkeit in den meisten Haushaltstätigkeiten jener Tage. Sie war eine gute Haushälterin und eine hervorragende Hausfrau. Joseph und Maria waren beide gute Lehrer, und sie wachten darüber, dass ihre Kinder im Wissen jener Zeit gut bewandert waren.
(1349.4) 122:5.8 Als junger Mann arbeitete Joseph für Marias Vater an einem Anbau für dessen Haus, und so geschah es, als Maria während eines Mittagessens Joseph eine Schale mit Wasser brachte, dass die eigentliche Zeit des Werbens für das Paar begann, das bestimmt war, Jesu Eltern zu werden.
(1349.5) 122:5.9 Joseph und Maria wurden gemäß jüdischem Brauch in Marias Haus in der Umgebung von Nazareth verheiratet, als Joseph einundzwanzig Jahre alt war. Diese Heirat stand am Ende einer normalen, fast zweijährigen Zeit des Werbens. Kurz darauf bezogen sie ihr neues Heim in Nazareth, das Joseph mit Hilfe zweier seiner Brüder gebaut hatte. Das Haus lag dicht am Fuße des nahen Hügels, der sich so reizvoll über der umgebenden Landschaft erhob. In diesem eigens dazu vorbereiteten Haus gedachten die jungen und erwartungsvollen Eltern, das Kind der Vorsehung willkommen zu heißen, nicht ahnend, dass dieses für ein ganzes Universum hochbedeutende Ereignis während ihrer Abwesenheit von zu Hause in Bethlehem in Judäa stattfinden würde.
(1349.6) 122:5.10 Der größere Teil von Josephs Familie schloss sich Jesu Lehren an, aber nur sehr wenige von Marias Anhang glaubten an ihn, bevor er aus dieser Welt schied. Joseph neigte mehr dem geistigen Konzept vom erwarteten Messias zu, aber Maria und ihre Familie, besonders ihr Vater, hielten sich an die Idee vom Messias als einem zeitlichen Befreier und politischen Herrscher. Marias Vorfahren hatten sich in vorderster Reihe den Aktivitäten der Makkabäer angeschlossen, die damals erst sehr kurze Zeit zurücklagen.
(1349.7) 122:5.11 Joseph hielt sich entschieden an die östlichen oder babylonischen Sichtweisen der jüdischen Religion, während Maria stark der freieren und großzügigeren westlichen oder hellenistischen Auslegung des Gesetzes und der Propheten zuneigte.
(1349.8) 122:6.1 Das Heim Jesu lag nicht weit von der Anhöhe, die sich über dem nördlichen Teil von Nazareth erhob, und in einiger Entfernung vom Dorfbrunnen, der sich im östlichen Teil der Stadt befand. Jesu Familie wohnte am Stadtrand, und das machte es ihm später umso leichter, sich an häufigen Spaziergängen auf dem Lande zu erfreuen und Ausflüge zum höchsten Punkt der nahen Anhöhe zu machen. Es war die höchste Erhebung in Südgaliläa mit Ausnahme des Berges Tabor im Osten und des Berges von Nain, der etwa gleich hoch war. Ihr Heim befand sich ein wenig südöstlich von der dem Berg im Süden vorgelagerten Erhebung und ungefähr auf halbem Wege zwischen dem Fuß des Berges und der von Nazareth nach Kana führenden Straße. Abgesehen von dem Besteigen des Berges war es Jesu Lieblingsspaziergang, einem engen Pfad, der sich an dessen Fuß entlangwand, in nordöstlicher Richtung bis zu einem Punkt zu folgen, wo er in die Straße nach Sepphoris einmündete.
(1350.1) 122:6.2 Josephs und Marias Heim war ein aus einem einzigen Raum bestehendes Steingebäude mit einem Flachdach und einem Anbau zur Unterbringung der Tiere. Die Einrichtung bestand aus einem niedrigen Steintisch, irdenen und steinernen Schalen und Töpfen, einem Webstuhl, einer Lampe, mehreren kleinen Schemeln und Schlafmatten auf dem Steinboden. Im Hinterhof, nahe dem Anbau für die Tiere, war eine überdachte Stelle für den Ofen und die Mühle, in der das Korn gemahlen wurde. Zwei Personen waren erforderlich, um diese Art Mühle zu betätigen, eine, um zu mahlen und eine, um das Korn hineinzugeben. Als kleiner Junge schüttete Jesus oft das Korn in diese Mühle, während seine Mutter den Mühlstein drehte.
(1350.2) 122:6.3 In späteren Jahren, als die Familie zahlreicher geworden war, pflegten sie alle um den vergrößerten Steintisch herum zu hocken und sich gemeinsam ihr Essen aus einer Schale oder einem Topf schmecken zu lassen. Im Winter erhellte während der Abendmahlzeit eine kleine, flache, mit Olivenöl gefüllte Lampe aus Ton den Tisch. Nach Marthas Geburt fügte Joseph diesem Haus einen großen Raum an, der tagsüber als Zimmermannswerkstatt und nachts als Schlafraum diente.
(1350.3) 122:7.1 Im März des Jahres 8 v. Chr. (dem Monat der Heirat Josephs und Marias) verordnete Kaiser Augustus, dass alle Einwohner des Römischen Reiches gezählt werden sollten. Diese Volkszählung sollte einer besseren Besteuerung dienen. Die Juden hatten sich gegenüber jedem Versuch, „das Volk zu zählen“, immer sehr ablehnend verhalten. Dies, zusammen mit ernsten innenpolitischen Schwierigkeiten des Herodes, König von Judäa, bewirkte eine Verschiebung der Volkszählung im jüdischen Königreich um ein Jahr. Im ganzen römischen Reich wurde diese Zählung im Jahre 8 v. Chr. durchgeführt, außer im palästinensischen Königreich des Herodes, wo sie erst ein Jahr später, im Jahre 7 v. Chr., abgehalten wurde.
(1350.4) 122:7.2 Es war nicht nötig, dass Maria zur Eintragung in die Register nach Bethlehem ging — Joseph war dazu für die ganze Familie ermächtigt — aber Maria, die eine unternehmungslustige und energische Person war, bestand darauf, ihn zu begleiten. Sie fürchtete sich davor, das Kind allein und in Josephs Abwesenheit zur Welt zu bringen, und da Bethlehem nicht weit von der Stadt Juda entfernt war, sah sie außerdem der Möglichkeit eines angenehmen Besuchs bei ihrer Verwandten Elisabeth entgegen.
(1350.5) 122:7.3 Eigentlich verbot Joseph es Maria, ihn zu begleiten, aber ohne Erfolg. Beim Einpacken des Proviants für die drei- bis viertägige Wanderung sah sie doppelte Rationen vor und machte sich reisefertig. Aber noch bevor sie aufbrachen, hatte sich Joseph damit abgefunden, dass Maria mitkam, und in froher Stimmung verließen sie bei Tagesanbruch Nazareth.
(1350.6) 122:7.4 Joseph und Maria waren arm, und da sie nur ein Lasttier besaßen, ritt Maria, weil sie in anderen Umständen war, mitsamt dem Proviant auf dem Tier, während Joseph daneben herging und es führte. Das Bauen und Einrichten eines Hauses hatte Joseph finanziell schwer belastet, zumal er auch zum Lebensunterhalt seiner Eltern beitragen musste, nachdem sein Vater kurz zuvor erwerbsunfähig geworden war. Und so verließ das jüdische Paar sein bescheidenes Heim am frühen Morgen des 18. August im Jahr 7 v. Chr. und begab sich auf die Reise nach Bethlehem.
(1351.1) 122:7.5 Ihr erster Reisetag führte sie um die dem Berg Gilboa vorgelagerten Hügel herum, wo sie ihr Nachtlager am Jordan aufschlugen und sich in allerlei Mutmaßungen über das Wesen des Sohnes ergingen, der ihnen geboren werden sollte, wobei Joseph die Vorstellung von einem geistigen Lehrer bevorzugte, während Maria an der Idee eines jüdischen Messias, eines Befreiers der hebräischen Nation festhielt.
(1351.2) 122:7.6 In froher Stimmung und früh am Morgen des 19. August waren Joseph und Maria wieder auf dem Weg. Sie nahmen ihr Mittagsmahl zu Füßen des Berges Sartaba ein, von wo sie das Jordantal überblickten, und gelangten bis nach Jericho, wo sie für die Nacht in einer Herberge an der Hauptstraße außerhalb der Stadt abstiegen. Nach dem Abendessen und vielen Gesprächen über den Druck der römischen Herrschaft, über Herodes, die Volkszählung und über einen Vergleich des Einflusses von Jerusalem und Alexandria als Zentren jüdischer Gelehrsamkeit und Kultur, zogen sich die Reisenden aus Nazareth zur Nachtruhe zurück. Frühmorgens am 20. August nahmen sie ihre Reise wieder auf, erreichten Jerusalem vor Mittag, besuchten den Tempel und langten in Bethlehem, ihrem Reiseziel, mitten am Nachmittag an.
(1351.3) 122:7.7 Die Herberge war überfüllt und Joseph sah sich deshalb nach einer Unterkunft bei entfernten Verwandten um, aber jeder Raum in ganz Bethlehem war überbelegt. Bei seiner Rückkehr in den Hof der Herberge erfuhr er, dass man aus den Karawanenställen, die in die Felswand gehauen waren und sich gerade unterhalb der Herberge befanden, die Tiere entfernt und die Ställe für die Aufnahme von Gästen gereinigt hatte. Joseph ließ den Esel im Hof, lud ihre Kleider- und Proviantsäcke auf die Schultern und stieg mit Maria die Steinstufen zu ihrer Unterkunft hinab. Sie fanden sich in einer früheren Kornkammer auf der Vorderseite der Boxen und Krippen untergebracht. Vorhänge aus Zeltstoff waren aufgehängt worden, und sie schätzten sich glücklich, ein so bequemes Quartier zu haben.
(1351.4) 122:7.8 Joseph hatte beabsichtigt, sofort loszugehen und sich einschreiben zu lassen, aber Maria war müde. Sie war sehr bekümmert und bat ihn sehr, an ihrer Seite zu bleiben, was er auch tat.
(1351.5) 122:8.1 Die ganze Nacht über war Maria unruhig, so dass keiner von beiden viel schlief. Bei Tagesanbruch war es klar, dass die Geburtswehen eingesetzt hatten, und um die Mittagsstunde des 21. August, 7 v. Chr., wurde Maria dank der Hilfe und den freundlichen Diensten mitreisender Frauen von einem Knaben entbunden. Jesus von Nazareth war in diese Welt hineingeboren, man wickelte ihn in die Tücher, die Maria für solch einen Fall mitgebracht hatte und legte ihn nahebei in eine Krippe.
(1351.6) 122:8.2 In eben der Weise, in der alle Säuglinge seit eh und je zur Welt gekommen sind, wurde auch das Kind der Verheißung geboren. Und am achten Tage wurde es nach jüdischem Brauch beschnitten und in aller Form Josua (Jesus) genannt.
(1351.7) 122:8.3 Am Tag nach Jesu Geburt schrieb Joseph sich ein. Er traf auf einen Mann, mit dem sie sich zwei Abende zuvor in Jericho unterhalten hatten, und dieser brachte ihn zu einem wohlhabenden Freund, der ein Zimmer in der Herberge hatte und sie wissen ließ, dass er gerne bereit wäre, mit dem Paar aus Nazareth die Quartiere zu tauschen. Am selben Nachmittag zogen sie in die darüber liegende Herberge um und blieben dort fast drei Wochen lang, bis sie im Hause eines entfernten Verwandten Josephs Unterkunft fanden.
(1351.8) 122:8.4 Am zweiten Tage nach der Geburt Jesu sandte Maria Elisabeth die Nachricht, dass ihr Kind angekommen sei und erhielt als Antwort eine Einladung für Joseph nach Jerusalem, um mit Zacharias über all ihre Angelegenheiten zu sprechen. In der folgenden Woche begab sich Joseph zur Unterredung mit Zacharias nach Jerusalem. Sowohl Zacharias wie auch Elisabeth waren zu der aufrichtigen Überzeugung gelangt, dass Jesus tatsächlich der jüdische Befreier, der Messias werden würde, und ihr Sohn Johannes das Haupt seiner Helfer, seine vom Schicksal bestimmte rechte Hand. Und da Maria dieselben Gedanken hatte, war es nicht schwer, Joseph zu überreden, in Bethlehem, der Stadt Davids zu bleiben, damit Jesus aufwachsen könne, um Davids Nachfolger auf dem Thron von ganz Israel zu werden. Also blieben sie länger als ein Jahr in Bethlehem. Joseph ging in dieser Zeit einigen Zimmermannsarbeiten nach.
(1352.1) 122:8.5 An jenem Mittag der Geburt Jesu sangen die unter ihren Leitern versammelten Seraphim von Urantia Hymnen der Lobpreisung über der Krippe von Bethlehem, aber kein menschliches Ohr vernahm sie. Weder Hirten noch irgendwelche anderen menschlichen Geschöpfe kamen, um das Kind von Bethlehem zu verehren, bis zum Tage der Ankunft gewisser Priester aus Ur, die Zacharias von Jerusalem herabgesandt hatte.
(1352.2) 122:8.6 Ein eigenartiger Religionslehrer ihres Landes hatte diesen Priestern aus Mesopotamien einige Zeit zuvor eröffnet, ihm sei in einem Traum mitgeteilt worden, dass das „Licht des Lebens“ in Kürze auf Erden als ein Kind und unter den Juden erscheinen werde. Dahin lenkten diese drei Lehrer ihre Schritte auf der Suche nach dem „Licht des Lebens“. Nach vielen Wochen vergeblichen Nachforschens in Jerusalem waren sie nahe daran, nach Ur zurückzukehren, als Zacharias sie traf und ihnen seine Ansicht eröffnete, dass Jesus das Objekt ihrer Suche sei, und sie nach Bethlehem wies, wo sie das Kind fanden und ihre Geschenke bei seiner irdischen Mutter Maria ließen. Das Kind war zur Zeit ihres Besuchs fast drei Wochen alt.
(1352.3) 122:8.7 Diese weisen Männer sahen keinen Stern, der sie nach Bethlehem führte. Die schöne Legende vom Stern von Bethlehem entstand folgendermaßen: Jesus wurde am Mittag des 21. August 7 v. Chr. geboren. Am 29. Mai 7 v. Chr. fand eine außergewöhnliche Konjunktion von Jupiter und Saturn im Sternbild der Fische statt. Und es ist eine bemerkenswerte astronomische Tatsache, dass gleiche Konjunktionen sich auch am 29. September und am 5. Dezember desselben Jahres ereigneten. Von diesen außerordentlichen, aber völlig natürlichen Vorgängen ausgehend, schufen die Glaubenseiferer der nächsten Generation in gut gemeinter Absicht die rührende Legende vom Stern von Bethlehem und den verehrenden Magiern, die von ihm zur Krippe geführt wurden, wo sie das neugeborene Kind erblickten und anbeteten. Die fern- und nahöstlichen Gemüter ergötzen sich an Märchen, und sie weben immer wieder solch schöne Mythen um das Leben ihrer religiösen Führer und politischen Helden. Als der größte Teil des menschlichen Wissens in Ermangelung von Druckerzeugnissen mündlich von einer Generation auf die nächste überging, geschah es sehr leicht, dass Mythen zu Traditionen und diese schließlich als Tatsachen anerkannt wurden.
(1352.4) 122:9.1 Moses hatte die Juden gelehrt, dass jeder erstgeborene Sohn dem Herrn gehöre, dass er aber, anstatt geopfert zu werden, wie es bei den heidnischen Völkern der Brauch war, unter der Voraussetzung am Leben bleiben könne, dass seine Eltern ihn gegen Bezahlung von fünf Schekel bei irgendeinem bevollmächtigten Priester loskauften. Es gab auch eine mosaische Verordnung, welche verlangte, dass eine Mutter nach Ablauf einer bestimmten Zeit zur Reinigung im Tempel zu erscheinen hatte (oder das angemessene Opfer durch jemand anderen an ihrer Stelle erbringen lassen musste). Es war Sitte, beide Zeremonien gleichzeitig zu vollziehen. Also gingen Joseph und Maria selber zum Tempel nach Jerusalem, um Jesus den Priestern darzubringen, seinen Loskauf zu erwirken und auch, um das erforderliche Opfer zu bringen, das die zeremonielle Reinigung Marias von der angeblichen Unreinheit der Geburt gewährleisten sollte.
(1353.1) 122:9.2 Zwei bemerkenswerte Gestalten, der Sänger Simeon und die Dichterin Anna, hielten sich ständig in den Tempelhöfen auf. Simeon war Judäer, Anna aber Galiläerin. Dieses Paar war häufig beisammen, und beide waren auch enge Freunde des Priesters Zacharias, der ihnen das Geheimnis von Johannes und Jesus anvertraut hatte. Sowohl Simeon wie Anna sehnten sich nach dem Kommen des Messias, und ihr Vertrauen in Zacharias ließ sie daran glauben, dass Jesus der erwartete Erlöser des jüdischen Volkes sei.
(1353.2) 122:9.3 Zacharias wusste, an welchem Tag Joseph und Maria mit Jesus im Tempel erwartet wurden, und er verabredete sich im Voraus mit Simeon und Anna, durch den Gruß seiner erhobenen Hand anzudeuten, welcher in der Prozession der erstgeborenen Kinder Jesus sei.
(1353.3) 122:9.4 Für diesen Anlass hatte Anna ein Gedicht geschrieben, das Simeon zum größten Erstaunen Josephs, Marias und all derer, die im Tempelhof versammelt waren, zu singen anhub. Dies war ihr Lobgesang anlässlich des Loskaufs des erstgeborenen Sohns:
(1353.4) 122:9.5 Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels!
(1353.5) 122:9.6 Denn er hat uns gesegnet und seinem Volk Befreiung gebracht;
(1353.6) 122:9.7 Er hat für uns alle im Hause seines Dieners David
(1353.7) 122:9.8 Ein Füllhorn des Heils aufgerichtet.
(1353.8) 122:9.9 Und so hat er gesprochen durch den Mund seiner heiligen Propheten —
(1353.9) 122:9.10 Er hat uns errettet vor unseren Feinden und aus der Hand aller, die uns hassen;
(1353.10) 122:9.11 Er hat unseren Vätern Barmherzigkeit erzeigt und sich seines heiligen Bundes erinnert,
(1353.11) 122:9.12 Des Eides, den er Abraham, unserem Vater, geschworen;
(1353.12) 122:9.13 Er hat uns gewährt, dass wir, aus Feindeshand befreit,
(1353.13) 122:9.14 Ihm ohne Furcht dienen
(1353.14) 122:9.15 In Heiligkeit und Rechtschaffenheit vor ihm all unsere Tage.
(1353.15) 122:9.16 Ja, und du, Kind der Verheißung, wirst Prophet des Allerhöchsten genannt werden;
(1353.16) 122:9.17 Denn du wirst vor des Herrn Angesicht treten und sein Königreich errichten;
(1353.17) 122:9.18 Du wirst seinem Volk die Kunde des Heils bringen
(1353.18) 122:9.19 In der Vergebung seiner Sünden.
(1353.19) 122:9.20 Freut euch der liebevollen Barmherzigkeit unseres Gottes, denn der Tagesanbruch aus der Höhe hat uns jetzt besucht,
(1353.20) 122:9.21 Um allen zu leuchten, die in der Dunkelheit sitzen und im Schatten des Todes,
(1353.21) 122:9.22 Und unsere Schritte auf den Weg des Friedens zu lenken.
(1353.22) 122:9.23 Und lass jetzt, oh Herr, deinem Wort gemäß deinen Diener in Frieden ziehen.
(1353.23) 122:9.24 Denn meine Augen haben dein Heil gesehen,
(1353.24) 122:9.25 Das du vor den Augen aller Völker bereitet hast;
(1353.25) 122:9.26 Ein Licht, das sogar die Heiden erleuchten
(1353.26) 122:9.27 und der Ruhm deines Volkes Israel sein wird.
(1353.27) 122:9.28 Auf dem Heimweg nach Bethlehem waren Joseph und Maria schweigsam — verwirrt und eingeschüchtert. Maria war durch den Abschiedsgruß Annas, der betagten Dichterin, sehr verstört und Joseph war nach diesem verfrühten Anlauf, Jesus zum erwarteten Messias des jüdischen Volkes zu erklären, missgestimmt.
(1353.28) 122:10.1 Aber die Späher des Herodes waren nicht untätig. Als sie ihm über den Besuch der Priester von Ur in Bethlehem Meldung erstatteten, forderte Herodes diese Chaldäer auf, vor ihm zu erscheinen. Er erkundigte sich bei den weisen Männern eingehend nach dem neuen „König der Juden“, aber sie gaben ihm nur die unbefriedigende Auskunft, dass das Kind von einer Frau, die mit ihrem Mann zur Volkszählung nach Bethlehem gekommen war, zur Welt gebracht worden sei. Herodes war mit dieser Antwort nicht zufrieden, gab ihnen Geld und schickte sie mit dem Befehl aus, das Kind ausfindig zu machen, damit auch er hingehen und es anbeten könne, da sie ja erklärt hätten, dessen Königreich werde geistiger, nicht zeitlicher Art sein. Als aber die weisen Männer nicht zurückkehrten, schöpfte Herodes Verdacht. Während er gerade über diese Angelegenheit nachsann, kamen seine Spitzel zurück und gaben ihm eine ausführliche Darstellung der kürzlichen Vorkommnisse im Tempel. Sie händigten ihm eine Abschrift von Teilen des Liedes aus, das Simeon während der Loskaufzeremonie für Jesus gesungen hatte. Aber es war ihnen nicht gelungen, Joseph und Maria zu folgen, und Herodes war sehr zornig auf sie, als sie nicht imstande waren, ihm zu sagen, wohin das Paar das Kind gebracht hatte. Daraufhin sandte er Kundschafter aus, um Joseph und Maria ausfindig zu machen. Da Zacharias und Elisabeth wussten, dass Herodes die Familie aus Nazareth verfolgte, blieben sie Bethlehem fern. Der kleine Knabe wurde bei Verwandten Josephs verborgen.
(1354.1) 122:10.2 Joseph fürchtete sich, Arbeit zu suchen, und ihre kleinen Ersparnisse schwanden rasch dahin. Schon anlässlich der Reinigungszeremonien im Tempel stufte sich Joseph als arm genug ein, um das Opfer von zwei jungen Tauben für Maria zu rechtfertigen, wie Moses es für die Reinigung von Müttern der Armen bestimmt hatte.
(1354.2) 122:10.3 Als die Häscher des Herodes nach mehr als einjähriger Suche Jesus nicht gefunden hatten, und weil der Verdacht bestand, dass das Kind noch immer in Bethlehem versteckt gehalten wurde, ordnete er eine systematische Durchsuchung jedes Hauses in Bethlehem und die Tötung aller männlichen Kinder unter zwei Jahren an. Auf diese Weise hoffte Herodes sicherzugehen, dass dieses Kind, das der „König der Juden“ werden sollte, beseitigt würde. Dadurch kamen an einem Tag sechzehn Knäblein in Bethlehem in Judäa um. Aber Intrigen und Morde, sogar in seiner eigenen Familie, waren am Hofe des Herodes an der Tagesordnung.
(1354.3) 122:10.4 Dieser Kindermord geschah Mitte Oktober 6 v.Chr., als Jesus etwas über ein Jahr alt war. Es gab aber sogar unter den Höflingen des Herodes einige, die an den kommenden Messias glaubten, und einer von ihnen, der vom Befehl zur Abschlachtung der Knäblein von Bethlehem Kenntnis erhalten hatte, setzte sich mit Zacharias in Verbindung, der seinerseits einen Boten zu Joseph sandte. Am Abend vor dem Massaker verließen Joseph und Maria Bethlehem mit ihrem Kind in Richtung Alexandria in Ägypten. Um keine Aufmerksamkeit zu erregen, reisten sie allein mit Jesus nach Ägypten. Sie bestritten die Reise nach Alexandria mit Geldmitteln, die Zacharias zur Verfügung gestellt hatte. Dort arbeitete Joseph in seinem Beruf, während Maria und Jesus bei wohlhabenden Verwandten der Familie Josephs Wohnung fanden. Ihr Aufenthalt in Alexandria dauerte zwei volle Jahre, und sie kehrten erst nach dem Tode des Herodes nach Bethlehem zurück.
www.urantia.org/de/das-urantia-buch/schrift-122-jesu-geburt-und-kindheit
Das Urantia Buch
Die Selbsthingabe Michaels auf Urantia
(1323.1) 120:0.1 VON Gabriel mit der Überwachung einer neuen Darstellung des Lebens Michaels beauftragt, als dieser in Menschengestalt auf Urantia weilte, bin ich, ein Melchisedek und Leiter der mit dieser Aufgabe betrauten Offenbarungskommission, ermächtigt worden, die nachfolgende Schilderung von gewissen Ereignissen vorzulegen, die der Ankunft des Schöpfersohnes auf Urantia unmittelbar vorangingen, wo er die letzte Phase der Erfahrung, sich an sein Universum hinzugeben, antreten sollte. Ein Teil des Preises, den jeder Schöpfersohn für die unumschränkte Souveränität über sein selbsterschaffenes Universum von Dingen und Wesen zu bezahlen hat, besteht darin, ebensolche Leben, wie er sie den intelligenten Wesen seiner eigenen Schöpfung auferlegt, selber zu leben, sich also in der Gestalt der verschiedenen Ordnungen seiner erschaffenen Wesen hinzugeben.
(1323.2) 120:0.2 Vor den Ereignissen, die ich gleich beschreiben werde, hatte sich Michael von Nebadon sechsmal in der Erscheinungsform von sechs verschiedenen Ordnungen seiner vielfältigen Schöpfung intelligenter Wesen hingegeben. Danach machte er sich bereit, in Gestalt eines Sterblichen der niedersten Ordnung seiner intelligenten Willensgeschöpfe auf Urantia hinabzusteigen und gemäß den Weisungen der göttlichen Lenker des Universums der Universen im Paradies als ein Mensch der materiellen Welt im Drama der Gewinnung der Universumssouveränität den letzten Akt zu vollziehen.
(1323.3) 120:0.3 Während jeder dieser vorausgegangenen Selbsthingaben hatte Michael nicht nur die endliche Erfahrung einer Einzelgruppe seiner erschaffenen Wesen erworben, sondern auch eine wesentliche Erfahrung in der Zusammenarbeit mit dem Paradies gewonnen, die in und durch sich noch mehr zur Begründung seiner Souveränität über sein selbsterschaffenes Universum beitragen sollte. Zu jedem Zeitpunkt in der langen Vergangenheit des Lokal-universums hätte Michael als ein Schöpfersohn Anspruch auf die persönliche Souveränität erheben und als ein Schöpfersohn sein Universum nach eigenem Gutdünken regieren können. In einem solchen Fall hätten Immanuel und die ihm beigeordneten Paradies-Söhne das Universum verlassen. Aber Michael wollte Nebadon nicht nach seinem eigenen, isolierten Recht als Schöpfersohn regieren. Er wünschte, durch wirkliche Erfahrung in kooperativer Unterordnung unter die Paradies-Trinität zu jenem hohen Universums-Status aufzusteigen, der ihn dazu berechtigen würde, sein Universum und dessen Angelegenheiten mit jener vollendeten Einsicht und Weisheit im Handeln zu lenken, die dereinst die glorreiche Herrschaft des Supremen Wesens kennzeichnen werden. Er strebte nicht nach der Vollkommenheit der Herrschaft eines Schöpfersohnes, sondern nach der Suprematie der Verwaltung als einer Verkörperung der Universumsweisheit und göttlichen Erfahrung des Supremen Wesens.
(1324.1) 120:0.4 Michael verfolgte also mit diesen sieben Selbsthingaben an die verschiedenen Ordnungen von Geschöpfen seines Universums ein doppeltes Ziel: Erstens vervollständigte er die zum Verständnis der Geschöpfe notwendige Erfahrung, die von allen Schöpfersöhnen verlangt wird, bevor sie die vollständige Souveränität übernehmen. Zu jeder Zeit kann ein Schöpfersohn sein Universum selbständig regieren, aber als der supreme Repräsentant der Paradies-Trinität kann er nur herrschen, wenn er zuvor durch die sieben Selbsthingaben an die Geschöpfe seines Universums gegangen ist. Zweitens strebte er nach dem Privileg, die maximale Autorität der Paradies-Trinität zu repräsentieren, die in der direkten persönlichen Verwaltung eines Lokaluniversums ausgeübt werden kann. Also unterzog sich Michael während jeder seiner Universums-Selbsthingaben aus freiem Entschluss erfolgreich und zufrieden stellend dem unterschiedlich beschaffenen Willen der verschiedenen Personenverbindungen der Paradies-Trinität. Das heißt, er war während der ersten Selbsthingabe dem vereinigten Willen des Vaters, des Sohnes und des Geistes unterworfen; während der zweiten dem Willen des Vaters und des Sohnes; während der dritten dem Willen des Vaters und des Geistes; während der vierten dem Willen des Sohnes und des Geistes; während der fünften dem Willen des Unendlichen Geistes; während der sechsten dem Willen des Ewigen Sohnes; und während der siebenten und letzten Selbsthingabe auf Urantia dem Willen des Universalen Vaters.
(1324.2) 120:0.5 Michael verbindet demnach in seiner persönlichen Souveränität die sieben Phasen des göttlichen Willens der universalen Schöpfer mit der verstehenden Erfahrung der Geschöpfe seines Lokaluniversums. Damit ist seine Verwaltung repräsentativ für die größtmögliche Macht und Autorität geworden, die indessen frei von jeder willkürlichen Anmaßung ist. Seine Macht ist unbegrenzt, da sie aus erfahrener Verbindung mit den Paradies-Gottheiten stammt; seine Autorität ist unbestritten, da sie durch tatsächliche Erfahrung in der Gestalt der Universumsgeschöpfe erworben wurde; seine Souveränität ist suprem, da sie zugleich den siebenfachen Gesichtspunkt der Paradies-Gottheit und den Gesichtspunkt der Geschöpfe von Zeit und Raum in sich schließt.
(1324.3) 120:0.6 Nachdem er den Zeitpunkt seiner letzten Selbsthingabe bestimmt und den Planeten, auf dem dieses außergewöhnliche Ereignis stattfinden sollte, ausgewählt hatte, hielt Michael mit Gabriel die übliche, einer Selbsthingabe vorausgehende Besprechung ab und suchte darauf seinen älteren Paradies-Bruder und Ratgeber Immanuel auf. Michael vertraute jetzt der Obhut Immanuels alle Machtbefugnisse der Universumsverwaltung an, die nicht schon vorher an Gabriel übertragen worden waren. Und unmittelbar vor Michaels Abreise zu seiner Inkarnation auf Urantia willigte Immanuel ein, für die Dauer der Selbsthingabe auf Urantia die Aufsicht über das Universum zu übernehmen. Und dann ging er dazu über, Michael für die Selbsthingabe Ratschläge zu erteilen, die ihm als Richtlinien für die Inkarnation dienen sollten, wenn er in Kürze als ein Sterblicher der Welt auf Urantia aufwachsen würde.
(1324.4) 120:0.7 Man sollte in diesem Zusammenhang daran denken, dass sich Michael dafür entschieden hatte, diese Selbsthingabe in Menschengestalt in Unterordnung unter den Willen des Paradies-Vaters durchzuführen. Der Schöpfersohn hätte für die Bewältigung der Inkarnation niemandes Instruktionen nötig gehabt, wenn sein einziges Ziel die Erlangung der Souveränität über sein Universum gewesen wäre. Aber er hatte sich auf ein Programm der Offenbarung des Supremen festgelegt, welches das bereitwillige Zusammenwirken mit den verschiedenen Willen der Paradies-Gottheiten in sich schloss. Auf diese Weise würde seine Souveränität, einmal endgültig und persönlich erworben, tatsächlich den siebenfachen Willen der Gottheit, wie er im Supremen gipfelt, voll und ganz beinhalten. Deshalb hatte er zuvor schon sechsmal von den persönlichen Vertretern der verschiedenen Paradies-Gottheiten und ihrer Verbindungen Weisungen erhalten; und jetzt erhielt er sie vom Einiger der Tage, dem Botschafter der Paradies-Trinität beim Lokal-universum von Nebadon, der im Auftrag des Universalen Vaters handelte.
(1325.1) 120:0.8 Sofortige Vorteile und außerordentliche Belohnungen erwuchsen aus der Bereitschaft dieses mächtigen Schöpfersohnes, sich einmal mehr aus freien Stücken dem Willen der -Gottheiten zu unterwerfen, diesmal demjenigen des Universalen Vaters. Durch diesen Entschluss zu kooperativer Unterordnung würde Michael während dieser Inkarnation nicht nur die Natur des sterblichen Menschen, sondern auch den Willen des Paradies-Vaters aller erfahren. Und ferner konnte er diese einmalige Selbsthingabe nicht nur in der völligen Gewissheit antreten, dass Immanuel während seiner durch die Selbsthingabe bedingten Abwesenheit auf Urantia sein Universum mit der vollen Autorität des Paradies-Vaters verwalten würde, sondern auch im trostreichen Wissen darum, dass die Ältesten der Tage des Superuniversums für die ganze Dauer der Selbsthingabe die Sicherheit seines Reichs dekretiert hatten.
(1325.2) 120:0.9 Dies waren die Hintergründe des bedeutungsvollen Anlasses, bei dem Immanuel seine Empfehlungen für die siebente Selbsthingabe machte. Und von diesen der Selbsthingabe vorausgegangenen Anweisungen Immanuels an den Universumsherrscher, der anschließend Jesus von Nazareth (Christus Michael) auf Urantia wurde, ist mir gestattet, die folgenden Auszüge vorzulegen:
(1325.3) 120:1.1 „Mein Schöpferbruder, ich werde in Kürze Zeuge deiner siebenten und letzten Selbsthingabe an das Universum werden. Du hast die sechs früheren Sendungen höchst gewissenhaft und vollendet ausgeführt, und ich zweifle nicht daran, dass du aus dieser letzten Selbsthingabe zur Erlangung der Souveränität ebenso siegreich hervorgehen wirst. Bis jetzt bist du auf den Welten deiner Selbsthingaben stets als ein vollentwickeltes Wesen einer von dir ausgewählten Ordnung erschienen. Aber jetzt hast du vor, auf Urantia, dem in Unordnung befindlichen und durcheinander geratenen Planeten deiner Wahl, nicht als ein vollentwickelter Sterblicher, sondern als ein hilfloses Kindlein zu erscheinen. Das wird für dich, mein Freund, eine neue, noch nicht gemachte Erfahrung sein. Du schickst dich an, den vollen Preis der Selbsthingabe zu bezahlen und aus der Inkarnation eines Schöpfers in der Gestalt eines Geschöpfes eine vollständige Erleuchtung zu empfangen.
(1325.4) 120:1.2 Während jeder deiner früheren Selbsthingaben hast du freiwillig beschlossen, dich dem Willen der drei Paradies-Gottheiten und ihrer göttlichen Verbindungen zu unterwerfen. In deinen vorherigen Selbsthingaben bist du allen sieben Phasen des Willens des Supremen außer dem persönlichen Willen deines Paradies-Vaters untertan gewesen. Nachdem du dich jetzt dafür entschieden hast, dich während deiner siebenten Selbsthingabe völlig dem Willen deines Vaters unterzuordnen, übernehme ich als der persönliche Vertreter unseres Vaters für die Zeit deiner Inkarnation die unbeschränkte Verfügungsgewalt über dein Universum.
(1325.5) 120:1.3 Mit dem Beginn deiner Selbsthingabe auf Urantia hast du aus freiem Willen auf jeden außerplanetarischen Rückhalt und jeden besonderen Beistand verzichtet, den dir Geschöpfe deiner eigenen Schöpfung leisten könnten. So wie deine eigenen erschaffenen Söhne Nebadons während ihres ganzen Werdegangs im Universum für sichere Führung gänzlich von dir abhängig sind, so musst du jetzt zur sicheren Führung durch die unbekannten Wechselfälle deiner baldigen irdischen Laufbahn völlig und vorbehaltlos von deinem Paradies-Vater abhängig werden. Und wenn du die Erfahrung der Selbsthingabe beendet hast, wirst du in ihrer ganzen Wahrheit den vollen Sinn und die tiefe Bedeutung des glaubenden Vertrauens kennen, dessen Erwerbung du so ausnahmslos von all deinen Geschöpfen als Teil ihrer innigen Beziehung zu dir als ihrem lokaluniversellen Schöpfer und Vater verlangst.
(1326.1) 120:1.4 Während deiner ganzen Selbsthingabe auf Urantia hast du nur auf eines zu achten, nämlich auf die ununterbrochene Verbindung zwischen dir und deinem Paradies-Vater. Und gerade dank der Vollkommenheit einer solchen Beziehung wird die Welt deiner Selbsthingabe, ja sogar das ganze Universum deiner Schöpfung eine neue und besser verständliche Offenbarung deines und meines Vaters, des Universalen Vaters aller, erhalten. Du brauchst dich also nur um dein persönliches Leben auf Urantia zu kümmern. Ich werde vom Augenblick deiner freiwilligen Autoritätsabtretung an meine Verantwortung für die Sicherheit und ununterbrochene Verwaltung deines Universums in vollem Umfang und in wirksamer Weise wahrnehmen, bis du, vom Paradies bestätigt, als Souverän des Universums zu uns zurückkehren und aus meinen Händen anstelle der Autorität eines stellvertretenden Lenkers, die du mir jetzt abtrittst, die höchste Macht und richterliche Gewalt über dein Universum empfangen wirst.
(1326.2) 120:1.5 Und damit du mit Sicherheit weißt, dass ich alles, was ich jetzt verspreche, auch zu tun ermächtigt bin (du weißt sehr wohl, dass ich selber die Gewähr des ganzen Paradieses für die getreue Ausführung meines Wortes bin) teile ich dir mit, dass ich eben von einem Erlass der Ältesten der Tage von Uversa in Kenntnis gesetzt worden bin, der für die Dauer deiner freiwilligen Selbsthingabe jegliche geistige Gefährdung Nebadons ausschließt. Vom Augenblick an, da du zu Beginn deiner Inkarnation als Sterblicher dein Bewusstsein aufgibst, bis du als supremer und unumschränkter Souverän über das von dir erschaffene und organisierte Universum wieder zu uns zurückkehrst, kann in ganz Nebadon nichts Schwerwiegendes vorfallen. Für die Zwischenzeit deiner Inkarnation befielt mir die Weisung der Ältesten der Tage, unterschiedslos die augenblickliche und automatische Auslöschung jedes Wesens anzuordnen, das sich der Rebellion schuldig machen oder sich anmaßen sollte, während deiner durch die Selbsthingabe bedingten Abwesenheit im Universum von Nebadon eine Revolte anzustiften. Mein Bruder, angesichts der in mir verkörperten Autorität des Paradieses, die durch den richterlichen Erlass aus Uversa noch verstärkt wird, wird dein Universum mit all seinen dir ergebenen Geschöpfen während deiner Selbsthingabe in Sicherheit sein. Du kannst deine Sendung mit dem alleinigen Gedanken antreten, den intelligenten Wesen deines Universums eine höhere Offenbarung unseres Vaters zu machen.
(1326.3) 120:1.6 Wie bei jeder deiner früheren Selbsthingaben möchte ich dich daran erinnern, dass ich die Gerichtsbarkeit über dein Universum als dein brüderlicher Treuhänder empfange. Ich übe alle Autorität und Macht in deinem Namen aus. Ich handle so, wie unser Paradies-Vater handeln würde, und entsprechend deinem ausdrücklichen Wunsch, in dieser Weise an deiner Stelle zu wirken. Angesichts dieser Sachlage kannst du alle übertragene Autorität zu jedem Zeitpunkt, den du zu ihrer Rückgabe als günstig erachtest, wieder zurückfordern. Deine Selbsthingabe ist von Anfang bis Ende völlig freiwillig. Als ein auf der Welt inkarnierter Sterblicher besitzt du keine himmlischen Begabungen, aber zu jedem von dir gewählten Zeitpunkt kannst du deine abgelegte Macht wieder ergreifen und erneut die Universums-Autorität übernehmen. Solltest du dich entschließen, Macht und Autorität wieder an dich zu nehmen, so denke daran, dass es einzig aus persönlichen Gründen geschähe, denn ich bin der lebendige und höchste Bürge, dessen Gegenwart und Versprechen für die sichere Verwaltung deines Universums gemäß dem Willen deines Vaters Gewähr bietet. Keine Rebellionen, wie sie dreimal in Nebadon vorgekommen sind, können während deiner Abwesenheit von Salvington ausbrechen. Für die Zeitspanne deiner Selbsthingabe auf Urantia haben die Ältesten der Tage verfügt, dass jeder Aufstand in Nebadon sich automatisch selbst vernichten würde.
(1326.4) 120:1.7 Solange du während dieser letzten, außerordentlichen Selbsthingabe abwesend bist, verbürge ich mich (unter Gabriels Mitwirkung) für die gewissenhafte Verwaltung deines Universums. Und wenn ich dir jetzt den Auftrag erteile, dieses Amt göttlicher Offenbarung zu übernehmen und dich dieser Erfahrung vervollkommneten Verständnisses der Menschen zu unterziehen, handle ich im Auftrag meines Vaters und deines Vaters und erteile dir die folgenden Ratschläge, die dich in deinem Erdenleben leiten sollten, während du dir immer mehr der göttlichen Mission deines langen Aufenthaltes in Menschengestalt bewusst werden wirst:
(1327.1) 120:2.1 „1. Gemäß den Gepflogenheiten und im Einklang mit der Technik Sonaringtons habe ich — in Erfüllung der Weisungen des Ewigen Sohnes des Paradieses — alles in die Wege geleitet, damit du in Übereinstimmung mit den von dir ausgearbeiteten Plänen, die Gabriel in meinen Gewahrsam gegeben hat, deine Selbsthingabe in Menschengestalt unverzüglich antreten kannst. Du wirst auf Urantia als ein Kind der Welt heranwachsen, deine menschliche Erziehung abschließen — dabei immer dem Willen deines Paradies-Vaters untertan — dein Leben auf Urantia so leben, wie du es bestimmt hast, deinen Aufenthalt auf dem Planeten beenden und dich zur Himmelfahrt zu deinem Vater bereitmachen, um von ihm die supreme Souveränität über dein Universum zu empfangen.
(1327.2) 120:2.2 2. Unabhängig von deiner irdischen Sendung und deiner Offenbarung an das Universum, aber im Zusammenhang mit beiden, rate ich dir, nachdem du ein genügendes Bewusstsein deiner göttlichen Identität erlangt hast, die zusätzliche Aufgabe zu übernehmen, die Rebellion Luzifers im System von Satania technisch zu beenden, und all dies als der Menschensohn zu tun. Ich schlage dir also vor, als ein sterbliches Geschöpf der Welt, das bei all seiner Schwachheit durch die gläubige Unterwerfung unter den Willen seines Vaters mächtig geworden ist, all das gnädig zu vollenden, was du durch Gewalt und Macht zu erreichen wiederholt abgelehnt hast, obwohl diese dir bei Ausbruch der sündhaften und ungerechtfertigten Rebellion zu Gebote standen. Ich sähe es als eine angemessene Krönung deiner Selbsthingabe in Menschengestalt, wenn du zu uns nicht nur als Gottessohn und supremer Souverän deines Universums, sondern auch als Menschensohn und als Planetarischer Fürst von Urantia zurückkehrtest — wenn du als ein sterblicher Mensch, der zu der niedersten Gattung intelligenter Geschöpfe Nebadons gehört, der gotteslästerlichen Anmaßung Caligastias und Luzifers begegnen und sie richten würdest und in dem von dir angenommenen demütigen Zustand den schamlosen Irrlehren dieser gefallenen Kinder des Lichts für immer ein Ende bereitetest. Nachdem du es stets unbeirrt abgelehnt hast, den Ruf dieser Rebellen in Ausübung deiner Schöpfervorrechte zu schädigen, wäre es jetzt angezeigt, als eines der niedrigsten Geschöpfe deiner Schöpfung den Händen dieser gefallenen Söhne die Herrschaft zu entreißen. Und dein ganzes Lokaluniversum könnte in aller Klarheit deutlich und für immer die Gerechtigkeit deiner Handlungsweise erkennen, wenn es dich in der Rolle eines Sterblichen die Dinge tun sähe, welche dir Barmherzigkeit kraft willkürlicher Autorität zu tun verbot. Und nachdem du so in Nebadon durch deine Selbsthingabe die Möglichkeit für die Souveränität des Supremen geschaffen haben wirst, wirst du tatsächlich auch die noch eines Urteils harrenden Angelegenheiten der früheren Revolten zum Abschluss gebracht haben, ungeachtet der zur Verwirklichung dieses Ziels nötigen längeren oder kürzeren Frist. Durch diesen Akt werden die anhängigen Strittigkeiten in deinem Universum im Wesentlichen erledigt sein. Und wenn du danach mit der supremen Souveränität über dein Universum ausgestattet wirst, kann es nie wieder in irgendeinem Teil deiner großen persönlichen Schöpfung zu einer ähnlichen Anfechtung deiner Autorität kommen.
(1327.3) 120:2.3 3. Wenn du der Sezession Urantias erfolgreich ein Ende gesetzt haben wirst, woran ich nicht zweifle, rate ich dir, von Gabriel den Titel eines ‚Planetarischen Fürsten Urantias‘ als Zeichen ewiger Würdigung deiner letzten Hingabeerfahrung durch dein Universum entgegenzunehmen. Und weiter rate ich dir, alles in deiner Macht Stehende zu tun, was mit dem Sinn deiner Selbsthingabe vereinbar ist, um das Leid und die Verwirrung wieder gutzumachen, die der Verrat Caligastias und die spätere adamische Verfehlung über Urantia gebracht haben.
(1328.1) 120:2.4 4. Du hast den Wunsch ausgedrückt, deine Selbsthingabe auf Urantia mit der Abhaltung eines Dispensationsgerichts der Welt zu beschließen, einhergehend mit der Beendigung eines Zeitalters, der Wiedererweckung der schlafenden fortlebenden Sterblichen und dem Dispensationsbeginn der Austeilung des Geistes der Wahrheit. Deinem Verlangen entsprechend werden Gabriel und alle Beteiligten dabei mit dir zusammenarbeiten.
(1328.2) 120:2.5 5. Was den Planeten deiner Selbsthingabe und die Generation von Menschen betrifft, die dort gerade zur Zeit deines irdischen Aufenthaltes leben, so rate ich dir, vor allem in der Rolle eines Lehrers aufzutreten. Deine erste Sorge sei die Befreiung und Inspiration der geistigen Natur des Menschen. Als Nächstes erleuchte den verfinsterten menschlichen Intellekt, heile die Seelen der Menschen und befreie ihre Gemüter von uralten Ängsten. Und kümmere dich schließlich gemäß deiner menschlichen Weisheit um das physische Wohlergehen und das materielle Behagen deiner Menschenbrüder. Lebe ein ideales religiöses Leben zur Inspiration und Erbauung deines ganzen Universums.
(1328.3) 120:2.6 6. Schenke den durch die Rebellion isolierten Menschen auf dem Planeten deiner Selbsthingabe die geistige Freiheit. Leiste auf Urantia einen Beitrag mehr zur Souveränität des Supremen, wodurch du diese Souveränität in den weiten Domänen deiner persönlichen Schöpfung weiter festigst. Du schickst dich jetzt an, in dieser materiellen Selbsthingabe als ein Mensch die abschließende Erleuchtung eines Zeit-Raum-Schöpfers zu erleben, die doppelte Erfahrung, in der Natur eines Menschen mit dem Willen deines Paradies-Vaters zu arbeiten. In deinem zeitlichen Leben sollen der Wille des endlichen Geschöpfes und der Wille des unendlichen Schöpfers eins werden, geradeso, wie sie sich auch in der sich entwickelnden Gottheit des Supremen Wesens einigen. Gieße über dem Planeten deiner Selbsthingabe den Geist der Wahrheit aus und mache dadurch alle normalen Sterblichen dieses isolierten Planeten unmittelbar und voll erreichbar für das Wirken der gesonderten Gegenwart unseres Paradies-Vaters, der Gedankenjustierer der Welten.
(1328.4) 120:2.7 7. Behalte bei allem, was du auf der Welt deiner Selbsthingabe unternehmen magst, stets vor Augen, dass du ein Leben zur Belehrung und Erbauung deines ganzen Universums lebst. Du gibst dich in diesem Leben eines inkarnierten Sterblichen an Urantia hin, aber du musst dieses Leben zur geistigen Inspiration jeder menschlichen und übermenschlichen Intelligenz leben, die auf jeder der bewohnten Welten lebte, lebt oder leben wird, die ein Bestandteil der ungeheuren Galaxie des von dir verwalteten Gebietes war, ist oder sein wird. Du sollst dein Erdendasein in Menschengestalt nicht so leben, dass es den zur Zeit deines irdischen Aufenthaltes auf Urantia lebenden Sterblichen oder irgendeiner späteren Generation menschlicher Wesen Urantias oder einer anderen Welt als Beispiel diene. Dein Leben als Mensch auf Urantia soll vielmehr für alles Leben auf allen Welten Nebadons während aller Generationen künftiger Zeitalter Inspiration sein.
(1328.5) 120:2.8 8. Die große Aufgabe, die du in deiner Inkarnation als Sterblicher zu verwirklichen und zu erfahren hast, ist in deinem Entschluss enthalten, ein von dem einzigen Gedanken, den Willen deines Paradies-Vaters zu tun, beherrschtes Leben zu leben, und damit Gott, deinen Vater, im Fleisch und insbesondere den Geschöpfen des Fleisches zu offenbaren. Zugleich wirst du unseren Vater auch für alle übersterblichen Wesen ganz Nebadons auf neue, erhebende Art interpretieren. Und ebenso wie du den menschlichen und übermenschlichen Verstandestypen mit diesem Wirken eine neue Offenbarung und gesteigerte Interpretation des Paradies-Vaters geben wirst, wirst du auch auf eine Art und Weise leben, die eine neue Offenbarung des Menschen an Gott ist. Zeige in deinem einen kurzen Menschenleben — wie man es in ganz Nebadon nie zuvor gesehen hat — welch transzendente Möglichkeiten ein Gott kennender Mensch in seinem kurzen sterblichen Dasein erreichen kann, und gib allen übermenschlichen Intelligenzen ganz Nebadons für alle Zeiten eine neue und erleuchtende Interpretation vom Menschen und von den Wechselfällen seines planetarischen Lebens. Du gehst jetzt zur Inkarnation nach Urantia hinab, wo du das Leben eines Menschen deiner Zeit und Generation leben wirst, und du wirst es in einer Weise tun, die deinem gesamten Universum das Ideal vervollkommneter Methode in der höchsten Hingabe an die Angelegenheiten deiner weiten Schöpfung vor Augen führen wird: Die Erfüllung des Ziels Gottes, der den Menschen sucht und ihn findet, und das Phänomen des Menschen, der Gott sucht und ihn findet. Und du wirst all das zu wechselseitiger Zufriedenheit und in einem einzigen kurzen Menschenleben verrichten.
(1329.1) 120:2.9 9. Ich ermahne dich, immer daran zu denken, dass du potentiell ein Schöpfersohn des Paradies Vaters bleibst, auch wenn du tatsächlich zu einem gewöhnlichen Menschen der Welt wirst. Obwohl du während dieser Inkarnation wie ein Menschensohn leben und handeln wirst, werden dir die schöpferischen Attribute deiner persönlichen Göttlichkeit von Salvington nach Urantia folgen. Es wird immer in der Macht deines Willens liegen, die Inkarnation zu jedem Zeitpunkt nach der Ankunft deines Gedankenjustierers zu beenden. Vor der Ankunft und dem Empfang des Justierers bürge ich für die Integrität deiner Persönlichkeit. Aber nach seinem Eintreffen und im selben Maße, wie du allmählich Wesen und Bedeutung deiner Mission der Selbsthingabe erkennst, solltest du dich in Anbetracht des Umstandes, dass deine Schöpfervorrechte mit deiner sterblichen Persönlichkeit verbunden bleiben, jeglicher Formulierung übermenschlichen Wollens, Vollbringens oder Machtbegehrens enthalten; denn diese Attribute können nicht von deiner persönlichen Gegenwart getrennt werden. Aber abgesehen vom Willen des Paradies-Vaters wird nichts Übermenschliches auf deine irdische Laufbahn einwirken, es sei denn, du solltest durch einen bewussten und vorsätzlichen Willensakt eine klare Entscheidung treffen, die am Ende von deiner Gesamtpersönlichkeit angenommen würde.“
(1329.2) 120:3.1 „Und jetzt, mein Bruder, da du dich anschickst, nach Urantia aufzubrechen, und ich mich von dir verabschiede, erlaube mir, dir nach meinen die allgemeine Linie deiner Selbsthingabe betreffenden Hinweisen noch bestimmte Ratschläge zu erteilen, die aus einer Besprechung mit Gabriel hervorgegangen sind und sich auf unbedeutendere Aspekte deines Menschenlebens beziehen. Wir empfehlen des Weiteren:
(1329.3) 120:3.2 1. Dass du bei der Verfolgung deines Ideals eines menschlichen Erdenlebens auch darauf achtest, in beispielhafter Weise einige praktische und deinen Mitmenschen unmittelbar hilfreiche Dinge zu tun.
(1329.4) 120:3.3 2. Was die familiären Beziehungen betrifft, so gib den geltenden Gewohnheiten des Familienlebens, so wie du sie zum Zeitpunkt und in der Generation deiner Selbsthingabe vorfindest, den Vorrang.
(1329.5) 120:3.4 3. Was dein Verhältnis zur sozialen Ordnung angeht, raten wir dir, deine Bemühungen im Wesentlichen auf die geistige Erneuerung und intellektuelle Befreiung zu richten. Vermeide alle Verwicklungen in Wirtschaftsgefüge und politische Bewegungen deiner Zeit. Widme dich insbesondere der Aufgabe, auf Urantia das ideale religiöse Leben zu leben.
(1329.6) 120:3.5 4. Unter gar keinen Umständen und auch nicht im Geringsten solltest du in die normale und geordnete fortschreitende Entwicklung der Rassen Urantias eingreifen. Aber dieses Verbot darf nicht dahingehend interpretiert werden, als beschränke es deine Anstrengungen, auf Urantia ein dauerndes und verbessertes System positiver religiöser Ethik zu hinterlassen. Als einem Dispensationssohn werden dir gewisse Vorrechte gewährt, die die Förderung des geistigen und religiösen Status der Völker der Welt betreffen.
(1330.1) 120:3.6 5. Nach deinem Ermessen wirst du dich mit den bestehenden religiösen und geistigen Bewegungen, wie du sie auf Urantia vorfindest, identifizieren müssen, aber suche auf jede erdenkliche Weise die offizielle Einrichtung eines organisierten Kultes, einer kristallisierten Religion oder einer abgesonderten ethischen Gruppierung sterblicher Wesen zu vermeiden. Dein Leben und deine Lehren sollen das gemeinsame Erbe aller Religionen und aller Völker werden.
(1330.2) 120:3.7 6. Damit du auf Urantia nicht unnötigerweise zur Bildung späterer stereotyper religiöser Glaubenssysteme oder zu andersgearteten, nichtprogressiven religiösen Loyalitäten beiträgst, raten wir dir ferner: Lasse auf dem Planeten nichts Geschriebenes zurück. Sieh davon ab, irgendetwas auf dauerhaftes Material zu schreiben. Schärfe deinen Gefährten ein, keine Bilder oder andere Darstellungen von deiner menschlichen Erscheinung zu machen. Sieh zu, dass zum Zeitpunkt deines Weggangs auf dem Planeten nichts zurückbleibt, was zu Götzendienst führen könnte.
(1330.3) 120:3.8 7. Während du auf dem Planeten als normale Person männlichen Geschlechts ein normales und durchschnittliches Leben in der Gesellschaft führst, wirst du wohl kaum eine eheliche Verbindung eingehen, obwohl eine solche Beziehung durchaus ehrenwert wäre und sich mit deiner Selbsthingabe vertrüge; aber ich muss dich daran erinnern, dass einer der Inkarnationsanweisungen Sonaringtons es einem Sohn der Selbsthingabe paradiesischen Ursprungs verbietet, auf irgendeinem Planeten menschliche Nachkommen zu hinterlassen.
(1330.4) 120:3.9 8. Für alle übrigen Einzelheiten deiner bevorstehenden Selbsthingabe möchten wir dich der Führung des innewohnenden Justierers anvertrauen, der Unterweisung durch den stets gegenwärtigen göttlichen Geist menschlicher Lenkung sowie dem vernünftigen Urteil deines mit vererbten Talenten ausgestatteten, wachsenden menschlichen Verstandes. Eine derartige Verbindung von Geschöpfes- und Schöpferattributen wird dich befähigen, für uns das vollkommene Leben eines Menschen auf einer planetarischen Sphäre zu leben — nicht notwendigerweise vollkommen aus der Sicht irgendeines Menschen irgendeiner Generation irgendeiner Welt (und noch viel weniger Urantias), aber gänzlich, höchst erfüllt in der Bewertung durch die stärker vervollkommneten und in Vervollkommnung begriffenen Welten deines unermesslichen Universums.
(1330.5) 120:3.10 Möge dein Vater und mein Vater, der uns bei allen vergangenen Unternehmungen stets unterstützt hat, dich jetzt führen und tragen und bei dir sein von dem Augenblick an, da du uns verlässt und dein Persönlichkeits-Bewusstsein aufgibst, und danach während des allmählichen Wiedererlangens des Wissens um deine in Menschengestalt inkarnierte göttliche Identität und endlich während der ganzen Dauer deiner Erfahrung der Selbsthingabe auf Urantia bis zu deiner Befreiung vom Leib und deinem Aufstieg zu der souveränen Rechten unseres Vaters. Wenn ich dich bei deiner Rückkehr zu uns auf Salvington wieder sehe, werden wir dich als den supremen und uneingeschränkten Souverän dieses Universums bewillkommnen, das du selbst erschaffen hast, dem du gedient hast und das du dann noch vollkommener verstehst.
(1330.6) 120:3.11 Ich regiere jetzt an deiner Statt. Ich übernehme die Verfügungsgewalt über ganz Nebadon als amtierender Souverän während des Interims deiner siebenten, menschlichen Selbsthingabe auf Urantia. Und dich, Gabriel, betraue ich solange mit dem Schutz des künftigen Menschensohnes, bis er in Kürze in Macht und Herrlichkeit als Menschensohn und Gottessohn zu mir zurückkehrt. Und bis zu dieser Rückkehr Michaels bin ich dein Souverän, Gabriel.“
(1330.7) 120:3.12 In Gegenwart des ganzen versammelten Salvingtons entfernte sich Michael darauf sofort aus unserer Mitte, und wir erblickten ihn an seinem gewohnten Ort nicht wieder bis zu seiner Rückkehr als supremer und persönlicher Führer des Universums nach Abschluss seiner Laufbahn der Selbsthingabe auf Urantia.
(1331.1) 120:4.1 Und so wurden gewisse unwürdige Kinder Michaels, die ihren Schöpfer-Vater angeklagt hatten, selbstsüchtig nach der Herrschaft zu streben, und die gar durchblicken ließen, der Schöpfersohn halte sich nur dank der blinden Treue eines genarrten Universums unterwürfiger Geschöpfe willkürlich und selbstherrlich an der Macht, für immer zum Schweigen gebracht, beschämt und ihrer Illusionen beraubt durch das Leben selbstvergessenen Dienens, das der Gottessohn jetzt als Menschensohn antrat — stets „dem Willen des Paradies-Vaters unterworfen“.
(1331.2) 120:4.2 Aber irrt euch nicht; Christus Michael, obwohl wahrhaftig ein Wesen doppelten Ursprungs, war keine doppelte Persönlichkeit. Er war nicht Gott in Verbindung mit dem Menschen, sondern vielmehr Gott inkarniert im Menschen. Und er war immer gerade dieses vereinigte Wesen. Der einzige Entwicklungsaspekt in dieser unverständlichen Beziehung war die progressive bewusste Realisierung und Erkenntnis (durch den menschlichen Verstand) dieser Tatsache, Gott und Mensch zu sein.
(1331.3) 120:4.3 Christus Michael wurde nicht schrittweise Gott. Gott wurde nicht Mensch in irgendeinem entscheidenden Augenblick des irdischen Lebens Jesu. Jesus war Gott und Mensch — immer und sogar auf ewig. Und dieser Gott und dieser Mensch waren und sind jetzt eins, so wie auch die aus drei Wesen bestehende Paradies-Trinität in Wirklichkeit eine Gottheit ist.
(1331.4) 120:4.4 Verliert nie die Tatsache aus den Augen, dass der höchste geistige Zweck von Michaels Selbsthingabe eine höhere Offenbarung Gottes war.
(1331.5) 120:4.5 Die Sterblichen Urantias haben verschiedene Vorstellungen vom Mirakulösen, aber für uns Bürger des Lokaluniversums gibt es nur wenige Wunder, und von diesen sind die bei weitem rätselhaftesten die inkarnierten Selbsthingaben der Paradies-Söhne. Wir betrachten das Erscheinen eines göttlichen Sohnes in und auf eurer Welt durch scheinbar natürliche Vorgänge als ein Wunder — als das Wirken universeller Gesetze jenseits unseres Verstehens. Jesus von Nazareth war eine mirakulöse Person.
(1331.6) 120:4.6 Gott der Vater entschied, sich in dieser ganzen außerordentlichen Erfahrung und durch sie so zu manifestieren, wie er es immer tut — auf die übliche Weise — in der normalen, natürlichen und verläßlichen Weise göttlichen Handelns.
www.urantia.org/de/das-urantia-buch/schrift-120-die-selbsthingabe-michaels-auf-urantia
Schrift 139
Die Zwölf Apostel
[…]
3. Jakobus Zebedäus
(1552.5)139:3.1 Jakobus, der ältere der beiden Apostelsöhne des Zebedäus, die Jesus scherzhaft „Söhne des Donners“ nannte, war dreißig Jahre alt, als er Apostel wurde. Er war verheiratet, hatte vier Kinder und lebte in der Nähe seiner Eltern außerhalb Kapernaums in Bethsaida. Er war Fischer und betrieb sein Gewerbe gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Johannes und in Zusammenarbeit mit Andreas und Simon. Jakobus und sein Bruder Johannes genossen den Vorteil, Jesus länger als irgendein anderer Apostel gekannt zu haben.
(1552.6)139:3.2 Dieser fähige Apostel hatte ein widersprüchliches Temperament; er schien wirklich zwei Naturen zu besitzen, die beide von starken Gefühlen angetrieben wurden. Er wurde besonders heftig, wenn sein Unwille einmal richtig erregt war. Sein Gemüt war hitzig, wenn es hinreichend herausgefordert wurde, und wenn der Sturm vorüber war, pflegte Jakobus sein Aufbrausen stets unter dem Vorwand zu rechtfertigen und zu entschuldigen, es sei ganz und gar Ausdruck einer berechtigten Empörung gewesen. Von diesen periodischen Zornesausbrüchen abgesehen glich Jakobus‘ Persönlichkeit stark der des Andreas. Er besaß nicht dessen Zurückhaltung oder dessen Einsicht in die menschliche Natur, aber er war ein viel besserer öffentlicher Redner. Nach Petrus war er, wenn nicht Matthäus, der beste Redner der Zwölf.
(1552.7)139:3.3 Obwohl Jakobus keineswegs launisch war, konnte er an einem Tag still und schweigsam und am nächsten gesprächig und ein sehr guter Geschichtenerzähler sein. Er sprach gewöhnlich unbefangen mit Jesus, aber unter den Zwölfen war er zuweilen tagelang der Schweiger. Diese kurzen Zeiten unerklärlichen Schweigens waren seine einzige große Schwäche.
(1552.8)139:3.4 Die hervorstechende Charaktereigenschaft des Jakobus war seine Fähigkeit, alle Aspekte eines Problems zu sehen. Von allen Zwölf kam er der Erfassung der Tragweite und wahren Bedeutung der Lehren Jesu am nächsten. Auch er verstand am Anfang nur langsam, was der Meister meinte, aber noch ehe ihre Lehrzeit um war, hatte er eine höhere Auffassung von Jesu Botschaft erlangt. Jakobus war imstande, einen weiten Bereich der menschlichen Natur zu verstehen; er vertrug sich gut mit dem vielseitigen Andreas, dem ungestümen Petrus und seinem reservierten Bruder Johannes.
(1553.1)139:3.5 Obwohl Jakobus und Johannes beim Versuch der Zusammenarbeit ihre Schwierigkeiten hatten, war es doch inspirierend zu beobachten, wie gut sie miteinander auskamen. Dies gelang ihnen nicht im selben Maße wie Andreas und Petrus, aber sie stellten sich viel besser an, als man gewöhnlich von zwei Brüdern, und insbesondere von so eigenwilligen und entschiedenen Brüdern, erwarten würde. Aber so seltsam es auch erscheinen mag, diese beiden Söhne des Zebedäus übten gegeneinander viel mehr Nachsicht als gegenüber Fremden. Sie hatten große Zuneigung zueinander; sie waren immer glückliche Spielkameraden gewesen. Es waren diese „Söhne des Donners“, die das Feuer vom Himmel auf die Samaritaner herabwünschten, um sie zu vernichten, weil sie es an Ehrerbietung gegenüber ihrem Meister fehlen ließen. Aber der vorzeitige Tod des Jakobus veränderte das heftige Temperament seines jüngeren Bruders Johannes beträchtlich.
(1553.2)139:3.6Der Charakterzug, den Jakobus an Jesus am meisten bewunderte, war des Meisters mitfühlende Zuneigung. Jesu verständnisvolles Interesse für Kleine und Große, Arme und Reiche übte auf ihn eine große Anziehungskraft aus.
(1553.3)139:3.7 Jakobus Zebedäus war ein sehr ausgeglichener Denker und Planer. Mit Andreas gehörte er zu den Vernünftigeren der apostolischen Gruppe. Er war ein lebhafter Mensch, aber er befand sich nie in Eile. Er gab ein ausgezeichnetes Gegengewicht zu Petrus ab.
(1553.4)139:3.8 Er war bescheiden und unauffällig, ein täglicher Diener und ein Arbeiter ohne Anmaßung, der keine besondere Auszeichnung suchte, wenn er einmal etwas von der wirklichen Bedeutung des Königreichs begriffen hatte. Und sogar bei der Geschichte der Mutter von Jakobus und Johannes, die darum bat, dass ihren Söhnen die Plätze zur Rechten und zur Linken Jesu zuteil würden, sollte daran gedacht werden, dass es die Mutter war, die dieses Ansinnen vorbrachte. Und als sie zu verstehen gaben, dass sie bereit waren, solch eine Verantwortung zu übernehmen, sollte man sich vor Augen halten, dass sie die Gefahren, die des Meisters angebliche Auflehnung gegen die römische Herrschaft begleiteten, sehr wohl kannten und auch willens waren, den Preis zu bezahlen. Als Jesus sie fragte, ob sie bereit seien, den Kelch zu trinken, antworteten sie mit Ja. Und was Jakobus anbelangt, war es buchstäblich wahr — er trank tatsächlich den Kelch mit dem Meister, war er doch der erste Apostel, der den Märtyrertod erlitt, als Herodes Agrippa ihn bald danach durchs Schwert umbringen ließ. Jakobus war somit der erste der Zwölf, der sein Leben an der neuen Kampffront für das Königreich dahingab. Herodes Agrippa fürchtete Jakobus mehr als alle anderen Apostel. Er war tatsächlich oft ruhig und schweigsam, aber er war tapfer und entschlossen, wenn seine Überzeugungen geweckt und herausgefordert wurden.
(1553.5)139:3.9 Jakobus lebte sein Leben voll, und als das Ende kam, legte er eine solche Würde und Kraft an den Tag, dass selbst sein Ankläger und Denunziant, der seiner Aburteilung und Hinrichtung beiwohnte, so getroffen wurde, dass er den Ort, an dem Jakobus starb, eilends verließ, um sich den Jüngern Jesu anzuschließen. […]
Schrift 172
Schrift 172 Schrift 172 Schrift 172 Schrift 172 Schrift 172 Der Einzug in Jerusalem
[…]
(1884.3)172:5.4 Für Jakobus Zebedäus war dieser Sonntag ein Tag tiefer Verwirrung und Ratlosigkeit; er konnte den Sinn dessen, was sich da abspielte, nicht begreifen. Er konnte nicht verstehen, was der Meister bezweckte, als er diesen wilden Beifall zuließ und sich dann weigerte, auch nur ein Wort zu den Menschen zu sagen, als sie beim Tempel anlangten. Während die Prozession sich den Ölberg hinunter auf Jerusalem zu bewegte und besonders, als die Tausende von Pilgern zu ihnen stießen, die aus der Stadt geströmt waren, um den Meister willkommen zu heißen, fühlte sich Jakobus auf grausame Weise hin- und hergerissen zwischen widerstreitenden Gefühlen freudiger Erregung und Genugtuung über das, was er sah, und beklemmender Angst vor dem, was geschehen würde, wenn sie beim Tempel anlangten. Und dann war er niedergeschlagen und von Enttäuschung überwältigt, als Jesus vom Esel stieg und gemächlich durch die Tempelhöfe schritt. Jakobus konnte nicht verstehen, aus welchem Grund Jesus eine solch großartige Gelegenheit zur Verkündigung des Königreichs vorübergehen ließ. Am Abend hielt eine peinigende und schreckliche Ungewissheit sein Gemüt fest im Griff. […]
http://www.urantia.org/de/das-urantia-buch/schrift-172-der-einzug-in-jerusalem
Zitatauslese aus dem
Urantia-Buch
Gedanken zum Tag, 2
Deshalb ist Materialismus, Atheismus das Äußerste an Hässlichkeit, Höhepunkt der endlichen Antithese zum Schönen.“ (646.3) 56:10.4
„Die ethischen Pflichten sind angeboren, göttlich und universal.“ (616.3) 54:4.4
„Wenn jemand auf besonderen Gebieten Fähigkeiten zeigt, bedeutet das noch nicht, daß er auch geistiges Vermögen besitzt. Klugheit ist kein Ersatz für wahren Charakter.“ (556.2) 48:7.3
„Wissenschaft lebt durch die Mathematik des Verstandes; Musik drückt das Zeitmaß der Emotionen aus. Religion ist der geistige Rhythmus der Seele in zeitlich-räumlicher Harmonie mit dem höheren und ewigen, melodischen Pulsieren der Unendlichkeit.“ (2080.5) 195:7.20
„Josua ben Josef, das jüdische Kindlein (?), wurde genau gleich wie alle anderen Kinder vor ihm und nach ihm empfangen und in die Welt hinein geboren, außer dass dieses besondere Kind die Inkarnation Michaels von Nebadon war, eines göttlichen Paradies-Sohnes und Schöpfers dieses ganzen Lokaluniversums von Dingen und Wesen.“ (Candace: Zur damaligen Zeit gab es KEINE JUDEN, aber die UB-Leute entschieden sich, den falschen Beifügungen der Bibel, die von Ende des 18. Jh. stammen, zu folgen. Damals gab es Hebräer, Semiten, Judäer, aber KEINE JUDEN. Der Ausdruck kommt daher, dass die khasarischen Zionisten im 8. Jh. n.Chr. den Talmud annahmen und dann für sich im 18. Jh. n.Chr. das Wort JUDE schufen. Sie stammten aus der Mongolei und hatten nie eine Abstammung von den Völkern Palästinas. Sie stahlen das, was heute Israel genannt wird und sind bestrebt, den im Nahen Osten lebenden Menschen möglichst alles wegzustehlen.) (1317.1) 119:7.5
„Gott ist seinem Wesen nach gütig, von Natur aus mitfühlend und ewig erbarmungsvoll. Und nie ist es nötig, dass irgendein Einfluss auf den Vater Druck ausübe, um seine liebende Güte zu wecken.“ (38.2) 2:4.2
„Obgleich der Mensch die Bedeutung der Unendlichkeit nicht erfassen kann, versteht der unendliche Vater höchst gewiss die ganze Endlichkeit all seiner Kinder in allen Universen und umfängt sie liebevoll.“ (35.3) 2:1.10
„Einen Teil des Lebens zu isolieren und ihn Religion zu nennen, heißt, das Leben zu desintegrieren und die Religion zu verzerren. Und das ist gerade der Grund, weshalb der Gott der Anbetung entweder die ganze Hingabe oder gar keine verlangt.“ (1124.3) 102:6.1
„Ihr gehörtet wahrhaftig zu den Geringsten der ganzen Schöpfung, bis Michaels Selbsthingabe eurem Planeten einen hohen Ehrenplatz und großes universelles Interesse eintrug. Manchmal wird der Letzte der Erste, und der Geringste wahrhaftig der Größte.“ (466.4) 41:10.5
„Es ist ein tiefes Geheimnis, dass Gott als ein im höchsten Maße persönliches und selbstbewusstes Wesen mit festem Hauptsitz zugleich in einem so gewaltigen Universum persönlich anwesend ist und mit einer nahezu unendlichen Zahl von Wesen in persönlichem Kontakt steht.“ (139.1) 12:7.12
„Mit Ausnahme vollkommener, der Gottheit entsprungener Wesen (Candace: Engel) sind alle Willensgeschöpfe der Superuniversen evolutionärer Natur. Ihr Rang ist am Anfang niedrig, und sie bewegen sich ewig nach oben – in Wahrheit nach innen.“ (Candace: Willensgeschöpfe sind denkende Geschöpfe, die ein bisschen von sich aus voraussehen und -planen können.) (361.3) 32:3.8
„Eine in Koordination und Harmonie zusammenarbeitende soziale Menschengruppe stellt eine Kraft dar, die die bloße Summe der Mitglieder bei weitem übersteigt.“ (1477.1) 133:5.6
„Der Geist ist die schöpferische Realität, während ihr physisches Gegenstück die Widerspiegelung der geistigen Realität in Zeit und Raum ist, die physische Auswirkung der schöpferischen Aktion des Geist-Verstandes.“ (484.2) 42:12.14
„Die menschliche Persönlichkeit ist der zeitlich-räumliche und bildhafte Schatten, den die göttliche Schöpferpersönlichkeit wirft. … Schatten sollte man von der wahren Substanz her deuten.“ (29.7) 1:6.1
„Der materielle Verstand des sterblichen Menschen ist der kosmische Webstuhl, der das morontielle Gewebe trägt, in das der innewohnende Gedankenjustierer die geistigen Urmuster eines Universumscharakters bleibender Werte und göttlicher Bedeutungen webt – einer fortlebenden Seele mit ultimer Bestimmung und nie endender Laufbahn, eines potentiellen Finalisten.“ (1217.6) 111:2.2
„Der vertrauende religiöse Mensch glaubt an einen Gott, der auf das Fortleben nach dem Tode hinarbeitet, an den Vater im Himmel, an den Gott der Liebe.“ (68.6) 5:5.3
„So wie Jesus auf eurer Welt als Zimmermannssohn arbeitete, mühen sich andere Paradiessöhne in den verschiedensten Eigenschaften auf den Planeten ihrer Selbsthingabe ab. Ihr könnt schwerlich an eine berufliche Tätigkeit denken, die nicht von einem Paradiessohn während seiner Selbsthingabe auf irgendeinem evolutionären Planeten der Zeit ausgeübt worden wäre.“ (229.2) 20:6.3
„Der natürliche physische Tod ist für die Menschen nichts Unvermeidliches. Die fortgeschrittenen evolutionären Wesen, Bürger der Endära des Lichts und des Lebens, sterben in ihrer Mehrzahl nicht; sie werden direkt aus dem irdischen Leben in die morontielle Existenz entrückt.“ (623.1) 55:2.1
„Die Dinge werden durch die Zeit bedingt, aber die Wahrheit ist zeitlos. Je mehr Wahrheit ihr kennt, je mehr Wahrheit ihr seid, umso besser werdet ihr die Vergangenheit verstehen und die Zukunft erfassen.“ (1297.3) 118:3.2
„Vielleicht wird sich am Ende herausstellen, dass menschliche Geschöpfe aus Welten, die wegen Rebellion in Quarantäne gerieten, vom Glück sehr begünstigt wurden.“ (578.6) 50:7.1
„Ein gesellschaftliches System, dessen Sittlichkeit nicht auf geistigen Realitäten gründet, kann auf die Dauer ebenso wenig aufrechterhalten werden wie das Sonnensystem ohne Schwerkraft.“ (Candace: Prüft dies, denn der Mensch dieser Zivilisation hat bis jetzt KEIN auf Sittlichkeit beruhendes Gesellschaftssystem geschaffen; es verschlimmert sich vielmehr. So etwas kann nicht aufrechterhalten werden, und es bewegt sich auf die Selbstzerstörung zu.) (2075.12) 195:5.9
„Im Laufe der Jahre maß dieser junge Zimmermann aus Nazareth immer mehr jede gesellschaftliche Einrichtung und jede religiöse Gepflogenheit an dem unveränderlichen Kriterium: Was tut sie für die menschliche Seele? Bringt sie Gott dem Menschen näher? Bringt sie den Menschen Gott näher?“(Candace: Bitte liebe Leser, schaut euch alle diese Systeme an und fragt euch: Wie dienen diese Systeme dem Obenstehenden? Zu wünschen, ein Teil der Kraft zu sein, wird diese Welt transformieren; ihr müsst diese Dinge aus der obgenannten Perspektive untersuchen, damit ihr WISST, was zu transformieren notwendig ist.) (1388.5) 126:2.5
„Wenn sich meine Kinder einmal mit Sicherheit der göttlichen Gegenwart bewusst werden, wird dieses Vertrauen den Verstand weiten, die Seele adeln, die Persönlichkeit stärken, die Zufriedenheit steigern, die geistige Schau vertiefen und die Kraft, zu lieben und geliebt zu werden, vergrößern.“ – Die Lehren von Jesus – (1766.8) 159:3.12
„Obwohl es oft danach aussieht, wirkt Gottes Macht im Universum nicht wie eine blinde Kraft.“ (Ein guter Spruch zum Nachdenken, falls ihr auf Gott und die Sternenflotte „wartet“, die alles tun sollen.) (47.4) 3:2.6
„Wahrheit ist relativ und expandierend, sie lebt immer in der Gegenwart und findet in jeder Menschengeneration einen neuen Ausdruck – ja sogar in jedem Menschenleben.“ (Jeder Mensch sollte sich um eine Expansion seiner Wahrheit, wahrem Wissen, bemühen.) (888.1) 79:8.8
„Alle wahren Gebete richten sich an geistige Wesen, und allen solchen Bitten muss in geistigem Sinne entsprochen werden, und alle diese Antworten müssen aus geistigen Realitäten bestehen.“ – Die Lehren von Jesus – (1848.9) 168:4.9
„Obwohl die Persönlichkeit des Universalen Vaters nur wirklicher religiöser Erfahrung zugänglich ist, inspiriert uns Jesu Erdenleben durch die vollendete Demonstration und Offenbarung der Persönlichkeit Gottes in einer wahrhaft menschlichen Erfahrung.“ (Candace: Dies ist die Bedeutung seines GELEBTEN Lebens. Er zeigte DEN WEG. Und in Konzernreligionen wird dies vollkommen falsch verstanden.) (30.7) 1:6.8
„Zu oft, allzu oft schädigt ihr euren Verstand durch Unaufrichtigkeit und lasst ihn aus Mangel an Unaufrichtigkeit verdorren; ihr setzt ihn tierischer Furcht aus und verzerrt in mit nutzlosem Bangen.“ (103.5) 9:5.7
„Neugier – der Geist des Suchens, der Entdeckerdrang, der Forschertrieb – ist ein Teil der angeborenen und göttlichen Begabung der evolutionären Raumgeschöpfe.“ (160.1)14:5.11
„Gravitation ist die allgewaltige Schnur, auf der die funkelnden Sterne, strahlenden Sonnen und wirbelnden Planeten aufgereiht sind, die den universalen physischen Schmuck des ewigen Gottes bilden, der alles ist, alles erfüllt und in dem alles besteht.“ (125.4) 11:8.1
www.urantia.org
Wahrheit, Schönheit und Güte
Auszug aus Schrift 56, Abschnitt 10
URANTIA-BUCH
"WER UNTER EUCH DER GRÖSSTE SEIN MÖCHTE, WERDE ZUM DIENER ALLER"
(646.2) Während die im Licht und Leben verankerten Welten vom Anfangsstadium zur siebenten Epoche fortschreiten, ringen sie schrittweise um die Bewusstwerdung der Realität des Siebenfachen Gottes, indem sie von der innigen Liebe zum Schöpfersohn bis zur Anbetung des Paradies-Vaters weitergehen. Während des ganzen fortdauernden siebenten Stadiums der Geschichte einer solchen Welt wachsen die in ständigem Fortschritt begriffenen Sterblichen in der Kenntnis des Supremen Gottes, während sie unbestimmt die Realität des darüber waltenden Ultimen Gottes wahrnehmen.
(646.3) Während dieses glorreichen Zeitalters ist das von den ständig vorrückenden Sterblichen verfolgte Hauptziel das Streben nach einem besseren Begreifen und einer vollkommeneren Verwirklichung der verständlichen Elemente der Gottheit — von Wahrheit, Schönheit und Güte. Das ist gleichbedeutend mit der Anstrengung des Menschen, Gott im Verstand, in der Materie und im Geist wahrzunehmen. Und während der Sterbliche in seinem Suchen fortfährt, taucht er immer tiefer in das erfahrungsmäßige Studium der Philosophie, Kosmologie und Göttlichkeit ein.
(646.4) Ihr erfasst die Philosophie einigermaßen, und ihr versteht die Göttlichkeit in der Anbetung, im sozialen Dienst und in der persönlichen geistigen Erfahrung, aber die Bemühungen um Schönheit — die Kosmologie — beschränkt ihr nur allzu oft auf das Studium der rohen künstlerischen Anstrengungen der Menschen. Schönheit, Kunst ist weitgehend eine Angelegenheit der Einigung von Kontrasten. Die Verschiedenheit ist ein wesentliches Element der Vorstellung von Schönheit. Die höchste Schönheit, der Gipfel endlicher Kunst ist das Drama der Einigung der ungeheuer weit auseinander liegenden kosmischen Extreme von Schöpfer und Geschöpf. Der Mensch, der Gott findet, und Gott, der den Menschen findet — das Geschöpf, das vollkommen wird, wie der Schöpfer vollkommen ist — das ist die himmlische Erfüllung supremer Schönheit — das Erreichen höchster kosmischer Kunst.
(646.5) Deshalb ist Materialismus, Atheismus das Äußerste an Hässlichkeit, Höhepunkt der endlichen Antithese zum Schönen. Höchste Schönheit besteht in der panoramaartigen Einigung der verschiedenen Spielarten, die der vorausexistierenden harmonischen Realität entsprungen sind.
(646.6) Das Erreichen kosmologischer Gedankenebenen schließt Folgendes in sich:
(646.7) 1. Neugier. Hunger nach Harmonie und Durst nach Schönheit. Unablässige Versuche, neue Ebenen harmonischer kosmischer Beziehungen zu entdecken.
(646.8) 2. Ästhetische Würdigung. Liebe zum Schönen und immer wachsende Würdigung der künstlerischen Note aller schöpferischen Kundgebungen auf allen Realitätsebenen.
(646.9) 3. Ethisches Feingefühl. Aufgrund der Erkenntnis des Wahren entwickelt die Würdigung des Schönen das Gefühl für die ewige Richtigkeit von Dingen, die bewirken, dass wir die göttliche Güte in den Beziehungen der Gottheit mit allen Wesen wahrnehmen; und so führt auch die Kosmologie zu der Suche nach göttlichen Realitätswerten — zum Gottesbewusstsein.
(646.10) Die im Licht und Leben ruhenden Welten beschäftigen sich deshalb so intensiv mit dem Verständnis von Wahrheit, Schönheit und Güte, weil diese qualitativen Werte die Offenbarung der Gottheit an die Welten von Zeit und Raum beinhalten. Die Bedeutungen ewiger Wahrheit machen einen doppelten Appell an die intellektuelle und geistige Natur des sterblichen Menschen. Universale Schönheit enthält die harmonischen Beziehungen und Rhythmen der kosmischen Schöpfung; dies ist ein in ausgesprochenerer Weise intellektueller Appell und führt zu einem geeinten und synchronen Verständnis des materiellen Universums. Göttliche Güte stellt die Offenbarung unendlicher Werte an den endlichen Verstand dar, damit dieser sie wahrnehme und bis zur äußersten Grenze der geistigen Ebene menschlichen Verständnisses emporhebe.
(647.1) Wahrheit ist die Basis von Wissenschaft und Philosophie, welche ihrerseits die intellektuelle Grundlage der Religion bilden. Schönheit fördert Kunst und Musik und die bedeutungsvollen Rhythmen aller menschlichen Erfahrung. Güte umfasst den Sinn für Ethik, Sittlichkeit und Religion — den erfahrungsmäßigen Hunger nach Vollkommenheit.
(647.2) Die Existenz von Schönheit lässt ebenso sicher auf die Anwesenheit eines für sie empfänglichen Geschöpfesverstandes schließen, wie die Tatsache fortschreitender Evolution die Dominanz des Supremen Verstandes bezeugt. Schönheit ist die intellektuelle Erkenntnis der harmonischen Zeit-Raum-Synthese der unendlich weit ausgebreiteten Diversifizierung der phänomenalen Realität, die in ihrer Gesamtheit der vorausexistierenden, ewigen Einheit entstammt.
(647.3) Güte ist die mentale Erkenntnis der relativen Werte der verschiedenen Ebenen göttlicher Vollkommenheit. Die Erkenntnis der Güte setzt einen sittlichen Verstand voraus, einen persönlichen Verstand mit der Fähigkeit, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Aber erst der Besitz von Güte — Größe — ist das Maß wirklichen Erreichens der Göttlichkeit.
(647.4) Das Erkennen von wahren Beziehungen setzt einen Verstand voraus, der zwischen Wahrheit und Irrtum zu unterscheiden weiß. Der Geist der Wahrheit, der auf Urantia seit der Selbsthingabe den menschlichen Verstand umgibt, spricht unfehlbar auf die Wahrheit an — die lebendige Geistbeziehung zwischen allen Dingen und Wesen in ihrer Koordination beim ewigen Aufstieg zu Gott.
(647.5) Jeder Impuls jedes Elektrons, Gedankens oder Geistes ist eine im ganzen Universum wirkende Einheit. Nur Sünde ist isoliert, und das Üble widersetzt sich der Gravitation auf den mentalen und geistigen Ebenen. Das Universum ist ein Ganzes; kein Ding oder Wesen lebt in der Isolation. Selbstverwirklichung ist potentiell schlecht, wenn sie asozial ist. Es ist die reine Wahrheit: „Kein Mensch genügt sich selber.“ Kosmische Sozialisierung bedeutet die höchste Form von persönlicher Einigung. Jesus sagte. „Wer unter euch der Größte sein möchte, werde zum Diener aller.“
(647.6) Selbst Wahrheit, Schönheit und Güte — die menschliche intellektuelle Annäherung an das Universum aus Verstand, Materie und Geist — müssen zusammen in eine einzige geeinte Vorstellung von einem göttlichen und supremen Ideal verflochten werden. Wie die sterbliche Persönlichkeit die menschliche Erfahrung mit der Materie, dem Verstand und dem Geist einigt, so eint sich dieses göttliche und supreme Ideal tatsächlich in der Macht der Suprematie und verpersönlicht sich dann als ein Gott väterlicher Liebe.
(647.7) Jede Einsicht in die Beziehungen der Teile zu irgendeinem gegebenen Ganzen verlangt ein vernünftiges Erfassen der Beziehungen von allen Teilen zu diesem Ganzen; und im Universum bedeutet das die Beziehung der erschaffenen Teile zum Schöpferischen Ganzen. Die Gottheit wird so zum transzendenten, sogar unendlichen Ziel universellen und ewigen Vollbringens.
(647.8) Universale Schönheit ist das Wahrnehmen des Widerscheins der Paradies-Insel in der materiellen Schöpfung, während ewige Wahrheit das besondere Amt der Paradies-Söhne ist, die sich nicht nur selber an die sterblichen Rassen hingeben, sondern auch ihren Geist der Wahrheit über alle Völker ausgießen. Göttliche Güte offenbart sich ausgesprochener im liebenden Wirken der mannigfaltigen Persönlichkeiten des Unendlichen Geistes. Aber Liebe, die totale Summe dieser drei Eigenschaften, ist des Menschen Wahrnehmung Gottes als seines geistigen Vaters.
(648.1) Physische Materie ist der Zeit-Raum-Schatten der strahlenden Paradies-Energie der absoluten Gottheiten. Wahrheitsbedeutungen sind die Rückwirkungen des ewigen Wortes der Gottheit im Intellekt der Sterblichen — das Zeit-Raum-Verständnis supremer Konzepte. Die göttlichen Werte der Güte sind das vielgestaltige barmherzige Wirken der Geistpersönlichkeiten des Universalen, des Ewigen und des Unendlichen für die endlichen Zeit-Raum-Geschöpfe der evolutionären Sphären.
(648.2) Diese bedeutungsvollen Realitätswerte der Göttlichkeit vermischen sich mit der Beziehung, die der Vater als göttliche Liebe zu jedem persönlichen Geschöpf unterhält. Sie sind im Sohn und in dessen Söhnen als göttliche Barmherzigkeit koordiniert. Sie offenbaren ihre Eigenschaften durch den Geist und durch dessen Geistkinder in göttlicher Fürsorge, diesem Ausdruck liebenden Erbarmens mit den Kindern der Zeit. Grundlegend werden die drei Göttlichkeiten durch das Supreme Wesen manifestiert als Macht-Persönlichkeit-Synthese. Auf verschiedene Weise werden sie durch den Siebenfachen Gott in sieben unterschiedlichen Verbindungen göttlicher Bedeutungen und Werte auf sieben aufsteigenden Ebenen zum Ausdruck gebracht.
(648.3) Für den endlichen Menschen umfassen Wahrheit, Schönheit und Güte die volle Offenbarung der göttlichen Realität. Wenn dieses Liebesverständnis der Gottheit im Leben von Sterblichen, die Gott kennen, seinen geistigen Ausdruck findet, reifen die Früchte der Göttlichkeit heran: intellektueller Friede, sozialer Fortschritt, sittliche Befriedigung, geistige Freude und kosmische Weisheit. Die fortgeschrittenen Sterblichen einer Welt im siebenten Stadium des Lichts und Lebens haben gelernt, dass Liebe das Größte im Universum ist — und sie wissen, dass Gott Liebe ist.
(648.4) Liebe ist der Wunsch, anderen Gutes zu tun.
(648.5) [Dargeboten von einem auf Urantia weilenden Mächtigen Botschafter auf Ersuchen des Offenbarungskorps Nebadons und in Zusammenarbeit mit einem bestimmten Melchisedek, dem stellvertretenden Planetarischen Fürsten von Urantia.]
(648.6) Diese Schrift über Universale Einheit ist die fünfundzwanzigste einer Serie von Darstellungen verschiedener Autoren, die als Gruppe die Unterstützung einer Kommission genossen, welche aus zwölf der Leitung von Mantutia Melchisedek unterstellten Persönlichkeiten Nebadons bestand. Wir haben diese Schilderungen im Jahr 1934 urantianischer Zeitrechnung abgefasst und sie durch eine von unseren Vorgesetzten gebilligte Technik in die englische Sprache übertragen.
Das Urantia Buch
Schrift 194
Die Ausgiessung des Geistes der Wahrheit
(2059.1)194:0.1 ETWA um ein Uhr, als die hundertzwanzig Gläubigen mitten im Gebet waren, wurden sie sich alle einer seltsamen Gegenwart im Raum bewusst. Und im selben Augenblick erfuhren diese Jünger bewusst ein neues und tiefes Gefühl geistiger Freude, Sicherheit und Zuversicht. Diesem neuen Bewusstsein geistiger Kraft folgte sogleich ein heftiges Verlangen, hinauszugehen und öffentlich das Evangelium vom Königreich sowie die gute Nachricht zu verkündigen, dass Jesus von den Toten auferstanden sei.
(2059.2)194:0.2 Petrus erhob sich und erklärte, das müsse das Kommen des Geistes der Wahrheit sein, den der Meister ihnen versprochen hatte, und er schlug vor, zum Tempel zu gehen und mit der Verkündigung der guten Nachricht zu beginnen, die in ihre Hände gelegt worden war. Und sie taten, was Petrus vorgeschlagen hatte.
(2059.3) 194:0.3 Diese Menschen waren darin geschult und unterrichtet worden, dass das Evangelium, das sie predigen sollten, die Vaterschaft Gottes und die Sohnschaft des Menschen war, aber in eben diesem Augenblick geistiger Ekstase und persönlichen Triumphs war die beste Kunde, die gewaltigste Nachricht, woran diese Menschen denken konnten, die Tatsache des auferstandenen Meisters. Und so zogen sie hinaus, mit Macht von oben erfüllt, und predigten dem Volk die frohe Botschaft — die Errettung durch Jesus — aber sie stolperten ungewollt in den Irrtum, die eigentliche Evangeliumsbotschaft durch einige mit dem Evangelium verknüpfte Tatsachen zu ersetzen. Petrus machte unabsichtlich den Anfang mit diesem Irrtum, und andere folgten ihm darin bis hin zu Paulus, der ausgehend von einer neuen Version der guten Nachricht eine neue Religion schuf.
(2059.4) 194:0.4 Das Evangelium vom Königreich ist: die Tatsache der Vaterschaft Gottes in Verbindung mit der sich daraus ergebenden Wahrheit der Sohnschaft-Bruderschaft der Menschen. Das Christentum, wie es sich von diesem Tag an entwickelte, ist: die Tatsache Gottes als des Vaters des Herrn Jesus Christus verbunden mit der Erfahrung des Gläubigen, mit dem auferstandenen und verherrlichten Christus Gemeinschaft zu haben.
(2059.5) 194:0.5 Es ist nicht verwunderlich, dass diese vom Geist erfüllten Menschen die Gelegenheit ergriffen, ihre Gefühle des Triumphs über die Kräfte auszudrücken, die versucht hatten, ihren Meister zu vernichten und dem Einfluss seiner Lehren ein Ende zu setzen. In einem Augenblick wie diesem war es leichter, sich an ihr persönliches Zusammensein mit Jesus zu erinnern und sich von der Gewissheit begeistern zu lassen, dass der Meister weiterlebte, dass ihre Freundschaft kein Ende genommen hatte und dass der Geist tatsächlich über sie gekommen war, wie er es versprochen hatte.
(2059.6) 194:0.6 Diese Gläubigen fühlten sich plötzlich in eine andere Welt entrückt, in eine neue Existenz der Freude, der Macht und der Herrlichkeit. Der Meister hatte ihnen gesagt, das Königreich werde mit Macht kommen, und einige von ihnen dachten, sie fingen an zu erfassen, was er damit gemeint hatte.
(2059.7) 194:0.7 Und wenn man all das in Betracht zieht, fällt es nicht schwer zu verstehen, wie diese Menschen dazu kamen, anstelle ihrer früheren Botschaft von der Vaterschaft Gottes und der Bruderschaft der Menschen ein neues Evangelium über Jesus zu predigen.
1. Die Pfingstpredigt
(2060.1) 194:1.1 Die Apostel hatten sich vierzig Tage lang versteckt gehalten. Es traf sich, dass dieser Tag mit dem jüdischen Pfingstfest zusammenfiel, als Tausende von Besuchern aus allen Teilen der Welt in Jerusalem waren. Viele waren zu diesem Fest angereist, aber die Mehrzahl war seit Passah in der Stadt geblieben. Nun kamen die verängstigten Apostel aus ihrer wochenlangen Abgeschiedenheit hervor und erschienen kühn im Tempel, wo sie die neue Botschaft vom auferstandenen Messias zu predigen begannen. Gleich ihnen waren sich auch alle Jünger bewusst, eine neue Art geistiger Erkenntnis und Macht empfangen zu haben.
(2060.2) 194:1.2 Es war etwa zwei Uhr, als Petrus sich im Tempel an derselben Stelle erhob, wo sein Meister zuletzt gelehrt hatte, und jenen leidenschaftlichen Appell an die Menge richtete, der zur Folge hatte, dass über zweitausend Seelen gewonnen wurden. Der Meister war gegangen, aber sie entdeckten plötzlich, dass diese Geschichte über ihn auf das Volk eine große Macht ausübte. Kein Wunder, dass sie dem Irrtum verfielen, mit der Verkündigung dessen fortzufahren, was ihre frühere Hingabe an Jesus rechtfertigte und die Menschen zugleich so sehr zwang, an ihn zu glauben. Sechs der Apostel nahmen an dieser Veranstaltung teil: Petrus, Andreas, Jakobus, Johannes, Philipp und Matthäus. Sie sprachen mehr als anderthalb Stunden lang und trugen ihre Botschaften auf Griechisch, Hebräisch und Aramäisch vor und mit ein paar Worten sogar in anderen Sprachen, mit denen sie etwas vertraut waren.
(2060.3) 194:1.3 Die Führer der Juden staunten ob der Kühnheit der Apostel, aber angesichts der großen Zahl derer, die an ihre Geschichte glaubten, fürchteten sie sich davor, sie zu belästigen.
(2060.4) 194:1.4 Gegen halb fünf Uhr folgten mehr als zweitausend neue Gläubige den Aposteln zum Teich von Siloa hinunter, wo Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes sie im Namen des Meisters tauften. Und es war schon dunkel, als sie mit dem Taufen dieser Menge fertig wurden.
(2060.5)194:1.5 Pfingsten war das große Tauffest, der Tag, an dem die Proselyten der Pforte, jene Heiden, die Jahwe zu dienen wünschten, in die Gemeinschaft aufgenommen wurden. Daher fiel es einer großen Zahl von Juden und gläubigen Nichtjuden umso leichter, sich an diesem Tag der Taufe zu unterziehen. Durch diese Handlung trennten sie sich in keiner Weise vom jüdischen Glauben. Sogar noch einige Zeit später waren die an Jesus Glaubenden eine Sekte innerhalb des Judaismus. Sie alle, die Apostel inbegriffen, erfüllten immer noch getreu die wesentlichen Anforderungen des jüdischen zeremoniellen Systems.
2. Die Bedeutung von Pfingsten
(2060.6) 194:2.1 Jesus lebte und lehrte auf Erden ein Evangelium, das den Menschen von dem Aberglauben erlöste, er sei ein Kind des Teufels, und ihn zu der Würde eines durch den Glauben zum Gottessohn Gewordenen emporhob. Jesu Botschaft, wie er sie damals predigte und lebte, vermochte die geistigen Schwierigkeiten der Menschen in den Tagen ihrer Verkündigung wirksam zu lösen. Und jetzt, da er persönlich die Welt verlassen hat, sendet er statt seiner den Geist der Wahrheit, der bestimmt ist, im Menschen zu leben und Jesu Botschaft für jede neue Generation stets neu zu formulieren, damit jede frisch auf der Erde erscheinende Gruppe von Sterblichen eine neue und moderne Version des Evangeliums besitze — d. h. gerade jene persönliche Erleuchtung und kollektive Führung, die sich für die immer neuen und verschiedenartigen geistigen Schwierigkeiten der Menschen als wirksame Lösung erweisen werden.
(2060.7) 194:2.2 Die erste Mission dieses Geistes besteht natürlich darin, die Wahrheit wachsen und persönlich werden zu lassen, denn das Erfassen der Wahrheit stellt die höchste Form menschlicher Freiheit dar. Alsdann ist es das Ziel dieses Geistes, dem Gefühl von Verwaistsein des Gläubigen ein Ende zu machen. Nachdem Jesus unter den Menschen gelebt hat, würden alle Gläubigen unter einem Gefühl des Verlassenseins leiden, hätte nicht der Geist der Wahrheit im Menschenherzen Wohnung genommen.
(2061.1)194:2.3 Diese Ausgießung des Geistes des Sohnes bereitete den Verstand aller normalen Menschen wirkungsvoll auf die spätere universelle Austeilung des Vatergeistes (des Justierers) an die gesamte Menschheit vor. In einem gewissen Sinne ist dieser Geist der Wahrheit der Geist sowohl des Universalen Vaters als auch des Schöpfersohnes.
(2061.2)194:2.4 Macht nicht den Fehler zu erwarten, euch des euch verliehenen Geistes der Wahrheit intellektuell stark bewusst zu werden. Der Geist bewirkt nie ein Bewusstsein seiner selbst, sondern nur ein Bewusstsein von Michael, dem Sohn. Von Anfang an lehrte Jesus, dass der Geist nicht selber sprechen werde. Deshalb wird man den Beweis eurer Gemeinschaft mit dem Geist der Wahrheit nicht in eurem Bewusstsein von diesem Geist finden, sondern in eurer Erfahrung verstärkter Gemeinschaft mit Michael.
(2061.3)194:2.5 Der Geist kam auch, um den Menschen zu helfen, sich der Worte des Meisters zu erinnern und sie zu verstehen, und um sein Erdenleben zu erhellen und neu zu interpretieren.
(2061.4)194:2.6 Und weiter kam der Geist der Wahrheit, um dem Gläubigen zu helfen, selber zu einem Zeugen für die Realität der Lehren Jesu und seines Lebens zu werden, das er als Mensch gelebt hatte und jetzt wieder von neuem und abermals in jedem einzelnen Gläubigen jeder vorübergehenden Generation geisterfüllter Gottessöhne lebt.
(2061.5)194:2.7 Daraus geht hervor, dass der Geist der Wahrheit wirklich kommt, um alle Gläubigen in alle Wahrheit zu führen, in die sich erweiternde Erfahrung eines lebendigen und wachsenden geistigen Bewusstseins von der Realität ewiger und aufsteigender Gottessohnschaft.
(2061.6) 194:2.8 Jesus lebte ein Leben, das einen Menschen offenbart, der dem väterlichen Willen unterworfen ist, aber kein Beispiel, dem jeder Mensch wörtlich zu folgen versuchen sollte. Sein irdisches Leben zusammen mit seinem Tod am Kreuz und der darauf folgenden Auferstehung wurde bald zu einem neuen Evangelium vom Sühneopfer, das dargebracht wurde, um den Menschen aus den Klauen des Teufels loszukaufen — um der Verurteilung durch einen beleidigten Gott zu entgehen. Obwohl das Evangelium stark entstellt wurde, bleibt trotzdem die Tatsache bestehen, dass diese neue Botschaft über Jesus viele der fundamentalen Wahrheiten und Lehren seines ursprünglichen Evangeliums vom Königreich enthielt. Und früher oder später werden diese verborgenen Wahrheiten von der Vaterschaft Gottes und der Bruderschaft der Menschen hervorkommen und die Zivilisation der gesamten Menschheit wirksam umwandeln.
(2061.7)194:2.9 Aber diese intellektuellen Irrtümer hinderten die Gläubigen in keiner Weise daran, im geistigen Wachstum große Fortschritte zu machen. In weniger als einem Monat nach der Ausschüttung des Geistes der Wahrheit machten die Apostel bedeutendere individuelle geistige Fortschritte als während ihres fast vierjährigen persönlichen und liebevollen Zusammenseins mit dem Meister. Ebenso wenig behinderte die Ersetzung der rettenden Evangeliumswahrheit der Gottessohnschaft durch die Tatsache der Auferstehung Jesu in irgendeiner Weise die rasche Ausbreitung ihrer Lehren; im Gegenteil schien diese Überschattung von Jesu Botschaft durch die neuen Lehren über seine Person und Auferstehung das Predigen der guten Nachricht bedeutend zu erleichtern.
(2061.8)194:2.10 Der Ausdruck „Taufe durch den Geist“, der in jener Zeit allgemein gebräuchlich wurde, bedeutete nur den bewussten Empfang der Gabe des Geistes der Wahrheit und die persönliche Anerkennung dieser neuen geistigen Macht als einer Verstärkung der von gottesbewussten Seelen bislang erfahrenen geistigen Einwirkungen.
(2061.9) 194:2.11 Seit der Verleihung des Geistes der Wahrheit erfährt der Mensch Unterweisung und Führung durch eine dreifache geistige Begabung: durch den Geist des Vaters — den Gedankenjustierer; den Geist des Sohnes — den Geist der Wahrheit; den Geist des Geistes — den Heiligen Geist.
(2062.1) 194:2.12 In gewissem Sinne steht die Menschheit unter der gemeinsamen Einwirkung der siebenfachen Anziehungskraft universaler Geist-Einflüsse. Die frühen evolutionären Rassen der Sterblichen geraten schrittweise unter den Einfluss der sieben mentalen Hilfsgeiste des Muttergeistes des Lokaluniversums. Während der Mensch intelligenzmäßig und in geistiger Erkenntnis Stufe um Stufe erklimmt, schweben am Ende die sieben höheren Geist-Einwirkungen über ihm und wohnen in ihm. Und diese sieben Geiste der im Fortschritt begriffenen Welten sind:
(2062.2) 194:2.13 1. Der vom Universalen Vater verliehene Geist — die Gedankenjustierer.
(2062.3) 194:2.14 2. Die Geist-Gegenwart des Ewigen Sohnes — die geistige Gravitation des Universums der Universen und der sichere Kanal aller geistigen Verbindung.
(2062.4) 194:2.15 3. Die Geist-Gegenwart des Unendlichen Geistes — der universale Geist-Verstand der ganzen Schöpfung, die geistige Quelle der intellektuellen Verwandtschaft aller progressiven Intelligenzen.
(2062.5) 194:2.16 4. Der Geist des Universalen Vaters und des Schöpfersohnes — der Geist der Wahrheit, im allgemeinen betrachtet als Geist des Universumssohnes.
(2062.6) 194:2.17 5. Der Geist des Unendlichen Geistes und der Geist der Universumsmutter — der Heilige Geist, im allgemeinen betrachtet als Geist des Universumsgeistes.
(2062.7) 194:2.18 6. Der Verstandesgeist des Geistes der Universumsmutter — die sieben mentalen Hilfsgeiste des Lokaluniversums.
(2062.8) 194:2.19 7. Der Geist des Vaters, der Söhne und der Geiste — der Geist mit neuem Namen der aufsteigenden Sterblichen der Welten nach der Fusion der sterblichen geistgeborenen Seele mit dem Paradies-Gedankenjustierer und nach dem späteren Erreichen der Göttlichkeit und Verherrlichung im Status des Paradies-Korps‘ der Finalität.
(2062.9) 194:2.20 Und so brachte die Ausgießung des Geistes der Wahrheit der Welt und ihren Völkern die letzte der Geistesgaben, deren Aufgabe es ist, ihnen bei der aufsteigenden Gottessuche zu helfen.
3. Was zu Pfingsten geschah
(2062.10) 194:3.1 Viele ausgefallene und seltsame Lehren knüpften sich an die frühen Berichte über den Pfingsttag. In späteren Zeiten wurden die Ereignisse dieses Tages, an dem der Geist der Wahrheit, der neue Lehrer, in die Menschheit einzog, mit den närrischen Kundgebungen eines überbordenden Gefühlsausbruchs verwechselt. Die Hauptaufgabe des ausgegossenen Geistes des Vaters und des Sohnes ist es, die Menschen in den Wahrheiten von der Liebe des Vaters und Barmherzigkeit des Sohnes zu unterrichten. Es sind diese Göttlichkeits-Wahrheiten, welche die Menschen besser verstehen können als alle anderen göttlichen Wesenszüge. Der Geist der Wahrheit hat in erster Linie mit der Offenbarung der Geistnatur des Vaters und des sittlichen Charakters des Sohnes zu tun. Der inkarnierte Schöpfersohn offenbarte Gott den Menschen; in ihren Herzen offenbart ihnen der Geist der Wahrheit den Schöpfersohn. Wenn ein Mensch in seinem Leben die „Früchte des Geistes“ trägt, dann lässt er nur die Wesenszüge erkennen, die der Meister in seinem eigenen Erdenleben manifestierte. Als Jesus auf Erden weilte, lebte er sein Leben als Einzelpersönlichkeit — als Jesus von Nazareth. Seit Pfingsten ist der Meister als der im Inneren wohnende Geist des „neuen Lehrers“ in der Lage, sein Leben von neuem in der Erfahrung jedes in der Wahrheit unterrichteten Gläubigen zu leben.
(2062.11) 194:3.2 Viele Dinge, die sich im Laufe eines menschlichen Lebens zutragen, sind schwer verständlich und kaum mit der Vorstellung zu vereinbaren, dass dies ein Universum ist, in dem die Wahrheit vorherrscht und die Rechtschaffenheit siegt. Es scheint so häufig, dass Verleumdung, Lügen, Unehrlichkeit und Ungerechtigkeit — Sünde — überwiegen. Triumphiert denn der Glaube am Ende über Übel, Sünde und Frevelei? Mit Sicherheit. Jesu Leben und Tod sind der ewige Beweis dafür, dass die Wahrheit der Güte und der Glaube des vom Geist geführten Geschöpfes immer gerechtfertigt sind. Sie verhöhnten Jesus am Kreuz mit den Worten: „Lasst uns sehen, ob Gott kommen und ihn befreien wird.“ Es sah düster aus an jenem Kreuzigungstag, aber der Auferstehungsmorgen war wunderbar hell; und noch heller und freudiger war der Pfingsttag. Die Religionen pessimistischer Verzweiflung trachten danach, Befreiung von den Bürden des Lebens zu erlangen; sie sehnen sich nach Auslöschung in Schlummer und Ruhe ohne Ende. Es sind die Religionen der Angst und des Grauens der Primitiven. Die Religion Jesu ist ein neues Evangelium des Glaubens, das der ringenden Menschheit verkündet werden muss. Diese neue Religion gründet auf Glauben, Hoffnung und Liebe.
(2063.1) 194:3.3 Das sterbliche Leben versetzte Jesus seine härtesten, grausamsten und bittersten Schläge; aber dieser Mann begegnete den hoffnungslosen Situationen mit Glauben, Mut und der unerschütterlichen Entschlossenheit, den Willen seines Vaters zu tun. Jesus trat dem Leben in seiner ganzen schrecklichen Realität gegenüber und meisterte es — sogar im Tod. Er benutzte die Religion nicht als Befreiung vom Leben. Jesu Religion sucht nicht, diesem Leben zu entrinnen, um die in einer anderen Existenz wartende Glückseligkeit zu genießen. Jesu Religion verschafft die Freude und den Frieden einer andersartigen, geistigen Existenz, wodurch das Leben, das die Menschen jetzt auf Erden leben, aufgewertet und veredelt wird.
(2063.2) 194:3.4 Wenn eine Religion Opium für das Volk ist, dann ist es nicht die Religion Jesu. Am Kreuz weigerte er sich, die betäubende Droge zu trinken, und sein über alle Menschen ausgegossener Geist ist eine gewaltige Macht in der Welt, welche die Menschen aufwärts führt und sie vorwärts treibt. Der geistige Drang nach vorn ist die mächtigste in dieser Welt vorhandene Antriebskraft; der Gläubige, der die Wahrheit kennen lernt, ist die progressive und dynamische Seele auf Erden.
(2063.3)194:3.5 Am Pfingsttag durchbrach die Religion von Jesus alle nationalen Schranken und rassischen Fesseln. Für immer ist wahr: „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“ An diesem Tag wurde der Geist der Wahrheit zum persönlichen Geschenk des Meisters an jeden Sterblichen. Dieser Geist wurde in der Absicht verliehen, die Gläubigen zu einem wirksameren Predigen des Evangeliums vom Königreich zu befähigen, aber sie hielten ihre Erfahrung, den ausgegossenen Geist empfangen zu haben, fälschlicherweise für einen Teil des neuen Evangeliums, das sie unbewusst formulierten.
(2063.4) 194:3.6 Überseht nicht die Tatsache, dass der Geist der Wahrheit allen aufrichtigen Gläubigen geschenkt wurde; diese Gabe des Geistes kam nicht nur zu den Aposteln. Alle hundertzwanzig im oberen Raum versammelten Männer und Frauen empfingen den neuen Lehrer ebenso wie alle in ihren Herzen Aufrichtigen der ganzen Welt. Der neue Lehrer war ein Geschenk an die ganze Menschheit, und jede Seele empfing ihn nach Maßgabe ihrer Wahrheitsliebe und Fähigkeit, geistige Realitäten zu erfassen und zu verstehen. Endlich ist die wahre Religion aus der Gewalt der Priester und aller sakralen Gruppen befreit und findet ihren wirklichen Ausdruck in der individuellen Menschenseele.
(2063.5) 194:3.7 Die Religion Jesu fördert den höchsten Typus menschlicher Zivilisation, indem sie den höchsten Typus einer geistigen Persönlichkeit schafft und den geheiligten Charakter dieser Person verkündet.
(2063.6)194:3.8 Das Kommen des Geistes der Wahrheit zu Pfingsten machte eine Religion möglich, die weder radikal noch konservativ ist; sie ist weder alt noch neu; sie soll weder von den Alten noch von den Jungen dominiert werden. Die Tatsache von Jesu Erdenleben liefert einen Fixpunkt für den Anker der Zeit, während die Verleihung des Geistes der Wahrheit für die immerdauernde Expansion und das endlose Wachstum der von Jesus gelebten Religion und des von ihm verkündeten Evangeliums sorgt. Der Geist führt in alle Wahrheit; er ist der Lehrer einer expandierenden und stetig wachsenden Religion endlosen Fortschritts und göttlicher Entfaltung. Dieser neue Lehrer wird dem Gläubigen, der nach der Wahrheit sucht, unaufhörlich das enthüllen, was in der Person und im Wesen des Menschensohnes so göttlich verborgen war.
(2064.1) 194:3.9 Die mit der Gabe des „neuen Lehrers“ einhergehenden Manifestationen und die Aufnahme der Predigt der Apostel durch die in Jerusalem zusammengekommenen Menschen verschiedener Rassen und Nationen sind ein Zeichen für die Universalität der Religion Jesu. Das Evangelium vom Königreich sollte mit keiner bestimmten Rasse, Kultur oder Sprache identifiziert werden. Der Pfingsttag sah die große Anstrengung des Geistes, um Jesu Religion von ihren ererbten jüdischen Fesseln zu befreien. Sogar noch nach dieser demonstrativen Ausschüttung des Geistes auf alle Menschen bemühten sich die Apostel am Anfang eifrig darum, ihren Neubekehrten die Forderungen des Judaismus aufzuerlegen. Auch Paulus bekam Schwierigkeiten mit seinen Brüdern in Jerusalem, weil er sich weigerte, die Nichtjuden diesen jüdischen Praktiken zu unterwerfen. Keine offenbarte Religion kann sich über die ganze Welt verbreiten, wenn sie den schweren Fehler macht, sich von nationaler Kultur durchdringen oder sich mit bestehenden rassischen, sozialen oder wirtschaftlichen Praktiken in Verbindung bringen zu lassen.
(2064.2) 194:3.10 Die Austeilung des Geistes der Wahrheit geschah unabhängig von allen Formen, Zeremonien, heiligen Stätten oder von speziellen Verhaltensweisen derer, die die Fülle seiner Manifestation empfingen. Als der Geist über die im oberen Raum Versammelten kam, saßen sie ganz einfach da, nachdem sie eben still zu beten begonnen hatten. Der Geist wurde sowohl auf dem Land als auch in der Stadt ausgegossen. Es war nicht nötig, dass sich die Apostel für Jahre einsamer Meditation an einen abgelegenen Ort zurückzogen, um den Geist zu empfangen. Pfingsten trennt für alle Zeiten die Idee geistiger Erfahrung von der Vorstellung von einer dafür besonders günstigen Umgebung.
(2064.3)194:3.11 Pfingsten mit seiner geistigen Ausrüstung war bestimmt, die Religion des Meisters für immer von aller Verbindung mit physischer Kraft zu trennen; die Lehrer der neuen Religion sind jetzt mit geistigen Waffen ausgestattet. Sie sollen ausziehen und die Welt mit nie versagendem Verzeihen, beispiellos gutem Willen und überströmender Liebe erobern. Sie sind dafür ausgerüstet, Böses durch Gutes zu überwinden, Hass durch Liebe zu besiegen und Furcht durch einen mutigen und lebendigen Glauben an die Wahrheit zu zerstören. Jesus hatte seine Anhänger bereits gelehrt, dass seine Religion niemals passiv sei; seine Jünger sollten in ihrem Amt der Barmherzigkeit und in ihren Liebesäußerungen stets aktiv und positiv sein. Diese Gläubigen sahen Jahwe nicht länger als den „Herrn der Heerscharen“. Die ewige Gottheit betrachteten sie jetzt als „Gott und Vater des Herrn Jesus Christus“. Sie machten wenigstens diesen Fortschritt, wenn sie auch in gewissem Maße dabei scheiterten, die Wahrheit voll zu erfassen, dass Gott auch der geistige Vater jedes Einzelnen ist.
(2064.4) 194:3.12 Pfingsten hat dem sterblichen Menschen die Macht verliehen, persönliche Kränkungen zu vergeben, inmitten der schreiendsten Ungerechtigkeiten Sanftmut zu bewahren, angesichts einer schrecklichen Gefahr ruhig zu bleiben und die Übel des Hasses und des Zorns durch furchtlose Akte der Liebe und der Nachsicht herauszufordern. Urantia ist in seiner Geschichte durch die Verwüstungen großer und zerstörerischer Kriege gegangen. Alle an diesen fürchterlichen Kämpfen Beteiligten erlitten eine Niederlage. Es gab nur einen Sieger; es gab nur einen, der aus diesen erbitterten Auseinandersetzungen mit gestärktem Ansehen hervorging — Jesus von Nazareth mit seinem Evangelium der Überwindung des Bösen durch das Gute. Das Geheimnis einer besseren Zivilisation ist eng verknüpft mit des Meisters Lehren von der Bruderschaft der Menschen, vom guten Willen der Liebe und vom gegenseitigen Vertrauen.
(2065.1) 194:3.13 Bis Pfingsten hatte die Religion nur den nach Gott suchenden Menschen erkennen lassen; seit Pfingsten sucht der Mensch immer noch nach Gott, aber über der Welt leuchtet jetzt auch der Anblick eines Gottes, der den Menschen sucht und, wenn dieser ihn gefunden hat, seinen Geist sendet, damit er in ihm Wohnung nehme.
(2065.2)194:3.14 Vor Jesu Unterweisungen, die in Pfingsten ihren Höhepunkt hatten, besaß die Frau in den Lehren der älteren Religionen nur einen geringen oder gar keinen geistigen Rang. Nach Pfingsten war die Frau in der Bruderschaft des Königreichs dem Mann vor Gott gleichgestellt. Unter den Hundertundzwanzig, die dieses besondere Herabkommen des Geistes empfingen, befanden sich viele Jüngerinnen, und sie hatten gleichen Anteil an diesen Segnungen wie die männlichen Gläubigen. Der Mann kann sich nicht länger anmaßen, das Amt des Religionsdieners zu monopolisieren. Der Pharisäer mochte fortfahren, Gott dafür zu danken, dass er „nicht als Frau, Leprakranker oder Heide geboren war“, aber unter Jesu Anhängern ist die Frau für immer von aller geschlechtsbedingten religiösen Diskriminierung befreit. Pfingsten löschte jegliche religiöse Diskriminierung aus, die auf Rassenunterschieden, kultureller Verschiedenheit, sozialen Kasten oder geschlechtsbezogenen Vorurteilen beruht. Kein Wunder, dass die Gläubigen dieser neuen Religion ausriefen: „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“
(2065.3) 194:3.15 Sowohl die Mutter als auch der Bruder Jesu befanden sich unter den hundertundzwanzig Gläubigen, und als Mitglieder dieses Jüngerkreises empfingen auch sie den ausgegossenen Geist. Sie empfingen nicht mehr von dieser guten Gabe als ihre Gefährten. Die Mitglieder von Jesu irdischer Familie erhielten kein besonderes Geschenk. Pfingsten markierte das Ende besonderer Priesterschaften und jeglichen Glaubens an heilige Familien.
(2065.4)194:3.16 Vor Pfingsten hatten die Apostel viel aufgegeben, um Jesus zu folgen. Sie hatten ihr Zuhause, ihre Familien, Freunde, weltlichen Güter und Stellungen geopfert. Zu Pfingsten gaben sie Gott sich selbst, und der Vater und der Sohn antworteten, indem sie den Menschen sich selbst gaben — indem sie ihre Geiste sandten, um in den Menschen zu wohnen. Diese Erfahrung, das Selbst zu verlieren und den Geist zu finden, war nicht emotional; es war ein Akt intelligenter Selbstaufgabe und rückhaltloser Weihung.
(2065.5)194:3.17 Pfingsten war der Aufruf zu geistiger Einheit unter den Evangeliumsgläubigen. Als der Geist in Jerusalem auf die Jünger herabkam, geschah dasselbe auch in Philadelphia, Alexandrien und an allen anderen Orten, wo wahre Gläubige wohnten. Es war buchstäblich wahr, dass „die Menge der Gläubigen ein Herz und eine Seele war“. Die Religion Jesu ist der mächtigste einigende Einfluss, den die Welt je gekannt hat.
(2065.6)194:3.18 Pfingsten war dazu bestimmt, die Selbstanmaßung von Einzelnen, Gruppen, Nationen und Rassen zu vermindern. Es ist dieser Geist der Selbstanmaßung, dessen Spannung so zunimmt, dass er sich periodisch in zerstörerischen Kriegen entlädt. Die Menschheit kann nur auf dem geistigen Weg zur Einheit gelangen, und der Geist der Wahrheit ist ein weltweiter universeller Einfluss.
(2065.7)194:3.19 Das Kommen des Geistes der Wahrheit läutert das menschliche Herz und bringt den Empfänger dahin, seine Lebensaufgabe einzig in der Ausrichtung auf den Willen Gottes und das Wohlergehen der Menschen zu sehen. Der materielle Geist der Selbstsucht ist von diesem neuen geistigen Geschenk der Selbstlosigkeit verschlungen worden. Pfingsten bedeutet damals wie heute, dass der geschichtliche Jesus zum göttlichen Sohn einer lebendigen Erfahrung geworden ist. Wenn die Freude des ausgegossenen Geistes im menschlichen Leben bewusst erfahren wird, belebt sie die Gesundheit, regt das Denken an und ist eine nie versiegende Energie für die Seele.
(2065.8)194:3.20 >Es war nicht das Gebet, das den Geist am Pfingsttag brachte, aber es bestimmte beträchtlich die jeweilige Empfangsbereitschaft der einzelnen Gläubigen. Das Gebet bewegt das göttliche Herz nicht zu freigiebigem Schenken, aber oft gräbt es breitere und tiefere Kanäle, durch welche die göttlichen Gaben zu den Herzen und Seelen derer fließen können, die nicht müde werden, durch aufrichtiges Beten und wahre Anbetung eine ununterbrochene Verbindung mit ihrem Schöpfer aufrechtzuerhalten.
4. Anfänge der christlichen Kirche
(2066.1) 194:4.1 Als Jesus so plötzlich von seinen Feinden gefasst und so schnell zwischen zwei Dieben gekreuzigt wurde, waren seine Apostel und Jünger völlig demoralisiert. Die Vorstellung von dem verhafteten, gebundenen, ausgepeitschten und gekreuzigten Meister war sogar für die Apostel zu viel. Sie vergaßen seine Lehren und Warnungen. Er mochte tatsächlich ein „an Taten und Worten mächtiger Prophet vor Gott und allem Volk“ gewesen sein, aber er konnte schwerlich der Messias sein, von dem sie gehofft hatten, er werde das Königreich Israel wiederherstellen.
(2066.2) 194:4.2 Dann kommt die Auferstehung und mit ihr die Befreiung von der Verzweiflung und die Rückkehr des Glaubens an des Meisters Göttlichkeit. Wieder und wieder sehen sie ihn und sprechen mit ihm, und er führt sie auf den Ölberg, wo er von ihnen Abschied nimmt und ihnen sagt, dass er zum Vater zurückkehrt. Er hat sie geheißen, in Jerusalem zu warten, bis ihnen Macht gegeben werde — bis der Geist der Wahrheit komme. Und am Pfingsttag kommt dieser neue Lehrer, und sie gehen sofort hinaus und predigen ihr Evangelium mit neuer Macht. Sie sind die unerschrockenen und mutigen Anhänger eines lebendigen Herrn, nicht eines toten und unterlegenen Führers. Der Meister lebt in den Herzen dieser Evangelisten; Gott ist in ihrer Vorstellung keine Doktrin; er ist in ihren Seelen lebendige Gegenwart geworden.
(2066.3)194:4.3 „Tag für Tag predigten sie unerschütterlich und einmütig im Tempel weiter und brachen zu Hause das Brot. Sie saßen fröhlichen und aufrichtigen Herzens miteinander bei Tische, priesen Gott und waren beim ganzen Volk beliebt. Sie waren alle vom Geist erfüllt und predigten das Wort Gottes mit Kühnheit. Und die Scharen derer, die glaubten, waren ein Herz und eine Seele; und kein einziger von ihnen sagte, dass irgendetwas von dem, was er besaß , ihm gehöre, und sie teilten alles miteinander.“
(2066.4) 194:4.4 Was ist mit diesen Menschen geschehen, denen Jesus aufgetragen hatte, hinauszugehen und das Evangelium vom Königreich, die Vaterschaft Gottes und die Bruderschaft der Menschen, zu predigen? Sie haben ein neues Evangelium; eine neue Erfahrung hat sie entflammt; sie sind von einer neuen geistigen Energie durchdrungen. Ihre Botschaft hat sich plötzlich in die Verkündigung vom auferstandenen Christus verwandelt: „Jesus von Nazareth, den Gott mit mächtigen Werken und Wundern beglaubigt hat, ihn, der nach Gottes Ratschluss und Vorauswissen ausgeliefert wurde, habt ihr gekreuzigt und umgebracht. Er hat die Dinge erfüllt, die Gott durch den Mund aller Propheten vorausgesagt hat. Diesen Jesus hat Gott auferweckt. Gott hat ihn zum Herrn und Christus gemacht. Zur Rechten Gottes ist er verherrlicht worden, und er hat vom Vater das Versprechen des Geistes erhalten und er hat ausgegossen, was ihr seht und hört. Geht in euch, auf dass eure Sünden getilgt werden; auf dass der Vater den Christus sende, der für euch berufen wurde, diesen Jesus, den der Himmel aufnehmen muss bis zur Zeit der Wiederherstellung aller Dinge.“
(2066.5) 194:4.5 Das Evangelium vom Königreich, die Botschaft Jesu hatte sich plötzlich in das Evangelium vom Herrn Jesus Christus verwandelt. Die Jünger verkündeten jetzt die Tatsachen seines Lebens, seines Todes und seiner Auferstehung und predigten die Hoffnung auf seine rasche Wiederkehr in diese Welt, damit er das von ihm begonnene Werk abschließe. Die Botschaft der ersten Gläubigen beinhaltete somit das Predigen über die Tatsachen seines ersten Kommens und das Lehren der Hoffnung auf sein zweites Kommen, ein Ereignis, das in ihren Augen kurz bevorstand.
(2067.1) 194:4.6 Christus war im Begriff, zum Kredo der sich rasch bildenden Kirche zu werden. Jesus lebt; er ist für die Menschen gestorben; er hat den Geist gegeben; er wird wiederkommen. Jesus erfüllte all ihre Gedanken und bestimmte ihre ganze neue Gottesvorstellung und alles andere. Ihr Enthusiasmus über die neue Doktrin, dass „Gott der Vater des Herrn Jesus ist“, war zu groß, als dass sie der alten Botschaft gedacht hätten, dass „Gott der liebende Vater aller Menschen ist“ — und sogar jedes Einzelnen. Es ist wahr, dass in diesen frühen Gemeinschaften von Gläubigen eine wunderbare Bekundung brüderlicher Liebe und nie dagewesenen guten Willens aufblühte. Aber es war eine Bruderschaft von Jesusgläubigen und keine Gemeinschaft von Brüdern in der Familie des Königreichs des Vaters im Himmel. Ihr guter Wille erwuchs aus der Liebe, die die Vorstellung von Jesu Selbsthingabe in ihnen wachrief, und nicht aus der Erkenntnis, dass die sterblichen Menschen Brüder sind. Nichtsdestoweniger waren sie von Freude erfüllt, und sie lebten derartig neue und einzigartige Leben, dass sich alle Menschen von ihren Lehren über Jesus angezogen fühlten. Sie begingen den großen Fehler, den lebendigen und bilderreichen Kommentar zum Evangelium vom Königreich an dessen Stelle zu gebrauchen, aber selbst das stellte die größte Religion dar, die die Menschheit je gekannt hatte.
(2067.2)194:4.7 Unverkennbar war in der Welt eine neuartige Gemeinschaft im Entstehen. „Die Menge der Gläubigen übte sich unentwegt in der Lehre und Brüderlichkeit der Apostel, im Brechen des Brotes und in Gebeten.“ Sie nannten sich gegenseitig Bruder und Schwester; sie begrüßten einander mit einem heiligen Kuss; sie standen den Armen bei. Brüderlichkeit herrschte sowohl im Leben wie bei der Anbetung. Dieses Gemeinschaftsleben war nicht verordnet worden, sondern entsprang ihrem Wunsch, ihren Besitz mit ihren Glaubensbrüdern zu teilen. Sie warteten vertrauensvoll darauf, dass Jesus zurückkehren werde, um noch in ihrer Generation die Errichtung des Königreichs des Vaters zu vollenden. Dieses spontane Teilen irdischer Güter gehörte nicht unmittelbar zu Jesu Lehre; es entstand, weil diese Männer und Frauen so aufrichtig und zuversichtlich glaubten, er könne jeden Tag zurückkehren, um sein Werk abzuschließen und das Königreich zu vollenden. Aber die Endresultate dieses gut gemeinten Experiments in unbedachter brüderlicher Liebe waren verheerend und verursachten viel Leid. Tausende von aufrichtigen Gläubigen verkauften ihre Grundstücke und gaben ihr ganzes Vermögen und andere rentable Werte weg. Im Laufe der Zeit schwanden die Mittel des christlichen „gleichmäßigen Teilens“ und gingen zu Ende — aber nicht so die Welt. Schon sehr bald veranstalteten die Gläubigen von Antiochia eine Sammlung, um ihre Glaubensbrüder in Jerusalem vor dem Hunger zu bewahren.
(2067.3)194:4.8 In diesen Tagen feierten sie das Abendmahl des Herrn in seiner ursprünglichen Form; das heißt, sie versammelten sich zu einem geselligen und freundschaftlichen Essen und nahmen am Ende des Mahls am Sakrament teil.
(2067.4)194:4.9 Am Anfang tauften sie im Namen Jesu; fast zwanzig Jahre verstrichen, bevor sie „im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ zu taufen begannen. Die Taufe war alles, was verlangt wurde, um in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen zu werden. Sie besaßen noch keine Organisation; sie waren einfach die Jesus-Bruderschaft.
(2067.5) 194:4.10 Diese Jesus-Sekte wuchs rasch, und wiederum wurden die Sadduzäer auf sie aufmerksam. Die Pharisäer beunruhigte die Situation kaum angesichts der Tatsache, dass keine der Lehren die Einhaltung der jüdischen Gesetze irgendwie hinderte. Aber die Sadduzäer begannen, die Führer der Jesus-Sekte ins Gefängnis zu werfen, bis sie sich dazu bewegen ließen, der Empfehlung Gamaliels, eines der führenden Rabbiner, zu folgen, der ihnen riet: „Rührt diese Männer nicht an und lasst sie in Ruhe, denn wenn dieser Plan, dieses Werk von Menschen stammt, wird es untergehen; wenn es aber von Gott stammt, werdet ihr nicht fähig sein, diese Leute zu vernichten und es könnte euch dann geschehen, dass ihr euch im Kampf mit Gott befindet.“ Sie beschlossen, dem Rat Gamaliels zu folgen, und darauf begann in Jerusalem eine Zeit des Friedens und der Ruhe, während welcher sich das neue Evangelium über Jesus rasch ausbreitete.
(2068.1) 194:4.11 Und so ging alles gut in Jerusalem bis zu der Zeit, da Griechen in großer Zahl von Alexandrien herkamen. Zwei Schüler von Rodan trafen in Jerusalem ein und bekehrten viele aus den Reihen der Hellenisten. Unter ihren ersten Bekehrten befanden sich Stephanus und Barnabas. Diese fähigen Griechen vertraten nicht so sehr den jüdischen Gesichtspunkt und hielten sich nicht besonders eng an die jüdische Art der Anbetung und andere zeremonielle Praktiken. Es war das Verhalten dieser griechischen Gläubigen, das die friedlichen Beziehungen zwischen der Jesus-Bruderschaft und den Pharisäern und Sadduzäern beendete. Stephanus und seine griechischen Gefährten begannen, mehr nach Jesu Art zu lehren, und das brachte sie in unmittelbaren Konflikt mit den jüdischen Führern. Als Stephanus während einer seiner öffentlichen Predigten an einen Punkt kam, der Anstoß erregte, verzichteten sie auf alle Formalitäten eines Prozesses und steinigten ihn auf der Stelle zu Tode.
(2068.2) 194:4.12 So wurde Stephanus, der Führer der griechischen Kolonie von Jesusgläubigen in Jerusalem, zum ersten Märtyrer des neuen Glaubens und zum konkreten Anlass für die formelle Organisation der frühen christlichen Kirche. Man gewann aus dieser neuen Krise die Einsicht, dass die Gläubigen nicht länger als Sekte innerhalb des jüdischen Glaubens weiter bestehen konnten. Sie stimmten alle darin überein, sich von den Nichtglaubenden trennen zu müssen; und innerhalb eines Monats nach Stephanus‘ Tod war die Kirche in Jerusalem unter Führung von Petrus organisiert und Jakobus, Jesu Bruder, als nominelles Oberhaupt eingesetzt worden.
(2068.3)194:4.13 Und dann begannen die neuen und schonungslosen Verfolgungen durch die Juden, so dass die aktiven Lehrer der neuen Religion über Jesus, die später in Antiochia Christentum genannt wurde, Jesus bis an die Enden des Kaiserreichs verkünden gingen. Die Führung bei der Verbreitung dieser Botschaft lag vor Paulus‘ Zeiten in griechischen Händen; und diese ersten Missionare folgten ebenso wie die späteren dem Weg des einstigen Alexanderzuges über Gaza und Tyrus nach Antiochia, dann über Kleinasien nach Mazedonien und weiter nach Rom und bis in die entferntesten Teile des Kaiserreichs.
Das Urantia Buch
Schrift 193
Letzte Erscheinungen und Himmelfahrt
(2052.1) 193:0.1 JESU sechzehnte morontielle Manifestation ereignete sich [...] im Hof des Nikodemus. An diesem Abend hatten die Gläubigen von Jerusalem seit der Auferstehung ihren ersten Versuch gemacht, einander zu treffen. [...] Über eine halbe Stunde lang hatten diese Gläubigen zwanglos miteinander gesprochen, als plötzlich der morontielle Meister sehr gut sichtbar erschien und sie sofort zu unterweisen begann. Jesus sagte:
(2052.2) 193:0.2 „Friede sei mit euch. [...] Ich rufe euch jetzt zu Zeugen an, dass ich euch im Voraus gesagt habe, mein Aufenthalt unter euch müsse zu Ende gehen; ich habe euch gesagt, dass ich bald zum Vater zurückkehren muss. Und dann habe ich euch in aller Klarheit gesagt, dass die obersten Priester und Führer der Juden mich dem Tod überantworten würden und dass ich vom Grabe auferstehen würde. [...] Ihr habt mir nicht zu glauben vermocht [...]
(2052.3) 193:0.3 Und ihr solltet jetzt gut auf meine Worte hören, um ja nicht wieder denselben Fehler zu begehen, meiner Unterweisung zwar mit dem Verstand zuzuhören, dabei aber zu verfehlen, in euren Herzen ihren Sinn zu verstehen. [...] Ich habe euch Gott als euren Vater im Himmel offenbart; und euch selber habe ich als Gottes Söhne auf Erden offenbart. Es ist eine Tatsache, dass Gott euch, seine Söhne, liebt. Durch euren Glauben an mein Wort wird diese Tatsache in euren Herzen zu einer ewigen und lebendigen Wahrheit. Wenn ihr durch den lebendigen Glauben auf göttliche Weise gottesbewusst werdet, dann seid ihr aus dem Geiste geboren als Kinder des Lichts und Lebens, eben dieses ewigen Lebens, dank dessen ihr im Universum der Universen aufsteigen und die Erfahrung machen werdet, Gott den Vater im Paradies zu finden.
(2052.4) 193:0.4 [...] Verkündet die ganze Wahrheit der guten Nachricht, nicht nur einen Teil des rettenden Evangeliums. Eure Botschaft erfährt durch mein Auferstehungserlebnis keine Änderung. [...] Was der Welt zu wissen am meisten Not tut, ist dies: Die Menschen sind die Söhne Gottes, und durch den Glauben können sie sich dieser erhebenden Wahrheit tatsächlich bewusst werden und sie täglich erfahren. Meine Selbsthingabe sollte allen Menschen helfen zu wissen, dass sie Kinder Gottes sind, aber ein solches Wissen wird nicht genügen, wenn es ihnen nicht gelingt, durch ihren Glauben persönlich die rettende Wahrheit zu erfassen, dass sie die lebendigen Geistessöhne des ewigen Vaters sind. Das Evangelium vom Königreich handelt von der Liebe des Vaters und vom Dienen seiner Kinder auf Erden.
(2053.1) 193:0.5 Ihr teilt hier miteinander das Wissen um meine Auferstehung von den Toten, aber daran ist nichts Erstaunliches. Ich habe die Macht, mein Leben abzulegen und es wieder aufzunehmen; solche Macht verleiht der Vater seinen Paradies-Söhnen. Vielmehr sollte das Wissen eure Herzen bewegen, dass bald nachdem ich Josephs neues Grab verlassen habe, die Toten eines Zeitalters mit dem ewigen Aufstieg begonnen haben. Ich habe mein Leben als Mensch gelebt, um zu zeigen, wie ihr durch liebendes Dienen für eure Mitmenschen zu Gottesoffenbarern werden könnt, genau so wie ich für euch dadurch zu einem Gottesoffenbarer geworden bin, dass ich euch geliebt und euch gedient habe. Ich habe unter euch als Menschensohn gelebt, damit ihr und alle anderen Menschen wisst, dass ihr alle in der Tat Söhne Gottes seid. Geht deshalb jetzt in alle Welt hinaus, um allen Menschen dieses Evangelium vom Königreich des Himmels zu predigen. Liebt alle Menschen, wie ich euch geliebt habe; dient euren Mitmenschen, wie ich euch gedient habe. Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben. Wartet hier in Jerusalem nur so lange, bis ich zum Vater gehe und euch den Geist der Wahrheit sende. Dieser wird euch in die umfassendere Wahrheit führen, und ich werde mit euch in alle Welt hinausgehen. Ich bin immer bei euch, und meinen Frieden lasse ich euch.“ [...]
1. Die Erscheinung in Sychar
(2053.3) 193:1.1 Am Samstagnachmittag, dem 13. Mai gegen vier Uhr, erschien der Meister Nalda und etwa fünfundsiebzig gläubigen Samaritanern in der Nähe des Jakobsbrunnens in Sychar. [...] als Jesus plötzlich vor ihnen erschien und sagte:
(2053.4) 193:1.2 „Friede sei mit euch. Ihr freut euch zu wissen, dass ich die Auferstehung und das Leben bin, aber das wird euch nichts bringen, wenn ihr nicht zuerst aus dem ewigen Geist geboren seid und so durch euren Glauben in den Besitz des Geschenks des ewigen Lebens gelangt. Wenn ihr die Glaubenssöhne meines Vaters seid, werdet ihr nie sterben, nie untergehen. Das Evangelium vom Königreich hat euch gelehrt, dass alle Menschen Gottessöhne sind. Und diese gute Nachricht von der Liebe des himmlischen Vaters zu seinen Kindern auf Erden muss in alle Welt hinausgetragen werden. Die Zeit ist gekommen, da ihr Gott weder auf dem Berg Gerizim noch in Jerusalem anbetet, sondern dort, wo ihr seid, so wie ihr seid, im Geist und in der Wahrheit. Euer Glaube ist es, der eure Seelen rettet. Die Rettung ist das Geschenk Gottes an alle, die daran glauben, seine Söhne zu sein. Aber täuscht euch nicht: Zwar gibt Gott dieses Heil umsonst und verschenkt es an alle, die es durch ihren Glauben empfangen, aber danach folgt die Erfahrung, die Früchte dieses geistigen Lebens hervorzubringen, wie ihr es auf Erden lebt. Wenn ihr die Lehre von der Vaterschaft Gottes bejaht, schließt das mit ein, dass ihr auch aus freien Stücken die damit verknüpfte Wahrheit von der Bruderschaft der Menschen bejaht. Und wenn der Mensch euer Bruder ist, ist er mehr als nur euer Nächster, den wie euch selber zu lieben der Vater von euch verlangt. Da euer Bruder zu eurer eigenen Familie gehört, werdet ihr ihn nicht nur mit einer in der Familie herrschenden Zuneigung lieben, sondern ihm auch dienen, wie ihr euch selber dienen würdet. Und ihr werdet euren Bruder in dieser Weise lieben und ihm dienen, weil ich euch, die ihr meine Brüder seid, in dieser Weise geliebt und euch gedient habe. Geht nun in alle Welt hinaus und verkündet diese gute Nachricht allen Geschöpfen jeder Rasse, jedes Völkerstamms und jeder Nation. Mein Geist wird vor euch hergehen, und ich werde immer bei euch sein.“. [...]
2. Die phönizische Erscheinung
(2054.2) 193:2.1 Die achtzehnte morontielle Erscheinung des Meisters geschah am Dienstag, dem 16. Mai etwas vor neun Uhr abends in Tyrus. Wieder erschien er am Ende einer Zusammenkunft von Gläubigen, als diese gerade auseinander gehen wollten, und sagte:
(2054.3) 193:2.2„Friede sei mit euch. Ihr freut euch zu wissen, dass der Menschensohn von den Toten auferstanden ist, weil daher euer Wissen rührt, dass auch ihr und eure Brüder nach dem leiblichen Tod weiterleben werdet. Aber dieses Fortleben hängt davon ab, ob ihr zuvor aus dem Geiste der Wahrheitssuche und Gottfindung geboren seid. Das Brot und das Wasser des Lebens werden nur denjenigen gegeben, die nach Wahrheit hungern und nach Rechtschaffenheit — nach Gott — dürsten. Die Tatsache, dass die Toten auferstehen, ist nicht das Evangelium vom Königreich. Diese großen Wahrheiten und Tatsachen des Universums stehen alle insofern mit dem Evangelium in Beziehung, als sie ein Teilergebnis des Glaubens an die gute Nachricht sind und zu der späteren Erfahrung derer gehören, die durch den Glauben in Tat und Wahrheit zu unsterblichen Söhnen des ewigen Gottes werden. Mein Vater hat mich in die Welt gesandt, damit ich allen Menschen dieses rettende Heil der Sohnschaft verkündige. Und desgleichen sende ich euch aus, dieses Heil der Sohnschaft zu predigen. Gott gibt das Heil umsonst, aber wer vom Geist geboren ist, wird sogleich beginnen, die Früchte des Geistes zu zeigen, indem er seinen Mitgeschöpfen in Liebe dient. Und die Früchte des göttlichen Geistes, die geistgeborene und Gott kennende Sterbliche in ihrem Leben hervorbringen, sind: Liebevolles Dienen, selbstlose Hingabe, mutige Treue, ehrliche Fairness, erleuchtete Aufrichtigkeit, nie versiegende Hoffnung, vertrauensvolle Zuversicht, erbarmende Umsorgung, unerschöpfliche Güte, vergebende Toleranz und dauernder Friede. Wenn angebliche Gläubige in ihrem Leben nicht diese Früchte des göttlichen Geistes tragen, sind sie tot; der Geist der Wahrheit ist nicht in ihnen; sie sind unnütze Reben am lebendigen Weinstock, und sie werden bald entfernt werden. Mein Vater verlangt von den Kindern des Glaubens, dass sie viel geistige Frucht tragen. Wenn ihr nicht fruchtbar seid, wird er deshalb rings um eure Wurzeln graben und eure unfruchtbaren Reben abschneiden. Während ihr im Königreich Gottes himmelwärts schreitet, müsst ihr immer mehr Früchte des Geistes tragen. Vielleicht betretet ihr das Königreich noch wie ein Kind, aber der Vater verlangt, dass ihr durch die Gnade zur vollen Größe geistiger Mündigkeit heranwachst. Und wenn ihr in die Fremde zieht, um allen Völkern die gute Nachricht von diesem Evangelium zu bringen, werde ich euch vorangehen, und mein Geist der Wahrheit wird in euren Herzen wohnen. Meinen Frieden lasse ich euch.“ [...]
3. Letzte Erscheinung in Jerusalem
(2055.1) 193:3.1 Früh am Donnerstagmorgen, dem 18. Mai, erschien Jesus zum letzten Mal als morontielle Persönlichkeit auf Erden. Als sich die elf Apostel im oberen Raum des Hauses von Maria Markus gerade zum Frühstück setzen wollten, erschien er ihnen und sagte:
(2055.2) 193:3.2 „Friede sei mit euch. Ich habe euch aufgefordert, hier in Jerusalem zu warten, bis ich zum Vater aufsteige und sogar bis ich euch den Geist der Wahrheit sende, der bald über alle Menschen ausgegossen werden wird und der euch mit Kraft von oben ausrüsten wird.“ Simon Zelotes unterbrach Jesus mit der Frage: „Meister, willst du demnach das Königreich wiederherstellen, und werden wir sehen, wie sich Gottes Herrlichkeit auf Erden zeigt?“ Jesus hörte sich Simons Frage an und antwortete: „Simon, du klammerst dich immer noch an deine alten Vorstellungen von einem jüdischen Messias und einem materiellen Königreich. Aber geistige Kraft wird dir zuteil werden, wenn einmal der Geist auf dich herabgekommen ist, und du wirst bald in alle Welt hinausgehen, um das Evangelium vom Königreich zu predigen. Wie der Vater mich in die Welt gesandt hat, so sende ich euch. Und ich wünsche, dass ihr euch liebt und einander vertraut. Judas ist nicht mehr bei euch, weil seine Liebe erkaltete und weil er euch, seinen treuen Brüdern, das Vertrauen verweigerte. Habt ihr nicht in der Schrift gelesen, wo geschrieben steht: ‚Es ist nicht gut für den Menschen, allein zu sein. Niemand lebt für sich selbst‘? Und wo es auch heißt: ‚Wer Freunde haben möchte, muss sich freundlich zeigen‘? Und habe ich euch nicht auch immer zu zweit zum Lehren ausgesandt, damit ihr euch nicht einsam fühltet und nicht auf die Abwege und in die Nöte der Isolation gerietet? Ihr wisst auch gut, dass ich, als ich inkarniert war, mir nie erlaubt habe, lange Zeit allein zu bleiben.Vom Beginn unseres Zusammenlebens an hatte ich ständig zwei oder drei von euch an meiner Seite oder in Reichweite, selbst wenn ich mit meinem Vater in Verbindung trat. Setzt deshalb euer Vertrauen ineinander und vertraut euch einander an. Und das tut umso mehr Not, als ich euch noch heute allein in der Welt zurücklassen werde. Die Stunde ist gekommen; ich bin im Begriff, zum Vater zu gehen.“
(2055.3) 193:3.3 Als er gesprochen hatte, gab er ihnen ein Zeichen, mit ihm zu kommen, und er führte sie hinaus auf den Ölberg, wo er sich von ihnen verabschiedete, bevor er Urantia verließ. Es war ein feierlicher Gang zum Ölberg. Keiner von ihnen sprach auch nur ein Wort von dem Augenblick an, da sie den oberen Raum verließen, bis Jesus mit ihnen auf dem Ölberg anhielt.
4. Die Gründe für Judas‘ Fall
(2055.4) 193:4.1 Der Meister berührte im ersten Teil der Abschiedsbotschaft an seine Apostel den Verlust von Judas und führte ihnen das tragische Schicksal ihres verräterischen Mitarbeiters vor Augen als feierliche Warnung vor den Gefahren gesellschaftlicher und brüderlicher Isolation. Es mag für Gläubige dieses und künftiger Zeitalter hilfreich sein, im Lichte der Bemerkungen des Meisters und angesichts der über die Jahrhunderte gewachsenen Erleuchtung kurz die Gründe für Judas‘ Fall durchzugehen.
(2055.5) 193:4.2 Wenn wir auf diese Tragödie zurückblicken, begreifen wir, dass Judas auf die schiefe Bahn geriet, weil er erstens eine ausgesprochen einzelgängerische Persönlichkeit, eine verschlossene und sich von gewöhnlichen gesellschaftlichen Kontakten fernhaltende Persönlichkeit war. Er weigerte sich hartnäckig, sich seinen Mitaposteln anzuvertrauen oder mit ihnen ungezwungen und brüderlich zu verkehren. Ein solch isolierter Persönlichkeitstyp zu sein, hätte an sich noch kein derartiges Unheil über Judas gebracht, wäre es ihm nicht auch misslungen, an Liebe zuzunehmen und in geistiger Gnade zu wachsen. [...]
(2056.1) 193:4.3 [...] Dass Judas nicht hätte scheitern müssen, beweisen sehr wohl die Fälle von Thomas und Nathanael, die mit derselben Art von Argwohn und übermäßigen individualistischen Neigungen geplagt waren. Auch Andreas und Matthäus hatten manch einen Hang in diese Richtung; aber die Liebe all dieser Männer zu Jesus und ihren Apo- stelbrüdern nahm mit der Zeit zu und nicht ab. Sie wuchsen in der Gnade und in der Erkenntnis der Wahrheit. Sie vertrauten ihren Brüdern in wachsendem Maße und entwickelten langsam die Fähigkeit, sich ihren Kameraden anzuvertrauen. Judas weigerte sich beharrlich, sich seinen Brüdern zu öffnen. Fühlte er sich durch die Anhäufung seiner emotionalen Konflikte gedrängt, sich mitzuteilen, um sich Erleichterung zu verschaffen, so holte er sich stets Rat und empfing unkluge Tröstung von seinen ungeistigen Verwandten oder von Zufallsbekanntschaften, die dem Wohl und dem Fortschritt der geistigen Realitäten des himmlischen Königreichs, von dessen zwölf Botschaftern auf Erden er einer war, entweder indifferent oder gar feindlich gegenüberstanden.
(2056.2) 193:4.4 Folgende Faktoren persönlicher Tendenzen und Charakterschwächen sind für Judas‘ Niederlage in seinem irdischen Lebenskampf verantwortlich:
(2056.3) 193:4.5 1. Er war ein isolierter Menschentyp. Er war hochgradig individualistisch und zog es vor, sich zu einer Art von sich hartnäckig abkapselnder und ungeselliger Person zu entwickeln.
(2056.4) 193:4.6 2. Als Kind war ihm das Leben zu leicht gemacht worden. Er fühlte tiefen Unwillen, wenn seine Pläne durchkreuzt wurden. Er erwartete immer zu gewinnen; er war ein sehr schlechter Verlierer.
(2056.5) 193:4.7 3. Er erwarb nie eine philosophische Methode, um Enttäuschungen zu begegnen. Anstatt Enttäuschungen als normalen und alltäglichen Bestandteil der menschlichen Existenz hinzunehmen, griff er unfehlbar zu der Praxis, jemandem im Besonderen oder seinen Mitarbeitern insgesamt die Schuld für all seine persönlichen Schwierigkeiten und Enttäuschungen zuzuschieben.
(2056.6) 193:4.8 4. Er neigte dazu, nachtragend zu sein; er hegte immer Rachegedanken.
(2056.7) 193:4.9 5. Er sah den Tatsachen nicht gern offen ins Auge; er war unehrlich in seiner Haltung gegenüber den Lebenssituationen.
(2056.8) 193:4.10 6. Er mochte mit seinen unmittelbaren Mitarbeitern nicht über seine persönlichen Probleme sprechen; er weigerte sich, mit seinen wirklichen Freunden und mit denen, die ihn wahrhaftig liebten, seine Schwierigkeiten zu erörtern. In all den Jahren ihres Zusammenlebens suchte er den Meister nicht ein einziges Mal mit einem rein persönlichen Problem auf.
(2056.9) 193:4.11 7. Er lernte nie, dass die wirklichen Belohnungen für ein edles Leben letztendlich geistige Preise sind, die nicht immer während dieses einen kurzen Menschenlebens zur Verteilung gelangen.
(2056.10) 193:4.12 Diese ständige Abkapselung seiner Persönlichkeit hatte zur Folge, dass sein Gram ständig wuchs, seine Klagen zunahmen, seine Ängste sich vervielfachten und seine Verzweiflung fast unerträglich wurde.
(2057.1) 193:4.13 Dieser ichbezogene und äußerst individualistische Apostel hatte zwar viele psychische, emotionale und geistige Probleme, aber seine Hauptschwierigkeiten waren diese: Als Persönlichkeit war er isoliert. Sein Gemüt war argwöhnisch und sann auf Vergeltung. Er besaß ein mürrisches und rachsüchtiges Temperament. Gefühlsmäßig war er lieblos und nachtragend. Zwischenmenschlich war er von nahezu völliger Reserviertheit und eröffnete sich niemandem. Im Geiste wurde er anmaßend und auf egoistische Weise ehrgeizig. Im Leben beachtete er die, welche ihn liebten, nicht, und im Tod war er ohne Freunde.
(2057.2) 193:4.14 Dies also sind die Gemütsfaktoren und verderblichen Einflüsse, die, alle zusammengenommen, erklären, weshalb ein gutmeinender und im übrigen einst ehrlich an Jesus Glaubender sogar nach mehreren Jahren enger Verbindung mit dessen transformierender Persönlichkeit seine Gefährten im Stich ließ, eine geheiligte Sache abwies, sich von seiner heiligen Berufung lossagte und seinen göttlichen Meister verriet.
5. Die Himmelfahrt des Meisters
(2057.3) 193:5.1 Es war fast halb acht Uhr an diesem Donnerstagmorgen, dem 18. Mai, als Jesus mit seinen elf schweigenden und ziemlich ratlosen Aposteln auf dem Westabhang des Ölbergs ankam. Von dieser Stelle aus, etwa zwei Drittel bergaufwärts, konnten sie Jerusalem überschauen und auf Gethsemane hinunterblicken. Jesus ging nun daran, sein letztes Abschiedswort an die Apostel zu richten, bevor er Urantia verließ. Als er so vor ihnen stand, knieten sie unaufgefordert im Kreis um ihn nieder, und der Meister sagte:
(2057.4) 193:5.2 „Ich habe euch geheißen, in Jerusalem zu bleiben, bis euch Macht vom Himmel gegeben würde. Ich bin im Begriff, euch zu verlassen; ich werde jetzt zu meinem Vater aufsteigen, und bald, sehr bald werden wir den Geist der Wahrheit in diese Welt, in der ich gelebt habe, senden; sobald der Geist gekommen ist, werdet ihr mit der neuen Verkündigung des Evangeliums vom Königreich beginnen, zuerst in Jerusalem und danach bis an die äußersten Enden der Welt. Liebt die Menschen mit derselben Liebe, mit der ich euch geliebt habe und dient euren sterblichen Kameraden so, wie ich euch gedient habe. Nötigt die Seelen, durch die Früchte des Geistes, die ihr in eurem Leben erbringt, an die Wahrheit zu glauben, dass der Mensch ein Sohn Gottes ist und dass alle Menschen Brüder sind. Erinnert euch an alles, was ich euch gelehrt habe und an das Leben, das ich unter euch gelebt habe. Meine Liebe überschattet euch, mein Geist wird bei euch wohnen und mein Friede soll auf euch ruhen. Lebt wohl.“
(2057.5) 193:5.3 Nachdem der morontielle Meister so gesprochen hatte, entschwand er ihren Blicken. Diese sogenannte Himmelfahrt Jesu unterschied sich in keiner Weise von der Art, wie er sich während der vierzig Tage seines morontiellen Werdegangs auf Urantia jeweils den Blicken der Sterblichen entzogen hatte.
(2057.6) 193:5.4 Der Meister begab sich über Jerusem nach Edentia, wo die Allerhöchsten Jesus von Nazareth im Beisein des Paradies-Sohnes aus dem morontiellen Zustand entließen und ihn durch die Geistkanäle des Aufstiegs in den Status der Paradies-Sohnschaft und höchsten Souveränität auf Salvington zurückversetzten.
(2057.7) 193:5.5 [...] um dort die förmliche Bestätigung seiner vervollständigten Souveränität über das Universum von Nebadon zu empfangen.
6. Petrus beruft eine Versammlung ein
(2057.8) 193:6.1 Auf Anweisung von Petrus machten sich Johannes Markus und andere auf, die führenden Jünger in das Haus von Maria Markus einzuberufen. Bis halb elf Uhr hatten sich hundertzwanzig der wichtigsten in Jerusalem lebenden Jünger versammelt, um den Bericht über die Abschiedsbotschaft des Meisters und seine Himmelfahrt zu hören. Unter den Anwesenden befand sich Jesu Mutter Maria. [...] Auch Jesu Bruder Jakobus war bei dieser Zusammenkunft zugegen, der ersten Versammlung der Jünger des Meisters, die nach Abschluss seiner planetarischen Laufbahn einberufen wurde.
(2058.1) 193:6.2 Simon Petrus übernahm es, im Namen seiner Mitapostel zu sprechen. Packend erstattete er Bericht über das letzte Zusammensein der Elf mit ihrem Meister und gab des Meisters letzte Abschiedsworte und sein Verschwinden gen Himmel in ergreifender Weise wieder. Nichts mit dieser Versammlung Vergleichbares hatte je zuvor auf dieser Welt stattgefunden. [...]
Das Urantia Buch
Erscheinungen vor den Aposteln und Anderen Führern
(2037.1) 191:0.1 DER Auferstehungssonntag war ein schrecklicher Tag im Leben der Apostel; zehn von ihnen verbrachten ihn überwiegend im oberen Raum hinter verschlossenen Türen. Sie hätten aus Jerusalem flüchten können, aber sie hatten Angst, von den Häschern des Sanhedrins aufgegriffen zu werden, wenn man sie im Freien antreffen würde. Thomas brütete in Bethphage allein über seinen Problemen. Es wäre ihm besser ergangen, wenn er bei seinen Apostelgefährten geblieben wäre, denn er hätte ihnen helfen können, ihre Diskussionen in eine nützlichere Bahn zu lenken.
(2037.2) 191:0.2 Den ganzen Tag über hielt Johannes am Gedanken fest, Jesus sei von den Toten auferstanden. Er zählte nicht weniger als fünf verschiedene Gelegenheiten auf, bei denen der Meister versichert hatte, er werde auferstehen, und mindestens drei, als er auf den dritten Tag angespielt hatte. Die Einstellung des Johannes hatte einen beträchtlichen Einfluss auf sie, besonders auf seinen Bruder Jakobus und auf Nathanael. Und Johannes hätte sie noch stärker beeinflusst, wäre er nicht der Jüngste der Gruppe gewesen.
(2037.3) 191:0.3 Ihre Schwierigkeiten waren vor allem auf ihre Isolierung zurückzuführen. Johannes Markus hielt sie über das, was im Tempel vor sich ging, auf dem Laufenden, und trug ihnen die vielen Gerüchte zu, die sich in der Stadt ausbreiteten, aber es fiel ihm nicht ein, sich Nachrichten von den verschiedenen Gruppen von Gläubigen, denen Jesus bereits erschienen war, zu beschaffen. Das war jene Dienstleistung, welche bislang von Davids Boten erbracht worden war, aber diese waren alle abwesend in Ausführung ihres letzten Auftrags, den fern von Jerusalem wohnenden Gruppen von Gläubigen die Auferstehung zu verkündigen. Zum ersten Mal in all diesen Jahren kam es den Aposteln zum Bewusstsein, wie sehr sie für ihre tägliche Information über alles, was das Königreich betraf, von Davids Boten abhängig gewesen waren.
(2037.4) 191:0.4 Den ganzen Tag über schwankte Petrus in der ihm eigenen gefühlsmäßigen Weise zwischen Glauben und Zweifeln an des Meisters Auferstehung hin und her. Er kam von dem Anblick der Grabtücher nicht los, die dort in der Gruft lagen, als ob Jesu Leib sich einfach daraus verflüchtigt hätte. „Aber,“ so überlegte Petrus, „wenn er auferstanden ist und sich den Frauen zeigen kann, warum erscheint er dann nicht uns, seinen Aposteln?“ Kummer überkam Petrus bei dem Gedanken, Jesus komme vielleicht wegen seiner, des Petrus, Anwesenheit unter den Aposteln nicht zu ihnen, weil er ihn in jener Nacht im Hofe des Hannas verleugnet hatte. Und dann richtete er sich wiederum an der ihm von den Frauen überbrachten Äußerung auf: „Geht und sagt es meinen Aposteln — und Petrus.“ Aber wollte er aus dieser Botschaft Mut schöpfen, setzte das seinen Glauben daran voraus, dass die Frauen den auferstandenen Meister tatsächlich gesehen und gehört hatten. Und so pendelte Petrus den ganzen Tag lang zwischen Glauben und Zweifel hin und her bis kurz nach acht Uhr, als er sich in den Hof hinauswagte. Petrus dachte daran, sich aus der Mitte der Apostel zurückzuziehen, um Jesus wegen seiner Verleugnung des Meisters nicht daran zu hindern, zu ihnen zu kommen.
(2037.5) 191:0.5 Jakobus Zebedäus trat zuerst dafür ein, dass sich alle zum Grab begeben sollten; er wollte unbedingt etwas tun, um das Geheimnis zu ergründen. Es war Nathanael, der sie davon abhielt, sich auf Jakobus‘ Drängen hin in der Öffentlichkeit zu zeigen, und er tat dies, indem er sie an Jesu Warnung erinnerte, zu diesem Zeitpunkt ihr Leben nicht unnötig aufs Spiel zu setzen. Bis zum Mittag hatte sich Jakobus so weit beruhigt, dass er mit den anderen alles Weitere wachsam abwarten konnte. Er sprach nur wenig; er war zutiefst enttäuscht darüber, dass Jesus ihnen nicht erschien, und er wusste nichts von den vielen Erscheinungen Jesu vor anderen Gruppen und Einzelnen.
(2038.1) 191:0.6 Andreas hörte an diesem Tag vor allem zu. Die Situation versetzte ihn in größte Ratlosigkeit, und er hatte mehr als sein Teil Zweifel, aber er genoss wenigstens ein gewisses Gefühl der Befreiung von der Verantwortung für die Führung seiner Mitapostel. Er war dem Meister wirklich dankbar, ihn von der Last der Führung befreit zu haben, bevor diese qualvollen Stunden für sie begannen.
(2038.2) 191:0.7 Mehr als einmal während der langen und erschöpfenden Stunden dieses tragischen Tages waren die charakteristischen philosophischen Ratschläge, die Nathanael häufig von sich gab, der einzige stützende Einfluss in der Gruppe. Während des ganzen Tages war er wirklich die steuernde Kraft unter den Zehn. Nicht ein einziges Mal ließ er verlauten, ob er an des Meisters Auferstehung glaube oder nicht. Aber wie der Tag allmählich verging, neigte er immer mehr zu dem Glauben, Jesus habe sein Versprechen aufzuerstehen erfüllt.
(2038.3) 191:0.8 Simon Zelotes war zu niedergeschlagen, um an den Diskussionen teilzunehmen. Die meiste Zeit lag er in einer Ecke des Raumes mit dem Gesicht zur Wand auf einem Lager ausgestreckt; er sprach während des ganzen Tages weniger als ein halbes Dutzend Mal. Seine Vorstellung vom Königreich des Himmels war zusammengebrochen, und er vermochte nicht zu erkennen, inwiefern des Meisters Auferstehung die Situation wesentlich verändern könnte. Seine Enttäuschung war sehr persönlich und allzu übermächtig, als dass er sich kurzfristig hätte davon erholen können, auch nicht angesichts einer derart ungeheuren Tatsache wie der Auferstehung.
(2038.4) 191:0.9 Seltsamerweise redete Philipp, der sich sonst kaum äußerte, im Laufe des Nachmittags sehr viel. Am Vormittag hatte er nur wenig zu sagen, aber den ganzen Nachmittag über stellte er den anderen Aposteln Fragen. Petrus ärgerte sich oft über Philipps Fragen, aber die anderen ertrugen sie gutmütig. Philipp war insbesondere begierig zu wissen, ob Jesu Leib, wenn er wirklich vom Grab auferstanden war, wohl noch die physischen Spuren der Kreuzigung trug.
(2038.5) 191:0.10 Matthäus war höchst verwirrt; er hörte den Diskussionen seiner Gefährten zu, aber die meiste Zeit beschäftigte er sich mit dem Problem ihrer zukünftigen Finanzen. Von Jesu möglicher Auferstehung einmal ganz abgesehen: Judas war gegangen, David hatte ihm das Geld in unsanfter Weise übergeben und sie waren ohne maßgeblichen Führer. Noch bevor Matthäus so weit war, sich mit den die Auferstehung betreffenden Argumenten ernsthaft auseinanderzusetzen, hatte er den Meister schon von Angesicht zu Angesicht gesehen.
(2038.6) 191:0.11 Die Alphäus-Zwillinge nahmen an diesen ernsten Diskussionen kaum teil; sie hatten genug mit ihren gewohnten Aufgaben zu tun. Einer von ihnen drückte beider Haltung aus, als er auf eine Frage Philipps erwiderte: „Wir verstehen das mit der Auferstehung nicht, aber unsere Mutter sagt, sie habe mit dem Meister gesprochen, und wir glauben ihr.“
(2038.7) 191:0.12 Thomas befand sich mitten in einer seiner typischen Perioden verzweifelter Niedergeschlagenheit. Er verschlief einen Teil des Tages und wanderte den Rest der Zeit in den Bergen umher. Er verspürte den Drang, zu seinen Apostelgefährten zurückzukehren, aber der Wunsch, mit sich allein zu sein, war stärker.
(2038.8) 191:0.13 Der Meister schob seine erste morontielle Erscheinung vor den Aposteln aus mehreren Gründen hinaus. Erstens wollte er, dass sie, nachdem sie von seiner Auferstehung erfahren hatten, Zeit hätten, alles gut zu überdenken, was er ihnen über seinen Tod und seine Auferstehung gesagt hatte, als er noch als Mensch unter ihnen weilte. Der Meister wollte, dass Petrus sich durch einige seiner besonderen Schwierigkeiten hindurchkämpfe, bevor er ihnen allen erscheinen würde. Zweitens wünschte er, dass Thomas zur Zeit seiner ersten Erscheinung bei ihnen sei. Johannes Markus machte Thomas an diesem Sonntagmorgen früh im Hause Simons in Bethphage ausfindig und benachrichtigte die Apostel davon gegen elf Uhr. Thomas wäre an diesem Tag jederzeit zu ihnen zurückgekehrt, wenn Nathanael oder irgend zwei andere Apostel ihn geholt hätten. Er wünschte wirklich zurückzukehren, aber so, wie er sie am Abend zuvor verlassen hatte, war er zu stolz, es so bald aus eigenem Antrieb zu tun. Am nächsten Tag war er derart niedergeschlagen, dass er fast eine Woche brauchte, bis er sich zur Rückkehr entschloss. Die Apostel warteten auf ihn, und er wartete darauf, dass seine Brüder ihn aufspürten und ihn bäten, zu ihnen zurückzukehren. So blieb Thomas seinen Gefährten fern bis am nächsten Samstagabend, als Petrus und Johannes nach Einbruch der Dunkelheit nach Bethphage hinübergingen und ihn mit sich zurückbrachten. Und das ist auch der Grund, weshalb sie nicht sofort nach Galiläa gingen, nachdem Jesus ihnen zum ersten Mal erschienen war; sie wollten nicht ohne Thomas gehen.
(2039.1) 191:1.1 Es war gegen halb neun Uhr an diesem Sonntagabend, als Jesus Simon Petrus im Garten des Hauses von Markus erschien. Es war seine achte morontielle Manifestation. Seit seiner Verleugnung des Meisters hatte Petrus unter einer schweren Last von Schuld und Zweifeln gelitten. Den ganzen Samstag und diesen Sonntag über hatte er gegen die Furcht angekämpft, vielleicht nicht mehr ein Apostel zu sein. Das Schicksal von Judas ließ ihn erschauern, und er hatte sogar gedacht, auch er habe seinen Meister verraten. Den ganzen Nachmittag über dachte er, vielleicht sei es seine Anwesenheit unter den Aposteln, was Jesus davon abhalte, ihnen zu erscheinen, vorausgesetzt natürlich, er sei wirklich von den Toten auferstanden. Und diesem Petrus, der sich in einer solchen Gemütsverfassung und in einem derartigen seelischen Zustand befand, erschien Jesus, als der niedergeschlagene Apostel zwischen den Blumen und Sträuchern umherging.
(2039.2) 191:1.2 Als Petrus sich an den liebevollen Blick des beim Portal des Hannas an ihm vorübergehenden Meisters erinnerte, und als er sich die wunderbare Botschaft durch den Kopf gehen ließ, die ihm die vom leeren Grabe zurückkehrenden Frauen am frühen Morgen gebracht hatten: „Geht und sagt meinen Aposteln — und Petrus“ –, als er über diese Zeichen des Erbarmens nachsann, begann sein Glaube seine Zweifel zu überwinden, und er stand still, ballte seine Fäuste und sprach mit lauter Stimme: „Ich glaube, dass er von den Toten auferstanden ist; ich geh‘ es meinen Brüdern sagen.“ Und als er das sagte, erschien vor ihm plötzlich die Gestalt eines Mannes, der in vertrautem Tonfall zu ihm sprach: „Petrus, der Feind wollte dich haben, aber ich wollte dich nicht aufgeben. Ich wusste, dass es nicht aus deinem Herzen kam, als du mich verleugnetest; deshalb vergab ich dir, noch ehe du mich darum batest; aber jetzt musst du aufhören, dich mit dir selbst und den Wirren der Stunde abzugeben, sondern dich bereit machen, denen, die in der Dunkelheit sind, die gute Nachricht des Evangeliums zu bringen. Du solltest dich nicht mehr damit befassen, was du vom Königreich bekommen könntest, sondern dir vielmehr darüber Gedanken machen, was du denen geben könntest, die in größter geistiger Armut leben. Gürte dich für den Kampf eines neuen Tages, Simon, für das Ringen mit der geistigen Finsternis und mit dem üblen Hang zum Zweifeln, der in der Natur des menschlichen Denkens liegt.“
(2039.3) 191:1.3 Petrus und der morontielle Jesus spazierten durch den Garten und sprachen fast fünf Minuten lang über vergangene, gegenwärtige und zukünftige Dinge. Dann entschwand der Meister seinen Blicken mit den Worten: „Lebewohl, Petrus, bis ich dich mit deinen Brüdern wiedersehe.“
(2039.4) 191:1.4 Einen Augenblick lang war Petrus von der Erkenntnis überwältigt, dass er mit dem auferstandenen Meister gesprochen hatte und dass er sicher sein konnte, immer noch Botschafter des Königreichs zu sein. Gerade hatte der verherrlichte Meister ihn ermahnt, mit der Predigt des Evangeliums fortzufahren. Und während all das in seinem Herzen aufwallte, stürmte er in den oberen Raum zu seinen Mitaposteln hinauf und rief in atemloser Erregung: „Ich habe den Meister gesehen; er war im Garten. Ich habe mit ihm gesprochen, und er hat mir vergeben.“
(2040.1) 191:1.5 Die Aussage des Petrus, er habe Jesus im Garten gesehen, machte auf seine Apostelgefährten einen tiefen Eindruck, und sie waren im Begriff, ihre Zweifel aufzugeben, als Andreas sich erhob und sie davor warnte, sich durch den Bericht seines Bruders allzu sehr beeinflussen zu lassen. Andreas ließ durchblicken, dass Petrus schon früher Dinge gesehen habe, die nicht real waren. Obwohl Andreas nicht direkt auf die nächtliche Vision auf dem Galiläischen Meer anspielte, als Petrus behauptet hatte, er habe den Meister auf dem Wasser auf sie zukommen sehen, so sagte er doch genug, um allen Anwesenden deutlich zu machen, dass er an diesen Vorfall dachte. Seines Bruders Anspielungen verletzten Simon Petrus sehr, und er verfiel augenblicklich in gedrücktes Schweigen. Den Zwillingen tat Petrus sehr leid, und beide gingen zu ihm hin, um ihn ihrer Sympathie zu versichern und ihm zu sagen, dass sie ihm glaubten, und um ihm erneut zu erklären, dass ihre eigene Mutter den Meister ebenfalls gesehen habe.
(2040.2) 191:2.1 An diesem Abend kurz nach neun Uhr — Kleopas und Jakob waren eben weggegangen –, als die Alphäus Zwillinge Petrus trösteten und Nathanael Andreas Vorhaltungen machte und die zehn Apostel dort im oberen Raum, dessen Türen sie aus Angst vor einer Verhaftung verriegelt hatten, beisammen waren, erschien der Meister auf einmal in morontieller Gestalt in ihrer Mitte und sagte: „Friede sei mit euch. Warum erschreckt ihr bei meinem Erscheinen so sehr, als sähet ihr einen Geist? Habe ich euch nicht von diesen Dingen gesprochen, als ich noch als ein Mensch unter euch weilte? Habe ich euch nicht gesagt, dass die obersten Priester und Führer mich dem Tod ausliefern würden, dass einer von euch mich verraten und dass ich am dritten Tag auferstehen würde? Weshalb all eure Zweifel und diese Diskussionen über die Berichte der Frauen, die von Kleopas und Jakob und sogar von Petrus? Wie lange noch wollt ihr meine Worte bezweifeln und euch weigern, meinen Versprechen zu glauben? Wollt ihr jetzt, da ihr mich wirklich seht, endlich glauben? Einer von euch ist jetzt immer noch abwesend. Wenn ihr wieder vollzählig seid und jeder von euch mit Bestimmtheit weiß, dass der Menschensohn vom Grab auferstanden ist, dann begebt euch von hier nach Galiläa. Habt Vertrauen in Gott; vertraut einander; und so sollt ihr in den neuen Dienst am Königreich des Himmels eintreten. Ich werde bei euch in Jerusalem verweilen, bis ihr bereit seid, nach Galiläa zu gehen. Ich lasse euch meinen Frieden.“
(2040.3) 191:2.2 Nachdem der morontielle Jesus zu ihnen gesprochen hatte, entschwand er plötzlich ihren Blicken. Und sie fielen alle nieder, priesen Gott und verehrten ihren entschwundenen Meister. Dies war des Meisters neunte morontielle Erscheinung.
(2040.4) 191:3.1 Den ganzen nächsten Tag, Montag, verbrachte Jesus mit den damals auf Urantia anwesenden morontiellen Geschöpfen. Als an der morontiellen Transit-Erfahrung des Meisters Beteiligte waren über eine Million morontieller Leiter und Mitarbeiter zusammen mit Transitsterblichen verschiedener Ordnungen von den sieben Residenzwelten Satanias nach Urantia gekommen. Der morontielle Jesus weilte vierzig Tage lang unter diesen wunderbaren Intelligenzen. Er unterrichtete sie und erfuhr von ihren Leitern von dem morontiellen Übergangsdasein, das die Sterblichen der bewohnten Welten Satanias auf ihrem Weg durch die morontiellen Planeten des Systems leben.
(2041.1) 191:3.2 Gegen Mitternacht dieses Montags wurde die morontielle Gestalt des Meisters für den Übergang zum zweiten Stadium morontieller Progression adaptiert. Als er seinen sterblichen Kindern das nächste Mal auf Erden erschien, war er ein morontielles Wesen des zweiten Stadiums. Während der Meister auf dem morontiellen Weg vorwärts schritt, fiel es den morontiellen Intelligenzen und ihren transformierenden Mitarbeitern technisch immer schwerer, den Meister für sterbliche materielle Augen sichtbar zu machen.
(2041.2) 191:3.3 Zum dritten morontiellen Stadium ging Jesus am Freitag, dem 14. April über; zum vierten Stadium am Montag, dem 17.; zum fünften Stadium am Samstag, dem 22.; zum sechsten Stadium am Donnerstag, dem 27.; zum siebenten Stadium am Dienstag, dem 2. Mai; zur Staatsbürgerschaft von Jerusem am Sonntag, dem 7.; und in die Umarmung der Allerhöchsten von Edentia ging er am Sonntag, dem 14. ein.
(2041.3) 191:3.4 Auf diese Weise vervollständigte Michael von Nebadon seine dienende Universumserfahrung; denn in Verbindung mit seinen früheren Selbsthingaben hatte er das Leben der aufsteigenden Sterblichen von Zeit und Raum bereits vollständig erfahren, angefangen beim Aufenthalt auf der Hauptwelt der Konstellation und hinauf sogar bis und mit dem Dienst auf der Hauptwelt des Superuniversums. Und gerade mit diesen morontiellen Erfahrungen beschloss der Schöpfersohn von Nebadon wirklich und zufrieden stellend seine siebente und letzte Selbsthingabe an sein Universum.
(2041.4) 191:4.1 Die zehnte menschlicher Wahrnehmung zugängliche morontielle Manifestation ereignete sich am Dienstag, dem 11. April, kurz nach acht Uhr in Philadelphia, als Jesus sich Abner und Lazarus und etwa hundertundfünfzig ihrer Mitarbeiter zeigte, von denen über fünfzig dem evangelischen Korps der Siebzig angehörten. Diese Erscheinung geschah in der Synagoge gleich nach der Eröffnung eines besonderen, von Abner einberufenen Treffens, das der Besprechung der Kreuzigung Jesu und des jüngsten Berichts von seiner Auferstehung galt, den Davids Bote gebracht hatte. Da der auferstandene Lazarus jetzt zu dieser Gruppe von Gläubigen gehörte, fiel es ihnen nicht schwer, an die Nachricht zu glauben, dass Jesus von den Toten auferstanden sei.
(2041.5) 191:4.2 Abner und Lazarus, die zusammen am Lesepult standen, eröffneten gerade das Treffen in der Synagoge, als die gesamte Zuhörerschaft der Gläubigen sah, wie die Gestalt des Meisters plötzlich zwischen Abner und Lazarus erschien, ohne dass die beiden ihn bemerkt hätten. Von dort, wo er erschienen war, schritt er auf die Versammelten zu, begrüßte sie und sagte:
(2041.6) 191:4.3 „Friede sei mit euch. Ihr wisst alle, dass wir nur einen Vater im Himmel haben und dass es nur ein Evangelium vom Königreich gibt — die gute Nachricht vom Geschenk des ewigen Lebens, das die Menschen durch den Glauben erhalten. Während ihr freudig dem Evangelium die Treue haltet, bittet den Vater der Wahrheit darum, in eure Herzen eine neue und größere Liebe zu euren Brüdern auszuschütten. Ihr sollt alle Menschen lieben, wie ich euch geliebt habe; ihr sollt allen Menschen dienen, wie ich euch gedient habe. Steht mit verstehender Anteilnahme und brüderlicher Zuneigung all euren Brüdern zur Seite, die sich der Verkündigung der guten Nachricht widmen, ob sie nun Juden oder Nichtjuden, Griechen oder Römer, Perser oder Äthiopier seien. Johannes hat das Königreich im Voraus angekündigt; ihr habt das Evangelium mit Macht gepredigt; schon lehren die Griechen die gute Nachricht; und bald werde ich den Geist der Wahrheit in die Seelen all dieser meiner Brüder senden, die ihr Leben so selbstlos der Erleuchtung ihrer sich in geistiger Finsternis befindlichen Mitmenschen verschrieben haben. Ihr seid alle Kinder des Lichts; stolpert deshalb nicht in die auf Missverständnissen beruhenden Verstrickungen irdischen Argwohns und menschlicher Intoleranz. Wenn ihr durch die veredelnde Gnade des Glaubens dahingelangt, Ungläubige zu lieben, solltet ihr dann eure Glaubensbrüder im weit verzweigten Hause des Glaubens nicht ebenso sehr lieben? Bedenkt, dass alle Menschen euch daran als meine Jünger erkennen werden, dass ihr einander liebt.
(2042.1) 191:4.4 So geht nun in alle Welt hinaus und verkündet allen Völkern und Rassen dieses Evangelium von der Vaterschaft Gottes und von der Bruderschaft der Menschen, und seid immer weise in der Wahl eurer Methoden, wenn ihr den verschiedenen Rassen und Völkerstämmen der Menschheit die gute Nachricht vermittelt. Umsonst habt ihr dieses Evangelium vom Königreich empfangen, und umsonst werdet ihr allen Nationen die gute Nachricht bringen. Fürchtet euch nicht vor dem Widerstand des Bösen, denn ich bin immer bei euch, sogar bis ans Ende aller Tage. Und ich lasse euch meinen Frieden.“
(2042.2) 191:4.5 Nach den Worten „Ich lasse euch meinen Frieden“ entschwand er ihren Blicken. Eine seiner Erscheinungen in Galiläa ausgenommen, als über fünfhundert Gläubige ihn auf einmal sahen, umfasste diese Gruppe in Philadelphia die größte Zahl von Sterblichen, die ihn bei einer einzigen Gelegenheit erblickten.
(2042.3) 191:4.6 Während die Apostel in Jerusalem säumten und die emotionale Erholung von Thomas abwarteten, zogen diese Gläubigen von Philadelphia früh am nächsten Morgen los, um zu verkünden, dass Jesus von Nazareth von den Toten auferstanden sei.
(2042.4) 191:4.7 Den folgenden Tag, Mittwoch, verbrachte Jesus ohne Unterbrechung in der Gesellschaft seiner morontiellen Gefährten, und in den Nachmittagsstunden empfing er den Besuch morontieller Abgeordneter aus den Residenzwelten aller Lokalsysteme bewohnter Sphären der ganzen Konstellation von Norlatiadek. Und sie freuten sich alle darüber, ihren Schöpfer als einen Angehörigen ihrer eigenen Ordnung von Universumsintelligenzen zu erleben.
(2042.5) 191:5.1 Thomas verbrachte eine einsame Woche mit sich selbst auf den Höhen im Umkreis des Ölbergs. Während dieser Zeit sah er nur die Angehörigen von Simons Haus und Johannes Markus. Am Samstag, dem 15. April, fanden ihn die beiden Apostel gegen neun Uhr und nahmen ihn mit sich zurück zu ihrem Versammlungsort im Hause des Markus. Am nächsten Tag hörte sich Thomas die Erzählungen von den verschiedenen Erscheinungen des Meisters an, aber er weigerte sich beharrlich zu glauben. Er hielt daran fest, Petrus habe sie mit seiner Begeisterung so sehr angesteckt, dass sie meinten, den Meister gesehen zu haben. Nathanael versuchte ihn zu überzeugen, aber es half nichts. Es handelte sich um emotionale Halsstarrigkeit, verbunden mit seiner gewöhnlichen Zweifelsucht, und diese Gemütsverfassung, zu der noch sein Verdruss hinzukam, von ihnen weggelaufen zu sein, half eine Situation der Isolierung schaffen, die nicht einmal Thomas selber recht verstand. Er hatte sich von seinen Kameraden zurückgezogen, er war seinen eigenen Weg gegangen, und obwohl er jetzt wieder unter ihnen war, neigte er unbewusst dazu, eine Haltung des Widerspruchs einzunehmen. Er ließ sich mit dem Aufgeben Zeit; es widerstrebte ihm nachzugeben. Ohne es zu wollen, genoss er wirklich die ihm geschenkte Aufmerksamkeit. Die Bemühungen all seiner Gefährten, ihn zu überzeugen und zu bekehren, verschafften ihm unbewusst Befriedigung. Er hatte sie eine ganze Woche lang vermisst, und ihre fortwährende Aufmerksamkeit tat ihm sehr gut.
(2042.6) 191:5.2 Kurz nach sechs Uhr aßen sie ihr Abendbrot. Neben Thomas saßen auf der einen Seite Petrus und auf der anderen Nathanael, als der zweifelnde Apostel sagte: „Und ich werde nicht glauben, es sei denn, ich sehe den Meister mit eigenen Augen und lege meinen Finger auf die Wundmale der Nägel.“ Während sie so hinter sicher verschlossenen und verriegelten Türen beim Abendessen saßen, erschien der morontielle Meister auf einmal in der Mitte des Tischbogens direkt vor Thomas und sagte:
(2043.1) 191:5.3 „Friede sei mit euch. Eine ganze Woche lang habe ich mit meinem Wiedererscheinen gewartet, damit ihr alle anwesend wäret, um wieder einmal den Auftrag zu hören, in alle Welt hinauszuziehen und dieses Evangelium vom Königreich zu predigen. Wiederum sage ich euch: So wie der Vater mich in die Welt gesandt hat, so sende ich euch hinaus. So wie ich den Vater offenbart habe, so sollt ihr die göttliche Liebe offenbaren, nicht nur mit Worten, sondern in eurem täglichen Leben. Ich sende euch aus, nicht die Seelen der Menschen zu lieben, sondern vielmehr die Menschen zu lieben. Ihr sollt nicht nur die Freuden des Himmels verkündigen, sondern diese Geistesrealitäten des göttlichen Lebens auch in eurem täglichen Verhalten zeigen, da ihr durch euren Glauben das ewige Leben als ein Geschenk Gottes bereits besitzt. Wenn ihr den Glauben habt und wenn die Macht von oben, der Geist der Wahrheit, auf euch herabgekommen sein wird, werdet ihr euer Licht nicht länger hier hinter verschlossenen Türen verbergen; ihr werdet die ganze Menschheit mit Gottes Liebe und Erbarmen bekanntmachen. Aus Angst geht ihr jetzt den Tatsachen einer unangenehmen Erfahrung aus dem Wege, aber nachdem ihr mit dem Geist der Wahrheit getauft sein werdet, werdet ihr mutig und freudig auf die neue Erfahrung zugehen, die gute Nachricht vom ewigen Leben im Königreich Gottes zu verkünden. Ihr mögt jetzt hier und in Galiläa noch kurze Zeit säumen, um euch zu erholen vom Schock des Übergangs von der falschen Sicherheit überlieferter Autorität zu der neuen Ordnung der Autorität der Tatsachen, der Wahrheit und des Glaubens an die höchsten Realitäten lebendiger Erfahrung. Eure Weltsendung gründet auf der Tatsache, dass ich unter euch ein Leben der Gottesoffenbarung gelebt habe; auf der Wahrheit, dass ihr und alle anderen Menschen die Söhne Gottes seid; und sie soll aus dem Leben bestehen, das ihr unter den Menschen führen werdet — die wirkliche und lebendige Erfahrung, die Menschen zu lieben und ihnen zu dienen, wie ich euch geliebt und euch gedient habe. Lasst euren Glauben der Welt euer Licht offenbaren; lasst die Offenbarung der Wahrheit die durch Tradition blind gewordenen Augen öffnen; lasst euer liebevolles Dienen die aus Unwissenheit hervorgegangenen Vorurteile wirksam zerstören. Indem ihr euch euren Mitmenschen in dieser Weise mit verständnisvoller Zuneigung und selbstloser Hingabe nähert, werdet ihr sie zum rettenden Wissen um des Vaters Liebe führen. Die Juden haben die Güte gepriesen; die Griechen haben die Schönheit gerühmt; die Hindu predigen Hingabe; die fernen Asketen lehren Ehrerbietung; die Römer verlangen Treue; ich aber verlange von meinen Jüngern Leben, eben ein Leben liebevollen Dienens an ihren irdischen Brüdern.“
(2043.2) 191:5.4 Nachdem der Meister so gesprochen hatte, schaute er Thomas ins Gesicht und sprach: „Und du, Thomas, der du sagtest, du würdest nicht glauben, solange du mich nicht gesehen und deinen Finger auf die Nägelmale meiner Hände gelegt hättest, du hast mich jetzt gesehen und meine Worte gehört; und obwohl du an meinen Händen keine Nägelmale wahrnimmst, da ich in einer Gestalt auferstanden bin, wie auch du sie haben wirst, wenn du von dieser Welt gehst — was wirst du deinen Brüdern jetzt sagen? Du wirst die Wahrheit anerkennen, denn in deinem Herzen hattest du bereits zu glauben begonnen, selbst als du deinen Unglauben noch so zäh verteidigtest. Thomas, deine Zweifel behaupten sich immer dann am hartnäckigsten, wenn sie zu zerbröckeln beginnen. Thomas, ich sage dir: Lass ab von deinem Unglauben und glaube — und ich weiß, dass du glauben wirst, sogar von ganzem Herzen.“
(2043.3) 191:5.5 Als Thomas diese Worte hörte, fiel er vor dem morontiellen Meister nieder und rief aus: „Ich glaube! Mein Herr und mein Meister!“ Da sagte Jesus zu Thomas: „Du hast geglaubt, Thomas, weil du mich wirklich gesehen und gehört hast. Gesegnet seien in den kommenden Zeitaltern jene, die glauben, ohne mit leiblichen Augen gesehen oder mit sterblichen Ohren gehört zu haben.“
(2043.4) 191:5.6 Und während sich darauf des Meisters Gestalt zum oberen Tischende hin bewegte, richtete er das Wort an sie alle und sprach: „Geht jetzt alle nach Galiläa, wo ich euch bald erscheinen werde.“ Nach diesen Worten entschwand er ihren Blicken.
(2044.1) 191:5.7 Die elf Apostel waren nun völlig überzeugt, dass Jesus von den Toten auferstanden war, und sehr früh am nächsten Morgen, noch vor Tagesanbruch, brachen sie nach Galiläa auf.
(2044.2) 191:6.1 Während die elf Apostel auf ihrem Weg nach Galiläa waren und sich ihrem Reiseziel näherten, erschien Jesus in Alexandrien am Dienstagabend, dem 18. April, gegen halb neun Uhr Rodan und rund achtzig weiteren Gläubigen. Es war die zwölfte Erscheinung des Meisters in morontieller Gestalt. Jesus erschien diesen Griechen und Juden, als der Bote Davids gerade seinen Bericht über die Kreuzigung beendet hatte. Dieser Bote, der fünfte der sich zwischen Jerusalem und Alex-andrien ablösenden Läufer, war am späten Nachmittag in Alexandrien eingetroffen. Nachdem er Rodan seine Botschaft überbracht hatte, wurde beschlossen, die Gläubigen zusammenzurufen, damit sie die tragische Nachricht aus dem Munde des Boten selber hören könnten. Gegen acht Uhr trat dieser, Nathan von Busiris, vor die Versammelten und erzählte ihnen im Einzelnen alles, was der vorhergehende Läufer ihm gesagt hatte. Nathan beschloss seinen bewegenden Bericht mit den Worten: „Aber David, der uns diese Botschaft schickt, lässt sagen, dass der Meister seinen Tod vorhergesagt und dabei erklärt hat, er werde wieder auferstehen.“ Nathan hatte noch nicht ausgeredet, als der morontielle Meister für alle gut sichtbar erschien. Nachdem Nathan sich gesetzt hatte, sagte Jesus:
(2044.3) 191:6.2 „Friede sei mit euch. Das, zu dessen Errichtung mein Vater mich in die Welt gesandt hat, gehört weder einer Rasse noch einer Nation noch einer besonderen Gruppe von Lehrern oder Predigern. Das Evangelium vom Königreich gehört Juden und Heiden, Reichen und Armen, Freien und Sklaven, Männern und Frauen und sogar den kleinen Kindern. Und ihr seid alle aufgerufen, dieses Evangelium der Liebe und Wahrheit durch das Leben zu verkündigen, das ihr als Menschen lebt. Ihr sollt einander mit einer neuen und eindrucksvollen Zuneigung lieben, gerade so, wie ich euch geliebt habe. Ihr werdet der Menschheit mit einer neuen und erstaunlichen Hingabe dienen, gerade so, wie ich euch gedient habe. Und wenn die Menschen sehen, wie sehr ihr sie liebt, und wenn sie feststellen, mit welchem Eifer ihr ihnen dient, werden sie verstehen, dass ihr Glaubensbrüder im Königreich des Himmels geworden seid, und sie werden dem Geist der Wahrheit, den sie in eurem Leben sehen, folgen und das ewige Heil finden.
(2044.4) 191:6.3 So wie der Vater mich in diese Welt gesandt hat, so sende ich euch jetzt aus. Ihr seid alle aufgerufen, denen, die in der Finsternis sind, die gute Nachricht zu bringen. Dieses Evangelium vom Königreich gehört allen, die daran glauben; es soll nicht nur in die Obhut von Priestern gegeben werden. Bald wird der Geist der Wahrheit über euch kommen, und er wird euch in alle Wahrheit führen. Geht deshalb in der ganzen Welt dieses Evangelium predigen, und seht, ich bin immer bei euch, sogar bis ans Ende aller Tage.“
(2044.5) 191:6.4 Nach diesen Worten entschwand der Meister ihren Blicken. Und die Gläubigen verbrachten die ganze Nacht miteinander, erzählten von ihren Erfahrungen als Königreich-Gläubige und hörten lange den Worten Rodans und seiner Mitarbeiter zu. Und sie glaubten alle, dass Jesus von den Toten auferstanden sei. Stellt euch das Erstaunen von Davids Herold der Auferstehung vor, der zwei Tage später eintraf, als sie ihm auf seine Bekanntgabe erwiderten: „Ja, wir wissen, denn wir haben ihn gesehen. Er ist uns vorgestern erschienen.“
Das Urantia Buch
Die Auferstehung
(2020.1) 189:0.1 BALD nach Jesu Bestattung am Freitagnachmittag berief das damals auf Urantia anwesende Haupt der Erzengel von Nebadon den Rat für die Auferstehung der schlafenden Willensgeschöpfe ein und begann mit der Prüfung einer möglichen Technik der Wiederherstellung Jesu. Diese versammelten Söhne des Lokaluniversums, alles Geschöpfe Michaels, handelten in eigener Verantwortung; Gabriel hatte sie nicht einberufen. Bis Mitternacht waren sie zu dem Schluss gekommen, dass ein Geschöpf nichts tun könne, um des Schöpfers Auferstehung zu unterstützen. Sie waren geneigt, der Ansicht Gabriels beizupflichten, der ihnen zu bedenken gab, dass Michael, der „sein Leben aus eigenem freien Willen abgelegt hatte, auch die Macht habe, es aus eigener Entscheidung wieder aufzunehmen“. Kurz nach der Vertagung dieses Rates der Erzengel, der Lebensbringer und ihrer verschiedenen Mitarbeiter bei der Rehabilitierung der Geschöpfe und bei der morontiellen Neuschöpfung sprach der Personifizierte Justierer Jesu, der die damals auf Urantia versammelten himmlischen Heerscharen persönlich befehligte, zu den gespannt wartenden Beobachtern diese Worte:
(2020.2) 189:0.2 „Keiner von euch kann seinem Schöpfervater irgendwie dabei behilflich sein, ins Leben zurückzukehren. Als ein Sterblicher dieser Welt hat er den Tod eines Sterblichen erlitten; als Herrscher eines Universums lebt er nach wie vor. Was ihr beobachtet, ist Jesus von Naza- reths Transit eines Sterblichen vom inkarnierten in das morontielle Leben. Jesu geistiger Transit war zu dem Zeitpunkt abgeschlossen, als ich mich von seiner Persönlichkeit trennte und euer vorübergehender Leiter wurde. Euer Schöpfervater hatte sich entschieden, die ganze Erfahrung seiner sterblichen Geschöpfe durchzumachen, von der Geburt auf den materiellen Welten an über den natürlichen Tod und die morontielle Auferstehung bis zum Zustand wahrer geistiger Existenz. Was ihr jetzt beobachten werdet, ist eine bestimmte Phase dieser Erfahrung, aber ihr könnt euch daran nicht beteiligen. Die Dinge, die ihr gewöhnlich für die Geschöpfe tut, könnt ihr für den Schöpfer nicht tun. Ein Schöpfersohn hat aus sich selber die Macht, sich in der Gestalt irgendeines seiner erschaffenen Söhne hinzugeben; es steht in seiner Macht, sein beobachtbares Leben abzulegen und es wieder aufzunehmen; und er hat diese Macht aufgrund der direkten Verfügung des Paradies-Vaters, und ich weiß, wovon ich rede.“
(2020.3) 189:0.3 Als sie den Personifizierten Justierer so sprechen hörten, nahmen sie alle, von Gabriel bis hinunter zum bescheidensten Cherub, eine Haltung gespannter Erwartung ein. Sie sahen Jesu sterblichen Leib im Grabe; sie nahmen Zeichen der Universums-Aktivität ihres geliebten Herrschers wahr; aber unfähig, diese Phänomene zu deuten, warteten sie geduldig die weitere Entwicklung ab.
(2020.4) 189:1.1 Am Sonntagmorgen um zwei Uhr fünfundvierzig traf die aus sieben nicht identifizierten Paradies-Persönlichkeiten bestehende Inkarnationskommission aus dem Paradies am Ort des Geschehens ein und machte sich augenblicklich am Grabe zu schaffen. Zehn Minuten vor drei begannen intensive Schwingungen gemischter materieller und morontieller Aktivitäten von Josephs neuem Grab auszugehen, und zwei Minuten nach drei Uhr an diesem Sonntagmorgen, dem 9. April 30, entstieg die auferstandene morontielle Gestalt und Persönlichkeit Jesu von Nazareths dem Grab.
(2021.1) 189:1.2 Nachdem der auferstandene Jesus seine Totengruft verlassen hatte, lag der physische Körper, in dem er auf Erden fast sechsunddreißig Jahre lang gelebt und gewirkt hatte, immer noch ungestört und in das Leinentuch gehüllt in der Grabesnische, gerade so, wie Joseph und seine Freunde ihn am Freitagnachmittag zur Ruhe gebettet hatten. Ebenso wenig war der Stein vor dem Eingang zum Grabe irgendwie verrückt worden. Das Siegel des Pilatus war ungebrochen und noch hielten die Soldaten Wache. Die Tempelwächter hatten ununterbrochen Dienst geleistet; die römische Wache war um Mitternacht abgelöst worden. Keiner dieser Wächter vermutete, dass das Objekt ihrer Wachsamkeit zu einer neuen und höheren Existenzform aufgestiegen war und dass der Leib, den sie bewachten, jetzt eine abgelegte äußere Hülle war, die mit der befreiten und auferstandenen morontiellen Persönlichkeit Jesu keine Verbindung mehr hatte.
(2021.2) 189:1.3 Die Menschheit begreift nur langsam, dass in allem Persönlichen die Materie nur das Skelett der Morontia ist, und dass beide nur schattenhafter Widerschein dauernder Geistesrealität sind. Wie lange wird es noch dauern, bis ihr die Zeit als gleitendes Bild der Ewigkeit und den Raum als flüchtigen Schatten der Paradiesesrealitäten betrachten werdet?
(2021.3) 189:1.4 Soweit wir es beurteilen können, hatte weder ein Geschöpf dieses Universums noch irgendeine Persönlichkeit aus einem anderen Universum mit der morontiellen Auferstehung Jesu von Nazareth das Geringste zu tun. Am Freitag legte er sein Leben als Sterblicher dieser Welt ab; am Sonntagmorgen nahm er dieses Leben als morontielles Wesen des Systems von Satania in Norlatiadek wieder auf. Es gibt bei Jesu Auferstehung vieles, was wir nicht verstehen. Aber wir wissen, dass alles sich so zutrug, wie wir es berichtet haben, und etwa zur angegebenen Zeit. Wir können auch bestätigen, dass alle bekannten Phänomene, die mit diesem sterblichen Transit, dieser morontiellen Auferstehung verknüpft waren, genau dort in Josephs neuer Gruft vor sich gingen, wo die sterblichen materiellen Reste Jesu in Grabtücher eingewickelt lagen.
(2021.4) 189:1.5 Wir wissen, dass kein Geschöpf des Lokaluniversums an dieser morontiellen Erweckung teilhatte. Wir nahmen wahr, wie die sieben Paradies-Persönlichkeiten das Grab umgaben, aber wir sahen sie nichts tun im Zusammenhang mit des Meisters Erwachen. Sobald Jesus gerade oberhalb des Grabes neben Gabriel erschien, gaben die sieben Persönlichkeiten aus dem Paradies ihre Absicht zu erkennen, unverzüglich nach Uversa abzureisen.
(2021.5) 189:1.6 Lasst uns für immer die Vorstellungen von Jesu Auferstehung klären, indem wir Folgendes festhalten:
(2021.6) 189:1.7 1. Sein materieller oder physischer Körper war kein Bestandteil der auferstandenen Persönlichkeit. Als Jesus aus dem Grab kam, blieb sein irdischer Leib unangetastet in der Gruft zurück. Jesus entstieg dem Grabgewölbe, ohne die Steine vor dem Eingang zu bewegen und ohne die Siegel des Pilatus zu berühren.
(2021.7) 189:1.8 2. Er entstieg dem Grab weder als Geistwesen noch als Michael von Nebadon; er erschien nicht in der Gestalt des Souveränen Schöpfers, die vor seiner Inkarnation als Sterblicher auf Urantia die seine gewesen war.
(2021.8) 189:1.9 3. Als er aus dem Grabe Josephs kam, glich er genau den morontiellen Persönlichkeiten derer, die als wieder erweckte morontielle aufsteigende Wesen aus den Auferstehungshallen der ersten Residenzwelt des Lokalsystems von Satania hervorgehen. Und die Anwesenheit des Denkmals Michaels in der Mitte des riesigen Hofs der Auferstehungshallen der Residenzwelt Nummer eins lässt uns vermuten, dass des Meisters Auferstehung auf Urantia irgendwie auf dieser ersten der Residenzwelten des Systems bewerkstelligt wurde.
(2022.1) 189:1.10 Als Jesus aus dem Grabe auferstand, war seine erste Handlung, Gabriel zu begrüssen und ihm die Weisung zu erteilen, weiterhin unter Immanuel die Exekutivgewalt in den Universumsangelegenheiten auszuüben. Dann beauftragte er das Oberhaupt der Melchisedeks, Immanuel seine brüderlichen Grüße zu übermitteln. Darauf ersuchte er die Allerhöchsten von Edentia um die Bestätigung seines sterblichen Transits durch die Ältesten der Tage. Und sich an die versammelten morontiellen Gruppen aus den sieben Residenzwelten wendend, die sich eingefunden hatten, um ihren Schöpfer als ein Geschöpf ihrer Ordnung zu begrüßen und willkommen zu heißen, sprach Jesus die ersten Worte seines postmortalen Daseins. Der morontielle Jesus sagte: „Ich habe mein Leben in Menschengestalt beendet und möchte hier kurze Zeit in dieser Übergangsgestalt verweilen, um das Leben meiner aufsteigenden Geschöpfe besser kennen zu lernen und weiterhin den Willen meines Vaters im Paradies zu offenbaren.“
(2022.2) 189:1.11 Nachdem Jesus gesprochen hatte, gab er dem Personifizierten Justierer ein Zeichen, worauf sämtliche Intelligenzen des Universums, die sich auf Urantia versammelt hatten, um Zeugen der Auferstehung zu werden, unverzüglich an ihre jeweilige Aufgabe im Universum zurückbeordert wurden.
(2022.3) 189:1.12 Jesus begann jetzt mit Kontakten auf der morontiellen Ebene und wurde als Geschöpf mit den Anforderungen des Lebens bekannt gemacht, das er für kurze Zeit auf Urantia leben wollte. Diese Einführung in die morontielle Welt nahm mehr als eine Stunde irdischer Zeit in Anspruch und wurde zweimal durch seinen Wunsch unterbrochen, mit seinen ehemaligen sterblichen Gefährten in Verbindung zu treten, die aus Jerusalem gekommen waren und sich staunend im leeren Grab umsahen und dabei die Entdeckung dessen machten, was sie als Beweis seiner Auferstehung ansahen.
(2022.4) 189:1.13 Der sterbliche Transit Jesu — die morontielle Auferstehung des Menschensohnes — ist jetzt abgeschlossen. Die vorübergehende Erfahrung des Meisters als einer Persönlichkeit auf halbem Wege zwischen dem Materiellen und dem Geistigen hat begonnen. Und er hat all das aus eigener Machtvollkommenheit getan; keine Persönlichkeit ist ihm dabei in irgendeiner Weise behilflich gewesen. Er lebt jetzt als morontieller Jesus, und während er sein morontielles Leben beginnt, liegt sein materieller menschlicher Leib unangetastet im Grab. Die Soldaten halten immer noch Wache, und des Statthalters Siegel auf den Steinen ist noch nicht aufgebrochen worden.
(2022.5) 189:2.1 Zehn Minuten nach drei, während sich der auferstandene Jesus brüderlich mit den versammelten morontiellen Persönlichkeiten aus den sieben Residenzwelten Satanias unterhielt, trat das Oberhaupt der Erzengel — der Engel der Auferstehung — an Gabriel heran und bat um Jesu sterblichen Leib. Das Oberhaupt der Erzengel sprach: „Es ist uns versagt, uns an der morontiellen Auferstehung zu beteiligen, die zur Erfahrung der Selbsthingabe unseres Herrschers Michael gehört; hingegen möchten wir, dass uns seine sterblichen Reste zu sofortiger Auflösung übergeben werden. Wir beabsichtigen nicht, unsere Technik der Dematerialisierung anzuwenden; wir möchten uns nur des Prozesses der Zeitbeschleunigung bedienen. Es genügt, dass wir den Herrscher auf Urantia haben leben und sterben sehen; den himmlischen Heerscharen bliebe die qualvolle Erinnerung daran erspart, wie sie zusehen mussten, als sich die menschliche Gestalt des Schöpfers und Bewahrers eines Universums langsam zersetzte. Im Namen der himmlischen Intelligenzen ganz Nebadons bitte ich um eine Vollmacht, die mir den sterblichen Leib Jesu von Nazareth überlässt und uns ermächtigt, zu seiner sofortigen Auflösung zu schreiten.“
(2023.1) 189:2.2 Und nachdem Gabriel sich mit dem Senior der Allerhöchsten von Edentia besprochen hatte, erhielt der Erzengel, der im Namen der himmlischen Heerscharen gesprochen hatte, die Erlaubnis, mit den sterblichen Resten Jesu nach seinem Gutdünken zu verfahren.
(2023.2) 189:2.3 Nachdem seiner Bitte entsprochen worden war, rief der höchste Erzengel viele der Seinen sowie eine große Schar von Vertretern aller Ordnungen himmlischer Persönlichkeiten zur Mithilfe herbei, worauf er sich mit Unterstützung der Mittler Urantias des physischen Körpers Jesu bemächtigte. Dieser tote Körper war eine rein materielle Schöpfung; er war rein physisch; er konnte nicht in derselben Weise aus dem Grabe entfernt werden, wie die morontielle Gestalt der Auferstehung der versiegelten Gruft hatte entweichen können. Unter Mitwirkung gewisser morontieller Hilfspersönlichkeiten kann die morontielle Gestalt in gewissen Fällen in einen geistigen Zustand versetzt werden, in welchem sie auf gewöhnliche Materie nicht mehr anspricht, und in anderen Fällen für materielle Wesen wie die Sterblichen der Welt sichtbar und betastbar gemacht werden.
(2023.3) 189:2.4 Als sie sich bereit machten, Jesu Leichnam aus dem Grabe zu schaffen, bevor sie die würdige und ehrenvolle Beseitigung nahezu augenblicklicher Zersetzung vornahmen, wurden die sekundären Mittler Urantias angewiesen, die Steine vom Eingang des Grabes wegzurollen. Der größere der beiden Steine war ein einem Mühlstein sehr ähnliches rundes Riesending, das sich in einer aus dem Felsen gemeißelten Rinne bewegen ließ, so dass man ihn hin- und zurückrollen konnte, um das Grab zu öffnen oder zu schließen. Als die wachhabenden jüdischen Wächter und die römischen Soldaten im morgendlichen Dämmerlicht wahrnahmen, wie dieser riesige Stein anscheinend aus eigenem Antrieb — ohne irgendwelche sichtbaren, eine solche Bewegung erklärenden Mittel — vom Grabeingang wegzurollen begann, wurden sie von Angst und Panik erfasst und stürzten davon. Die Juden flohen erst nach Hause und suchten danach ihren Hauptmann im Tempel auf, um ihm das Geschehene zu berichten. Die Römer flohen zur Festung Antonia und berichteten dem Zenturio, was sie gesehen hatten, sobald dieser seinen Dienst antrat.
(2023.4) 189:2.5 Die jüdischen Führer hatten das schmutzige Geschäft, sich, wie sie dachten, Jesu zu entledigen, damit begonnen, dem Verräter Judas Bestechungsgeld anzubieten, und nun, da sie sich in dieser peinlichen Situation befanden, dachten sie nicht etwa daran, die Wächter, die ihren Posten verlassen hatten, zu bestrafen, sondern verfielen darauf, ebendiese Wächter und römischen Soldaten zu bestechen. Jedem dieser zwanzig Männer bezahlten sie eine Summe Geldes und wiesen sie an, allen zu sagen: „Während wir nachts schliefen, fielen seine Jünger über uns her und entwendeten den Leichnam.“ Und die jüdischen Führer versprachen den Soldaten feierlich, sie vor Pilatus zu verteidigen, falls dem Statthalter je zu Ohren käme, dass sie Bestechungsgeld angenommen hatten.
(2023.5) 189:2.6 Dem christlichen Glauben an Jesu Auferstehung wurde die Tatsache des „leeren Grabes“ zugrunde gelegt. Es war allerdings eine Tatsache, dass das Grab leer war, aber dies ist nicht die Wahrheit der Auferstehung. Das Grab war wahrhaftig leer, als die ersten Gläubigen eintrafen, und diese Tatsache in Verbindung mit jener der unzweifelhaften Auferstehung des Meisters führte zur Bildung eines Glaubens, der unrichtig war, nämlich zu der Lehre, dass Jesu materieller und sterblicher Leib aus dem Grabe auferweckt worden sei. Wahrheit, die mit geistigen Realitäten und ewigen Werten zu tun hat, kann nicht immer auf einer Kombination offensichtlicher Tatsachen aufgebaut werden. Auch wenn einzelne Tatsachen materiell wahr sein mögen, folgt daraus nicht, dass die Verknüpfung mehrerer Tatsachen notwendigerweise zu wahren geistigen Folgerungen führen muss.
(2023.6) 189:2.7 Josephs Grab war nicht deshalb leer, weil Jesu Körper wiederhergestellt oder auferweckt worden war, sondern weil dem Wunsch der himmlischen Heerscharen stattgegeben wurde, ihm eine spezielle und einmalige Vernichtung zuteil werden zu lassen, eine Rückkehr des „Staubes zu Staub“ unter Ausschaltung zeitlicher Verzögerung und ohne Ablauf des gewöhnlichen und sichtbaren Prozesses sterblichen Zerfalls und materieller Verwesung.
(2024.1) 189:2.8 Jesu sterbliche Reste wurden demselben natürlichen Prozess stofflicher Desintegration unterworfen, wie er für jeden menschlichen Leichnam auf Erden typisch ist, außer dass, was die Zeit betraf, diese natürliche Zersetzung stark beschleunigt, ja derart zusammengerafft wurde, dass sie beinahe augenblicklich eintrat.
(2024.2) 189:2.9 Die wahren Beweise für Michaels Auferstehung sind geistiger Natur, obwohl die Lehre davon durch das Zeugnis vieler Sterblicher dieser Welt erhärtet wird, die dem auferstandenen morontiel-len Meister begegnet sind, ihn erkannt und mit ihm in Verbindung gestanden haben. Er ging in die persönliche Erfahrung von fast eintausend menschlichen Wesen ein, bevor er sich schließlich von Urantia verabschiedete.
(2024.3) 189:3.1 Kurz nach halb vier Uhr rief Gabriel an diesem Sonntagmorgen die Erzengel zu sich und schritt zur feierlichen Eröffnung der allgemeinen Auferstehung zum Abschluss der adamischen Dispensation auf Urantia. Als die gewaltige Schar der an diesem großen Ereignis beteiligten Seraphim und Cherubim in richtiger Formation aufgestellt war, erschien der morontielle Michael vor Gabriel und sprach: „Wie mein Vater das Leben in sich selber hat, so hat er dem Sohn gegeben, das Leben in sich selber zu haben. Obwohl ich die Ausübung der Gerichtsbarkeit im Universum noch nicht wieder voll aufgenommen habe, so schränkt diese selbst auferlegte Begrenzung die Verleihung des Lebens an meine schlafenden Söhne in keiner Weise ein; der Namensaufruf der planetarischen Auferstehung beginne!“
(2024.4) 189:3.2 Und darauf operierte der Kreis der Erzengel zum ersten Mal von Urantia aus. Gabriel und die Scharen der Erzengel begaben sich an den Ort der geistigen Polarität des Planeten; und auf Gabriels Zeichen hin wurde seine Stimme blitzartig auf die erste Residenzwelt des Systems übermittelt. Er sagte: „Auf Weisung Michaels: die Toten einer Dispensation Urantias sollen auferstehen!“ Daraufhin erschienen alle Fortlebenden der menschlichen Rassen Urantias, die seit den Tagen Adams entschlafen und noch nicht gerichtet worden waren, in den Auferweckungshallen Residenzias in Erwartung ihres Eintritts ins morontielle Leben. Und in einem kurzen Augenblick waren die Seraphim und ihre Mitarbeiter zur Abreise auf die Residenzwelten fertig. Unter gewöhnlichen Umständen wären diese seraphischen Hüter, denen einst die Gruppenobhut dieser fortlebenden Sterblichen anvertraut war, bei deren Erwachen in den Auferstehungshallen der Residenzwelt zugegen gewesen, aber sie befanden sich jetzt auf Urantia, weil Gabriels Gegenwart im Zusammenhang mit der morontiellen Auferstehung Jesu hier nötig war.
(2024.5) 189:3.3 Obwohl in den Zeitaltern nach Adam und Eva zahllose Individuen, die persönliche seraphische Hüter besaßen und solche, die die erforderliche fortschreitende Vergeistigung der Persönlichkeit erreicht hatten, nach den Residenzwelten weitergegangen waren, und obwohl viele Sonder- und Millenniumsauferstehungen von Söhnen Urantias stattgefunden hatten, war dies der dritte planetarische Namens-aufruf, die dritte vollständige Dispensations-Auferstehung. Die erste fand statt, als der Planetarische Fürst ankam, die zweite zur Zeit Adams und diese dritte kennzeichnete die morontielle Auferstehung, den sterblichen Transit Jesu von Nazareth.
(2024.6) 189:3.4 Als das Oberhaupt der Erzengel das Signal für die planetarische Auferstehung erhalten hatte, gab der Personifizierte Justierer des Menschensohnes seine Befehlsgewalt über die auf Urantia versammelten himmlischen Heerscharen ab und unterstellte all diese Söhne des Lokaluniversums wieder der Zuständigkeit ihrer jeweiligen Vorgesetzten. Und nachdem er das getan hatte, begab er sich nach Salvington, um im Beisein Immanuels den Abschluss des sterblichen Transits Michaels zu registrieren. Alle himmlischen Wesen, deren Dienste auf Urantia nicht benötigt wurden, folgten ihm unmittelbar nach. Aber Gabriel blieb mit dem morontiellen Jesus auf Urantia.
(2025.1) 189:3.5 Dies ist der Bericht der Ereignisse von Jesu Auferstehung aus der Sicht derjenigen, die sie frei von den Begrenzungen der voreingenommenen und eingeschränkten menschlichen Betrachtungsweise so gesehen haben, wie sie sich wirklich zugetragen haben.
(2025.2) 189:4.1 Jetzt, da an diesem frühen Sonntagmorgen die Stunde der Auferstehung Jesu naht, sollten wir uns daran erinnern, dass die zehn Apostel sich im Hause von Elija und Maria Markus aufhielten, wo sie im oberen Raum auf denselben Liegen schliefen, auf denen sie während des letzten Abendmahls mit ihrem Meister gelagert hatten. An diesem Sonntagmorgen waren sie dort alle mit Ausnahme von Thomas versammelt. Als sie am Samstagabend zum ersten Mal wieder zusammen waren, blieb Thomas einige Minuten bei ihnen, aber der Anblick der Apostel verbunden mit dem Gedanken an das, was Jesus widerfahren war, war zu viel für ihn. Er warf einen Blick auf seine Gefährten und verließ sofort den Raum. Er begab sich zum Hause Simons in Bethphage, wo er in der Einsamkeit seinen trüben Gedanken nachhängen wollte. Alle Apostel litten, und zwar weniger unter Zweifeln oder aus Verzweiflung als aus Furcht, Kummer und vor Schande.
(2025.3) 189:4.2 Im Hause des Nikodemus waren nebst David Zebedäus und Joseph von Arimathäa zwölf bis fünfzehn der angeseheneren Jesusjünger von Jerusalem versammelt. Im Hause Josephs von Arimathäa weilten fünfzehn bis zwanzig der führenden gläubigen Frauen. Diese Frauen hielten sich in Josephs Haus allein auf, und sie hatten den ganzen Sabbattag und den darauf folgenden Abend darin hinter verschlossenen Türen verbracht, so dass sie nichts von der militärischen Bewachung des Grabes erfahren hatten; ebenso wenig wussten sie, dass ein zweiter Stein vor das Grab gerollt und beide Steine mit dem Siegel des Pilatus versehen worden waren.
(2025.4) 189:4.3 Als an diesem Sonntagmorgen kurz vor drei Uhr im Osten die ersten Zeichen des Tages erschienen, machten sich fünf dieser Frauen auf den Weg zum Grab Jesu. Sie hatten reichlich besondere Tinkturen zum Einbalsamieren vorbereitet und trugen viele Leinenbinden bei sich. Sie hatten vor, Jesu Leichnam eine gründlichere Totenölung zu geben und ihn mit den neuen Binden sorgfältiger zu umwickeln.
(2025.5) 189:4.4 Die Frauen, die die Aufgabe, Jesu Leichnam einzubalsamieren, übernommen hatten, waren: Maria Magdalena, Maria, die Mutter der Alphäus-Zwillinge, Salome, die Mutter der Zebedäus Brüder, Johanna, die Frau des Chuza, und Susanna, die Tochter Ezras von Alexandrien.
(2025.6) 189:4.5 Es war etwa halb vier Uhr, als die fünf mit ihren Ölen beladenen Frauen vor dem leeren Grab ankamen. Als sie aus dem Damaskustor traten, begegneten sie einer Anzahl Soldaten, die in ziemlicher Panik in die Stadt flohen, und das bewog sie, einige Minuten anzuhalten; aber als weiter nichts geschah, setzten sie ihren Weg fort.
(2025.7) 189:4.6 Sie waren sehr überrascht, als sie den Stein vom Eingang des Grabes weggerollt fanden, umso mehr als sie auf dem Hinweg zueinander gesagt hatten: „Wer wird uns helfen, den Stein wegzurollen?“ Sie legten ihre Last nieder und begannen, einander ängstlich und mit großem Erstaunen anzusehen. Während sie vor Furcht zitternd dastanden, wagte sich Maria Magdalena um den kleineren Stein herum vor und war so kühn, die offene Gruft zu betreten. Das Grab Josephs befand sich in dessen Garten am Abhang auf der Ostseite der Straße, und es blickte ebenfalls nach Osten. Zu dieser Stunde war der heraufdämmernde neue Tag gerade hell genug, um es Maria zu erlauben, einen Blick auf die Stelle, an der des Meisters Leichnam gelegen hatte, zu werfen und festzustellen, dass er verschwunden war. In der Steinnische, wohin sie Jesus gelegt hatten, erblickte Maria nur das gefaltete Tuch, auf dem sein Kopf geruht hatte, und die Binden, in die er gewickelt worden war — unversehrt und so wie sie auf dem Stein gelegen hatten, bevor die himmlischen Scharen den Körper entfernt hatten. Das bedeckende Laken lag am Fuße der Begräbnisnische.
(2026.1) 189:4.7 Nachdem Maria einige Augenblicke lang im Grabeingang gezögert hatte (sie konnte anfangs beim Betreten des Gewölbes nur undeutlich sehen), stellte sie fest, dass Jesu Leichnam verschwunden war und an seiner Stelle nur die Grabtücher lagen, und vor Bestürzung stieß sie einen Angstschrei aus. All diese Frauen waren nervlich äußerst gespannt; sie waren schon sehr beunruhigt gewesen, seit sie am Stadttor den von Panik gepackten Soldaten begegnet waren, und als Maria diesen Angstschrei ausstieß, erfasste sie Entsetzen und sie flohen überstürzt davon und hielten nicht eher an, als bis sie den ganzen Weg bis zum Damaskustor gerannt waren. Da empfand Johanna auf einmal Gewissensbisse, dass sie Maria zurückgelassen hatten; sie rief ihre Gefährtinnen zusammen und sie kehrten wieder zum Grab zurück.
(2026.2) 189:4.8 Als sie sich dem Grab näherten, eilte ihnen die angsterfüllte Magdalena entgegen, die von noch größerem Schrecken erfasst worden war, als sie beim Verlassen des Grabes ihre wartenden Schwestern nicht mehr vorgefunden hatte, und sie rief aufgeregt: „Er ist nicht mehr da — man hat ihn weggebracht!“ Sie führte sie zum Grab zurück, und sie traten alle ein und sahen, dass es leer war.
(2026.3) 189:4.9 Da setzten sich alle fünf Frauen auf den Stein beim Eingang und besprachen die Situation. Es war ihnen noch nicht aufgegangen, dass Jesus auferweckt worden war. Sie waren den Sabbat über allein gewesen, und sie mutmaßten, dass der Leichnam an eine andere Ruhestätte gebracht worden war. Aber während sie in ihrer Ratlosigkeit über eine solche Erklärung nachsannen, waren sie doch außerstande, sich die säuberliche Anordnung der Grabtücher zu erklären. Wie hatte der Leichnam nur entfernt werden können, während doch die ihn umwickelnden Binden in unveränderter Lage und offenbar intakt auf dem Grabsims belassen worden waren?
(2026.4) 189:4.10 Während die Frauen in der frühen Dämmerstunde des neuen Tages dasaßen, schauten sie zur Seite und erblickten einen schweigenden und unbeweglichen Fremden. Einen Augenblick lang erschraken sie erneut, aber Maria Magdalena stürzte zu ihm hin und sprach ihn an in der Meinung, er sei der Gärtner. Sie sagte: „Wo habt ihr den Meister hingebracht? Wo hat man ihn hingelegt? Sag es uns, damit wir ihn holen können.“ Als der Fremde Maria keine Antwort gab, begann sie zu weinen. Da sprach Jesus zu den Frauen: „Wen sucht ihr?“ Maria erwiderte: „Wir suchen Jesus, der in Josephs Grab beigesetzt worden ist, aber er ist nicht mehr da. Weißt du, wo man ihn hingebracht hat?“ Da sagte Jesus: „Hat dieser Jesus euch nicht schon in Galiläa gesagt, dass er sterben, aber wieder auferstehen werde?“ Diese Worte versetzten die Frauen in großes Staunen, aber der Meister war derart verändert, dass sie ihn, der mit dem Rücken zum Dämmerlicht stand, noch nicht erkannten. Und während sie über seine Worte nachsannen, sagte er zu Magdalena in vertrautem Tonfall: „Maria.“ Und als sie dieses in so vertrautem Tone gesprochene, liebevolle Grußwort vernahm, wusste sie, dass es des Meisters Stimme war, und sie fiel ihm eilig mit dem Ausruf zu Füßen: „Mein Herr und mein Meister!“ Und alle anderen Frauen erkannten, dass es der Meister war, der in verherrlichter Gestalt vor ihnen stand, und sogleich knieten sie vor ihm nieder.
(2027.1) 189:4.11 Dank den besonderen Diensten von Umwandlern und Mittlern in Zusammenarbeit mit bestimmten morontiellen Persönlichkeiten, die damals Jesus begleiteten, wurden diese menschlichen Augen befähigt, Jesu morontielle Gestalt zu sehen.
(2027.2) 189:4.12 Als Maria seine Füße umarmen wollte, sagte Jesus: „Berühre mich nicht, Maria, denn ich bin nicht so, wie du mich als Mensch gekannt hast. Ich werde eine Zeit lang in dieser Gestalt bei euch verweilen, bevor ich zum Vater aufsteige. Aber geht nun alle und sagt meinen Aposteln — und Petrus — dass ich auferstanden bin und dass ihr mit mir gesprochen habt.“
(2027.3) 189:4.13 Nachdem sich die Frauen vom Schock ihrer Verblüffung erholt hatten, eilten sie zur Stadt und zum Hause von Elija Markus zurück, wo sie den zehn Aposteln alles, was ihnen zugestoßen war, berichteten; aber die Apostel waren nicht geneigt, ihnen Glauben zu schenken. Sie dachten zuerst, die Frauen hätten eine Vision gehabt; aber als Maria Magdalena die Worte, die Jesus zu ihr gesprochen hatte, wiederholte, und Petrus seinen Namen hörte, stürzte er aus dem oberen Raum, dicht gefolgt von Johannes, um zum Grab hinauszueilen und die Dinge mit eigenen Augen zu sehen.
(2027.4) 189:4.14 Die Frauen berichteten den anderen Aposteln erneut von ihrem Gespräch mit Jesus, aber sie wollten ihnen nicht glauben; und sie gingen auch nicht wie Petrus und Johannes, um es selbst herauszufinden.
(2027.5) 189:5.1 Während die beiden Apostel zu Josephs Grab nach Golgatha hinausrannten, schwankte Petrus in Gedanken zwischen Angst und Hoffnung; er fürchtete sich vor der Begegnung mit dem Meister, aber seine Hoffnung wurde durch den Bericht geweckt, Jesus habe ihm eine besondere Nachricht zukommen lassen. Er war halb überzeugt davon, dass Jesus wirklich am Leben sei; er erinnerte sich an dessen Versprechen, am dritten Tag aufzuerstehen. Merkwürdigerweise hatte er seit der Kreuzigung bis zu dem Augenblick, da er jetzt durch Jerusalem gen Norden eilte, nie an dieses Versprechen gedacht. Während Johannes aus der Stadt eilte, wallte in seiner Seele ein seltsam starkes Hoffnungs- und Freudengefühl auf. Er war halb überzeugt davon, dass die Frauen tatsächlich den auferstandenen Meister gesehen hatten.
(2027.6) 189:5.2 Da Johannes jünger war als Petrus, überholte er ihn und traf zuerst am Grab ein. Johannes blieb am Eingang stehen und erblickte das Grab genau so, wie Maria es beschrieben hatte. Gleich darauf stürzte Simon Petrus heran und sah beim Eintreten dasselbe leere Grab mit den in so besonderer Weise angeordneten Grabtüchern. Nachdem Petrus herausgekommen war, ging auch Johannes hinein und sah sich alles selber an. Darauf setzten sie sich beide auf den Stein, um über die Bedeutung dessen, was sie gesehen und gehört hatten, nachzusinnen. Und während sie dort saßen, gingen sie in Gedanken alles durch, was man ihnen von Jesus berichtet hatte, aber sie waren nicht in der Lage, klar zu erkennen, was geschehen war.
(2027.7) 189:5.3 Petrus äußerte zuerst die Vermutung, das Grab sei geplündert worden und Feinde hätten den Leichnam gestohlen und vielleicht die Wachen bestochen. Aber Johannes hielt dem entgegen, dass das Grab wohl kaum so ordentlich zurückgelassen worden wäre, wenn man den Leichnam gestohlen hätte, und er warf auch die Frage auf, wie es kam, dass die Binden so offensichtlich unversehrt zurückgelassen worden waren. Und sie gingen wieder ins Grab zurück, um die Grabtücher näher zu prüfen. Als sie zum zweiten Mal aus dem Grab heraustraten, fanden sie Maria Magdalena, die zurückgekehrt war und vor dem Eingang weinte. Maria war in dem Glauben zu den Aposteln gegangen, Jesus sei vom Grab auferstanden, aber als sich alle weigerten, ihrem Bericht zu glauben, wurde sie niedergeschlagen und verzweifelt. Es zog sie in die Nähe des Grabes zurück, wo sie meinte, die vertraute Stimme Jesu gehört zu haben.
(2027.8) 189:5.4 Als Maria noch so verweilte, nachdem Petrus und Johannes gegangen waren, erschien der Meister erneut vor ihr und sagte: „Zweifle nicht; habe den Mut zu glauben, was du gesehen und gehört hast. Geh zu meinen Aposteln zurück und sage ihnen von neuem, dass ich auferstanden bin, dass ich ihnen erscheinen werde und dass ich ihnen sehr bald nach Galiläa vorangehen werde, wie ich versprochen habe.“
(2028.1) 189:5.5 Maria eilte zum Hause des Markus zurück und sagte den Aposteln, dass sie wieder mit Jesus gesprochen habe, aber sie wollten ihr nicht glauben. Als dann aber Petrus und Johannes zurückkehrten, hörten sie auf zu spotten, und Angst und Bangen erfüllten sie.
Das Urantia Buch
Morontielle Erscheinungen Jesu
(2029.1) 190:0.1 DER auferstandene Jesus schickt sich jetzt an, eine kurze Zeitspanne auf Urantia zu verbringen, um die Erfahrung des aufsteigenden morontiellen Werdegangs eines Sterblichen der Welten zu machen. Obwohl er diese Zeit morontiel-len Lebens auf der Welt seiner sterblichen Inkarnation zubringen muss, ist sie indessen in jeder Hinsicht die Entsprechung der Erfahrung der Sterblichen Satanias, die das progressive morontiel- le Leben auf den sieben Residenzwelten von Jerusem durchlaufen.
(2029.2) 190:0.2 All diese Jesu eingeborene Macht — der Besitz des Lebens –, die ihn befähigte, von den Toten aufzuerstehen, ist dieselbe Gabe des ewigen Lebens, das er denen schenkt, die an das Königreich glauben, und das auch jetzt deren Auferstehung aus den Fesseln des natürlichen Todes sicherstellt.
(2029.3) 190:0.3 Am Morgen der Auferstehung erheben sich die Sterblichen der Welten mit der gleichen Art morontiellen oder Übergangskörpers, wie ihn Jesus besaß, als er an diesem Sonntagmorgen dem Grab entstieg. In diesen Körpern zirkuliert kein Blut, und solche Wesen nehmen keine gewöhnliche materielle Nahrung zu sich; und doch sind diese morontiellen Gestalten real. Als die verschiedenen Gläubigen Jesus nach seiner Auferstehung sahen, sahen sie ihn tatsächlich; sie waren nicht der Selbsttäuschung unterliegende Opfer von Visionen oder Halluzinationen.
(2029.4) 190:0.4 Unerschütterlicher Glaube an Jesu Auferstehung war das hauptsächliche Merkmal des Glaubens aller Zweige der frühen Evangeliumslehre. In Jerusalem und Alexandrien, in Antiochien und Philadelphia waren sich alle Evangeliumslehrer einig in diesem vorbehaltlosen Glauben an die Auferstehung des Meisters.
(2029.5) 190:0.5 Wenn man die führende Rolle betrachtet, die Maria Magdalena bei der Verkündigung der Auferstehung des Meisters spielte, sollte festgehalten werden, dass sie die Hauptsprecherin des Frauenkorps war, so wie Petrus Hauptsprecher für die Apostel war. Maria war nicht Leiterin der weiblichen Arbeitsgruppe, aber sie war deren Hauptlehrerin und öffentliche Sprecherin. Maria war eine äußerst vorsichtige Frau geworden, so dass ihre Kühnheit, einen Mann anzusprechen, den sie für den Pfleger von Josephs Garten hielt, nur verrät, wie entsetzt sie war, das Grab leer zu finden. Der heftige Schmerz, die Tiefe ihrer Liebe und ihre völlige Hingabe waren es, die sie einen Augenblick lang die herkömmliche Zurückhaltung einer jüdischen Frau bei der Begegnung mit einem Fremden vergessen ließen.
(2029.6) 190:1.1 Die Apostel wollten nicht, dass Jesus sie verlasse; deshalb hatten sie all seine Erklärungen über seinen Tod ebenso wie seine Versprechen aufzuerstehen auf die leichte Schulter genommen. Sie hatten sich die Auferstehung nicht so, wie sie kam, vorgestellt, und sie weigerten sich, daran zu glauben, bis unanfechtbare Zeugnisse und der absolute Beweis ihrer eigenen Erfahrung sie dazu zwangen.
(2030.1) 190:1.2 Als die Apostel sich weigerten, dem Bericht der fünf Frauen zu glauben, die behaupteten, Jesus gesehen und mit ihm gesprochen zu haben, kehrte Maria Magdalena an das Grab zurück, während die anderen sich zum Hause Josephs zurückbegaben, wo sie dessen Tochter und den anderen Frauen berichteten, was sie erlebt hatten. Und die Frauen schenkten ihrem Bericht Glauben. Kurz nach sechs Uhr begaben sich die Tochter Josephs von Arimathia und die vier Frauen, welche Jesus gesehen hatten, zum Hause des Nikodemus hinüber, wo sie Joseph, Nikodemus, David Zebedäus und den anderen hier versammelten Männern all diese Geschehnisse schilderten. Nikodemus und die anderen bezweifelten ihre Geschichte, bezweifelten, dass Jesus von den Toten auferstanden sei; sie vermuteten, dass die Juden den Leichnam fortgeschafft hatten. Joseph und David aber neigten dazu, dem Bericht Glauben zu schenken, und zwar so sehr, dass sie zu dem Grab hinauseilten, um es selbst in Augenschein zu nehmen. Und sie fanden alles genau so vor, wie die Frauen es beschrieben hatten. Sie waren die letzten, die die Gruft in diesem Zustand erblickten; denn um halb sieben schickte der Hohepriester den Hauptmann der Tempelwache zum Grab, um die Grabtücher zu entfernen. Der Hauptmann wickelte sie alle in das Leinentuch und warf sie über einen nahen Felsvorsprung hinunter.
(2030.2) 190:1.3 Vom Grabe aus begaben sich David und Joseph schleunigst zum Hause des Elija Markus, wo sie sich im oberen Raum mit den zehn Aposteln besprachen. Einzig Johannes Zebedäus war, wenn auch nur schwach, zu glauben geneigt, dass Jesus von den Toten auferstanden sei. Petrus hatte zuerst geglaubt, aber als er den Meister nicht fand, befielen ihn schwere Zweifel. Sie neigten alle zu der Ansicht, dass die Juden den Leichnam weggeschafft hatten. David wollte nicht mit ihnen streiten, aber im Weggehen sagte er: „Ihr seid die Apostel, und ihr solltet euch in diesen Dingen auskennen. Ich will nicht mit euch rechten; dessen ungeachtet kehre ich jetzt zum Hause des Nikodemus zurück, wo ich mich mit meinen Boten für heute morgen verabredet habe; und wenn sie alle beisammen sind, werde ich sie auf ihre letzte Mission als Ankündiger der Auferstehung des Meisters schicken. Ich habe den Meister sagen hören, dass er nach seinem Tode am dritten Tag auferstehen werde, und ich glaube ihm.“ Und mit diesen Worten an die Apostel verließ dieser selbsternannte Kommunikations- und Informationschef die niedergeschmetterten und elenden Botschafter des Königreichs. Beim Verlassen des oberen Raumes ließ er den Geldbeutel von Judas, der das ganze apostolische Gut enthielt, in den Schoß von Matthäus Levi fallen.
(2030.3) 190:1.4 Es war etwa halb zehn Uhr, als der letzte von Davids sechsundzwanzig Boten im Hause des Nikodemus eintraf. Sofort versammelte David sie in dem geräumigen Hof und richtete folgende Worte an sie:
(2030.4) 190:1.5 „Ihr Männer und Brüder, all diese Zeit hindurch habt ihr mir getreu dem Eid gedient, den ihr mir und einander gegenseitig geleistet habt, und ihr seid mir Zeugen dafür, dass ich euch noch nie mit falscher Information ausgesandt habe. Ich schicke euch jetzt auf eure letzte Mission als freiwillige Boten des Königreichs, und damit entbinde ich euch von eurem Eid und löse das Botenkorps auf. Männer, ich erkläre euch, dass wir unser Werk beendet haben. Der Meister braucht jetzt keine sterblichen Boten mehr; er ist von den Toten auferstanden. Vor seiner Verhaftung hat er uns gesagt, dass er sterben und am dritten Tag wieder auferstehen werde. Ich habe das Grab gesehen — es ist leer. Ich habe mit Maria Magdalena und vier anderen Frauen gesprochen, die mit Jesus gesprochen haben. Ich entlasse euch jetzt, sage euch Lebewohl und sende euch aus, jeden mit seinem Auftrag; und die Botschaft, die ihr den Gläubigen überbringen sollt, lautet: ‚Jesus ist von den Toten auferstanden; das Grab ist leer.‘“
(2030.5) 190:1.6 Die meisten Anwesenden drangen in David, von seinem Vorhaben abzulassen. Aber sie vermochten ihn nicht zu beeinflussen. Darauf versuchten sie, die Boten umzustimmen, aber diese beachteten die Worte des Zweifels nicht. Und so schwärmten an diesem Sonntagmorgen, etwas vor zehn Uhr, diese sechsundzwanzig Läufer als erste Herolde der mächtigen Wahrheits-Tatsache des auferstandenen Jesus aus. Und sie begaben sich auf diese Mission wie auf so viele frühere in Erfüllung ihres Eides, den sie David Zebedäus und einander gegenseitig geleistet hatten. Diese Männer hatten großes Vertrauen zu David. Sie traten ihren Auftrag an, ohne auch nur zu verweilen, um mit denen zu sprechen, die Jesus gesehen hatten; denn sie nahmen David beim Wort. Die Mehrheit von ihnen glaubte, was David ihnen gesagt hatte, aber auch diejenigen, die irgendwie zweifelten, überbrachten die Botschaft ebenso zuverlässig und genauso schnell.
(2031.1) 190:1.7 Die Apostel, das geistige Korps des Königreichs, sind an diesem Tag im oberen Raum versammelt, wo sie Angst bekunden und Zweifel äußern, während diese Laien, deren Handeln den ersten Versuch einer Sozialisierung des Evangeliums des Meisters von der Bruderschaft der Menschen darstellt, unter der Leitung ihres furchtlosen und tüchtigen Führers hinausgehen, um die Auferstehung des Retters einer Welt und eines Universums zu verkündigen. Und sie übernehmen diesen denkwürdigen Dienst, noch ehe Jesu berufene Stellvertreter gewillt sind, seinem Wort zu glauben oder die Aussagen von Augenzeugen ernst zu nehmen.
(2031.2) 190:1.8 Diese sechsundzwanzig Boten wurden zum Hause des Lazarus in Bethanien und zu allen Glaubenszentren ausgesandt, von Beerscheba im Süden bis nach Damaskus und Sidon im Norden und von Philadelphia im Osten bis nach Alexandrien im Westen.
(2031.3) 190:1.9 Nachdem David von seinen Brüdern Abschied genommen hatte, ging er zum Hause des Joseph, um seine Mutter abzuholen, und dann begaben sie sich hinaus nach Bethanien zu der wartenden Familie Jesu. David blieb in Bethanien bei Martha und Maria, bis diese ihr irdisches Besitztum verkauft hatten, und er begleitete sie auf ihrer Reise zu ihrem Bruder Lazarus in Philadelphia.
(2031.4) 190:1.10 Etwa eine Woche später brachte Johannes Zebedäus Maria, Jesu Mutter, zu sich nach Hause nach Bethsaida. Jakobus, Jesu ältester Bruder, blieb mit seiner Familie in Jerusalem. Ruth blieb in Bethanien bei den Schwestern des Lazarus. Die restliche Familie Jesu kehrte nach Galiläa zurück. Anfang Juni reiste David Zebedäus mit Martha und Maria von Bethanien nach Philadelphia ab, am Tag nach seiner Hochzeit mit Ruth, Jesu jüngster Schwester.
(2031.5) 190:2.1 Von seiner morontiellen Auferstehung an bis zur Stunde seiner Himmelfahrt als Geist erschien Jesus den auf der Erde an ihn Glaubenden bei neunzehn verschiedenen Gelegenheiten in sichtbarer Gestalt. Er erschien weder seinen Feinden noch denen, die aus seinem Erscheinen in sichtbarer Gestalt keinen geistigen Nutzen ziehen konnten. Seine erste Erscheinung galt den fünf Frauen am Grab, seine zweite, ebenfalls am Grab, galt Maria Magdalena.
(2031.6) 190:2.2 Die dritte Erscheinung ereignete sich an diesem Sonntag um die Mittagszeit in Bethanien. Kurz nach Mittag stand Jakobus, Jesu ältester Bruder, in Lazarus‘ Garten vor dem leeren Grab des auferweckten Bruders von Martha und Maria und beschäftigte sich in Gedanken mit den Nachrichten, die Davids Bote ihnen eine Stunde zuvor gebracht hatte. Jakobus hatte immer dazu geneigt, an die irdische Sendung seines Bruders zu glauben, aber er hatte seit langem den Kontakt mit Jesu Werk verloren und war in ernste Zweifel geraten, als die Apostel später behaupteten, Jesus sei der Messias. Die ganze Familie war überrascht und nahezu bestürzt über die Nachrichten, die der Bote gebracht hatte. Während Jakobus vor Lazarus‘ leerem Grab stand, kam Maria Magdalena in großer Aufregung daher und erzählte der Familie, was sie in den frühen Morgenstunden am Grabe Josephs erlebt hatte. Noch bevor sie geendet hatte, traf David Zebedäus mit seiner Mutter ein. Ruth glaubte natürlich den Bericht und ebenso Jude, nachdem er mit David und Salome gesprochen hatte.
(2032.1) 190:2.3 Inzwischen suchten sie nach Jakobus, der im Garten am Grab stand; aber noch ehe sie ihn fanden, wurde er sich einer nahen Gegenwart bewusst, so als hätte ihn jemand an der Schulter berührt. Und als er sich umschaute, sah er neben sich eine seltsame Erscheinung allmählich Gestalt annehmen. Er war zu überrascht, um zu sprechen, und zu erschrocken, um zu fliehen. Und dann sprach die seltsame Gestalt die Worte: „Jakobus, ich komme, um dich zum Dienst am Königreich zu rufen. Tu dich ernsthaft mit deinen Brüdern zusammen und folge mir nach.“ Als Jakobus sich beim Namen nennen hörte, wusste er, dass Jesus, sein ältester Bruder ihn angesprochen hatte. Es fiel ihnen allen mehr oder weniger schwer, den Meister in seiner morontiellen Gestalt wieder zu erkennen, aber nur wenige von ihnen hatten irgendwelche Schwierigkeiten, seine Stimme zu erkennen oder sonst wie seine gewinnende Persönlichkeit zu identifizieren, nachdem er einmal mit ihnen zu sprechen begonnen hatte.
(2032.2) 190:2.4 Als Jakobus erkannte, dass Jesus ihn anredete, fiel er auf die Knie nieder und rief: „Mein Vater und mein Bruder“, aber Jesus hieß ihn aufstehen, während er mit ihm redete. Und sie spazierten durch den Garten und unterhielten sich fast drei Minuten lang miteinander. Sie sprachen von Erlebnissen früherer Tage und beschäftigten sich mit den Ereignissen der nahen Zukunft. Als sie sich dem Hause näherten, sagte Jesus: „Lebewohl, Jakobus, bis ich euch alle zusammen begrüße.“
(2032.3) 190:2.5 Während man nach ihm in Bethphage suchte, stürzte Jakobus ins Haus und rief: „Ich habe eben gerade Jesus gesehen und mit ihm gesprochen, mich mit ihm unterhalten. Er ist nicht tot, er ist auferstanden! Er entschwand meinen Blicken mit den Worten: ‚Lebewohl, bis ich euch alle zusammen begrüße.‘“ Er hatte kaum ausgeredet, als Jude zurückkehrte, und er wiederholte für ihn sein Erlebnis der Begegnung mit Jesus im Garten. Und sie alle begannen, an die Auferstehung Jesu zu glauben. Jakobus kündigte jetzt an, dass er nicht nach Galiläa zurückkehren werde, und David rief aus: „Nicht nur aufgeregte Frauen sehen ihn; auch beherzte Männer haben begonnen, ihn zu sehen. Ich bin darauf gefasst, ihn selber zu sehen.“
(2032.4) 190:2.6 Und David musste nicht lange warten, denn Jesu vierte Erscheinung vor menschlichen Augen ereignete sich kurz vor zwei Uhr gerade hier im Hause von Martha und Maria, als er seiner irdischen Familie und ihren Freunden, zwanzig Personen an der Zahl, sichtbar erschien. Der Meister erschien im offenen hinteren Ausgang und sagte: „Friede sei mit euch. Grüße für die, die mir als Mensch vordem nahe waren, und Gemeinschaft mit meinen Brüdern und Schwestern im Königreich des Himmels. Wie konntet ihr nur zweifeln? Weshalb habt ihr so lange gezaudert, bevor ihr euch entschieden habt, dem Licht der Wahrheit von ganzem Herzen zu folgen? Kommt deshalb alle in die Gemeinschaft des Geistes der Wahrheit in des Vaters Königreich.“ Als sie sich vom ersten Schock ihres Staunens zu erholen begannen und auf ihn zugingen, um ihn zu umarmen, entschwand er ihren Blicken.
(2032.5) 190:2.7 Sie wollten sich alle eilends in die Stadt begeben, um den zweifelnden Aposteln über das Geschehene zu berichten, aber Jakobus hielt sie zurück. Nur Maria Magdalena wurde erlaubt, zu Josephs Haus zurückzukehren. Gewisser Dinge wegen, die Jesus ihm während ihres Gesprächs im Garten gesagt hatte, verbot Jakobus ihnen, die Tatsache dieses morontiellen Besuchs öffentlich werden zu lassen. Aber nie enthüllte Jakobus darüber hinaus etwas von seinem Gespräch mit dem auferstandenen Meister an jenem Tage beim Hause des Lazarus in Bethanien.
(2033.1) 190:3.1 Die fünfte für menschliche Augen wahrnehmbare morontielle Erscheinung Jesu ereignete sich noch am gleichen Sonntagnachmittag gegen Viertel nach vier in Gegenwart von etwa fünfundzwanzig gläubigen Frauen, die im Hause Josephs von Arimathäa versammelt waren. Maria Magdalena war nur wenige Minuten vor dieser Erscheinung zu Josephs Haus zurückgekehrt. Jesu Bruder Jakobus hatte verlangt, dass man den Aposteln nichts von des Meisters Erscheinen in Bethanien sage. Aber Maria hatte er nicht aufgefordert, davon abzusehen, ihren Glaubensschwestern von der Begebenheit zu erzählen. Also ließ Maria alle Frauen Geheimhaltung geloben und begann dann zu berichten, was sich soeben zugetragen hatte, während sie bei Jesu Familie in Bethanien weilte. Und sie befand sich mitten in ihrer fesselnden Schilderung, als sich über alle eine plötzliche und feierliche Stille legte. Und sie gewahrten in ihrer Mitte die völlig sichtbare Gestalt des auferstandenen Jesus. Er grüßte sie mit den Worten: „Friede sei mit euch. In der Bruderschaft des Himmelreichs wird es weder Juden noch Heiden, weder Reiche noch Arme, weder Freie noch Sklaven, weder Männer noch Frauen geben. Auch ihr seid aufgerufen, die gute Nachricht von der Befreiung der Menschheit durch das Evangelium der Gottessohnschaft im Königreich des Himmels zu verkündigen. Geht hinaus in alle Welt, dieses Evangelium zu verkündigen und die Gläubigen in ihrem Glauben daran zu bestärken. Und während ihr das tut, vergesst nicht, für die Kranken zu sorgen und die Verzagten und Furchtsamen aufzurichten. Und ich werde immer bei euch sein, sogar in den fernsten Winkeln der Welt.“ Und nach diesen Worten entschwand er ihren Blicken, und die Frauen fielen in schweigender Anbetung auf die Knie.
(2033.2) 190:3.2 Von den fünf morontiellen Erscheinungen Jesu, die bis dahin stattgefunden hatten, war Maria Magdalena Zeugin von vieren geworden.
(2033.3) 190:3.3 Die Aussendung der Boten im Laufe des Vormittags und die unbewusst fallengelassenen Andeutungen über die Erscheinung Jesu in Josephs Haus hatten zur Folge, dass den Führern der Juden am frühen Abend zu Ohren kam, in der Stadt würde herumgesprochen, Jesus sei auferstanden, und dass viele Menschen behaupteten, ihn gesehen zu haben. Diese Gerüchte schreckten die Sanhedristen gründlich auf. Nach hastiger Rücksprache mit Annas berief Kajaphas noch für jenen Abend um acht Uhr eine Sitzung des Sanhedrins ein. Es wurden während dieser Sitzung Schritte unternommen, um jede Person aus der Synagoge hinauszuwerfen, die Jesu Auferstehung erwähnen würde. Es wurde sogar vorgeschlagen, jeden, der erklärte, ihn gesehen zu haben, hinzurichten. Dieser Vorschlag kam jedoch nicht zur Abstimmung, da die Sitzung in einer Konfusion endete, die an wirkliche Panik grenzte. Sie hatten zu denken gewagt, sie seien mit Jesus fertig. Sie machten jetzt die Entdeckung, dass ihre wirklichen Schwierigkeiten mit dem Mann aus Nazareth gerade erst begonnen hatten.
(2033.4) 190:4.1 Gegen halb fünf Uhr erschien der Meister zum sechsten Mal in morontieller Gestalt, diesmal im Hause eines gewissen Flavius vor etwa vierzig dort versammelten gläubigen Griechen. Während diese gerade die Berichte über des Meisters Auferstehung diskutierten, erschien er in ihrer Mitte, obschon die Türen fest verriegelt waren, und sprach zu ihnen: „Friede sei mit euch. Obwohl der Menschensohn auf Erden unter den Juden erschien, kam er zum Dienst an allen Menschen. Im Königreich meines Vaters wird es weder Juden noch Heiden geben; ihr werdet alle Brüder — Söhne Gottes — sein. Geht deshalb dies rettende Evangelium so, wie ihr es von den Botschaftern des Königreichs empfangen habt, der ganzen Welt verkünden, und ich werde in der Bruderschaft derer, die durch den Glauben und in der Wahrheit Söhne des Vaters sind, euer Gefährte sein.“ Und nachdem er ihnen diesen Auftrag erteilt hatte, verabschiedete er sich, und sie sahen ihn nicht wieder. Sie blieben den ganzen Abend über im Hause; zu sehr waren sie von heiliger Scheu und Furcht überwältigt, als dass sie sich nach draußen gewagt hätten. Keiner von diesen Griechen schloss in dieser Nacht ein Auge; die Besprechung des Vorgefallenen und die Hoffnung, der Meister möge sie wieder- um besuchen, hielten sie wach. In dieser Gruppe befanden sich viele von den Griechen, die in Gethsemane zugegen waren, als die Soldaten Jesus verhafteten und Judas ihn mit einem Kuss verriet.
(2034.1) 190:4.2 Rasch verbreiten sich die Gerüchte von Jesu Auferstehung und die Berichte über die vielen Erscheinungen vor seinen Anhängern, und die ganze Stadt befindet sich in einem Zustand höchster Erregung. Schon ist der Meister seiner Familie, den Frauen und den Griechen erschienen, und bald wird er sich mitten unter den Aposteln zeigen. Der Sanhedrin wird sich in Kürze mit diesen neuen Problemen befassen müssen, die die jüdischen Führer so völlig überrumpelt haben. Jesus denkt viel an seine Apostel, wünscht aber, sie noch für einige Stunden tiefer Besinnung und gedankenvoller Überlegung allein zu lassen, bevor er sie aufsucht.
(2034.2) 190:5.1 Etwa zwölf Kilometer westlich von Jerusalem lebten in Emmaus zwei Brüder, Hirten, die die Passahwoche in Jerusalem mit der Teilnahme an Opfern, Zeremonien und Festen zugebracht hatten. Kleopas, der ältere, glaubte mehr oder weniger an Jesus; wenigstens hatte man ihn aus der Synagoge verjagt. Sein Bruder Jakob glaubte nicht, obwohl ihn faszinierte, was er über des Meisters Lehren und Werke gehört hatte.
(2034.3) 190:5.2 Es war einige Minuten vor fünf Uhr an diesem Sonntagnachmittag und etwa fünf Kilometer außerhalb Jerusalems, als die beiden Brüder müde auf der Straße nach Emmaus dahinwanderten und sich in großem Ernst über Jesus, seine Lehren, sein Werk und insbesondere über die Gerüchte unterhielten, dass sein Grab leer sei und gewisse Frauen mit ihm gesprochen hätten. Kleopas glaubte halbwegs an diese Berichte, aber Jakob bestand darauf, dass das Ganze wahrscheinlich ein Schwindel sei. Während sie so argumentierend und diskutierend heimwärts strebten, trat Jesu morontielle Gestalt, seine siebente Erscheinung, im Gehen neben sie. Kleopas hatte Jesus oft lehren hören und sogar bei verschiedenen Gelegenheiten mit ihm bei gläubigen Bewohnern Jerusalems gespeist. Aber er erkannte den Meister nicht, auch nicht, als dieser frei mit ihnen redete.
(2034.4) 190:5.3 Nachdem Jesus ein kurzes Wegstück mit ihnen gegangen war, sagte er: „Worüber habt ihr euch mit so großem Ernst unterhalten, als ich euch getroffen habe?“ Als Jesus so gesprochen hatte, blieben sie stehen und schauten ihn erstaunt und traurig an. Kleopas sagte: „Ist es möglich, dass du dich in Jerusalem aufhältst und nichts von den Dingen weißt, die kürzlich geschehen sind?“ Da fragte der Meister: „Was für Dinge?“ Kleopas erwiderte: „Wenn du nichts davon weißt, bist du der einzige in ganz Jerusalem, der nichts von den Gerüchten um Jesus von Nazareth gehört hat, der ein in Wort und Tat machtvoller Prophet vor Gott und allen Menschen war. Die höchsten Priester und unsere Führer haben ihn an die Römer ausgeliefert und von ihnen verlangt, ihn zu kreuzigen. Viele von uns hatten gehofft, dass gerade er Israel vom Joch der Heiden befreien würde. Aber das ist nicht alles. Heute ist der dritte Tag, seit er gekreuzigt wurde, und gewisse Frauen haben uns heute mit der Erklärung in Staunen versetzt, dass sie sehr früh am Morgen zu seinem Grab hinausgegangen seien und es leer gefunden hätten. Und dieselben Frauen bestehen darauf, sie hätten mit diesem Mann gesprochen; sie behaupten, er sei von den Toten auferstanden. Und als die Frauen den Männern davon berichteten, rannten zwei seiner Apostel zum Grab und fanden es ebenfalls leer“ — und hier unterbrach Jakob seinen Bruder mit den Worten: „Aber sie haben Jesus nicht gesehen.“
(2035.1) 190:5.4 Während sie weitergingen, sagte Jesus zu ihnen: „Wie lange braucht ihr doch, um die Wahrheit zu verstehen! Da ihr mir sagt, dass ihr über Lehren und Werk dieses Mannes diskutiert habt, kann ich euch Klarheit schenken, denn ich bin mit diesen Lehren mehr als vertraut. Erinnert ihr euch nicht, dass dieser Jesus immer lehrte, sein Königreich sei nicht von dieser Welt und dass alle Menschen Kinder Gottes sind und deshalb ihre Befreiung und Freiheit in der geistigen Freude der Brüderlichkeit untereinander finden, während sie mit Hingabe dienen in diesem neuen Reich der Wahrheit von des himmlischen Vaters Liebe? Erinnert ihr euch nicht, wie dieser Menschensohn Gottes Heil für alle Menschen verkündete, wie er Kranken und Betrübten zusprach und die von Furcht Gefesselten und die Sklaven der Sünde befreite? Wisst ihr nicht, dass dieser Mann aus Nazareth seinen Jüngern sagte, er müsse nach Jerusalem gehen und in die Hände seiner Feinde, die ihn töten würden, gegeben werden, und dass er am dritten Tag auferstehen werde? Ist euch all das nicht gesagt worden? Und habt ihr in den Schriften nie von diesem Tag des Heils für Juden und Heiden gelesen, wo geschrieben steht, dass im Menschensohn alle Familien der Erde gesegnet sein sollen; dass er den Schrei der Bedürftigen hören und die Seelen der Armen, die ihn suchen, retten wird; dass alle Völker ihn den Gesegneten nennen werden? Dass dieser Befreier sein wird wie der Schatten eines großen Felsens in einem erschöpften Land. Dass er die Herde weiden wird wie ein wahrer Hirte, die Lämmer in seinen Armen tragen und sie zärtlich an sein Herz drücken wird. Dass er die Augen der geistig Blinden öffnen und die Gefangenen der Verzweiflung in die volle Freiheit und in das Licht hinausführen wird; dass alle, die in der Dunkelheit sitzen, das große Licht des ewigen Heils sehen werden. Dass er die Wunden derer, die gebrochenen Herzens sind, verbinden, den in der Sünde Verstrickten Freiheit verkündigen und das Gefängnis derer öffnen wird, die von Furcht geknechtet und an das Böse gekettet sind. Dass er die Trauernden trösten und ihnen anstelle von Leid und Beladenheit die Freude des Heils schenken wird. Dass er die Sehnsucht aller Völker und die ewige Freude derer sein wird, die Rechtschaffenheit suchen. Dass dieser Sohn der Wahrheit und Rechtschaffenheit über der Welt mit heilendem Licht und rettender Macht aufgehen wird; dass er sein Volk sogar von seinen Sünden erlösen wird; dass er wirklich die Verlorenen suchen und retten wird. Dass er die Schwachen nicht vernichten, sondern allen, die nach Rechtschaffenheit hungern und dürsten, das rettende Heil bringen wird. Dass die, die an ihn glauben, ewiges Leben haben sollen. Dass er seinen Geist über alle Menschen ausgießen wird und dass dieser Geist der Wahrheit in jedem Gläubigen wie ein Wasserquell sein soll, der in das ewige Leben aufsprudelt. Habt ihr nicht begriffen, wie groß das Evangelium vom Königreich ist, das dieser Mann euch gebracht hat? Erkennt ihr nicht, wie groß das Heil ist, das auf euch herabgekommen ist?“
(2035.2) 190:5.5 Inzwischen hatten sie sich dem Dorf, in dem die Brüder wohnten, genähert. Nicht ein Wort hatten diese beiden Männer gesprochen, seit Jesus sie zu lehren begonnen hatte, während sie ihres Weges dahin schritten. Bald langten sie vor ihrer bescheidenen Behausung an und Jesus, auf dem Weg weitergehend, wollte von ihnen Abschied nehmen, aber sie nötigten ihn, hereinzukommen und bei ihnen zu bleiben. Sie bestanden darauf, dass er bei ihnen bleibe, da die Nacht jetzt bald hereinbreche. Schließlich willigte Jesus ein, sie gingen ins Haus und setzten sich bald darauf zu Tisch. Sie gaben ihm das Brot zum Segnen, und als er es zu brechen und ihnen zu reichen begann, wurden ihnen die Augen geöffnet, und Kleopas erkannte, dass ihr Gast der Meister selber war. Und als er sagte: „Es ist der Meister–“ entschwand der morontielle Jesus ihren Blicken.
(2036.1) 190:5.6 Da sagten sie zueinander: „Kein Wunder, dass unsere Herzen brannten, als er zu uns sprach, während wir die Straße entlanggingen, und er in uns den Sinn der Worte der Schriften aufgehen ließ.“
(2036.2) 190:5.7 Sie rührten nicht an ihr Essen. Sie hatten den morontiellen Meister gesehen und stürzten aus dem Haus und rannten zurück nach Jerusalem, um die gute Nachricht vom auferstandenen Retter zu verbreiten.
(2036.3) 190:5.8 Gegen neun Uhr an diesem Abend, gerade bevor der Meister den Zehn erschien, platzten die beiden aufgeregten Brüder bei den Aposteln im oberen Raum herein und erklärten, sie hätten Jesus gesehen und mit ihm gesprochen. Und sie berichteten alles, was Jesus zu ihnen gesagt hatte und dass sie ihn erst in dem Augenblick erkannt hätten, als er das Brot brach.
Das Urantia Buch
Schrift 183
Jesu Verrat und Verhaftung
(1971.1) 183:0.1 NACHDEM Jesus Petrus, Jakobus und Johannes endlich wach bekommen hatte,
legte er ihnen nahe, zu ihren Zelten zu gehen und in Vorbereitung auf die Aufgaben des nächsten
Tages Schlaf zu suchen. Aber mittlerweile waren die drei Apostel hellwach geworden; das
wiederholte Einnicken hatte sie erfrischt und überdies wurden sie alarmiert und aufgerüttelt
durch die Ankunft zweier aufgeregter Boten am Ort des Geschehens, die nach David Zebedäus
fragten und sich rasch auf die Suche nach ihm machten, nachdem Petrus sie informiert hatte, wo
er Wache hielt.
(1971.2) 183:0.2 Während acht der Apostel fest schliefen, hatten die Griechen, deren Lager sich
gleich neben dem ihren befand, größere Angst vor Zwischenfällen, und zwar so sehr, dass sie
einen Wachposten aufgestellt hatten, der bei Gefahr Alarm schlagen sollte. Als die beiden Boten
ins Lager geeilt kamen, ging der griechische Wachposten all seine Landsleute wecken, worauf
diese fertig angezogen und voll gerüstet aus ihren Zelten traten. Mit Ausnahme der acht Apostel
war jetzt das ganze Lager wach. Petrus wollte seine Gefährten rufen, aber Jesus verbot es ihm
entschieden. Der Meister ermahnte sie alle sanft, zu ihren Zelten zurückzukehren, aber sie
sträubten sich, seiner Empfehlung nachzukommen.
(1971.3) 183:0.3 Da es dem Meister nicht gelang, seine Anhänger zu zerstreuen, verließ er sie und
ging zur Ölpresse hinunter, die sich nahe am Eingang zum Garten Gethsemane befand. Während
die drei Apostel, die Griechen und die übrigen Lagerangehörigen zögerten, ihm auf dem Fuße zu
folgen, eilte Johannes Markus zwischen den Olivenbäumen hinab und versteckte sich in einer
kleinen Hütte neben der Ölpresse. Jesus entfernte sich vom Lager und von seinen Freunden,
damit seine Häscher ihn bei ihrer Ankunft verhaften könnten, ohne seine Apostel zu stören. Der
Meister befürchtete, dass der Anblick des ihn verratenden Judas in seinen Aposteln, wären sie
wach und bei seiner Verhaftung zugegen, so feindselige Gefühle auslösen würde, dass sie den
Soldaten Widerstand leisten und zusammen mit ihm in Gewahrsam genommen würden. Er
befürchtete, sie könnten, sollten sie mit ihm verhaftet werden, auch mit ihm umkommen.
(1971.4) 183:0.4 Obwohl Jesus wusste, dass der Plan, ihn zu töten, in den Beratungen der Führer
der Juden entstanden war, war er sich ebenfalls bewusst, dass all dieses ruchlose
Ränkeschmieden die volle Zustimmung Luzifers, Satans und Caligastias genoss. Und er wusste
sehr wohl, dass es diese Rebellen der Welten auch gerne sähen, wenn alle Apostel mit ihm
zusammen umgebracht würden.(1971.5) 183:0.5 Jesus setzte sich auf die Ölpresse und wartete hier allein auf das Kommen des
Verräters. Er wurde in diesen Augenblicken nur von Johannes Markus und einer Heerschar
unzähliger himmlischer Beobachter gesehen.
1. Der Wille des Vaters
(1971.6) 183:1.1 Es besteht große Gefahr, dass die Bedeutung zahlreicher Aussprüche und vieler
Begebenheiten missverstanden wird, die das Ende des irdischen Lebensweges des Meisters
begleiteten. Die grausame Behandlung Jesu durch die ignoranten Bediensteten und die rohen
Soldaten, die unfaire Führung seines Prozesses und die gefühllose Haltung der angeblich
religiösen Führer dürfen nicht mit der Tatsache verwechselt werden, dass Jesus, wenn er sich
geduldig dieser ganzen Qual und Erniedrigung unterzog, wahrlich dem Willen des Paradies-
Vaters gehorchte. Es war tatsächlich und in Wahrheit des Vaters Wille, dass sein Sohn den Kelch
sterblicher Erfahrung bis zur Neige trinke, von der Geburt bis zum Tode, aber der Vater im
Himmel hatte nicht im Entferntesten dazu beigetragen, diese angeblich zivilisierten
menschlichen Wesen, die den Meister mit solcher Brutalität quälten und in so grauenhafter Weise
Demütigung über Demütigung auf seine widerstandslose Person häuften, zu ihrem barbarischen
Verhalten anzustiften. Diese unmenschlichen und entsetzlichen Erfahrungen, die Jesus während
der letzten Stunden seines irdischen Daseins erdulden musste, waren in keiner Weise Teil des
göttlichen Willens des Vaters, welchen auszuführen Jesu menschliche Natur so siegreich gelobt
hatte im Augenblick der endgültigen Unterwerfung des Menschen unter Gott, wie es im
dreifachen Gebet zum Ausdruck kam, das er im Garten sprach, während seine müden Apostel vor
physischer Erschöpfung schliefen.
(1972.1) 183:1.2 Der Vater im Himmel wünschte, dass der Sohn der Selbsthingabe seine irdische
Laufbahn auf natürliche Weise beschließe, genau so wie alle Sterblichen ihr körperliches Leben
auf Erden beenden müssen. Gewöhnliche Männer und Frauen können nicht erwarten, dass ihnen
ihre letzten Stunden auf Erden und die darauf folgende Todesepisode durch eine spezielle
Dispensierung leicht gemacht würden. Also entschloss sich Jesus, sein irdisches Leben
entsprechend dem natürlichen Lauf der Dinge aufzugeben, und er weigerte sich standhaft, sich
aus den grausamen Klauen einer heimtückischen Verkettung unmenschlicher Ereignisse zu
befreien, welche mit furchtbarer Gewissheit auf seine unfassbare Demütigung und seinen
schändlichen Tod zutrieben. Und jede Einzelheit in dieser erstaunlichen Entfesselung von Hass
und nie dagewesenen Bekundung von Grausamkeit war das Werk böser Menschen und gottloser
Sterblicher. Gott im Himmel wollte es nicht, noch befahlen es Jesu Erzfeinde, obwohl sie viel
taten um sicherzustellen, dass gedankenlose und böse Sterbliche den Sohn der Selbsthingabe in
dieser Art zurückweisen würden. Sogar der Vater der Sünde wandte sein Gesicht vom
unerträglichen Grauen der Kreuzigungsszene ab.
2. Judas in der Stadt
(1972.2) 183:2.1 Nachdem Judas so plötzlich vom Tisch weggegangen war, während sie das letzte
Abendmahl einnahmen, begab er sich geradewegs zum Hause seines Vetters, von wo sich beide
unverzüglich zum Hauptmann der Tempelwachen aufmachten. Judas ersuchte den Hauptmann,
die Wachen zu versammeln, und teilte ihm mit, dass er bereit sei, sie zu Jesus zu führen. Da
Judas etwas früher als erwartet eingetroffen war, gab es eine Verzögerung, bevor sie sich in
Richtung des Hauses von Markus in Bewegung setzten, wo Judas annahm, Jesus immer noch im
Gespräch mit den Aposteln anzutreffen. Der Meister und die Elf verließen das Haus von Elija
Markus gut fünfzehn Minuten vor Ankunft des Verräters und der Wachen. Als die Häscher beim
Haus des Markus eintrafen, befanden sich Jesus und die Elf schon ein gutes Stück außerhalb der
Stadtmauern auf dem Weg zum Lager am Ölberg.
(1972.3) 183:2.2 Judas war sehr beunruhigt, dass es ihm misslungen war, Jesus im Hause des
Markus zusammen mit den elf Männern zu finden, von denen nur zwei bewaffneten Widerstand
leisten konnten. Zufälligerweise hatte er am Nachmittag, als sie das Lager verließen, erfahren,
dass nur Simon Petrus und Simon Zelotes mit einem Schwert gegürtet waren; Judas hatte
gehofft, Jesus zu fassen, solange in der Stadt alles ruhig und die Wahrscheinlichkeit eines
Widerstandes gering war. Der Verräter befürchtete, auf mehr als sechzig ergebene Jünger zu
stoßen, wenn er bis zu ihrer Rückkehr ins Lager zuwartete, und zudem wusste er, dass Simon
Zelotes einen grossen Waffenvorrat besaß. Judas wurde immer unruhiger, als er darüber
nachdachte, wie sehr die elf treuen Apostel ihn verabscheuen würden, und er fürchtete, sie
würden alle versuchen, ihn umzubringen. Er war nicht nur treulos, sondern im Grunde seines
Herzens ein richtiger Feigling.
(1973.1) 183:2.3 Als sie Jesus im oberen Raum nicht fanden, bat Judas den Hauptmann der Wache,
zum Tempel zurückzukehren. Unterdessen hatten die Führer begonnen, sich im Hinblick auf Jesu
Empfang im Hause des Hohenpriesters zu versammeln, da ihre Abmachung mit dem Verräter
Jesu Verhaftung bis Mitternacht dieses Tages vorsah. Judas erklärte seinen Mitverschworenen,
dass sie Jesus im Hause des Markus verpasst hätten und man nach Gethsemane gehen müsse, um
ihn zu verhaften. Der Verräter fuhr dann fort, ihnen darzulegen, dass sich über sechzig ergebene
Anhänger mit ihm im Lager befänden und dass diese alle gut bewaffnet seien. Die Führer der
Juden erinnerten Judas daran, dass Jesus immer Widerstandslosigkeit gepredigt habe, aber Judas
entgegnete ihnen, sie könnten sich nicht darauf verlassen, dass alle Anhänger Jesu diese Lehre
befolgten. Er fürchtete wirklich um das eigene Leben und erdreistete sich deshalb, eine
Abteilung von vierzig bewaffneten Soldaten zu verlangen. Da die jüdische Obrigkeit über keine
derartige Streitmacht von bewaffneten Männern verfügte, begaben sie sich unverzüglich zur
Festung Antonia und baten den römischen Kommandanten, ihnen diese Truppe zu geben; aber
als er von ihrer Absicht erfuhr, Jesus zu verhaften, weigerte er sich sogleich, ihrem Verlangen
stattzugeben, und verwies sie an den über ihm stehenden Offizier. Auf diese Weise, von einer
Instanz zur anderen gehend, verloren sie mehr als eine Stunde, bis sie sich schließlich
gezwungen sahen, an Pilatus selber zu gelangen, um die Erlaubnis zum Einsatz der römischen
bewaffneten Gardesoldaten zu erhalten. Es war spät, als sie beim Hause des Pilatus anlangten,
und er hatte sich mit seiner Frau bereits in seine Privatgemächer zurückgezogen. Es widerstrebte
ihm, mit dieser Angelegenheit irgendetwas zu tun zu haben, zumal seine Frau ihn gebeten hatte,
dem Ersuchen nicht stattzugeben. Aber angesichts der Tatsache, dass der Vorsitzende des
jüdischen Sanhedrins anwesend war und sich persönlich für diese Hilfeleistung einsetzte, hielt
der Statthalter es für klug, dem Verlangen zu entsprechen; denn er dachte, er würde von ihnen
etwa begangenes Unrecht später wieder gutmachen können.
(1973.2) 183:2.4 Infolgedessen gaben über sechzig Personen — Tempelwächter, römische Soldaten
und neugierige Bedienstete der obersten Priester und Führer — Judas das Geleit, als er gegen
halb zwölf vom Tempel aufbrach.
3. Des Meisters Verhaftung
(1973.3) 183:3.1 Als dieser Trupp von Fackeln und Laternen tragenden, bewaffneten Soldaten und
Wächtern sich dem Garten näherte, ging Judas der Schar ein gutes Stück voraus, um in der Lage
zu sein, Jesus rasch zu identifizieren, so dass die Häscher ihn leicht ergreifen könnten, bevor sich
seine Gefährten zu seiner Verteidigung zusammenfänden. Und noch aus einem anderen Grunde
zog es Judas vor, den Feinden seines Meisters vorauszueilen: Er dachte, es würde den Anschein
erwecken, als treffe er allein, früher als die Soldaten, am Ort des Geschehens ein, so dass die um
Jesus gescharten Apostel und Anhänger ihn vielleicht nicht direkt mit der ihm so dicht auf den
Fersen folgenden bewaffneten Garde in Verbindung bringen würden. Judas hatte sogar daran
gedacht vorzugeben, er sei in der Absicht herbeigeeilt, sie vor der Ankunft der Häscher zu
warnen, aber dieser Plan wurde durch die vernichtende Art, wie Jesus den Verräter begrüßte,
vereitelt. Obwohl der Meister Judas freundlich anredete, begrüßte er ihn als einen Verräter.
(1973.4) 183:3.2 Sobald Petrus, Jakobus, Johannes und etwa dreißig ihrer Lagergefährten den
bewaffneten und fackeltragenden Trupp um den Rand des Bergabhangs biegen sahen, war ihnen
klar, dass diese Soldaten kamen, um Jesus zu verhaften, und sie stürzten alle zur Ölpresse
hinunter, wo der Meister einsam in der mondhellen Nacht saß. Von einer Seite rückte die
Kompanie Soldaten heran, von der anderen näherten sich die drei Apostel und ihre Gefährten.
Während Judas mit großen Schritten auf den Meister zuging, um ihn anzureden, standen sich die
beiden Gruppen regungslos gegen-über, zwischen ihnen der Meister und Judas, der sich
anschickte, den verräterischen Kuss auf Jesu Stirne zu drücken.
(1974.1) 183:3.3 Der Verräter hatte gehofft, er könnte, nachdem er die Truppe nach Gethsemane
geführt hätte, den Soldaten einfach nur zeigen, wer Jesus sei, oder höchstens sein Versprechen
einlösen, ihn mit einem Kuss zu begrüßen, und sich dann rasch vom Schauplatz entfernen. Judas
befürchtete sehr, die Apostel könnten alle anwesend sein und sich über ihn hermachen zur
Bestrafung dafür, dass er es gewagt hatte, ihren geliebten Lehrer zu verraten. Aber als der
Meister ihn als Verräter begrüßte, war er so verwirrt, dass er gar keinen Fluchtversuch
unternahm.
(1974.2) 183:3.4 Jesus machte eine letzte Anstrengung, um Judas davor zu bewahren, ihn wirklich
zu verraten, indem er zur Seite trat, noch bevor der Verräter ihn erreichen konnte, und sich an
den ersten Soldaten auf der Linken, den Hauptmann der Römer, mit den Worten wandte: „Wen
sucht ihr?“ Der Hauptmann antwortete: „Jesus von Nazareth“. Da trat Jesus direkt vor den
Offizier, und er stand da mit der ruhigen Majestät des Gottes einer ganzen Schöpfung und sagte:
„Ich bin es.“ Viele im bewaffneten Trupp hatten Jesus im Tempel lehren gehört, andere hatten
von seinen mächtigen Werken vernommen, und als sie hörten, wie unerschrocken er sich zu
erkennen gab, wichen die Männer in der vordersten Reihe unwillkürlich zurück. Überraschung
befiel sie bei dieser ruhigen und majestätischen Erklärung seiner Identität. Judas hatte deshalb
keine Veranlassung mehr, seinen verräterischen Plan weiter zu verfolgen. Der Meister hatte sich
seinen Feinden unerschrocken zu erkennen gegeben, und sie hätten ihn ohne Judas‘ Mithilfe
fassen können. Aber der Verräter musste etwas tun, um seine Anwesenheit bei dem bewaffneten
Trupp zu rechtfertigen, und überdies wollte er demonstrativ seinen Teil am verräterischen Handel
mit den Judenführern bekunden, um dann ein Anrecht auf die große Belohnung und die Ehren zu
haben, mit denen man ihn, wie er dachte, überhäufen würde als Entgelt für sein Versprechen,
Jesus in ihre Hände zu liefern.
(1974.3) 183:3.5 Während die Soldaten ihre Fassung wiedergewannen, die sie bei Jesu Anblick und
beim Klang seiner ungewöhnlichen Stimme verloren hatten, und während die Apostel und Jünger
nähertraten, schritt Judas auf Jesus zu und sagte, indem er ihm einen Kuss auf die Stirne drückte:
„Heil dir, Meister und Lehrer.“ Als Judas seinen Meister in dieser Weise umarmte, sagte Jesus:
„Freund, reicht dir dein Tun noch nicht? Willst du den Menschensohn auch noch mit einem Kuss
verraten?“
(1974.4) 183:3.6 Apostel und Jünger waren bei diesem Anblick buchstäblich betäubt. Einen
Augenblick lang regte sich niemand. Dann befreite sich Jesus aus der verräterischen Umarmung
durch Judas, schritt auf die Wachen und Soldaten zu und fragte wiederum: „Wen sucht ihr?“ Und
wieder sagte der Hauptmann: „Jesus von Nazareth“. Und wieder antwortete Jesus: „Ich habe
euch gesagt, dass ich es bin. Wenn ihr also mich sucht, dann lasst die anderen ihrer Wege gehen.
Ich bin bereit, mit euch zu gehen.“
(1974.5) 183:3.7 Jesus war bereit, mit den Wachen nach Jerusalem zurückzukehren, und der
Hauptmann der Soldaten war durchaus gewillt, die drei Apostel und ihre Gefährten in Frieden
ihres Weges ziehen zu lassen. Aber noch bevor sie sich in Bewegung setzen konnten und
während Jesus dastand und auf die Befehle des Hauptmanns wartete, trat ein gewisser Malchus,
syrischer Leibwächter des Hohenpriesters, auf Jesus zu und machte sich daran, ihm die Hände
auf den Rücken zu binden, obwohl der römische Hauptmann nicht befohlen hatte, Jesus in dieser
Weise zu binden. Als Petrus und seine Gefährten sahen, welcher Schmach ihr Meister
unterworfen wurde, vermochten sie sich nicht länger zurückzuhalten. Petrus zog sein Schwert
und stürzte sich mit den anderen auf Malchus, um ihn zu schlagen. Aber bevor die Soldaten zur
Verteidigung des Dieners des Hohenpriesters herbeieilen konnten, erhob Jesus Einhalt gebietend
seine Hand gegen Petrus und sagte in strengem Ton: „Petrus, stecke dein Schwert ein. Wer zum
Schwert greift, soll durch das Schwert umkommen. Verstehst du nicht, dass es des Vaters Wille
ist, dass ich diesen Kelch trinke? Und weißt du darüber hinaus nicht, dass ich sogar jetzt noch
mehr als zwölf Engelslegionen samt ihren Mitstreitern aufbieten könnte, die mich aus den
Händen dieser wenigen Männer befreien würden?“
(1975.1) 183:3.8 Zwar hatte Jesus damit den physischen Widerstand seiner Anhänger erfolgreich
beendet, aber es hatte genügt, um im Hauptmann der Garde Furcht zu erregen, der nun Jesus mit
harter Hand anfasste und mit Hilfe seiner Soldaten rasch fesselte. Während sie seine Hände mit
schweren Stricken banden, sagte Jesus zu ihnen: „Warum zieht ihr mit Schwertern und Stöcken
gegen mich aus, als wolltet ihr einen Räuber fassen? Täglich bin ich mit euch im Tempel
gewesen und habe die Leute öffentlich gelehrt, und ihr habt nichts unternommen, um mich
festzunehmen.“
(1975.2) 183:3.9 Nachdem Jesus gefesselt worden war, gab der Hauptmann aus Furcht, die
Anhänger des Meisters könnten versuchen, ihn zu befreien, den Befehl, sie festzunehmen; aber
die Soldaten waren nicht schnell genug, weil Jesu Anhänger des Hauptmanns Befehl zu ihrer
Verhaftung gehört hatten und eiligst in die Schlucht zurück flohen. Die ganze Zeit über war
Johannes Markus in der nahen Hütte eingeschlossen geblieben. Als die Wachen sich mit Jesus
auf den Rückweg nach Jerusalem machten, versuchte Johannes Markus, sich aus der Hütte zu
stehlen, um die fliehenden Apostel und Jünger einzuholen; aber gerade als er heraustrat, kam
einer der letzten der zurückkehrenden Soldaten, die die fliehenden Jünger verfolgt hatten, ganz
nah vorüber, und als er den jungen Mann in seinem leinenen Mantel erblickte, nahm er seine
Verfolgung auf und holte ihn beinahe ein. Tatsächlich kam er nahe genug an Johannes heran, um
seinen Mantel zu packen, aber der junge Mann befreite sich von seiner Bekleidung und
entwischte nackt, während der Soldat den leeren Mantel in der Hand hielt. So schnell er konnte,
lief Johannes Markus zu David Zebedäus auf dem oberen Weg. Nachdem er David berichtet
hatte, was geschehen war, eilten sie beide zu den Zelten der schlafenden Apostel zurück und
informierten alle acht über den Verrat und die Verhaftung des Meisters.
(1975.3) 183:3.10 Etwa zur gleichen Zeit, da sie die acht Apostel weckten, kehrten die, welche in
die Schlucht hinauf geflohen waren, zurück, und nun versammelten sich alle in der Nähe der
Ölpresse, um zu beraten, was zu tun sei. Unterdessen gingen Simon Petrus und Johannes
Zebedäus, die sich zwischen den Olivenbäumen versteckt hatten, schon hinter dem Haufen von
Soldaten, Wächtern und Bediensteten her, die Jesus jetzt nach Jerusalem zurückführten, als wäre
er ein hoffnungsloser Verbrecher. Johannes ging dicht hinter dem Haufen, aber Petrus folgte erst
in großer Entfernung. Nachdem Johannes Markus sich aus dem Griff des Soldaten befreit hatte,
fand er im Zelt von Simon Petrus und Johannes Zebedäus einen Mantel und warf sich ihn über.
Er vermutete, die Wächter würden Jesus zum Hause des Hannas führen, des Hohenpriesters im
Ruhestand; also machte er einen Bogen durch die Olivenhaine und traf noch vor dem Haufen
beim Palast des Hohenpriesters ein, wo er sich in der Nähe des Toreingangs versteckte.
4. Die Besprechung bei der Ölpresse
(1975.4) 183:4.1 Jakobus Zebedäus sah sich von Simon Petrus und seinem Bruder Johannes
getrennt, und so schloss er sich jetzt den anderen Aposteln und ihren Lagergenossen bei der
Ölpresse an, um zu beraten, was angesichts der Verhaftung des Meisters unternommen werden
sollte.
(1975.5) 183:4.2 Andreas war aller Verantwortung für die Führung der Apostelgruppe enthoben
worden; infolgedessen blieb er in dieser größten all ihrer Lebenskrisen still. Nach kurzem
Gedankenaustausch bestieg Simon Zelotes die Steinmauer der Ölpresse und mit einem
leidenschaftlichen Appell, dem Meister und der Sache des Königreichs treu zu bleiben, forderte
er seine Mitapostel und die anderen Jünger auf, dem Haufen nachzueilen und Jesus zu befreien.
Die Mehrzahl der Anwesenden wäre bereit gewesen, seiner aggressiven Führung zu folgen, wäre
da nicht Nathanael mit seinem Rat gewesen. Kaum hatte Simon zu sprechen aufgehört, als er
sich erhob und ihre Aufmerksamkeit auf Jesu oft wiederholte Lehren von der
Widerstandslosigkeit lenkte. Er rief ihnen ferner in Erinnerung, dass Jesus sie eben noch in
dieser Nacht dazu angehalten hatte, ihr Leben für jene Zeit zu bewahren, da sie in die Welt
hinausziehen sollten, um die gute Nachricht des Evangeliums vom himmlischen Königreich zu
verkünden. Und Nathanael wurde in seinem Standpunkt bestärkt durch Jakobus Zebedäus, der
nun berichtete, wie Petrus und andere ihre Schwerter gezogen hatten, um den Meister gegen die
Verhaftung zu verteidigen, und wie Jesus Petrus und seinen Mitstreitern geboten hatte, ihre
Klingen einzustecken. Auch Matthäus und Philipp hielten Ansprachen, aber bei der Diskussion
kam nichts Entscheidendes heraus, bis Thomas sie auf die Tatsache aufmerksam machte, dass
Jesus Lazarus geraten hatte, sein Leben nicht aufs Spiel zu setzen, und darlegte, dass sie nichts
tun konnten, um ihren Meister zu retten, da er seinen Freunden nicht erlaubte, ihn zu verteidigen
und da er sich weiterhin weigerte, seine göttlichen Machtmittel einzusetzen, um seine
menschlichen Feinde an ihrem Tun zu hindern. Thomas überzeugte sie, auseinander zu gehen,
jeder für sich, während vereinbart wurde, dass David Zebedäus im Lager bleiben und hier für die
Gruppe ein Koordinationszentrum und ein Botenhauptquartier aufrechterhalten solle. An diesem
Morgen um halb drei Uhr war das Lager verlassen; nur David blieb mit drei oder vier Boten dort,
denn die anderen waren ausgesandt worden, um Informationen darüber zu sammeln, wohin man
Jesus gebracht hatte und was man mit ihm zu tun vorhatte.
(1976.1) 183:4.3 Fünf der Apostel, Nathanael, Matthäus, Philipp und die Zwillinge, tauchten in
Bethphage und Bethanien unter. Thomas, Andreas, Jakobus und Simon Zelotes verbargen sich in
der Stadt. Simon Petrus und Johannes Zebedäus folgten dem Zug bis zum Hause des Hannas.
(1976.2) 183:4.4 Kurz nach Tagesanbruch irrte Simon Petrus, ein trauriges Bild tiefer
Verzweiflung, in das Lager Gethsemane zurück. David Zebedäus schickte ihn unter Obhut eines
Boten zu seinem Bruder Andreas, der sich im Hause des Nikodemus in Jerusalem aufhielt.
(1976.3) 183:4.5 Wie Jesus ihm aufgetragen hatte, blieb Johannes Zebedäus bis zum Ende der
Kreuzigung stets in seiner Nähe, und er war es, der Davids Boten von Stunde zu Stunde mit
Nachrichten versorgte, die sie David zum Lager im Garten brachten und die dann an die Apostel
in ihren Verstecken und an die Familie Jesu weitergeleitet wurden.
(1976.4) 183:4.6 Gewiss, der Hirt ist geschlagen und die Schafe sind versprengt! Zwar sind sie sich
alle irgendwie bewusst, dass Jesus im voraus ihre Aufmerksamkeit gerade auf diese Situation
gelenkt hat, aber der Schock über des Meisters plötzliches Verschwinden ist zu groß, als dass sie
fähig wären, ihren Verstand normal zu gebrauchen.
(1976.5) 183:4.7 Es war kurz nach Tagesanbruch und gleich, nachdem Petrus zu seinem Bruder
geschickt worden war, als Jude, Jesu leiblicher Bruder, der dem Rest der Familie vorausgeeilt
war, nahezu außer Atem im Lager eintraf, nur um hier zu erfahren, dass der Meister bereits
verhaftet worden sei; und er eilte auf der Straße nach Jericho zurück, um seiner Mutter und
seinen Geschwistern die Nachricht zu bringen. Durch Jude ließ David Zebedäus der Familie Jesu
ausrichten, sie solle sich im Hause von Martha und Maria in Bethanien versammeln und dort auf
die Nachrichten warten, die seine Läufer ihr regelmäßig überbringen würden.
(1976.6) 183:4.8 Das war die Situation in der zweiten Hälfte der Nacht vom Donnerstag und in den
frühen Morgenstunden des Freitags, soweit es die Apostel, die wichtigsten Jünger und Jesu
irdische Familie betraf. Und der Kontakt zwischen all diesen Gruppen und Einzelpersonen wurde
durch den Botendienst aufrechterhalten, den David Zebedäus weiter von seinem Hauptquartier
im Lager Gethsemane aus leitete.
5. Auf dem Weg zum Palast des Hohenpriesters
(1977.1) 183:5.1 Bevor sie mit Jesus den Garten verließen, erhob sich zwischen dem jüdischen
Hauptmann der Tempelwächter und dem römischen Hauptmann der Kompanie Soldaten ein
Streit darüber, wohin sie Jesus bringen sollten. Der Hauptmann der Tempelwächter gab Order,
man solle ihn vor Kajaphas, den amtierenden Hohenpriester, führen. Der Hauptmann der
römischen Garde befahl, man solle Jesus zum Palast des Hannas, des früheren Hohenpriesters
und Schwiegervaters von Kajaphas, schaffen. Und das tat er, weil die Römer gewohnt waren, bei
allen Angelegenheiten, die mit dem Vollzug der jüdischen geistlichen Gesetze zu tun hatten,
direkt mit Hannas zu verhandeln. Man gehorchte dem Befehl des römischen Hauptmanns, und
Jesus wurde zu einer Voruntersuchung zum Hause des Hannas gebracht.
(1977.2) 183:5.2 Judas marschierte in der Nähe der Hauptleute und hörte alles mit an, was gesagt
wurde. Er nahm aber an der Auseinandersetzung nicht teil, denn weder der jüdische Hauptmann
noch der römische Offizier würdigten den Verräter eines Wortes, so sehr verachteten sie ihn.
(1977.3) 183:5.3 Etwa zu dieser Zeit erinnerte sich Johannes Zebedäus der Anweisung seines
Meisters, immer in seiner Reichweite zu bleiben, und er schloss eiligst zu Jesus auf, der
zwischen den beiden Hauptleuten ging. Als der Befehlshaber der Tempelwächter Johannes auf
einmal neben sich erblickte, sagte er zu seinem Gehilfen: „Ergreife diesen Mann und fessle ihn.
Er ist einer der Mitläufer dieses Kerls hier.“ Aber als der römische Hauptmann dies hörte, sich
umschaute und Johannes erblickte, gab er Befehl, der Apostel solle zu ihm herüberkommen und
niemand solle ihn behelligen. Dann sagte der römische Hauptmann zu dem jüdischen
Hauptmann: „Dieser Mann ist weder ein Verräter noch ein Feigling. Ich habe ihn im Garten
gesehen, und er hat nicht das Schwert gezogen, um uns Widerstand zu leisten. Er hat den Mut,
sich vorzuwagen, um bei seinem Meister zu sein, und niemand soll Hand an ihn legen. Das
römische Gesetz erlaubt, dass jeder Gefangene mindestens einen Freund bei sich habe, wenn er
vor dem Richter steht, und dieser Mann soll nicht daran gehindert werden, an der Seite seines
Meisters, des Gefangenen, zu bleiben.“ Als Judas das hörte, war er so beschämt und gedemütigt,
dass er sich hinter die Marschierenden zurückfallen ließ und allein beim Palast des Hannas
eintraf.
(1977.4) 183:5.4 Und das erklärt, weshalb es Johannes Zebedäus erlaubt war, in all den harten
Prüfungen dieser Nacht und des nächsten Tages stets in Jesu Nähe zu bleiben. Die Juden wagten
nicht, irgendetwas zu Johannes zu sagen oder ihn in irgendeiner Weise zu belästigen, weil er so
etwas wie den Status eines römischen Beraters besaß, der zum Beobachter bei den
Verhandlungen vor dem jüdischen geistlichen Gerichtshof bestimmt worden war. Die
privilegierte Stellung von Johannes wurde noch mehr gefestigt, als der Römer am Eingang zum
Palast des Hannas Jesus dem Hauptmann der Tempelwächter übergab, und dabei zu seinem
Adjutanten sagte: „Begleite diesen Gefangenen und sorge dafür, dass die Juden ihn nicht ohne
die Zustimmung von Pilatus töten. Wache darüber, dass sie ihn nicht ermorden, und sorge dafür,
dass es seinem Freund, dem Galiläer, erlaubt wird, dabei zu sein und alles zu beobachten, was
vor sich geht.“ Und so war Johannes in der Lage, die ganze Zeit bis zu Jesu Tod am Kreuz in
seiner Nähe zu bleiben, während die anderen zehn Apostel gezwungen waren, sich versteckt zu
halten. Johannes handelte unter römischem Schutz, und die Juden wagten es bis nach des
Meisters Tod nicht, ihn zu belästigen.
(1977.5) 183:5.5 Und während des ganzen Weges bis zum Palast des Hannas kam kein Wort über
Jesu Lippen. Vom Augenblick seiner Verhaftung bis zum Zeitpunkt seines Erscheinens vor
Hannas sprach der Menschensohn kein Wort.
Das Urantia Buch
Schrift 184
Vor dem Gericht des Sanhedrins
(1978.1) 184:0.1 BEAUFTRAGTE des Hannas hatten den Hauptmann der römischen Soldaten
insgeheim angewiesen, Jesus nach seiner Verhaftung unverzüglich in seinen Palast zu bringen.
Der frühere Hohepriester wünschte sein Prestige als oberste geistliche Autorität der Juden
aufrechtzuerhalten. Aber er hielt Jesus noch in anderer Absicht mehrere Stunden lang in seinem
Hause fest: Er wollte Zeit gewinnen, um das Gericht des Sanhedrins dem Gesetz entsprechend
einberufen zu können. Es war ungesetzlich, das Richterkollegium des Sanhedrins vor dem
Zeitpunkt der Darbringung des Morgenopfers im Tempel zu versammeln, und dieses Opfer
wurde etwa um drei Uhr in der Frühe dargebracht.
(1978.2) 184:0.2 Hannas wusste, dass ein Richtergremium aus Sanhedristen im Palast seines
Schwiegersohnes Kajaphas wartete. An die dreißig Mitglieder des Sanhedrins hatten sich um
Mitternacht im Hause des Hohenpriesters versammelt, um bereit zu sein, über Jesus zu Gericht
zu sitzen, sobald er vor sie gebracht würde. Es waren nur jene Mitglieder zugegen, die in heftiger
und offener Opposition zu Jesus und seinen Lehren standen, zumal dreiundzwanzig von ihnen
genügten, um einen Gerichtshof zu bilden.
(1978.3) 184:0.3 Jesus verbrachte etwa drei Stunden im Palast des Hannas am Ölberg, nicht weit
vom Garten Gethsemane, wo sie ihn verhaftet hatten. Johannes Zebedäus fühlte sich im Hause
des Hannas nicht nur infolge der Weisung des römischen Hauptmanns frei und sicher, sondern
auch, weil die älteren Bediensteten ihn und seinen Bruder Jakobus von vielen früheren Besuchen
im Palast her gut kannten, war der ehemalige Hohepriester doch ein entfernter Verwandter ihrer
Mutter Salome.
1. Vernehmung durch Hannas
(1978.4) 184:1.1 Mit seinem Reichtum aus den Tempeleinkünften, mit seinem Schwiegersohn als
amtierendem Hohenpriester und mit seinen Beziehungen zu den römischen Behörden war
Hannas in der Tat die mächtigste Person im ganzen Judentum. Er war ein sanfter und
diplomatischer Planer und Ränkeschmied. Er wünschte, die Angelegenheit der Beseitigung Jesu
selber zu leiten; er hatte Bedenken, ein derart wichtiges Unternehmen ganz seinem barschen und
aggressiven Schwiegersohn zu überlassen. Hannas wollte sichergehen, dass der Prozess des
Meisters in den Händen der Sadduzäer blieb; angesichts der Tatsache, dass praktisch alle
Angehörigen des Sanhedrins, die für Jesu Sache eintraten, Pharisäer waren, befürchtete er, es
könnte sich bei einigen von ihnen Sympathie regen.
(1978.5) 184:1.2 Hannas hatte Jesus einige Jahre lang nicht gesehen, nicht wieder, seit der Meister
bei ihm zu Hause vorgesprochen und ihn sogleich wieder verlassen hatte, als er feststellte, wie
kalt und reserviert er empfangen wurde. Hannas hatte daran gedacht, diese frühe Begegnung
auszunutzen und so zu versuchen, Jesus zum Verzicht auf seine Prätentionen und zum Verlassen
Palästinas zu bewegen. Es widerstrebte ihm, sich an der Ermordung eines guten Menschen zu beteiligen, und er war zu dem Schluss gekommen, Jesus könnte vielleicht eher wählen, das Land
zu verlassen, als den Tod zu erleiden. Aber als Hannas sich dem kräftigen und entschlossenen
Galiläer gegenüber sah, wusste er sofort, dass es unnütz wäre, solche Vorschläge zu machen.
Jesus war von noch größerer Majestät und Gelassenheit, als er ihn in Erinnerung hatte.
(1979.1) 184:1.3 Als Jesus jung war, hatte sich Hannas sehr für ihn interessiert, aber jetzt sah er
seine Einkünfte bedroht durch Jesu jüngste Tat, die Verjagung der Geldwechsler und Händler aus
dem Tempel. Dieser Akt hatte in dem ehemaligen Hohenpriester weit größere Feindschaft
geweckt als Jesu Lehren.
(1979.2) 184:1.4 Hannas betrat seinen weiten Audienzraum, setzte sich auf einen großen Stuhl und
befahl, Jesus vor ihn zu bringen. Einige Augenblicke lang betrachtete er den Meister schweigend
und sagte dann: „Es ist dir wohl klar, dass etwas gegen dein Lehren getan werden muss, da du
den Frieden und die Ordnung in unserem Lande störst.“ Als Hannas Jesus fragend anblickte,
schaute ihm der Meister gerade in die Augen, erwiderte aber nichts. Und wieder sprach Hannas:
„Wie heißen deine Jünger abgesehen von Simon Zelotes, dem Unruhestifter?“ Wieder schaute
Jesus auf ihn herab, gab aber keine Antwort.
(1979.3) 184:1.5 Jesu Weigerung, seine Fragen zu beantworten, brachte Hannas in beträchtliche
Verwirrung, so sehr, dass er zu ihm sagte: „Ist es dir einerlei, ob ich freundlich zu dir bin oder
nicht? Scherst du dich nicht um die Macht, die ich habe, den Ausgang des dir bevorstehenden
Prozesses zu bestimmen?“ Als Jesus das hörte, sagte er: „Hannas, du weißt, dass du keine Macht
über mich haben könntest, wenn mein Vater es nicht zuließe. Einige möchten den Menschensohn
aus Unwissenheit umbringen; sie wissen es nicht besser, aber du, Freund, weißt, was du tust. Wie
kannst du also das Licht Gottes zurückweisen?“
(1979.4) 184:1.6 Die freundliche Art, in der Jesus zu Hannas sprach, brachte diesen fast aus der
Fassung. Aber er hatte bei sich bereits beschlossen, dass Jesus entweder Palästina verlassen oder
sterben müsse. Und so nahm er seinen Mut zusammen und fragte: „Was genau versuchst du, das
Volk zu lehren? Was zu sein erhebst du den Anspruch?“ Jesus antwortete: „Du weißt sehr wohl,
dass ich offen zu der Welt gesprochen habe. Ich habe in den Synagogen und viele Male im
Tempel gelehrt, wo alle Juden und viele Heiden mich gehört haben. Ich habe nichts im
Geheimen gesprochen. Weshalb fragst du mich dann nach meiner Lehre? Wieso bestellst du nicht
jene vor dich, die mich gehört haben, und erkundigst dich bei ihnen? Sieh, ganz Jerusalem hat
gehört, was ich gesprochen habe, auch wenn du selber diese Lehren nicht gehört hast.“ Aber
noch bevor Hannas etwas erwidern konnte, schlug der Haushofmeister des Palastes, der daneben
stand, Jesus mit der Hand ins Gesicht und sagte: „Wie kannst du es wagen, dem Hohenpriester in
dieser Art zu antworten?“ Hannas richtete kein Wort des Tadels an seinen Verwalter, aber Jesus
wandte sich an ihn mit den Worten: „Mein Freund, wenn ich Übles gesagt habe, dann zeuge
gegen das Üble: wenn ich aber die Wahrheit gesprochen habe, warum schlägst du mich dann?“
(1979.5) 184:1.7 Obwohl Hannas bedauerte, dass sein Verwalter Jesus geschlagen hatte, war er
doch zu stolz, um der Sache Beachtung zu schenken. In seiner Verwirrung ging er in einen
anderen Raum und ließ Jesus fast eine Stunde lang mit den Hausdienern und Tempelwächtern
allein.
(1979.6) 184:1.8 Als er zurückkam, trat er auf Jesus zu und sagte: „Erhebst du den Anspruch, der
Messias, der Befreier Israels zu sein?“ Jesus sagte: „Hannas, du kennst mich seit meiner
Jugendzeit. Du weißt, dass ich nichts anderes zu sein beanspruche als das, was mein Vater
bestimmt hat, und dass ich zu allen Menschen gesandt worden bin, zu den Heiden wie zu den
Juden.“ Da sagte Hannas: „Man hat mir gesagt, dass du behauptet hast, der Messias zu sein. Ist
das wahr?“ Jesus sah Hannas an, gab aber nur zur Antwort: „So hast du gesagt.“
(1980.1) 184:1.9 Um diese Zeit kamen Boten vom Palast des Kajaphas an, um sich zu erkundigen,
um welche Zeit Jesus vor das Gericht des Sanhedrins geführt würde, und da der Tagesanbruch
näher kam, befand Hannas es für das Beste, Jesus gebunden und unter Aufsicht der
Tempelwächter zu Kajaphas zu schicken. Er selbst folgte ihnen bald nach.
2. Petrus im Palasthof
(1980.2) 184:2.1 Als der Trupp von Wächtern und Soldaten sich dem Eingang zum Palast des
Hannas näherte, ging Johannes Zebedäus an der Seite des Hauptmanns der römischen Soldaten.
Judas hatte sich ein Stück zurückfallen lassen, und Simon Petrus folgte weit hinten nach.
Nachdem Johannes mit Jesus und den Wächtern den Palasthof betreten hatte, kam Judas an das
Tor; aber als er Jesus und Johannes erblickte, ging er zum Hause des Kajaphas weiter, wo, wie er
wusste, später der richtige Prozess des Meisters stattfinden würde. Kurz nach Judas‘ Weggang
traf Simon Petrus ein, und als er vor dem Tor stand, erblickte Johannes ihn gerade, als man im
Begriff war, Jesus in den Palast zu führen. Die Pförtnerin am Tor kannte Johannes, und als er
sich mit der Bitte an sie wandte, Petrus einzulassen, tat sie es gerne.
(1980.3) 184:2.2 Nachdem er den Hof betreten hatte, steuerte Petrus auf ein Holzkohlenfeuer zu
und suchte sich zu wärmen, denn die Nacht war kühl. Er fühlte sich hier unter Jesu Feinden sehr
fehl am Platze, und das war er in der Tat. Der Meister hatte ihm nicht wie Johannes aufgetragen,
in seiner Nähe zu bleiben. Petrus gehörte zu den anderen Aposteln, die ausdrücklich gewarnt
worden waren, ihr Leben während der Dauer des Prozesses und der Kreuzigung ihres Meisters
nicht aufs Spiel zu setzen.
(1980.4) 184:2.3 Kurz bevor er beim Palasttor ankam, warf Petrus sein Schwert weg, so dass er den
Hof des Hannas unbewaffnet betrat. In seinem Kopf wirbelte alles durcheinander; er konnte es
kaum fassen, dass Jesus verhaftet worden war. Er konnte die Realität der Situation nicht
begreifen — dass er hier im Hofe des Hannas war und sich neben den Bediensteten des
Hohenpriesters am Feuer wärmte. Er fragte sich, was die anderen Apostel wohl taten, überlegte
hin und her, wie es kam, dass Johannes Einlass in den Palast erhalten hatte, und gelangte zu dem
Schluss, es sei wohl, weil die Diener ihn kannten, da er die Türsteherin geheißen hatte, ihn,
Petrus, einzulassen.
(1980.5) 184:2.4 Kurz nachdem die Türsteherin ihm geöffnet hatte, kam sie zu ihm herüber,
während er sich am Feuer wärmte, und sagte schelmisch: „Bist du nicht auch einer der Jünger
dieses Mannes?“ Nun hätte Petrus über dieses Erkanntwerden nicht erstaunt sein dürfen, war es
doch Johannes gewesen, der das Mädchen gebeten hatte, ihn durch das Palasttor einzulassen;
aber er befand sich in einem derartigen Zustand nervöser Anspannung, dass die Identifizierung
als Jünger ihn aus dem Gleichgewicht brachte und er, nur von einem einzigen Gedanken
beherrscht — dem Gedanken, mit dem Leben davonzukommen — auf die Frage der Magd
sogleich zur Antwort gab: „Bin ich nicht.“
(1980.6) 184:2.5 Bald darauf trat eine andere Magd vor Petrus und fragte: „Habe ich dich nicht im
Garten gesehen, als sie diesen Kerl verhafteten? Bist du nicht auch einer von seinen
Anhängern?“ Petrus war jetzt vollends bestürzt; er sah keinen Weg, wie er diesen Anklägerinnen
heil entrinnen könnte; also stellte er jede Verbindung mit Jesus vehement in Abrede, indem er
sagte: „Ich kenne diesen Mann nicht, noch bin ich einer seiner Anhänger.“
(1980.7) 184:2.6 Kurz darauf zog die Pförtnerin Petrus zur Seite und sagte: „Ich bin sicher, dass du
ein Jünger von diesem Jesus bist, nicht nur, weil einer seiner Anhänger mich gebeten hat, dich in
den Hof einzulassen, sondern weil dich meine Schwester hier mit diesem Mann im Tempel
gesehen hat. Warum stellst du es in Abrede?“ Als Petrus hörte, wessen ihn die Magd bezichtigte,
bestritt er unter viel Fluchen und Schwören, Jesus zu kennen und sagte wiederum: „Ich bin kein
Anhänger dieses Mannes; ich kenne ihn nicht einmal; ich habe nie zuvor von ihm gehört.“
(1981.1) 184:2.7 Petrus entfernte sich für eine Weile von der Feuerstelle und ging im Hof umher. Er
wäre gerne geflohen, aber er hatte Angst, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Da ihm kalt
wurde, kehrte er zur Feuerstelle zurück. Da sagte einer der herumstehenden Männer zu ihm:
„Bestimmt bist du einer von den Jüngern dieses Mannes. Dieser Jesus ist ein Galiläer, und deine
Sprache verrät dich, denn auch du sprichst wie ein Galiläer.“ Und erneut leugnete Petrus jede
Verbindung mit seinem Meister.
(1981.2) 184:2.8 In seiner großen Verstörung suchte Petrus den Kontakt mit seinen Anklägern
dadurch zu vermeiden, dass er sich vom Feuer weg begab und allein beim Portal blieb. Nach
mehr als einer Stunde dieses Alleinseins trafen die Türhüterin und ihre Schwester zufällig auf
ihn, und wiederum bezichtigten ihn beide unter Sticheleien, ein Anhänger Jesu zu sein. Und
wiederum stritt er ab, wessen man ihn beschuldigte. Gerade als er erneut jede Verbindung mit
Jesus geleugnet hatte, krähte der Hahn, und Petrus erinnerte sich der warnenden Worte, die sein
Meister zuvor in derselben Nacht zu ihm gesprochen hatte. Als er so dastand, mit schwerem
Herzen und von Schuldgefühlen niedergedrückt, gingen die Türen des Palastes auf und die
Wächter führten Jesus auf dem Weg zu Kajaphas vorüber. Als der Meister an Petrus vorbeikam,
sah er im Schein der Fackeln den Ausdruck von Verzweiflung auf dem Gesicht seines früher so
selbstsicheren und oberflächlich mutigen Apostels, und er wandte sich um und sah Petrus an.
Petrus vergaß diesen Blick zeit seines Lebens nicht. In diesem Blick mischten sich Mitleid und
Liebe in einer Weise, wie kein sterblicher Mensch sie je auf dem Gesicht des Meisters gesehen
hatte.
(1981.3) 184:2.9 Nachdem Jesus und die Wächter aus dem Palasttor geschritten waren, folgte
Petrus ihnen nach, aber nur eine kurze Strecke. Er konnte nicht mehr weitergehen. Er setzte sich
an den Straßenrand und weinte bitterlich. Und als er diese Tränen der Qual vergossen hatte,
lenkte er seine Schritte zum Lager zurück, wo er seinen Bruder Andreas zu finden hoffte. Aber
dort angekommen, fand er nur David Zebedäus. Dieser beauftragte einen Boten damit, ihn zu
seinem Bruder zu führen, der sich in Jerusalem versteckt hielt.
(1981.4) 184:2.10 All das widerfuhr Petrus im Palasthof des Hannas am Ölberg. Er folgte Jesus
nicht bis zum Palast des Hohenpriesters Kajaphas. Die Tatsache, dass ein Hahnenschrei Petrus
zum Bewusstsein brachte, seinen Meister wiederholt verleugnet zu haben, zeigt, dass all das sich
außerhalb von Jerusalem abspielte; denn es war gesetzeswidrig, im Stadtinnern Federvieh zu
halten.
(1981.5) 184:2.11 Während Petrus vor dem Portal auf- und abging, um sich warm zuhalten, und bis
der Hahnenschrei ihn zur Besinnung brachte, dachte er nur, wie geschickt er den
Anschuldigungen der Bediensteten ausgewichen war und wie er ihre Absicht, ihn mit Jesus zu
identifizieren, durchkreuzt hatte. Fürs Erste dachte er nur daran, dass diese Diener weder ein
moralisches noch ein legales Recht hätten, ihn in dieser Weise auszufragen, und er
beglückwünschte sich wirklich zu der Art und Weise, wie er es seiner Meinung nach vermieden
hatte, identifiziert und womöglich verhaftet und ins Gefängnis geworfen zu werden. Erst als der
Hahn krähte, fiel Petrus ein, dass er seinen Meister verleugnet hatte. Erst als Jesus ihn anschaute,
wurde er sich bewusst, dass er seinen Privilegien eines Botschafters des Königreichs nicht
gerecht geworden war.
(1981.6) 184:2.12 Nachdem er den ersten Schritt auf dem Pfad des Kompromisses und des
geringsten Widerstandes getan hatte, sah Petrus keine andere Lösung mehr, als an dem einmal
eingeschlagenen Kurs festzuhalten. Es bedarf eines großen und vornehmen Charakters, um nach
einem Start in die falsche Richtung umzukehren und den richtigen Weg einzuschlagen. Allzu oft
neigen wir dazu, unser Weitergehen auf dem irrtümlichen Pfad zu rechtfertigen, wenn wir ihn
einmal betreten haben.
(1982.1) 184:2.13 Petrus glaubte nie ganz daran, dass ihm vergeben werden könnte, bis er seinem
Meister nach der Auferstehung begegnete und sah, dass er von ihm genau so wie vor den
Erfahrungen dieser tragischen Nacht der Verleugnungen angenommen wurde.
3. Vor dem Gerichtshof der Sanhedristen
(1982.2) 184:3.1 Es war etwa halb vier Uhr, als der Priesterführer Kajaphas an diesem
Freitagmorgen das Untersuchungsgericht der Sanhedristen zur Ordnung rief und befahl, ihnen
Jesus zu seinem förmlichen Prozess vorzuführen. Bei drei früheren Gelegenheiten hatte der
Sanhedrin in Abstimmungen mit großer Mehrheit Jesu Tod dekretiert, hatte er auf Grund von
informellen Anklagen, die auf Gesetzesbruch, Gotteslästerung und Verhöhnung der Traditionen
der Väter Israels lauteten, entschieden, er verdiene den Tod.
(1982.3) 184:3.2 Dies war keine ordnungsgemäß einberufene Tagung des Sanhedrins, und sie fand
nicht am üblichen Ort, im Saal aus behauenem Stein im Tempel, statt. Es war ein besonderes
Prozessgremium von etwa dreißig Sanhedristen, die in den Palast des Hohenpriesters einberufen
worden waren. Johannes Zebedäus war mit Jesus während dieses ganzen sogenannten Prozesses
anwesend.
(1982.4) 184:3.3 Wie sehr schmeichelte es doch diesen höchsten Priestern, Schriftgelehrten,
Sadduzäern und wenigen Pharisäern, dass Jesus, der ihre Stellung in Frage gestellt und ihre
Autorität herausgefordert hatte, nun sicher in ihren Händen war! Und sie waren fest
entschlossen, ihn nicht lebend aus ihrem Rachegriff zu entlassen.
(1982.5) 184:3.4 Gewöhnlich gingen die Juden mit großer Vorsicht vor, wenn sie jemanden wegen
eines Kapitalverbrechens vor Gericht stellten, und sorgten für strikte Beachtung der
Gerechtigkeit bei der Zeugenauswahl und der ganzen Prozessführung. Aber in diesem Fall war
Kajaphas mehr Ankläger als unbefangener Richter.
(1982.6) 184:3.5 Jesus erschien vor diesem Gericht in seiner üblichen Kleidung und mit auf dem
Rücken zusammengebundenen Händen. Der ganze Gerichtshof war überrascht und ziemlich
verwirrt ob seiner majestätischen Erscheinung. Nie hatten sie einen solchen Gefangenen
gesehen, noch eine derartige Selbstbeherrschung an einem Menschen festgestellt, dessen Leben
bei dem Prozess auf dem Spiel stand.
(1982.7) 184:3.6 Das jüdische Gesetz verlangte, dass mindestens zwei Zeugen in irgendeinem
Punkt übereinstimmen mussten, bevor gegen den Gefangenen Anklage erhoben werden konnte.
Judas konnte nicht als Zeuge gegen Jesus benutzt werden, weil das jüdische Gesetz die Aussage
eines Verräters ausdrücklich verbot. Mehr als zwanzig falsche Zeugen waren da, um gegen Jesus
auszusagen, aber ihre Aussagen waren derart widersprüchlich und so offensichtlich frei erfunden,
dass selbst die Sanhedristen sich dieses Schauspiels sehr schämten. Jesus stand da und schaute
gütig auf die Meineidigen, und allein sein Gesichtsausdruck brachte die lügnerischen Zeugen aus
der Fassung. Während all dieser falschen Aussagen sprach der Meister kein einziges Wort; er
erwiderte nichts auf ihre vielen falschen Anschuldigungen.
(1982.8) 184:3.7 Zum ersten Mal näherten sich zwei Aussagen einer gewissen Übereinstimmung,
als zwei Männer bezeugten, sie hätten Jesus während einer seiner Tempelreden sagen hören, er
könne „diesen von Menschenhand erbauten Tempel zerstören und innerhalb dreier Tage einen
nicht von Menschenhand gebauten errichten“. Das war nicht genau das, was Jesus gesagt hatte,
abgesehen davon, dass er auf seinen eigenen Körper gedeutet hatte, als er die betreffende
Äußerung gemacht hatte.
(1982.9) 184:3.8 Obwohl der Hohepriester Jesus anschrie: „Antwortest du auf keine dieser
Anklagen?“, öffnete Jesus seinen Mund nicht. Er stand schweigend da, während all diese
falschen Zeugen gegen ihn aussagten. Die Worte dieser Meineidigen waren so sehr von Hass,
Fanatismus und skrupelloser Übertreibung gekennzeichnet, dass die Zeugnisse wegen ihrer
Ungereimtheiten in sich selber zusammenfielen. Die beste Widerlegung ihrer falschen
Anschuldigungen war das ruhige und erhabene Schweigen des Meisters.
(1983.1) 184:3.9 Hannas traf kurz nach Beginn der Anhörung der falschen Zeugen ein und nahm an
Kajaphas‘ Seite Platz. Jetzt erhob er sich und argumentierte, dass diese Drohung Jesu, den
Tempel zu zerstören, genüge, um gegen ihn in drei Punkten Anklage zu erheben:
(1983.2) 184:3.10 1. Dass er ein gefährlicher Volksverführer sei. Dass er das Volk unmögliche
Dinge lehre und es auf andere Weise täusche.
(1983.3) 184:3.11 2. Dass er ein fanatischer Revolutionär sei, weil er zur Gewalt gegen den heiligen
Tempel aufrufe; denn wie anders könnte er ihn zerstören?
(1983.4) 184:3.12 3. Dass er Magie lehre, wenn er verspreche, einen neuen, nicht von
Menschenhand gebauten Tempel zu errichten.
(1983.5) 184:3.13 Schon war sich der gesamte Sanhedrin darin einig geworden, dass Jesus sich
Übertretungen des jüdischen Gesetzes habe zuschulden kommen lassen, die den Tod verdienten,
aber ihre Hauptsorge war jetzt eher, Anklagepunkte auszuarbeiten, die sein Verhalten und seine
Lehren betrafen und die Fällung eines Todesurteils gegen ihren Gefangenen durch Pilatus
rechtfertigen würden. Sie waren sich bewusst, dass sie sich das Einverständnis des römischen
Statthalters sichern mussten, bevor Jesus gesetzmäßig hingerichtet werden konnte. Hannas war
geneigt, eine Linie zu verfolgen, die den Anschein erwecken sollte, als sei Jesus ein gefährlicher
Lehrer, der nicht unter den Leuten gelassen werden durfte.
(1983.6) 184:3.14 Aber Kajaphas konnte den Anblick des Meisters, der in vollendeter
Selbstbeherrschung und in ungebrochenem Schweigen dastand, nicht länger ertragen. Er dachte,
wenigstens ein Mittel zu kennen, um den Gefangenen zum Sprechen zu bringen. Und so stürzte
er auf Jesus zu, schüttelte vor des Meisters Angesicht einen anklagenden Drohfinger und sagte:
„Im Namen des lebendigen Gottes beschwöre ich dich, uns zu sagen, ob du der Befreier, der
Sohn Gottes, bist.“ Jesus antwortete Kajaphas: „Ich bin‘s. In Kürze gehe ich zum Vater, und
alsbald wird der Menschensohn mit Macht ausgestattet sein und wieder über die himmlischen
Heerscharen gebieten.“
(1983.7) 184:3.15 Als der Hohepriester Jesus diese Worte sprechen hörte, geriet er außer sich vor
Zorn und schrie, indem er sein Übergewand zerriss: „Was brauchen wir jetzt noch weitere
Zeugen? Seht, jetzt habt ihr alle die Gotteslästerung dieses Mannes gehört. Was soll eurer
Meinung nach mit diesem Gesetzesbrecher und Gotteslästerer geschehen?“ Und sie alle
antworteten wie aus einem Munde: „Er hat den Tod verdient; lasst ihn kreuzigen.“
(1983.8) 184:3.16 Jesus hatte sich für keine Frage interessiert, die Hannas oder die Sanhedristen
ihm stellten außer jener, die sich auf seine Mission der Selbsthingabe bezog. Auf die Frage, ob er
der Sohn Gottes sei, antwortete er sogleich und unzweideutig mit Ja.
(1983.9) 184:3.17 Hannas wünschte, dass der Prozess weitergehe und dass eindeutige
Anklagepunkte bezüglich Jesu Haltung gegenüber römischem Gesetz und römischen
Institutionen formuliert würden, um sie dann Pilatus vorzulegen. Die Ratsmitglieder waren
darauf bedacht, diese Angelegenheit zu einem raschen Ende zu bringen, nicht nur, weil es der
Vorbereitungstag für das Passahfest war und nach der Mittagsstunde keine weltliche Arbeit getan
werden durfte, sondern auch aus Furcht, Pilatus könnte sich jederzeit nach Cäsarea, der
römischen Hauptstadt von Judäa, zurückbegeben; denn er hielt sich nur gerade für die
Passahfeierlichkeiten in Jerusalem auf.
(1983.10) 184:3.18 Aber es gelang Hannas nicht, den Gerichtshof unter Kontrolle zu behalten.
Nachdem Jesus Kajaphas auf so unerwartete Art geantwortet hatte, trat der Hohepriester vor und
schlug ihm mit der Hand ins Gesicht. Hannas war richtig schockiert, als die übrigen
Gerichtsmitglieder beim Verlassen des Raums Jesus ins Gesicht spuckten und viele von ihnen
ihn voller Hohn mit der flachen Hand schlugen. Und so ging diese erste Sitzung im Prozess der
Sanhedristen gegen Jesus um halb fünf in Unordnung und nie da gewesener Verwirrung zu Ende.
(1984.1) 184:3.19 Dreißig voreingenommene und durch die Tradition verblendete falsche Richter
mit ihren falschen Zeugen maßen sich an, über den gerechten Schöpfer eines Universums zu
Gericht zu sitzen. Und diese leidenschaftlichen Ankläger geraten angesichts des majestätischen
Schweigens und der großartigen Haltung dieses Gottmenschen in Wut. Sein Schweigen ist
unerträglich, und sein Reden ist eine unerschrockene Herausforderung. Ihre Drohungen lassen
ihn unberührt und ihre Angriffe schüchtern ihn nicht ein. Die Menschen sitzen über Gott zu
Gericht, aber auch dann noch liebt er sie und möchte sie retten, wenn er könnte.
4. Die Stunde der Erniedrigung
(1984.2) 184:4.1 Das jüdische Gesetz verlangte, dass das Gericht bei Verhängung der Todesstrafe
zweimal zusammenzutreten hatte. Die zweite Sitzung musste am Tag nach der ersten abgehalten
werden, und die Zwischenzeit hatten die Mitglieder des Gerichtshofs mit Fasten und Trauern zu
verbringen. Aber diese Männer mochten nicht bis zum nächsten Tag warten, um ihren Entschluss
zu bestätigen, Jesus müsse sterben. Sie warteten nur eine Stunde. In der Zwischenzeit ließen sie
Jesus im Audienzsaal im Gewahrsam der Tempelwächter, die sich zusammen mit den Dienern
des Hohenpriesters damit vergnügten, Demütigung über Demütigung auf den Menschensohn zu
häufen. Sie verlachten ihn, bespuckten ihn und stießen ihn grausam herum. Sie schlugen ihm mit
einer Rute ins Gesicht und sagten dann: „Du, der Befreier, prophezeie uns, wer dich geschlagen
hat.“ Und so trieben sie es eine volle Stunde lang, indem sie diesen Mann aus Galiläa, der keinen
Widerstand leistete, verhöhnten und misshandelten.
(1984.3) 184:4.2 Während dieser tragischen Stunde des Leidens und unerträglicher Verspottung
durch die unwissenden und gefühllosen Wächter und Diener wartete Johannes Zebedäus in
einsamem Entsetzen in einem Nebenraum. Als die Misshandlungen begannen, gab Jesus
Johannes mit einem Kopfnicken zu verstehen, er solle sich zurückziehen. Der Meister wusste
sehr wohl, dass, erlaubte er seinem Apostel, im Raum zu bleiben und Zeuge der
Abscheulichkeiten zu werden, dieser innerlich so aufgewühlt würde, dass es zu einem Ausbruch
empörten Protestes käme, der wahrscheinlich seinen Tod zur Folge hätte.
(1984.4) 184:4.3 Diese ganze entsetzliche Stunde hindurch sagte Jesus kein Wort. Für diese
sanftmütige und empfindsame menschliche Seele, die in persönlicher Verbindung mit dem Gott
des ganzen Universums stand, war kein Schluck aus dem Kelch seiner Demütigung bitterer als
diese furchtbare Stunde des Ausgeliefertseins an die unwissenden und grausamen Wächter und
Diener, welche das Beispiel der Mitglieder dieses sogenannten Gerichts aus Sanhedristen dazu
ermuntert hatte, ihn zu misshandeln.
(1984.5) 184:4.4 Es ist unmöglich, dass ein menschliches Herz sich den Schauder der Entrüstung
vorstellen kann, der ein riesiges Universum durchlief, als sich den himmlischen Intelligenzen
dieser Anblick ihres geliebten Herrschers bot, der sich dem Willen seiner unwissenden und
irregeleiteten Geschöpfe auf dem durch die Sünde verdunkelten, unglücklichen Erdball Urantia
unterwarf.
(1984.6) 184:4.5 Was ist das für ein tierischer Wesenszug des Menschen, der ihn veranlasst, das
beleidigen und physisch angreifen zu wollen, was er geistig nicht erreichen und intellektuell
nicht vollbringen kann? Im halbzivilisierten Menschen lauert immer noch eine böse Brutalität,
die sich an denen abzureagieren sucht, die ihm an Weisheit und Geistigkeit überlegen sind. Seht
euch die böse Rohheit und brutale Grausamkeit dieser angeblich zivilisierten Menschen an, die
eine gewisse Art tierischer Freude an ihren physischen Angriffen auf den widerstandslosen
Menschensohn fanden. Als diese Beleidigungen, Spöttereien und Schläge auf Jesus
niedergingen, wehrte er sich nicht, aber er war nicht wehrlos. Jesus war nicht besiegt, er kämpfte
nur nicht im materiellen Sinne.
(1985.1) 184:4.6 Das sind die Augenblicke der größten Siege des Meisters in seinem langen und
ereignisreichen Werdegang als Schöpfer, Erhalter und Erlöser eines sich ins Unermessliche
dehnenden Universums. Jesus hat bis ins Kleinste ein Leben gelebt, das den Menschen Gott
offenbart, und unternimmt es jetzt, Gott eine neue und beispiellose Offenbarung des Menschen
zu geben. Jesus offenbart den Welten jetzt den endgültigen Triumph über alle Ängste, die aus der
Isolation der Geschöpfespersönlichkeit erwachsen. Der Menschensohn hat seine Identität mit
dem Gottessohn endgültig verwirklicht. Jesus zögert nicht zu erklären, er und der Vater seien
eins. Und aufgrund der Tatsache und Wahrheit dieser höchsten und göttlichen Erfahrung ruft er
jeden auf, der an das Königreich glaubt, mit ihm eins zu werden, wie er und sein Vater eins sind.
Die lebendige Erfahrung in der Religion Jesu wird damit zur sicheren und verbürgten Methode,
durch welche die geistig abgetrennten und kosmisch einsamen Sterblichen der Erde in die Lage
versetzt werden, der Isolation der Persönlichkeit samt allen damit verbundenen Ängsten und
verwandten Gefühlen der Hilflosigkeit zu entrinnen. In den brüderlichen Realitäten des
Königreichs des Himmels finden die Glaubenssöhne Gottes sowohl persönlich wie planetarisch
endgültige Erlösung von der Isolation des Selbst. Der Gläubige, der Gott kennt, macht in
wachsendem Maße die Erfahrung der Ekstase und Größe der geistigen Sozialisierung im
universellen Maßstab — der himmlischen Staatsbürgerschaft verbunden mit der ewigen
Verwirklichung der göttlichen Bestimmung, Vollkommenheit zu erreichen.
5. Die zweite Sitzung des Gerichts
(1985.2) 184:5.1 Um halb sechs Uhr versammelte sich das Gericht von neuem, und Jesus wurde in
den Nebenraum geführt, wo Johannes wartete. Hier bewachten der römische Soldat und die
Tempelwächter Jesus, während das Gericht mit der Formulierung der Anklagepunkte begann, die
man Pilatus vorlegen wollte. Hannas machte seinen Kollegen klar, dass der Vorwurf der
Gotteslästerung bei Pilatus kein Gewicht haben würde. Judas war während dieser zweiten
Ratssitzung zugegen, machte aber keine Aussage.
(1985.3) 184:5.2 Diese Sitzung des Gerichts dauerte nicht länger als eine halbe Stunde, und als sie
sie aufhoben, um vor Pilatus zu gehen, hatten sie eine Anklage gegen Jesus in drei Punkten
abgefasst, für welche er den Tod verdiene:
(1985.4) 184:5.3 1. Er verderbe die jüdische Nation; er täusche das Volk und stachle es zur
Rebellion an.
(1985.5) 184:5.4 2. Er lehre das Volk, die Zahlung des Tributs an Caesar zu verweigern.
(1985.6) 184:5.5 3. Indem er von sich behaupte, ein König und Begründer einer neuen Art von
Königreich zu sein, sporne er zum Verrat am Kaiser an.
(1985.7) 184:5.6 Diese ganze Prozedur war irregulär und gänzlich wider die jüdischen Gesetze:
Keine zwei Zeugen waren sich in irgendetwas einig mit Ausnahme derjenigen, die bezüglich
Jesu Erklärung aussagten, er werde den Tempel zerstören und ihn in drei Tagen wieder aufbauen.
Und auch was diesen Punkt anbelangt, sprachen keine Zeugen für die Verteidigung, noch wurde
Jesus aufgefordert zu erklären, was er damit gemeint habe.
(1985.8) 184:5.7 Der einzige Anklagepunkt, aufgrund dessen das Gericht ihn folgerichtig hätte
verurteilen können, war derjenige der Gotteslästerung, und dieser hätte ausschließlich auf seinem
eigenen Zeugnis beruht. Sogar im Punkt der Gotteslästerung unterließen sie es, in aller Form
über das Todesurteil abzustimmen.
(1985.9) 184:5.8 Und nun maßten sie sich an, drei Beschuldigungen zu formulieren und damit vor
Pilatus zu treten, zu denen keine Zeugen angehört worden waren und über die sie sich in
Abwesenheit des angeklagten Gefangenen geeinigt hatten. Nachdem das geschehen war,
verabschiedeten sich drei der Pharisäer; sie wünschten zwar Jesu Beseitigung, aber sie wollten
gegen ihn keine Anklagen ohne Zeugen und in seiner Abwesenheit erheben.
(1986.1) 184:5.9 Jesus erschien nicht wieder vor dem Gericht der Sanhedristen. Sie wollten sein
Gesicht nicht noch einmal sehen, während sie über sein unschuldiges Leben zu Gericht saßen.
Jesus (als Mensch) erfuhr von ihren offiziellen Anklagen erst, als Pilatus sie verlas.
(1986.2) 184:5.10 Während Jesus mit Johannes und den Wächtern im Nebenraum war und das
Gericht zum zweiten Mal beriet, kamen einige Frauen aus dem Palast des Hohenpriesters mit
ihren Freundinnen, um sich den seltsamen Häftling anzusehen; und eine von ihnen fragte ihn:
„Bist du der Messias, der Sohn Gottes?“ Und Jesus antwortete: „Wenn ich es dir sage, wirst du
mir nicht glauben; und wenn ich dich frage, wirst du nicht antworten.“
(1986.3) 184:5.11 An diesem Morgen um sechs Uhr wurde Jesus vom Hause des Kajaphas
weggeführt, um vor Pilatus zur Bestätigung des Todesurteils zu erscheinen, welches das Gericht
der Sanhedristen in so ungerechter und regelwidriger Weise über ihn gefällt hatte.
Das Urantia Buch
Schrift 185
Der Prozess vor Pilatus
(1987.1) 185:0.1 KURZ nach sechs Uhr früh an diesem Freitag, dem 7. April 30 wurde Jesus vor
Pilatus, den römischen Prokurator gebracht, der Judäa, Samaria und Idumäa unter der
unmittelbaren Oberaufsicht des Legaten von Syrien regierte. Der Meister wurde von den
Tempelwächtern gebunden vor den römischen Statthalter geführt. Etwa fünfzig seiner Ankläger
begleiteten ihn — unter ihnen die Sanhedristen des Gerichts (in der Hauptsache Sadduzäer),
Judas Iskariot und der Hohepriester Kajaphas — und der Apostel Johannes. Hannas erschien
nicht vor Pilatus.
(1987.2) 185:0.2 Pilatus war schon aufgestanden und bereit, diese frühmorgendlichen Besucher zu
empfangen, da jene, welche am Vorabend seine Einwilligung eingeholt hatten, zur Verhaftung
des Menschensohnes die römischen Soldaten einzusetzen, ihn hatten wissen lassen, dass man
Jesus in der Frühe vor ihn bringen würde. Es war vorgesehen, diesen Prozess vor dem Prätorium,
einem Anbau an die Festung Antonia, abzuhalten, welche Pilatus und seiner Frau als
Hauptquartier diente, wenn sie in Jerusalem Halt machten.
(1987.3) 185:0.3 Pilatus verhörte Jesus zwar zum großen Teil in der Prätoriumshalle, aber der
öffentliche Prozess wurde draußen auf den Stufen abgehalten, die zum Haupteingang
hinaufführten. Dies war eine Konzession an die Juden, die sich weigerten, irgendein heidnisches
Gebäude zu betreten, in dem an diesem Tag der Passahvorbereitung möglicherweise Sauerteig
verwendet wurde. Eine solche Handlung hätte sie nicht nur in zeremonieller Hinsicht unrein
gemacht und sie von der Teilnahme am nachmittäglichen Dankesfest ausgeschlossen, sondern sie auch genötigt, sich nach Sonnenuntergang Reinigungszeremonien zu unterwerfen, um zur
Teilnahme am Passahabendmahl berechtigt zu sein.
(1987.4) 185:0.4 Obwohl diese Juden bei ihrem intriganten Treiben, an Jesus einen Justizmord zu
begehen, überhaupt kein schlechtes Gewissen hatten, waren sie doch in allem peinlich genau,
was zeremonielle Reinheit und traditionelle Ordnung betraf. Und diese Juden sind nicht die
einzigen gewesen, um bei aller Unfähigkeit, hohe und heilige Verpflichtungen göttlicher Natur
zu erkennen, akribisch auf Dinge zu achten, die für das menschliche Wohlergehen in der Zeit und
in der Ewigkeit kaum Bedeutung haben.
1. Pontius Pilatus
(1987.5) 185:1.1 Wäre Pontius Pilatus nicht ein recht guter Statthalter über kleinere Provinzen
gewesen, hätte ihn Tiberias wohl kaum zehn Jahre lang im Amt eines Prokurators von Judäa
geduldet. Er war zwar ein ziemlich guter Verwalter, aber in moralischer Hinsicht ein Feigling. Er
besaß nicht die nötige menschliche Größe, um das Wesen seiner Aufgabe als Statthalter bei den
Juden zu erfassen. Er war nicht imstande, die Tatsache zu begreifen, dass diese Hebräer eine
wirkliche Religion besaßen, einen Glauben, für den sie zu sterben bereit waren, und dass
Millionen und Abermillionen von ihnen, die überall im Kaiserreich verstreut lebten, nach
Jerusalem als dem Heiligtum ihres Glaubens schauten und den Sanhedrin als höchsten
Gerichtshof auf Erden respektierten.
(1988.1) 185:1.2 Pilatus liebte die Juden nicht, und dieser tief wurzelnde Hass begann sich schon
früh zu zeigen. Von allen römischen Provinzen war keine schwieriger zu regieren als Judäa.
Pilatus begriff die mit der Führung der Juden zusammenhängenden Probleme nie wirklich und
machte deshalb in seiner Statthalterpraxis gleich zu Beginn eine Reihe von beinahe
verhängnisvollen und fast selbstmörderischen Fehlern. Es waren gerade diese Fehler, die den
Juden solche Macht über ihn gaben. Wenn sie seine Entscheidungen beeinflussen wollten,
brauchten sie nur mit einer Volkserhebung zu drohen, und Pilatus kapitulierte sofort. Und dieser
offenkundige Wankelmut oder Mangel an sittlichem Mut des Prokurators beruhte hauptsächlich
auf der Erinnerung an eine Anzahl von Auseinandersetzungen, die er mit den Juden gehabt hatte
und die allesamt mit seiner Niederlage geendet hatten. Die Juden wussten, dass Pilatus vor ihnen
Angst hatte, dass er bei Tiberius um seine Stellung fürchtete, und sie bedienten sich dieses
Wissens bei zahlreichen Gelegenheiten sehr zum Nachteil des Statthalters.
(1988.2) 185:1.3 Der Grund, weshalb Pilatus bei den Juden in Ungnade fiel, lag in einer Reihe von
unglücklichen Zusammenstößen. Zunächst einmal nahm er ihren tiefsitzenden Widerwillen
gegen alle Bildnisse, in denen sie Symbole von Götzenverehrung erblickten, nicht ernst. So
erlaubte er seinen Soldaten, in Jerusalem einzuziehen, ohne die Bildnisse von Caesar von ihren
Bannern zu entfernen, wie es unter seinem Vorgänger bei den römischen Soldaten üblich
gewesen war. Eine große Abordnung von Juden wartete fünf Tage lang auf Pilatus und flehte ihn
an, diese Bilder von den militärischen Standarten entfernen zu lassen. Er weigerte sich
kategorisch, ihre Bitte zu erfüllen, und drohte ihnen mit sofortigem Tod. Pilatus, selbst ein
Skeptiker, konnte nicht verstehen, dass Menschen mit starken religiösen Gefühlen nicht zögern,
für ihre religiösen Überzeugungen zu sterben; und deshalb war er bestürzt, als diese Juden
herausfordernd vor seinen Palast zogen, ihre Gesichter zur Erde beugten und ausrichten ließen,
sie seien bereit zu sterben. Da erkannte Pilatus, dass er eine Drohung ausgestoßen hatte, die
wahrzumachen er nicht gewillt war. Er kapitulierte, befahl, die Bilder von den Bannern seiner
Soldaten in Jerusalem zu entfernen, und war von diesem Tag an weitgehend den Launen der
jüdischen Führer unterworfen, die bei dieser Gelegenheit seine Schwäche entdeckt hatten, mit
Dingen zu drohen, die auszuführen er sich nicht getraute.
(1988.3) 185:1.4 Im Nachhinein entschloss sich Pilatus, sein verlorenes Prestige
zurückzugewinnen, indem er die Wappenschilder des Kaisers, wie sie im Kaiserkult allgemein
verwendet wurden, an den Mauern des Herodespalastes in Jerusalem anbringen ließ. Als die
Juden protestierten, blieb er eisern. Angesichts seiner Weigerung, ihren Protesten Gehör zu
schenken, appellierten sie unverzüglich an Rom, und der Kaiser befahl ebenso unverzüglich, die
beleidigenden Schilder zu entfernen. Und da sank das Ansehen des Pilatus noch tiefer als zuvor.
(1988.4) 185:1.5 Noch etwas anderes machte ihn bei den Juden äußerst unbeliebt: Er wagte es, dem
Tempelschatz Geld für den Bau eines neuen Aquädukts zu entnehmen, um den Millionen, die
Jerusalem zu den Zeiten der großen religiösen Feste besuchten, mehr Wasser zur Verfügung
stellen zu können. Die Juden waren der Ansicht, dass nur der Sanhedrin die Tempelgelder
ausgeben könne, und sie wurden nie müde, Pilatus wegen dieser anmaßenden Verfügung zu
beschimpfen. Seine Entscheidung hatte mindestens zwanzig Aufstände und viel Blutvergießen
zur Folge. Die letzte dieser ernsten Erhebungen endete mit der Niedermetzelung einer großen
Gruppe von Galiläern sogar während ihrer Andacht vor dem Altar.
(1988.5) 185:1.6 Es ist bedeutungsvoll, dass derselbe wankelmütige römische Herrscher, der Jesus
aus Angst vor den Juden und zur Sicherung seiner persönlichen Stellung opferte, schließlich
abgesetzt wurde wegen der unnötigen Niedermetzelung von Samaritanern im Zusammenhang
mit den Ansprüchen eines falschen Messias, der seine Scharen auf den Berg Gerizim führte, wo
seiner Behauptung nach die Tempelgefäße vergraben worden waren; und wilde Tumulte brachen
aus, als er außerstande war, das Versteck der heiligen Gefäße wie versprochen anzugeben. Diese
Episode hatte zur Folge, dass der Legat von Syrien Pilatus nach Rom beorderte. Tiberius starb,
während Pilatus nach Rom unterwegs war, und er wurde nicht wieder zum Prokurator von Judäa
ernannt. Er erholte sich nie ganz von der Reue und Verdammnis, in die Kreuzigung Jesu
eingewilligt zu haben. Da er vor den Augen des neuen Kaisers keine Gnade fand, zog er sich in
die Provinz von Lausanne zurück, wo er später Selbstmord beging.
(1989.1) 185:1.7 Claudia Procula, die Frau des Pilatus, hatte durch ihre Kammerzofe, eine
Phönizierin, die an das Evangelium vom Königreich glaubte, viel von Jesus gehört. Nach dem
Tod des Pilatus war Claudia führend an der Verbreitung der guten Nachricht beteiligt.
(1989.2) 185:1.8 Und all das erklärt manches von dem, was sich an diesem tragischen
Freitagvormittag abspielte. Man versteht jetzt leicht, weshalb die Juden sich anmaßten, Pilatus zu
diktieren — ihn um sechs Uhr früh aufstehen zu lassen, um Jesus zu verhören — und ebenfalls,
weshalb sie nicht davor zurückschreckten, ihm anzudrohen, ihn beim Kaiser des Verrats zu
bezichtigen, wenn er es wagen sollte, ihrer Forderung nach Jesu Tod nicht stattzugeben.
(1989.3) 185:1.9 Ein würdiger römischer Statthalter, dessen Verhältnis zu den Führern der Juden
nicht gestört gewesen wäre, hätte diesen blutrünstigen religiösen Fanatikern niemals erlaubt,
einen Mann dem Tod zu überantworten, von dem er selber erklärt hatte, er sei ohne Makel und
der gegen ihn erhobenen falschen Anklagen unschuldig. Rom beging einen sehr groben Fehler,
einen für die irdischen Angelegenheiten folgenschweren Irrtum, als es den mittelmäßigen Pilatus
nach Palästina entsandte, um es zu regieren. Tiberius wäre besser beraten gewesen, den Juden
den besten Provinzialverwalter des Kaiserreichs zu schicken.
2. Jesus erscheint vor Pilatus
(1989.4) 185:2.1 Nachdem sich Jesus und seine Ankläger vor der Gerichtshalle des Pilatus
eingefunden hatten, kam der römische Statthalter heraus und wandte sich an die Schar der
Versammelten mit der Frage: „Was für eine Anklage erhebt ihr gegen diesen Mann?“ Die
Sadduzäer und Ratsmitglieder, die es auf sich genommen hatten, Jesus aus dem Wege zu räumen,
hatten beschlossen, vor Pilatus zu gehen und die Bestätigung des über Jesus verhängten
Todesurteils zu verlangen, ohne eine bestimmte Anklage zu erheben. Deshalb gab der Sprecher
des Sanhedristengerichts Pilatus zur Antwort: „Wenn dieser Mann kein Übeltäter wäre, hätten
wir ihn dir nicht übergeben.“
(1989.5) 185:2.2 Als Pilatus feststellte, dass sie sich dagegen sträubten, ihre Anklagepunkte gegen
Jesus bekannt zu geben, obwohl er wusste, dass sie die ganze Nacht mit Beratungen über seine
Schuld zugebracht hatten, antwortete er ihnen: „Wenn ihr euch auf keine bestimmte
Beschuldigung geeinigt habt, warum nehmt ihr diesen Mann nicht und richtet ihn gemäß euren
eigenen Gesetzen?“
(1989.6) 185:2.3 Da sprach der Gerichtsschreiber des Sanhedrins zu Pilatus: „Das Gesetz erlaubt
uns nicht, irgendjemanden hinzurichten, und dieser Störer unseres Volksfriedens verdient den
Tod für die Dinge, die er gesagt und getan hat. Deshalb sind wir zur Bestätigung dieses Urteils
vor dich getreten.“
(1989.7) 185:2.4 Mit einem solchen Ausweichmanöver vor den römischen Statthalter zu treten,
verrät ebenso sehr das Übelwollen und die bösen Gefühle der Sanhedristen gegenüber Jesus wie
ihren Mangel an Respekt vor des Pilatus Gerechtigkeitssinn, Ehre und Würde. Welche
Dreistigkeit dieser Untertanen-Bürger, vor ihrem Provinzstatthalter zu erscheinen und von ihm
einen Exekutionsbefehl gegen einen Mann zu > verlangen, noch bevor sie diesem einen fairen
Prozess gewährt haben und sogar ohne ihn eines bestimmten Verbrechens anzuklagen!
(1989.8) 185:2.5 Pilatus wusste einiges über Jesu Wirken unter den Juden, und er nahm an, dass die
Anklagen, die gegen ihn erhoben werden könnten, etwas mit Verletzungen der jüdischen
geistlichen Gesetze zu tun hatten; deshalb versuchte er, den Fall an ihr eigenes Tribunal
zurückzuweisen. Außerdem genoss Pilatus es, dass sie öffentlich ihre Machtlosigkeit eingestehen
mussten, ein Todesurteil sogar gegen einen Angehörigen ihrer eigenen Rasse zu fällen und zu
vollstrecken, gegen den sie bitteren, neidischen Hass und Verachtung entwickelt hatten.
(1990.1) 185:2.6 Nur wenige Stunden zuvor, kurz vor Mitternacht, nachdem er die Erlaubnis erteilt
hatte, für die heimliche Verhaftung Jesu römische Soldaten einzusetzen, hatte Pilatus von seiner
Frau Claudia mehr über Jesus und seine Lehre erfahren. Claudia war halb zum Judaismus
übergetreten und glaubte später von ganzer Seele an Jesu Evangelium.
(1990.2) 185:2.7 Pilatus hätte die Verhandlung gerne verschoben, aber er sah, dass die jüdischen
Führer entschlossen waren, die Behandlung des Falls fortzusetzen. Er wusste, dass man sich an
diesem Vormittag nicht nur auf Passah vorbereitete, sondern dass dieser Tag, ein Freitag, auch
der Vorbereitungstag auf den jüdischen Sabbat der Ruhe und Anbetung war.
(1990.3) 185:2.8 Pilatus, der das respektlose Vorgehen dieser Juden stark empfand, war nicht
willens, ihrem Verlangen, Jesus ohne Prozess zum Tode zu verurteilen, stattzugeben. Deshalb
wartete er einige Augenblicke, damit sie ihre Anklagen gegen den Gefangenen vorbringen
konnten. Dann wandte er sich mit den Worten an sie: „Ich werde diesen Mann nicht ohne Prozess
zum Tode verurteilen; ebenso wenig bin ich bereit, ihn zu vernehmen, solange ihr mir die gegen
ihn erhobenen Anklagen nicht schriftlich unterbreitet habt.“
(1990.4) 185:2.9 Als der Hohepriester und die anderen ihn das sagen hörten, gaben sie dem
Gerichtsschreiber ein Zeichen, worauf dieser Pilatus die geschriebenen Anklagepunkte gegen
Jesus überreichte. Und diese lauteten:
(1990.5) 185:2.10 „Das Tribunal der Sanhedristen befindet, dass dieser Mann ein Übeltäter ist und
den Frieden unserer Nation gefährdet, weil er sich schuldig gemacht hat:
(1990.6) 185:2.11 1. Unsere Nation zu verführen und unser Volk zur Rebellion anzustiften.
(1990.7) 185:2.12 2. Den Leuten zu verbieten, Caesar den Tribut zu zahlen.
(1990.8) 185:2.13 3. Sich selber ‚König der Juden‘ zu nennen und die Gründung eines neuen
Königreichs zu lehren.“
(1990.9) 185:2.14 In keinem dieser Punkte war Jesus nach den Regeln verhört, noch gesetzlich für
schuldig erklärt worden. Er hörte die Anklagen nicht einmal, als sie zum ersten Mal verlesen
wurden; aber Pilatus ließ ihn vom Prätorium, wo er sich in der Obhut der Wachen befand,
herbeiholen, und bestand darauf, dass die Anklagen in Jesu Gegenwart wiederholt würden.
(1990.10) 185:2.15 Als Jesus diese Beschuldigungen vernahm, wusste er wohl, dass man ihn vor
dem jüdischen Gericht in diesen Angelegenheiten nicht angehört hatte, und ebenso wussten es
Johannes Zebedäus und seine Ankläger, aber er erwiderte nichts auf ihre falschen Anklagen.
Auch als Pilatus ihm gebot, seinen Anklägern zu antworten, öffnete er seinen Mund nicht. Pilatus
war über die Ungerechtigkeit des ganzen Verfahrens derart erstaunt und von Jesu Schweigen und
seiner vollendeten Haltung so beeindruckt, dass er beschloss, den Gefangenen ins Innere der
Halle zu führen und ihn dort privat zu vernehmen.
(1990.11) 185:2.16 Die Gedanken des Pilatus gingen wirr durcheinander, innerlich fürchtete er die
Juden, und sein Geist wurde stark bewegt durch den Anblick Jesu, der da hoheitsvoll vor seinen
blutrünstigen Anklägern stand und sie unverwandt anschaute, nicht etwa in schweigender
Verachtung, sondern mit einem Ausdruck echten Erbarmens und bekümmerter Liebe.
3. Die private Vernehmung durch Pilatus
(1991.1) 185:3.1 Pilatus nahm Jesus und Johannes Zebedäus in einen Privatraum mit, während er
die Wachen draußen in der Halle stehen ließ, und bat den Gefangenen, sich zu setzen, worauf er
an seiner Seite Platz nahm und mehrere Fragen an ihn richtete. Pilatus begann sein Gespräch mit
Jesus, indem er ihm versicherte, dass er dem ersten Punkt der Anklage, er sei ein Verführer des
Volks und stifte es zur Auflehnung an, keinen Glauben schenke. Dann fragte er: „Hast du je
gelehrt, Cäsar den Tribut zu verweigern?“ Jesus wies auf Johannes und sagte: „Frage ihn oder
sonst irgendwen, der mich lehren gehört hat.“ Da wandte sich Pilatus wegen dieser Tributfrage
an Johannes, und dieser legte Zeugnis ab von seines Meisters Lehre und erklärte, dass Jesus und
seine Apostel sowohl Cäsar als auch dem Tempel Steuern zahlten. Nachdem er Johannes befragt
hatte, sagte Pilatus zu ihm: „Hüte dich davor, jemandem zu sagen, dass ich mit dir gesprochen
habe.“ Und Johannes behielt diese Angelegenheit stets für sich.
(1991.2) 185:3.2 Jetzt wandte sich Pilatus wieder Jesus zu, um ihm weitere Fragen zu stellen, und
sagte: „Und nun zu der dritten Anklage gegen dich, bist du der König der Juden?“ Da so etwas
wie ehrliches Forschen in Pilatus‘ Stimme mitklang, lächelte Jesus dem Statthalter zu und sagte:
„Pilatus, fragst du das von dir aus, oder übernimmst du diese Frage von den anderen, von meinen
Anklägern?“ Worauf der Statthalter im Tone einer gewissen Entrüstung erwiderte: „Bin ich ein
Jude? Dein eigenes Volk und die höchsten Priester haben dich ausgeliefert und von mir verlangt,
dich zum Tode zu verurteilen. Ich ziehe die Gültigkeit ihrer Anschuldigungen in Zweifel, und ich
versuche nur, für mich selber herauszufinden, was du getan hast. Sag mir, hast du gesagt, du
seiest der König der Juden, und hast du versucht, ein neues Königreich zu gründen?“
(1991.3) 185:3.3 Da sagte Jesus zu Pilatus: „Erkennst du nicht, dass mein Königreich nicht von
dieser Welt ist? Wäre mein Königreich von dieser Welt, dann würden meine Jünger bestimmt
kämpfen, damit ich den Juden nicht in die Hände falle. Meine Gegenwart hier vor dir in diesen
Fesseln genügt, um allen Menschen zu zeigen, dass mein Königreich eine geistige Herrschaft ist,
eben die Bruderschaft der Menschen, die durch den Glauben und die Liebe Söhne Gottes
geworden sind. Und dieses rettende Heil ist ebenso sehr für die Heiden wie für die Juden.“
(1991.4) 185:3.4 „So bist du also doch ein König?“ sagte Pilatus. Und Jesus antwortete: „Ja, ich bin
ein solcher König, und mein Königreich ist die Familie der Glaubenssöhne meines Vaters, der im
Himmel wohnt. Gerade dazu bin ich in diese Welt hineingeboren worden, dass ich allen
Menschen meinen Vater zeige und von der Wahrheit Gottes Zeugnis ablege. Und gerade jetzt
erkläre ich dir, dass jeder, der die Wahrheit liebt, meine Stimme hört.“
(1991.5) 185:3.5 Da sagte Pilatus halb im Spott und halb im Ernst: „Wahrheit, was ist Wahrheit —
wer kennt sie schon?“
(1991.6) 185:3.6 Pilatus war nicht fähig, Jesu Worte zu ergründen, noch war er fähig, das Wesen
seines geistigen Königreichs zu verstehen, aber er war jetzt sicher, dass der Gefangene nichts
Todeswürdiges begangen hatte. Ein einziger Blick auf Jesus, von Angesicht zu Angesicht,
genügte, um sogar Pilatus davon zu überzeugen, dass dieser liebenswürdige und müde, aber
majestätische und aufrechte Mann kein unbändiger und gefährlicher Revolutionär war, der
danach trachtete, sich auf den weltlichen Thron Israels zu setzen. Pilatus dachte, etwas von dem
zu verstehen, was Jesus meinte, als er sich einen König nannte, denn er war vertraut mit den
Lehren der Stoiker, die verkündeten, dass „der weise Mann ein König ist“. Pilatus war
vollkommen überzeugt, dass Jesus, statt ein gefährlicher Volksverhetzer zu sein, nichts mehr und
nichts weniger war als ein harmloser Visionär, ein unschuldiger Fanatiker.
(1991.7) 185:3.7 Nach der Vernehmung des Meisters ging Pilatus zu den führenden Priestern und
Anklägern Jesu zurück und sagte: „Ich habe diesen Mann vernommen, und ich finde keine
Schuld an ihm. Ich denke nicht, dass er der Vergehen schuldig ist, derer ihr ihn bezichtigt; ich
denke, er sollte freigelassen werden.“ Als die Juden das hörten, wurden sie von großer Wut
gepackt und schrieen wie wild, Jesus müsse sterben; und einer der Sanhedristen trat kühn an die
Seite von Pilatus und sagte: „Dieser Mann wiegelt das Volk auf, zuerst in Galiläa und dann in
ganz Judäa. Er ist ein Unruhestifter und Übeltäter. Du wirst es lange bereuen, wenn du diesen
gottlosen Mann freilässt.“
(1992.1) 185:3.8 Pilatus fühlte sich arg bedrängt. Was sollte er bloß mit Jesus tun? Als er sie nun
sagen hörte, jener habe sein Werk in Galiläa begonnen, dachte er, er könnte der Verantwortung,
den Fall zu entscheiden, aus dem Wege gehen oder zumindest Zeit zum Nachdenken gewinnen,
wenn er Jesus vor Herodes schickte, der sich gerade in der Stadt aufhielt, um am Passahfest
teilzunehmen. Pilatus dachte auch, diese Geste würde helfen, den unfreundlichen Gefühlen etwas
entgegenzuwirken, die seit einiger Zeit zwischen ihm und Herodes wegen zahlreicher
Meinungsverschiedenheiten in Rechtsangelegenheiten bestanden.
(1992.2) 185:3.9 Pilatus rief die Wachen herbei und sagte: „Dieser Mann ist ein Galiläer. Führt ihn
unverzüglich vor Herodes, und wenn dieser ihn vernommen hat, berichtet mir, zu welchen
Schlüssen er gekommen ist.“ Und sie führten Jesus vor Herodes.
4. Jesus vor Herodes
(1992.3) 185:4.1 Wenn Herodes Antipas sich in Jerusalem aufhielt, bewohnte er den alten
Makkabäerpalast von Herodes dem Großen, und in dieses Haus des früheren Königs brachten
jetzt die Tempelwächter Jesus, während seine Ankläger und eine wachsende Menge ihnen
folgten. Seit langem hatte Herodes von Jesus gehört, und er war sehr neugierig auf ihn. Als der
Menschensohn an diesem Freitagmorgen vor ihm stand, erinnerte sich der verworfene Idumenäer
auch nicht einen Augenblick lang an den Jungen, der vor Jahren in Sepphoris vor ihm erschienen
war und um einen gerechten Entscheid in der Angelegenheit des seinem Vater geschuldeten
Geldes gebeten hatte, nachdem dieser bei der Arbeit an einem öffentlichen Gebäude tödlich
verunfallt war. Seines Wissens hatte Herodes Jesus nie gesehen, obwohl dieser ihn stark
beunruhigt hatte, als sich sein Wirken auf Galiläa konzentrierte. Jetzt, da Pilatus und die Judäer
ihn in ihrem Gewahrsam hatten, begehrte Herodes, ihn zu sehen, da er sich vor jeder zukünftigen
durch ihn verursachten Schwierigkeit sicher wusste. Herodes hatte viel von Jesu Wundertaten
gehört, und er hoffte wirklich, ihn irgendein Wunder vollbringen zu sehen.
(1992.4) 185:4.2 Als sie Jesus vor Herodes brachten, war der Tetrarch von seiner imposanten
Erscheinung und seinem ruhigen Gesichtsausdruck überrascht. Etwa fünfzehn Minuten lang
stellte Herodes ihm Fragen, aber der Meister antwortete nichts. Herodes höhnte ihn und forderte
ihn heraus, ein Wunder zu tun, aber Jesus erwiderte nichts auf seine vielen Fragen und schwieg
zu seinen Sarkasmen.
(1992.5) 185:4.3 Dann wandte sich Herodes den führenden Priestern und Sadduzäern zu; er
schenkte ihren Anschuldigungen Gehör und vernahm alles und mehr, was Pilatus über die
angeblichen Missetaten des Menschensohnes erfahren hatte. Als er endlich zu der Überzeugung
gelangt war, dass Jesus weder sprechen noch für ihn ein Wunder tun würde, machte er sich eine
Zeit lang über ihn lustig, kleidete ihn dann in einen alten purpurnen Königsmantel und sandte ihn
zurück zu Pilatus. Herodes wusste, dass sich Jesus in Judäa außerhalb seiner Gerichtsbarkeit
befand. Obwohl er über den Gedanken froh war, Jesus in Galiläa endlich los zu sein, war er doch
dankbar, dass die Verantwortung für seine Hinrichtung bei Pilatus lag. Herodes hatte sich nie
ganz von der Angst erholt, die ihn quälte, seit er Johannes den Täufer umgebracht hatte. Herodes
hatte zeitweise sogar gefürchtet, Jesus sei der von den Toten auferstandene Johannes. Jetzt ließ
ihn diese Angst los, da er feststellte, dass Jesus eine ganz andere Art Mensch war als der
unverblümt sprechende und heftige Prophet, der es gewagt hatte, sein Privatleben aufzudecken
und zu brandmarken.
5. Jesus kehrt zu Pilatus zurück
(1993.1) 185:5.1 Nachdem die Wachen Jesus zu Pilatus zurückgebracht hatten, trat dieser auf die
Vordertreppe des Prätoriums hinaus, wo sein Richterstuhl hingestellt worden war, rief die
führenden Priester und Sanhedristen zusammen und sprach zu ihnen: „Ihr habt diesen Mann
unter der Anklage vor mich gebracht, er verführe das Volk, verbiete die Entrichtung von Steuern
und behaupte, König der Juden zu sein. Ich habe ihn verhört und finde ihn in allen Punkten
unschuldig. In der Tat finde ich keinen Fehler an ihm. Dann habe ich ihn zu Herodes geschickt,
und der Tetrarch muss zu demselben Schluss gelangt sein, da er ihn uns zurückgeschickt hat.
Ganz gewiss hat dieser Mann nichts Todeswürdiges begangen. Wenn ihr immer noch denkt, er
müsse bestraft werden, bin ich bereit, ihn zu züchtigen, bevor ich ihn freilasse.“
(1993.2) 185:5.2 Die Juden wollten gerade mit Geschrei gegen Jesu Freilassung protestieren, als
eine große Menschenmenge vor dem Prätorium aufmarschierte, um von Pilatus zu Ehren des
Passahfestes die Freilassung eines Gefangenen zu erwirken. Seit einiger Zeit pflegten die
römischen Statthalter an Passah dem Pöbel zu erlauben, einen Gefangenen oder Verurteilten zur
Begnadigung auszuwählen. Und nun, da dieser Haufe vor ihm stand, um die Freilassung eines
Gefangenen zu verlangen, und da Jesus bei der Menge eben noch in so großer Gunst gestanden
hatte, fiel es Pilatus ein, er könnte sich vielleicht aus dieser misslichen Lage befreien, wenn er
den Versammelten vorschlüge, ihnen als Zeichen des guten Willens an Passah diesen Mann aus
Galiläa zu übergeben, da Jesus jetzt als Gefangener vor seinem Richterstuhl stand.
(1993.3) 185:5.3 Als die Menge die Treppen des Gebäudes hinaufdrängte, hörte Pilatus den Namen
eines gewissen Barabbas rufen. Barabbas war ein bekannter politischer Agitator und
Raubmörder, Sohn eines Priesters, und war vor kurzem auf der Straße nach Jericho beim
Begehen eines Raubmordes ergriffen worden. An diesem Mann sollte gleich nach den
Passahfestlichkeiten das Todesurteil vollstreckt werden.
(1993.4) 185:5.4 Pilatus erhob sich und erklärte der Menge, dass die führenden Priester Jesus vor
ihn gebracht hätten, weil sie aufgrund gewisser Beschuldigungen seinen Tod wünschten, dass er
selber aber nicht glaube, der Mann habe den Tod verdient. Pilatus sagte: „Was zieht ihr nun vor,
dass ich euch den Mörder Barabbas freigebe oder diesen Jesus von Galiläa?“ Kaum hatte Pilatus
dies gesagt, als die Priesterführer und die Ratsmitglieder des Sanhedrins so laut sie konnten
schrieen: „Barabbas, Barabbas!“ Und als die Leute sahen, dass die Priesterführer Jesu Tod
wünschten, stimmten sie rasch in den Ruf nach seinem Tod ein und verlangten mit lautem
Geschrei die Freilassung des Barabbas.
(1993.5) 185:5.5 Nur wenige Tage zuvor hatte die Menge in Ehrfurcht vor Jesus gestanden, aber
der Pöbel blickte nicht zu einem auf, der erklärt hatte, Gottes Sohn zu sein, und der sich jetzt im
Gewahrsam der Priesterführer und Regierenden befand und in einem Prozess vor Pilatus um sein
Leben bangen musste. Jesus mochte in den Augen des Pöbels ein Held sein, als er die
Geldwechsler und Händler aus dem Tempel vertrieb, aber nicht, wenn er ein widerstandsloser
Gefangener in den Händen seiner Feinde war, auf den in diesem Prozess der Tod wartete.
(1993.6) 185:5.6 Der Anblick der Priesterführer, die lautstark Gnade für einen notorischen Mörder
forderten und gleichzeitig nach Jesu Blut schrieen, erzürnte Pilatus. Er sah ihre Bosheit und ihren
Hass, er erkannte ihre Voreingenommenheit und ihren Neid. Deshalb sagte er zu ihnen: „Wie
könnt ihr das Leben eines Mörders demjenigen dieses Mannes vorziehen, dessen schlimmstes
Verbrechen darin besteht, dass er sich im übertragenen Sinne König der Juden nennt?“ Aber es
war nicht weise von Pilatus, so zu reden. Die Juden waren ein stolzes Volk, das jetzt dem
politischen Joch Roms unterworfen war, das aber auf das Kommen eines Messias wartete, der es
unter großer und ruhmreicher Machtentfaltung von heidnischer Unterdrückung befreien würde.
Weit mehr als Pilatus ahnen konnte, irritierte sie der bloße Gedanke, diesen Verkünder seltsamer
Lehren mit seinen sanften Umgangsformen, jetzt inhaftiert und todeswürdiger Verbrechen
angeklagt, „König der Juden“ zu nennen. Sie betrachteten einen solchen Ausspruch als eine
Beleidigung alles dessen, was ihnen in ihrer nationalen Existenz als heilig und verehrungswürdig
erschien, und deshalb erhoben sie alle ein mächtiges Geschrei für Barabbas‘ Freilassung und
Jesu Tod.
(1994.1) 185:5.7 Pilatus wusste, dass Jesus der gegen ihn erhobenen Anklagen unschuldig war, und
wäre er ein gerechter und mutiger Richter gewesen, hätte er ihn freigesprochen und ihn
entlassen. Aber er hatte Angst, den erzürnten Juden zu trotzen. Während er zögerte, seine Pflicht
zu tun, erschien ein Bote und überbrachte ihm von seiner Frau Claudia eine versiegelte
Botschaft.
(1994.2) 185:5.8 Pilatus bedeutete den vor ihm Versammelten, er wünsche die eben erhaltene
Mitteilung zu lesen, bevor er den Fall weiter verfolge. Er öffnete den Brief seiner Frau und las:
„Ich flehe dich an, habe nichts zu schaffen mit diesem unschuldigen und gerechten Mann, den sie
Jesus nennen. Ich habe diese Nacht in einem Traum seinetwegen viel gelitten.“ Nicht nur brachte
diese Notiz Claudias Pilatus ziemlich aus der Fassung und verzögerte dadurch den Urteilsspruch
in dieser Angelegenheit, sondern sie gewährte unglücklicherweise auch den jüdischen Führern
beträchtliche Zeit, in der Menge umherzugehen und die Leute zu drängen, die Freilassung des
Barabbas zu verlangen und laut nach Jesu Kreuzigung zu rufen.
(1994.3) 185:5.9 Schließlich machte sich Pilatus erneut an die Lösung des Problems, dem er sich
gegenüber sah, indem er an die Versammlung, die aus den jüdischen Führern und der Gnade
heischenden Menge bestand, die Frage richtete: „Was soll ich mit dem tun, den man den König
der Juden nennt?“ Und sie schrieen alle wie aus einem Munde: „Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!“
Die Einstimmigkeit dieser Forderung der gemischten Menge bestürzte und alarmierte Pilatus,
den ungerechten und angsterfüllten Richter.
(1994.4) 185:5.10 Darauf sagte Pilatus noch einmal: „Warum wollt ihr diesen Mann kreuzigen?
Welche Missetat hat er begangen? Wer will vortreten, um gegen ihn zu zeugen?“ Aber als sie
hörten, dass Pilatus Jesus verteidigte, brüllten sie umso lauter: „Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!“
(1994.5) 185:5.11 Und von neuem appellierte Pilatus in der Frage der Freilassung des
Passahhäftlings mit den Worten an sie: „Ich frage euch noch einmal, welchen von diesen
Gefangenen soll ich aus Anlass dieser eurer Passahzeit freigeben?“ Und wieder schrie die
Menge: „Gib uns Barabbas!“
(1994.6) 185:5.12 Da sagte Pilatus: „Wenn ich den Mörder Barabbas freilasse, was soll ich dann mit
Jesus tun?“ Und wiederum erscholl aus der Menge der einstimmige Ruf: „Kreuzige ihn!
Kreuzige ihn!“
(1994.7) 185:5.13 Das hartnäckige Schreien des Pöbels, der unter der direkten Regie der
Priesterführer und Ratsmitglieder des Sanhedrins handelte, versetzte Pilatus in große Angst;
trotzdem unternahm er zumindest noch einen weiteren Versuch, die Menge zu besänftigen und
Jesus zu retten.
6. Des Pilatus letzter Appell
(1994.8) 185:6.1 An allem, was sich an diesem frühen Freitagmorgen vor Pilatus abspielt, sind nur
Jesu Feinde beteiligt. Seine vielen Freunde wissen entweder noch nichts von seiner nächtlichen
Verhaftung und seinem frühmorgendlichen Prozess oder sie halten sich versteckt, um nicht selber
ebenfalls verhaftet und zum Tode verurteilt zu werden, weil sie an Jesu Lehre glauben. In der
Menschenmenge, die jetzt laut nach dem Tod des Meisters ruft, finden sich nur seine
geschworenen Feinde und der leicht zu lenkende und gedankenlose Pöbel.
(1995.1) 185:6.2 Pilatus wollte einen letzten Appell an ihr Mitleid richten. Da er sich fürchtete,
dem Ruf des irregeleiteten Pöbels, der nach Jesu Blut rief, die Stirn zu bieten, gab er den
jüdischen Wächtern und den römischen Soldaten den Befehl, Jesus zur Auspeitschung
abzuführen. Das war an sich ein ungerechtes und gesetzwidriges Vorgehen, da das römische
Recht die Auspeitschung nur für zum Kreuzestod Verurteilte vorsah. Die Wächter führten Jesus
für diese Tortur in den offenen Hof des Prätoriums. Seine Feinde waren nicht Zeugen der
Geißelung, aber Pilatus wohnte ihr bei, und bevor die Auspeitscher mit ihrer schändlichen
Misshandlung zu Ende waren, befahl er ihnen, von ihm abzulassen und gab ihnen einen Wink,
Jesus vor ihn zu führen. Bevor die Peiniger Jesus zur Geißelung an einen Pfosten banden und
sich mit ihren geknoteten Peitschen über ihn hermachten, legten sie ihm wieder die Purpurrobe
an und drückten ihm eine aus Dornen geflochtene Krone auf die Stirn. Und dann gaben sie ihm
zum Spott ein Rohr als Szepter in die Hand, knieten vor ihm nieder und verlachten ihn mit den
Worten: „Heil dir, König der Juden!“ Und sie bespuckten ihn und schlugen ihm mit den Händen
ins Gesicht. Und bevor sie ihn Pilatus zurückgaben, nahm einer von ihnen ihm das Rohr aus der
Hand und schlug ihn damit auf den Kopf.
(1995.2) 185:6.3 Danach führte Pilatus den blutenden und zerfetzten Gefangenen hinaus, zeigte ihn
der gemischten Menge und sagte: „Seht den Menschen! Ich erkläre euch erneut, dass ich kein
Verbrechen bei ihm finden kann, und jetzt, da ich ihn habe auspeitschen lassen, möchte ich ihn
freigeben.“
(1995.3) 185:6.4 Da stand Jesus von Nazareth, mit einem alten purpurnen Königsmantel und einer
Dornenkrone angetan, die sich in seine freundliche Stirne bohrte. Sein Gesicht war blutbesudelt,
seine Gestalt vor Qual und Schmerz niedergebeugt. Aber nichts vermag die gefühllosen Herzen
derer zu bewegen, die Opfer intensiven emotionalen Hasses und Sklaven religiöser Vorurteile
sind. Bei diesem Anblick lief ein mächtiger Schauer des Entsetzens durch die Welten eines
riesigen Universums, aber die Herzen derer, die zu Jesu Vernichtung entschlossen waren, blieben
ungerührt.
(1995.4) 185:6.5 Als sie sich vom ersten Schock beim Anblick des Not leidenden Meisters erholt
hatten, riefen sie nur umso lauter und anhaltender: „Kreuzige ihn! Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!“
(1995.5) 185:6.6 Und jetzt begriff Pilatus, dass es aussichtslos war, an vermutliche
Mitleidsregungen zu appellieren. Er trat vor und sagte: „Ich stelle fest, dass ihr entschlossen seid,
diesen Mann sterben zu lassen, aber was hat er getan, um den Tod zu verdienen? Wer will sein
Verbrechen erläutern?“
(1995.6) 185:6.7 Da ging der Hohepriester selber nach vorn, stieg zu Pilatus hinauf und erklärte
ungehalten: „Wir haben ein heiliges Gesetz, und nach diesem Gesetz muss dieser Mann sterben,
weil er behauptet hat, er sei der Sohn Gottes.“ Als Pilatus das hörte, packte ihn eine noch viel
größere Angst, nicht nur vor den Juden, sondern weil er an die Botschaft seiner Frau dachte und
an die griechische Mythologie von den Göttern, die zur Erde herabsteigen; und er zitterte jetzt
bei dem Gedanken, Jesus könnte am Ende ein göttliches Wesen sein. Er gab der Menge mit
einem Wink zu verstehen, sich ruhig zu verhalten, nahm Jesus beim Arm und führte ihn zu
weiterer Vernehmung ins Innere des Gebäudes. Die Angst verwirrte jetzt die Gedanken des
Pilatus, abergläubische Furcht erfüllte ihn und die Hartnäckigkeit des Mobs saß ihm im Nacken.
7. Die letzte Vernehmung durch Pilatus
(1995.7) 185:7.1 Pilatus setzte sich zitternd vor Furcht neben Jesus und fragte ihn: „Woher kommst
du? Wer bist du wirklich? Was soll das heißen, wenn sie sagen, du seist der Sohn Gottes?“
(1996.1) 185:7.2 Aber Jesus konnte solche Fragen schwerlich beantworten, wenn sie ihm von
einem die Menschen fürchtenden, schwachen und wankelmütigen Richter gestellt wurden, der so
ungerecht war, ihn geißeln zu lassen, obwohl er ihn jeglichen Verbrechens für unschuldig erklärt
hatte, und noch bevor Jesus in aller Form zum Tode verurteilt worden war. Jesus schaute Pilatus
gerade ins Gesicht, aber er antwortete ihm nicht. Da sagte Pilatus: „Weigerst du dich, mit mir zu
reden? Ist dir nicht bewusst, dass es immer noch in meiner Macht steht, dich freizulassen oder
dich zu kreuzigen?“ Jesus antwortete: „Du könntest keine Macht über mich haben, wenn es dir
nicht von oben erlaubt würde. Du könntest über den Menschensohn keine Autorität ausüben,
wenn der Vater im Himmel es nicht gestatten würde. Aber du bist nicht so sehr schuldig, denn du
kennst das Evangelium nicht. Derjenige, der mich verraten und derjenige, der mich dir
ausgeliefert hat, haben größere Sünde.“
(1996.2) 185:7.3 Dieses letzte Gespräch mit Jesus erfüllte Pilatus vollends mit Angst. Dieser
moralische Feigling und schwächliche Richter litt nun unter dem doppelten Gewicht
abergläubischer Furcht vor Jesus und tödlicher Angst vor den jüdischen Führern.
(1996.3) 185:7.4 Und wiederum erschien Pilatus vor der Menge und sagte: „Ich bin sicher, dass
dieser Mann nur gegen die Religion verstoßen hat. Ihr solltet ihn nehmen und ihn nach eurem
Gesetz richten. Warum erwartet ihr, dass ich in seinen Tod einwillige, nur weil er zu euren
Traditionen im Widerspruch steht ?“
(1996.4) 185:7.5 Pilatus wollte gerade daran gehen, Jesus freizulassen, als der Hohepriester
Kajaphas an den feigen römischen Richter herantrat, vor dessen Gesicht einen Drohfinger
schüttelte und mit zornigen Worten, die die ganze Menge hören konnte, sprach: „Wenn du diesen
Mann freilässt, bist du nicht Caesars Freund, und ich werde dafür sorgen, dass der Kaiser alles
vernimmt.“ Diese öffentliche Drohung war zu viel für Pilatus. Die Angst um sein persönliches
Schicksal verdunkelte jetzt alle anderen Erwägungen, und der feige Statthalter befahl, dass man
Jesus vor den Richterstuhl bringe. Als der Meister dort vor ihnen stand, zeigte er auf ihn und
sagte höhnisch: „Seht da euren König.“ Und die Juden riefen zurück: „Weg mit ihm. Kreuzige
ihn!“ Worauf Pilatus mit viel Ironie und Sarkasmus sagte: „Soll ich euren König kreuzigen?“
Und die Juden antworteten: „Ja, kreuzige ihn ! Wir haben keinen König außer Caesar.“ Da wurde
Pilatus sich bewusst, dass es keine Hoffnung mehr gab, Jesus zu retten, da er nicht den Willen
besaß, den Juden zu trotzen.
8. Die tragische Kapitulation des Pilatus
(1996.5) 185:8.1 Da stand er nun, der als Menschensohn inkarnierte Gottessohn. Man hatte ihn
ohne Anklage festgenommen; ohne Beweise beschuldigt; ohne Zeugen verurteilt; ohne
Schuldspruch gezüchtigt; und nun sollte er gleich zum Tod verurteilt werden durch einen
ungerechten Richter, der gestand, er könne an ihm keine Schuld finden. Wenn Pilatus gedacht
hatte, an den Patriotismus der Juden appellieren zu können, indem er von Jesus als von dem
„König der Juden“ sprach, so war ihm dies gründlich misslungen. Die Juden erwarteten keinen
König dieser Art. Die Erklärung der Priesterführer und Sadduzäer „Wir haben keinen König
außer Caesar“ war selbst für den gedankenlosen Pöbel ein Schock, aber es war jetzt zu spät, um
Jesus zu retten, selbst wenn der Mob gewagt hätte, für Jesu Sache Partei zu ergreifen.
(1996.6) 185:8.2 Pilatus befürchtete einen Tumult oder eine Volkserhebung. Er wagte es nicht, in
der Passahzeit das Risiko solcher Unruhen in Jerusalem einzugehen. Er hatte neulich von Caesar
eine Rüge erhalten, und er wollte es nicht auf eine zweite ankommen lassen. Der Pöbel spendete
Beifall, als er die Freilassung des Barabbas befahl. Dann ließ er ein Becken mit Wasser bringen
und wusch sich vor der Menge die Hände und sagte: „Ich bin am Blute dieses Menschen
unschuldig. Ihr seid entschlossen, ihn sterben zu lassen, aber ich habe keine Schuld an ihm
gefunden. Das ist jetzt eure Sache. Die Soldaten werden ihn abführen.“ Und der Pöbel erhob ein
Hurrageschrei und antwortete: „Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder.“
Das Urantia Buch
Schrift 186
Unmittelbar vor der Kreuzigung
(1997.1) 186:0.1 ALS Jesus und seine Ankläger sich zu Herodes aufmachten, wandte sich der
Meister an den Apostel Johannes und sagte: „Johannes, du kannst nichts mehr für mich tun. Geh
zu meiner Mutter und bringe sie her, damit sie mich noch sieht, bevor ich sterbe.“ Als Johannes
die Bitte seines Meisters vernahm, widerstrebte es ihm zwar, ihn allein inmitten seiner Feinde
zurückzulassen, aber dennoch eilte er nach Bethanien, wo Jesu gesamte Familie im Hause
Marthas und Marias, der Schwestern des von Jesus von den Toten auferweckten Lazarus,
versammelt war und wartete.
(1997.2) 186:0.2 Im Verlaufe des Morgens hatten Boten Martha und Maria mehrmals Nachrichten
vom Verlauf des Prozesses gegen Jesus gebracht. Aber Jesu Familie erreichte Bethanien erst
einige Minuten, bevor Johannes mit Jesu Bitte eintraf, vor seiner Hinrichtung noch seine Mutter zu sehen. Nachdem Johannes Zebedäus ihnen alles berichtet hatte, was sich seit der
mitternächtlichen Verhaftung Jesu abgespielt hatte, machte sich seine Mutter Maria in seiner
Begleitung sofort auf, um ihren ältesten Sohn zu sehen. Als Maria und Johannes die Stadt
erreichten, war Jesus begleitet von den römischen Soldaten, die ihn kreuzigen sollten, schon auf
Golgatha angekommen.
(1997.3) 186:0.3 Als Maria, Jesu Mutter, sich mit Johannes zu ihrem Sohn aufmachte, weigerte sich
seine Schwester Ruth, bei der restlichen Familie zurückzubleiben. Da sie entschlossen war, ihre
Mutter zu begleiten, ging ihr Bruder Jude mit ihr. Die übrigen Familienmitglieder des Meisters
blieben unter Führung von Jakobus in Bethanien, und fast stündlich überbrachten Boten des
David Zebedäus ihnen Berichte vom Fortgang des schrecklichen Werks der Hinrichtung ihres
ältesten Bruders, Jesu von Nazareth.
1. Judas Iskariots Ende
(1997.4) 186:1.1 Es war etwa halb neun an diesem Freitagmorgen, als Jesu Vernehmung vor Pilatus
zu Ende ging und der Meister den römischen Soldaten, die den Auftrag hatten, ihn zu kreuzigen,
in Gewahrsam gegeben wurde. Sobald sich Jesus in der Hand der Römer befand, marschierte der
Hauptmann der jüdischen Wachen mit seinen Männern zum Tempelhauptquartier zurück. Der
Hohepriester und seine Kollegen im Sanhedrin folgten dicht hinter den Wachen und begaben sich
direkt an ihren gewohnten Treffpunkt im Tempelsaal aus behauenem Stein. Hier trafen sie auf
viele andere Mitglieder des Sanhedrins, die darauf warteten zu erfahren, was mit Jesus
geschehen war. Kajaphas war mitten in seiner Berichterstattung an den Sanhedrin über Jesu
Prozess und Verurteilung, als Judas vor ihnen erschien, um Anspruch auf seine Belohnung für die
Rolle zu erheben, die er bei des Meisters Festnahme und Verurteilung zum Tode gespielt hatte.
(1997.5) 186:1.2 All diese Juden verabscheuten Judas; sie blickten nur mit Gefühlen äußerster
Verachtung auf den Verräter. Während des Prozesses Jesu vor Kajaphas und seines Erscheinens
vor Pilatus bekam Judas Gewissensbisse wegen seines verräterischen Verhaltens. Und er begann
auch, irgendwie seine Illusionen hinsichtlich der Belohnung zu verlieren, die er als Bezahlung
für seine Dienste als Jesu Verräter erhalten würde. Ihm missfiel die Kühle und Distanziertheit der
jüdischen Führerschaft; trotzdem erwartete er, für sein niederträchtiges Verhalten großzügig
belohnt zu werden. Er sah sich schon vor den vollzählig versammelten Sanhedrin gerufen und
hörte, wie man ihn ebenda pries und ihm gebührende Ehre erwies in Anerkennung des großen
Dienstes, den er — so schmeichelte er sich — seinem Volk erwiesen hatte. Stellt euch deshalb
die große Überraschung des geltungsbedürftigen Verräters vor, als ein Diener des Hohenpriesters
ihm auf die Schulter klopfte, ihn kurzerhand zum Verlassen des Saales aufforderte und zu ihm
sagte: „Judas, ich bin beauftragt, dich für den Verrat an Jesus zu bezahlen. Hier ist deine
Belohnung.“ Und während er sprach, händigte der Diener des Kajaphas Judas einen Beutel aus,
der dreißig Silberstücke enthielt — den gängigen Preis für einen guten, gesunden Sklaven.
(1998.1) 186:1.3 Judas war wie betäubt, einfach sprachlos. Er stürzte zurück, wollte wieder in den
Saal, aber der Türhüter versperrte ihm den Weg. Er wollte den Sanhedrin anrufen, aber man ließ
ihn nicht ein. Judas konnte nicht glauben, dass diese Judenführer ihn seine Freunde und seinen
Meister verraten ließen und ihm dann als Entgelt dreißig Silberstücke anboten. Er war
gedemütigt, desillusioniert, vollkommen vernichtet. Wie in Trance bewegte er sich vom Tempel
weg. Er ließ den Geldbeutel automatisch in seine tiefe Tasche fallen, in dieselbe Tasche, in der er
so lange den Beutel mit dem apostolischen Geld getragen hatte. Und er wanderte durch die Stadt
hinter der Volksmenge her, die hinauszog, um bei den Kreuzigungen zugegen zu sein.
(1998.2) 186:1.4 Aus einiger Entfernung sah Judas, wie sie den Kreuzesbalken mit dem darauf
genagelten Jesus in die Höhe hoben. Bei diesem Anblick stürzte er zum Tempel zurück, erzwang
sich am Türsteher vorbei Zutritt zum Saal und fand sich dem Sanhedrin gegenüber, der immer
noch tagte. Der Verräter war fast außer Atem und höchst erregt, aber er brachte es noch fertig, die
Worte zu stammeln: „Ich habe gesündigt, indem ich unschuldiges Blut verraten habe. Ihr habt
mich beleidigt. Als Belohnung für meinen Dienst habt ihr mir Geld angeboten — den Preis eines
Sklaven. Ich bereue, dass ich das getan habe; hier ist euer Geld. Ich will der Schuld für diese Tat
entgehen.“
(1998.3) 186:1.5 Als die Führer der Juden Judas so sprechen hörten, verspotteten sie ihn. Einer von
ihnen, der nahe bei der Stelle saß, wo Judas stand, gab ihm mit einem Wink zu verstehen, er solle
den Saal verlassen und sagte: „Dein Meister ist bereits von den Römern hingerichtet worden, und
was deine Schuld betrifft, was geht sie uns an? Werde du selber damit fertig — und scher dich
fort!“
(1998.4) 186:1.6 Beim Verlassen des Sitzungsraum des Sanhedrins zog er die dreißig Silberstücke
aus dem Beutel und warf sie in weitem Bogen auf den Tempelboden. Als der Verräter aus dem
Tempel ging, war er fast außer sich. Judas machte jetzt die bewusste Erfahrung der wahren Natur
der Sünde. Der ganze Zauber, die Faszination und der Rausch üblen Tuns waren verflogen. Der
Übeltäter stand jetzt allein da, Auge in Auge mit dem Urteilsspruch seiner desillusionierten und
enttäuschten Seele. Sünde zu begehen war betörend und abenteuerlich, aber jetzt muss der Ernte
der nackten und unromantischen Tatsachen ins Auge geschaut werden.
(1998.5) 186:1.7 Der vormalige Botschafter des Königreichs des Himmels auf Erden wanderte jetzt
verlassen und allein durch die Straßen Jerusalems. Seine Verzweiflung war entsetzlich, nahezu
absolut. Er schritt weiter durch die Stadt, verließ ihre Mauern und begab sich hinab in die
schreckliche Einsamkeit des Tales Hinnom, wo er die steilen Felsen hinaufkletterte und dann den
Gürtel seines Umhangs nahm, das eine Ende an einem kleinen Baum festmachte, das andere um
seinen Hals schlang und sich in den Abgrund stürzte. Noch ehe er tot war, gab der Knoten, den
seine fahrigen Hände geknüpft hatten, nach, und der Körper des Verräters wurde in der Tiefe
beim Aufprall auf den zackigen Felsen zerfetzt.
2. Des Meisters Verhalten
(1999.1) 186:2.1 Als Jesus festgenommen wurde, wusste er, dass sein Werk in Menschengestalt auf
Erden abgeschlossen war. Er war sich über die Todesart, die ihn erwartete, völlig im Klaren, und
er kümmerte sich wenig um die Einzelheiten seines sogenannten Prozesses.
(1999.2) 186:2.2 Vor dem Gerichtshof der Sanhedristen weigerte sich Jesus, etwas auf die
Aussagen der falschen Zeugen zu erwidern. Es gab nur eine einzige Frage, die, ob von Freund
oder Feind gestellt, ihm immer eine Antwort entlockte, und das war diejenige nach Wesen und
Göttlichkeit seiner Sendung auf Erden. Unfehlbar antwortete er jedesmal, wenn man ihn fragte,
ob er der Sohn Gottes sei. Standhaft weigerte er sich zu sprechen, als er sich dem neugierigen
und niederträchtigen Herodes gegenüber befand. Vor Pilatus sprach er nur, wenn er dachte,
Pilatus oder einer anderen aufrichtigen Person könnte durch das, was er sagte, zu einem besseren
Verständnis der Wahrheit verholfen werden. Jesus hatte seine Apostel gelehrt, dass es zwecklos
sei, Perlen vor die Säue zu werfen, und er wagte jetzt zu handeln, wie er gelehrt hatte. Sein
Verhalten in diesen Stunden ist beispielhaft für die geduldige Unterwerfung der menschlichen
Natur im Verein mit dem majestätischen Schweigen und der feierlichen Würde der göttlichen
Natur. Er war durchaus gewillt, mit Pilatus jede Frage zu besprechen, die im Zusammenhang mit
den gegen ihn erhobenen politischen Anklagen stand — jede Frage, von der er wusste, dass sie
zu der richterlichen Zuständigkeit des Statthalters gehörte.
(1999.3) 186:2.3 Jesus war überzeugt, dass es des Vaters Wille war, dass er sich genauso dem
natürlichen und gewöhnlichen Lauf der menschlichen Ereignisse unterwerfe, wie jedes andere
sterbliche Geschöpf dies auch tun muss, und deshalb weigerte er sich, sogar seine rein
menschlichen Mittel überzeugender Beredsamkeit einzusetzen, um das Ergebnis der
Machenschaften seiner sozial kurzsichtigen und geistig blinden Mitmenschen zu beeinflussen.
Obwohl Jesus auf Urantia lebte und starb, war sein gesamter menschlicher Lebenslauf von
Anfang bis Ende ein Schauspiel, das bestimmt war, das ganze von ihm erschaffene und
unaufhörlich gestützte Universum zu beeinflussen und anzuleiten.
(1999.4) 186:2.4 Jene kurzsichtigen Juden forderten mit unziemlichem Schreien den Tod des
Meisters, während er in schrecklichem Schweigen auf die Todesszene einer Nation — des
eigenen Volkes seines irdischen Vaters — schaute.
(1999.5) 186:2.5 Jesus hatte jenen Typ menschlichen Charakters erworben, der angesichts
fortgesetzter und ungerechtfertigter Beschimpfung seine Haltung bewahren und seine Würde
behaupten kann. Man konnte ihn nicht einschüchtern. Als der Diener des Hannas als erster gegen
ihn tätlich wurde, bemerkte er nur, es wäre angemessen, Zeugen zu rufen, die, wie es sich
gehörte, gegen ihn aussagen könnten.
(1999.6) 186:2.6 Von Anfang bis Ende des sogenannten Prozesses vor Pilatus konnten sich die
zuschauenden himmlischen Heerscharen nicht enthalten, die Szene als den „Prozess des Pilatus
vor Jesus“ zu beschreiben und ins Universum auszustrahlen.
(1999.7) 186:2.7 Als Jesus vor Kajaphas stand und alle falschen Zeugnisse in sich
zusammengefallen waren, zögerte er nicht, die Frage des Hohenpriesters zu beantworten und
damit den Richtern durch sein eigenes Zeugnis gerade die Grundlage zu verschaffen, die sie
brauchten, um ihn der Gotteslästerung zu überführen.
(1999.8) 186:2.8 Der Meister zeigte nie das geringste Interesse an den gut gemeinten, aber
halbherzigen Anstrengungen des Pilatus, seine Freilassung zu erwirken. Er hatte echtes Mitleid
mit Pilatus und versuchte aufrichtig, Licht in sein verdunkeltes Gemüt zu bringen. Er verhielt
sich völlig passiv gegenüber allen Appellen des römischen Statthalters an die Juden, ihre auf
Verbrechen lautenden Anklagen gegen ihn zurückzuziehen. Während der ganzen leidvollen
Prüfung zeigte er in seinem Verhalten schlichte Würde und unaufdringliche Majestät. Er
bezichtigte seine baldigen Mörder nicht einmal der Unaufrichtigkeit, als sie ihn fragten, ob er der
„König der Juden“ sei. Mit nur geringer Korrektur akzeptierte er diese Bezeichnung, weil er
wohl wusste, dass er auch ohne die Tatsache, dass sie sich gegen ihn entschieden hatten, der
letzte wäre, um für sie als wirklicher nationaler Führer in Frage zu kommen, auch nicht in einem
geistigen Sinne.
(2000.1) 186:2.9 Jesus sagte während dieser Verhandlungen nur wenig, aber er sagte genug, um
allen Sterblichen die Art menschlichen Charakters vor Augen zu führen, die ein Mensch in
Partnerschaft mit Gott entwickeln kann, und um dem ganzen Universum zu zeigen, wie Gott im
Leben eines Geschöpfes offenbar werden kann, wenn dieses Geschöpf wirklich beschlossen hat,
den Willen des Vaters zu tun und dadurch zu einem tatkräftigen Sohn des lebendigen Gottes zu
werden.
(2000.2) 186:2.10 Seine Liebe zu den unwissenden Sterblichen offenbart sich ganz in seiner Geduld
und großen Selbstbeherrschung angesichts des Spottes, der Schläge und Püffe von rohen
Soldaten und gedankenlosen Dienern. Er wurde nicht einmal zornig, als sie ihm die Augen
verbanden, ihm ins Gesicht schlugen und höhnisch riefen: „Prophezeie uns, wer dich geschlagen
hat.“
(2000.3) 186:2.11 Pilatus sprach wahrer, als er ahnte, als er Jesus, nachdem er ihn hatte
auspeitschen lassen, der Menge mit dem Ausruf vorstellte: „Seht den Menschen!“ Der von
Furcht gepackte römische Statthalter hätte sich allerdings nie träumen lassen, dass gerade in
diesem Augenblick das Universum stillstand und gebannt auf die beispiellose Szene blickte, wie
sein geliebter Herrscher die entwürdigenden Verhöhnungen und Schläge seiner verfinsterten und
verkommenen sterblichen Untertanen über sich ergehen ließ. Und als Pilatus sprach, echote es
durch ganz Nebadon: „Seht den Gott und Menschen!“ In einem ganzen Universum haben von
dem Tag an ungezählte Millionen nie aufgehört, auf diesen Menschen zu schauen, während der
Gott von Havona, der höchste Gebieter des Universums der Universen, den Menschen aus
Nazareth akzeptiert als die Erfüllung des Ideals von einem menschlichen Geschöpf dieses
Lokaluniversums von Zeit und Raum. Jesus versäumte es in seinem beispiellosen Leben nie, den
Menschen Gott zu offenbaren. Und jetzt, in diesen letzten Episoden seines irdischen
Lebensweges und in seinem darauf folgenden Sterben, gab er Gott eine neue und ergreifende
Offenbarung des Menschen.
3. Der verlässliche David Zebedäus
(2000.4) 186:3.1 Kurz nachdem Jesus am Ende der Vernehmung durch Pilatus den römischen
Soldaten übergeben worden war, brach eine Abteilung der Tempelwache eilends nach
Gethsemane auf, um die Anhänger des Meisters zu verjagen oder festzunehmen. Aber als sie dort
eintraf, hatten sich jene längst zerstreut. Die Apostel hatten sich in zuvor bestimmte Verstecke
zurückgezogen; die Griechen hatten sich getrennt und waren in verschiedenen Häusern
Jerusalems untergekommen; und in derselben Weise waren auch die übrigen Jünger
verschwunden. David Zebedäus rechnete damit, dass Jesu Feinde zurückkehren würden; deshalb
verlegte er fünf oder sechs Zelte in die Schlucht hinauf, wohin der Meister sich so oft zu Gebet
und Anbetung zurückgezogen hatte. Hier gedachte er sich zu verstecken und gleichzeitig ein
Zentrum, eine Koordinationsstelle für seinen Botendienst aufrechtzuerhalten. David hatte das
Lager kaum verlassen, als die Tempelwächter anlangten. Da sie niemanden vorfanden,
begnügten sie sich damit, das Lager in Brand zu stecken und kehrten dann eilends zum Tempel
zurück. Der Sanhedrin hörte sich ihren Rapport an und war befriedigt, dass Jesu Anhänger so
völlig verängstigt und überwältigt waren und somit keine Gefahr einer Erhebung oder
irgendeines Versuchs bestand, Jesus aus den Händen seiner Henker zu retten. Sie konnten endlich
erleichtert aufatmen, und so schlossen sie die Sitzung, und jeder ging seines Weges, um sich auf
Passah vorzubereiten.
(2000.5) 186:3.2 Kaum hatte Pilatus Jesus den römischen Soldaten zur Kreuzigung übergeben, als
ein Bote mit dieser Nachricht zu David nach Gethsemane eilte, und fünf Minuten später waren
bereits Läufer unterwegs nach Bethsaida, Pella, Philadelphia, Sidon, Schechem, Hebron,
Damaskus und Alexandrien. Diese Boten überbrachten die Nachricht, dass die Römer auf starken
Druck der jüdischen Führer hin im Begriff waren, Jesus zu kreuzigen.
(2001.1) 186:3.3 Während dieses tragischen Tages ließ David den Aposteln, den Griechen und der
irdischen Familie Jesu, die in Bethanien im Hause des Lazarus versammelt war, ungefähr jede
halbe Stunde durch Läufer Berichte zukommen, bis endlich die letzte Botschaft mit der
Nachricht hinausging, der Meister sei in das Grab gelegt worden. Als die Boten mit der Meldung,
Jesus sei bestattet worden, aufbrachen, entließ David die Mannschaft lokaler Läufer für die Zeit
der Passahfeierlichkeiten und des kommenden Ruhesabbats und wies sie an, sich am
Sonntagmorgen unauffällig bei ihm im Hause des Nikodemus wieder zu melden, wo er sich für
ein paar Tage mit Andreas und Simon Petrus versteckt zu halten gedachte.
(2001.2) 186:3.4 David Zebedäus besaß ein Gemüt besonderer Art. Von den führenden Jüngern
Jesu war er der einzige, der bereit war, des Meisters Erklärung, er werde sterben und „am dritten
Tag auferstehen“, in einem wörtlichen und ganz praktischen Sinn zu nehmen. David hatte ihn
diese Voraussage einmal machen hören, und da sein Verstand alles wörtlich zu nehmen pflegte,
hatte er jetzt vor, seine Boten am frühen Sonntagmorgen im Hause des Nikodemus zu
versammeln, damit sie, sollte Jesus von den Toten auferstehen, zur Stelle wären, um die
Nachricht zu verbreiten. David entdeckte bald, dass keiner von Jesu Anhängern erwartete, er
würde so bald vom Grabe zurückkehren; deshalb sprach er kaum über seinen Glauben und gar
nicht über die Mobilisierung seiner ganzen Botenmannschaft am frühen Sonntagmorgen außer
mit den Läufern, die er am Freitagvormittag in entfernte Städte und Zentren von Gläubigen
ausgeschickt hatte.
(2001.3) 186:3.5 Und Jesu Anhänger, die in ganz Jerusalem und Umgebung verstreut waren, aßen
an diesem Abend das Passahmahl und verbrachten den folgenden Tag hinter verschlossenen
Türen.
4. Vorbereitungen für die Kreuzigung
(2001.4) 186:4.1 Nachdem Pilatus vor der Menge seine Hände gewaschen und so versucht hatte,
der Schuld zu entgehen, einen unschuldigen Menschen kreuzigen zu lassen, nur weil er Angst
hatte, sich dem Schreien der jüdischen Führer zu widersetzen, befahl er, den Meister den
römischen Soldaten zu übergeben und beauftragte deren Hauptmann, ihn sofort zu kreuzigen.
Die Soldaten übernahmen Jesus und führten ihn in den Hof des Prätoriums zurück, wo sie die
Robe, in die Herodes ihn gekleidet hatte, von ihm nahmen und ihm seine eigenen Kleider
anzogen. Sie verspotteten und verlachten ihn, züchtigten ihn aber physisch nicht noch weiter.
Jesus war jetzt mit diesen römischen Soldaten allein. Seine Freunde hielten sich versteckt; seine
Feinde waren ihrer Wege gegangen; nicht einmal Johannes Zebedäus war länger an seiner Seite.
(2001.5) 186:4.2 Es war etwas nach acht, als Pilatus Jesus den Soldaten übergab, und etwas vor
neun, als diese zum Schauplatz der Kreuzigung aufbrachen. Während dieser Zeit von mehr als
einer halben Stunde sprach Jesus kein einziges Wort. Die Regierungsgeschäfte eines riesigen
Universums waren praktisch zum Stillstand gekommen. Gabriel und die höchsten Regierenden
von Nebadon waren entweder hier auf Urantia versammelt oder verfolgten angestrengt die
Raumübermittlungen der Erzengel, um laufend zu erfahren, was dem Menschensohn auf Urantia
zustieß.
(2001.6) 186:4.3 Bis die Soldaten so weit waren, mit Jesus nach Golgatha aufzubrechen, hatten
seine ungewöhnliche Haltung und außerordentliche Würde und sein klagloses Schweigen
begonnen, sie zu beeindrucken.
(2001.7) 186:4.4 Ihr Aufbruch mit Jesus zur Kreuzigungsstätte wurde hauptsächlich dadurch
verzögert, dass der Hauptmann in letzter Minute entschied, zwei zum Tode verurteilte Diebe
mitzunehmen. Da Jesus noch an diesem Morgen gekreuzigt werden sollte, befand der römische
Hauptmann, die beiden könnten ebenso gut jetzt mit ihm sterben, anstatt das Ende der
Passahfeierlichkeiten abzuwarten.
(2002.1) 186:4.5 Sobald man die Diebe bereit gemacht hatte, wurden sie in den Hof geführt, wo sie
Jesus erblickten. Der eine sah ihn zum ersten Mal, aber der andere hatte ihn oft sprechen gehört,
sowohl im Tempel als auch viele Monate zuvor im Lager von Pella.
5. Die Beziehung zwischen Jesu Tod und Passah
(2002.2) 186:5.1 Es besteht kein direkter Zusammenhang zwischen Jesu Tod und dem jüdischen
Passah. Es stimmt, dass der Meister sein Leben an diesem Tag, dem Tag der Vorbereitung auf das
jüdische Passahfest, und ungefähr zur Zeit der Opferung der Passahlämmer im Tempel,
hingegeben hat. Aber dieses Zusammenfallen von Ereignissen bedeutet in keiner Weise, dass der
Tod des Menschensohnes auf Erden irgendeine Verbindung mit dem jüdischen Opfersystem hat.
Jesus war ein Jude, aber als Menschensohn war er ein Sterblicher der Welten. Die bereits
erzählten Ereignisse, die zu dieser der Kreuzigung unmittelbar vorausgehenden Stunde führten,
lassen hinreichend erkennen, dass sein Tod gerade um diese Zeit eine rein natürliche und von
Menschen gehandhabte Angelegenheit war.
(2002.3) 186:5.2 Der Mensch, und nicht Gott, hat Jesu Tod am Kreuz geplant und herbeigeführt. Es
ist wahr, dass der Vater es ablehnte, in den Lauf der menschlichen Ereignisse auf Urantia
einzugreifen, aber weder verfügte noch verlangte oder forderte der Vater im Paradies die
Hinrichtung seines Sohnes, wie sie auf Erden vollzogen wurde. Tatsächlich hätte Jesus früher
oder später seinen sterblichen Körper ablegen, seine Inkarnation als Mensch beenden müssen,
aber er hätte dies auf unzählige andere Arten tun können, ohne zwischen zwei Dieben am Kreuz
zu sterben. All das war Menschen- und nicht Gotteswerk.
(2002.4) 186:5.3 Zum Zeitpunkt seiner Taufe hatte sich der Meister die Technik der von ihm
verlangten Erfahrung eines Menschen auf Erden, deren er zur Erfüllung seiner siebenten und
letzten Selbsthingabe an das Universum bedurfte, bereits vollkommen angeeignet. Zu jener
Stunde hatte Jesus seine Pflicht auf Erden bereits getan. Das ganze Leben, das er danach lebte
und sogar die Art und Weise seines Sterbens waren sein rein persönlicher Liebesdienst zum Wohl
und zur Erbauung seiner sterblichen Geschöpfe auf dieser und anderen Welten.
(2002.5) 186:5.4 Das Evangelium von der guten Nachricht, dass der sterbliche Mensch durch den
Glauben zum geistigen Bewusstsein kommen kann, ein Sohn Gottes zu sein, hängt nicht von
Jesu Tod ab. Es ist allerdings wahr, dass dieses ganze Evangelium vom Königreich durch den
Tod des Meisters wunderbar erhellt worden ist — aber noch mehr durch sein Leben.
(2002.6) 186:5.5 Alles, was der Menschensohn auf Erden gesprochen oder getan hat, hat die Lehren
von der Gottessohnschaft und von der Brüderlichkeit der Menschen um vieles schöner gemacht,
aber diese grundlegenden Beziehungen zwischen Gott und den Menschen liegen in der Natur der
universalen Tatsachen der Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen und der angeborenen
Barmherzigkeit der göttlichen Söhne. Diese rührenden und göttlich schönen Beziehungen
zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer auf dieser und allen anderen Welten im ganzen
Universum der Universen existieren seit ewig; und sie hängen in gar keiner Weise von den
periodischen Selbsthingaben der Schöpfersöhne Gottes ab, welche die Natur und Gestalt der von
ihnen erschaffenen Intelligenzen annehmen als Teil des Preises, den sie für die schließliche
Erwerbung unbeschränkter Souveränität über ihr jeweiliges Lokaluniversum zu zahlen haben.
(2002.7) 186:5.6 Der Vater im Himmel hat die sterblichen Menschen auf Erden vor Jesu Leben und
Sterben auf Urantia genauso sehr geliebt wie nach dieser transzendenten Manifestation der
Partnerschaft zwischen Mensch und Gott. Das gewaltige Geschehen der Inkarnation des Gottes
von Nebadon als Mensch auf Urantia konnte die Attribute des ewigen, unendlichen und
universalen Vaters nicht verstärken, aber es bereicherte und erleuchtete alle übrigen Verwalter
und Geschöpfe des Universums von Nebadon. Die Liebe des himmlischen Vaters zu uns hat
wegen der Selbsthingabe Michaels nicht zugenommen, wohl aber jene aller übrigen himmlischen
Intelligenzen. Und dem ist so, weil Jesus nicht nur den Menschen Gott offenbarte, sondern
umgekehrt auch den Göttern und himmlischen Intelligenzen des Universums der Universen eine
neue Offenbarung vom Menschen gab.
(2003.1) 186:5.7 Jesus ist nicht im Begriff, als ein Opfer für Sünde zu sterben. Er wird nicht die
angeborene moralische Schuld der menschlichen Rasse sühnen. Die Menschheit trägt vor Gott
keine derartige Rassenschuld. Schuld ist ausschließlich eine Angelegenheit persönlicher Sünde,
wissentlicher und vorsätzlicher Auflehnung gegen den Willen des Vaters und die Verwaltung
seiner Söhne.
(2003.2) 186:5.8 Sünde und Rebellion haben mit dem fundamentalen Selbsthingabeplan der
Paradies-Söhne Gottes nichts zu tun, obwohl es uns so vorkommt, als sei der Errettungsplan ein
einstweiliger Wesenszug des Selbsthingabeplans.
(2003.3) 186:5.9 Die den Menschen Urantias von Gott angebotene Errettung wäre ebenso
wirkungsvoll und untrüglich gewiss gewesen, wenn Jesus nicht durch die grausamen Hände
unwissender Sterblicher umgebracht worden wäre. Hätten die Sterblichen der Erde den Meister
günstig aufgenommen und hätte er Urantia durch freiwillige Aufgabe seines inkarnierten Lebens
verlassen, so wäre die Tatsache der Liebe Gottes und der Barmherzigkeit des Sohnes — die
Tatsache der Sohnesbeziehung zu Gott — davon in keiner Weise berührt worden. Ihr Sterblichen
seid Söhne Gottes, und nur eines ist nötig, um diese Tatsache in eurer persönlichen Erfahrung
Wirklichkeit werden zu lassen: euer aus dem Geiste geborener Glaube.
Das Urantia Buch
Schrift 187
Die Kreuzigung
(2004.1) 187:0.1 ALS die beiden Räuber bereitgemacht waren, setzten sich die von einem Zenturio
angeführten Soldaten zur Kreuzigungsstätte in Bewegung. Der die zwölf Soldaten befehligende
Zenturio war derselbe Hauptmann, der am Vorabend die römischen Soldaten hinausgeführt hatte,
um Jesus in Gethsemane zu verhaften. Die Römer pflegten jedem, der gekreuzigt wurde, vier
Soldaten zuzuteilen. Die beiden Räuber wurden gebührend ausgepeitscht, bevor man sie zur
Kreuzigung hinausführte, aber Jesus wurde keiner weiteren körperlichen Züchtigung
unterworfen; der Hauptmann fand zweifelsohne, er sei bereits hinreichend gegeißelt worden —
sogar schon vor seiner Verurteilung.
(2004.2) 187:0.2 Die beiden mit Jesus gekreuzigten Diebe waren Komplizen des Barabbas und
wären später zusammen mit ihrem Anführer hingerichtet worden, wenn dieser von Pilatus aus
Anlass der Begnadigung zu Passah nicht freigelassen worden wäre. Jesus wurde also anstelle von
Barabbas gekreuzigt.
(2004.3) 187:0.3 Was sich Jesus jetzt zu tun anschickt — den Kreuzestod zu erleiden — tut er aus
eigenem freien Willen. Er hatte diese Erfahrung mit den Worten vorausgesagt: „Der Vater liebt
und stützt mich, weil ich gewillt bin, mein Leben abzulegen. Aber ich werde es wieder
aufnehmen. Niemand nimmt mir das Leben — ich lege es von mir aus ab. Ich habe die
Vollmacht, es abzulegen, und ich habe die Vollmacht, es wieder aufzunehmen. Ich habe diese
Ermächtigung von meinem Vater erhalten.“
(2004.4) 187:0.4 Es war an diesem Morgen kurz vor neun, als die Soldaten Jesus vom Prätorium
Richtung Golgatha abführten. Manche, die heimlich mit Jesus sympathisierten, folgten ihnen,
aber die meisten in dieser Schar von zweihundert oder mehr Leuten waren entweder seine Feinde
oder neugierige Müßiggänger, die nur den erregenden Nervenkitzel beim Anblick der
Kreuzigungen suchten. Nur wenige jüdische Führer gingen hinaus, um Jesus am Kreuz sterben
zu sehen. Im Wissen darum, dass Pilatus ihn den römischen Soldaten übergeben hatte und dass er
zum Tod verurteilt war, waren die übrigen mit ihrer Tempelsitzung beschäftigt, an der sie darüber
diskutierten, was mit seinen Anhängern geschehen solle.
1. Auf dem Weg nach Golgatha
(2004.5) 187:1.1 Bevor die Soldaten den Prätoriumshof verließen, luden sie den Kreuzesbalken auf
Jesu Schultern. Es war üblich, den Verurteilten zu zwingen, den Querbalken bis an den Ort der
Kreuzigung zu tragen. Der Verurteilte trug nicht das ganze Kreuz, sondern nur dessen kürzeren
Balken. Die längeren senkrechten Holzbalken für die drei Kreuze hatte man schon vorher nach
Golgatha gebracht, und sie waren bereits fest in den Boden gerammt worden, als die Soldaten
mit ihren Gefangenen anlangten.
(2004.6) 187:1.2 Dem Brauch entsprechend, führte der Hauptmann die Prozession an. Er trug
weiße Holztäfelchen, auf denen mit Kohle die Namen der Verbrecher und die Art des Verbrechens, für das sie verurteilt worden waren, geschrieben standen. Für die beiden Diebe
hatte der Hauptmann Tafeln, die ihre Namen angaben, und darunter stand nur das eine Wort
„Räuber“. War das Opfer einmal am Querbalken festgenagelt und an seinen Platz am senkrechten
Balken gehoben worden, pflegte man diese Inschrift oben am Kreuz gerade über dem Kopf des
Verbrechers anzunageln, damit alle Zeugen erfahren konnten, für welches Verbrechen der
Verurteilte gekreuzigt wurde. Der Text, den der Zenturio trug, um ihn an Jesu Kreuz
anzubringen, war von Pilatus eigenhändig auf lateinisch, griechisch und aramäisch geschrieben
worden, und lautete: „Jesus von Nazareth — der König der Juden“.
(2005.1) 187:1.3 Einige jüdische Würdenträger, die noch zugegen waren, als Pilatus diesen Text
schrieb, erhoben heftigen Protest dagegen, Jesus den „König der Juden“ zu nennen. Aber Pilatus
erinnerte sie daran, dass gerade diese Anschuldigung ein Teil der Anklage war, die zu seiner
Verurteilung führte. Als die Juden sahen, dass sie Pilatus nicht umzustimmen vermochten, baten
sie dringend darum, den Wortlaut zumindest in „er sagte: ‚Ich bin der König der Juden‘“
abzuändern. Aber Pilatus blieb unnachgiebig; er weigerte sich, die Inschrift zu ändern. Auf all ihr
weiteres Flehen antwortete er nur: „Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben.“
(2005.2) 187:1.4 Gewöhnlich pflegte man auf dem längsten Weg nach Golgatha zu gehen, um einer
großen Zahl von Menschen Gelegenheit zu geben, den verurteilten Verbrecher zu sehen, aber an
diesem Tag gingen sie auf dem kürzesten Weg zum Damaskustor, das im Norden aus der Stadt
hinausführte, und über diese Straße gelangten sie bald nach Golgatha, dem offiziellen
Kreuzigungsort Jerusalems. Jenseits von Golgatha standen die Villen der Reichen, und auf der
anderen Seite der Straße befanden sich viele Gräber wohlhabender Juden.
(2005.3) 187:1.5 Die Kreuzigung war keine jüdische Form der Bestrafung. Sowohl Griechen wie
Römer hatten diese Hinrichtungsmethode von den Phöniziern gelernt. Nicht einmal Herodes bei
all seiner Grausamkeit wandte die Kreuzigung an. Nie kreuzigten die Römer einen römischen
Bürger; nur Sklaven und unterjochte Völker wurden dieser entehrenden Todesart unterworfen.
Während der Belagerung von Jerusalem, genau vierzig Jahre nach Jesu Kreuzigung, war ganz
Golgatha von Tausenden und Abertausenden von Kreuzen übersät, an denen Tag für Tag die
Blüte der jüdischen Rasse dahinstarb. Wahrlich eine entsetzliche Ernte dessen, was an diesem
Tag gesät wurde.
(2005.4) 187:1.6 Als sich die Todesprozession durch die engen Gassen Jerusalems fortbewegte,
konnten viele zartfühlende Jüdinnen, die Jesu Worte der Ermutigung und des Erbarmens gehört
hatten und die um sein Leben des Dienens in Liebe wussten, ihre Tränen nicht zurückhalten, als
sie sahen, wie er vorbeigeführt wurde, um eines so schmachvollen Todes zu sterben. Als er
vorüberging, seufzten und wehklagten viele dieser Frauen. Und als einige von ihnen es sogar
wagten, an seiner Seite mitzugehen, wandte der Meister seinen Kopf nach ihnen um und sagte:
„Ihr Töchter Jerusalems, beweint nicht mich, sondern beweint vielmehr euch und eure Kinder.
Mein Werk ist so gut wie getan — ich gehe bald zu meinem Vater — aber für Jerusalem
beginnen gerade erst die Zeiten schrecklicher Wirrnisse. Seht, die Tage kommen, wo ihr sagen
werdet: Gesegnet sind die Unfruchtbaren und die, deren Brüste nie Kinder gesäugt haben. In
jenen Tagen werdet ihr die Felsen der Berge anflehen, sich auf euch herabzustürzen, um euch
von dem Entsetzen eurer Leiden zu befreien.“
(2005.5) 187:1.7 Diese Frauen von Jerusalem zeigten wahrhaft Mut, als sie Jesus ihr Mitgefühl
ausdrückten, denn es verstieß strikt gegen das Gesetz, freundliche Gefühle für einen zu zeigen,
der zur Kreuzigung geführt wurde. Der Pöbel durfte den Verurteilten verhöhnen, verspotten und
verlachen, aber es war nicht erlaubt, irgendwelche Sympathie für ihn auszudrücken. Obwohl
Jesus die Sympathiekundgebung in dieser finsteren Stunde, da seine Freunde sich versteckt
hielten, schätzte, wollte er doch nicht, dass diese gütigen Frauen das Missfallen der Behörden auf
sich zögen, weil sie es wagten, ihm ihr Mitleid zu zeigen. Sogar in einem Augenblick wie diesem
dachte Jesus kaum an sich selbst, sondern nur an die schrecklichen Tage der Tragödie, die
Jerusalem und der ganzen jüdischen Nation bevorstanden.
(2006.1) 187:1.8 Als der Meister sich auf dem Weg zur Kreuzigung mühsam fortschleppte, war er
sehr matt; er war nahezu erschöpft. Seit dem Letzten Abendmahl im Hause des Elija Markus
hatte er weder Nahrung noch Wasser zu sich genommen, noch hatte man ihm einen Augenblick
Schlaf gegönnt. Zusätzlich hatte es bis zur Stunde seiner Verurteilung ein Verhör nach dem
anderen gegeben, ganz zu schweigen von der missbräuchlichen Auspeitschung und dem damit
verbundenen Blutverlust und den physischen Schmerzen. Zu all dem traten seine äußerste
seelische Qual, seine heftige geistige Anspannung und ein entsetzliches Gefühl menschlicher
Verlassenheit.
(2006.2) 187:1.9 Als Jesus, mit dem Kreuzesbalken beladen, auf dem Weg aus der Stadt kurz nach
Durchschreiten des Tores ins Wanken geriet, gaben seine physischen Kräfte vorübergehend nach,
und er stürzte unter dem Gewicht seiner schweren Last zu Boden. Die Soldaten schrieen ihn an
und versetzten ihm Fußtritte, aber er vermochte sich nicht zu erheben. Als der Hauptmann, der
wusste, was Jesus schon alles erlitten hatte, das sah, gebot er den Soldaten, von ihm abzulassen.
Dann befahl er einem gewissen Simon von Kyrene, der gerade vorüberging, den Kreuzesbalken
von Jesu Schultern zu nehmen, und zwang ihn, den Balken auf dem restlichen Weg bis nach
Golgatha zu tragen.
(2006.3) 187:1.10 Dieser Simon hatte die ganze Reise von Kyrene in Nordafrika her gemacht, um
am Passahfest teilzunehmen. Er war mit anderen Kyrenern etwas außerhalb der Stadtmauern
abgestiegen und befand sich auf dem Weg zu den Tempelgottesdiensten in der Stadt, als der
römische Hauptmann ihm befahl, Jesu Kreuzesbalken zu tragen. Simon blieb während der
ganzen Todesstunden des Meisters am Kreuz und sprach mit vielen seiner Freunde und mit
seinen Feinden. Nach der Auferstehung und noch bevor er Jerusalem verließ, wurde er zu einem
kühnen Bekenner des Evangeliums vom Königreich, und bei seiner Heimkehr führte er seine
Familie in das himmlische Königreich. Seine beiden Söhne Alexander und Rufus wurden sehr
erfolgreiche Lehrer des neuen Evangeliums in Afrika. Aber Simon wusste nie, dass Jesus, dessen
Last er getragen, und der jüdische Lehrer, der sich einst seines verletzten Sohnes angenommen
hatte, ein und dieselbe Person waren.
(2006.4) 187:1.11 Kurz nach neun kam die Todesprozession in Golgatha an, und die römischen
Soldaten machten sich an ihr Werk, die beiden Räuber und den Menschensohn an ihre Kreuze zu
nageln.
2. Die Kreuzigung
(2006.5) 187:2.1 Die Soldaten banden zuerst des Meisters Arme mit Stricken am Querbalken fest
und nagelten dann seine Hände an das Holz. Dann hoben sie den Querbalken am Pfosten entlang
hoch, nagelten ihn sicher am senkrechten Kreuzesbalken fest und banden und nagelten
schließlich Jesu Füße an das Holz, wozu sie einen einzigen Nagel verwendeten, der beide Füße
durchbohrte. In den senkrechten Balken war auf der richtigen Höhe eine große Sprosse
eingelassen, die als eine Art Sattel diente, um das Gewicht des Körpers zu tragen. Das Kreuz war
nicht hoch, des Meisters Füße befanden sich nur etwa einen Meter über dem Boden. Er konnte
deshalb allen Hohn hören, der über ihn gesprochen wurde, und sehr wohl den Ausdruck auf den
Gesichtern all derer sehen, die ihn so gedankenlos verspotteten. Und ebenso konnten die
Anwesenden leicht alles hören, was Jesus während dieser Stunden sich dahinschleppender Qual
und langsamen Sterbens sprach.
(2007.1) 187:2.2 Es war Sitte, die für das Kreuz Bestimmten völlig zu entkleiden, aber da die Juden
gegen die öffentliche Zurschaustellung der nackten menschlichen Gestalt heftigen Einspruch
erhoben, versorgten die Römer alle in Jerusalem Gekreuzigten immer mit einem geziemenden
Lendenschurz. Demgemäß wurde Jesus, nachdem man ihn ausgezogen hatte, in dieser Weise
bekleidet, bevor er an das Kreuz geschlagen wurde.
(2007.2) 187:2.3 Man wandte die Kreuzigung an, um für eine grausame und sich lang hinziehende
Bestrafung zu sorgen, bei der das Opfer manchmal mehrere Tage lang am Leben blieb. Es gab in
Jerusalem eine starke gefühlsmäßige Opposition gegen die Kreuzigung. Es existierte eine
Gesellschaft jüdischer Frauen, die immer eine Vertreterin zu den Kreuzigungen sandte, um den
Opfern einen mit einem Betäubungsmittel versetzten Wein zu reichen und dadurch ihr Leiden zu
mildern. Aber als Jesus diesen betäubenden Wein schmeckte, weigerte er sich, so durstig er auch
war, davon zu trinken. Der Meister war entschlossen, sein menschliches Bewusstsein bis zuletzt
zu bewahren. Er wollte dem Tod auch in dieser grausamen und unmenschlichen Form begegnen
und ihn in freiwilliger Unterwerfung unter die vollständige menschliche Erfahrung überwinden.
(2007.3) 187:2.4 Bevor Jesus an sein Kreuz geschlagen wurde, waren die beiden Räuber bereits auf
die ihrigen gebracht worden, von denen herab sie ihre Henker ohne Unterlass beschimpften und
bespuckten. Jesu einzige Worte, als sie ihn auf den Querbalken nagelten, waren: „Vater, vergib
ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Er hätte nicht so voller Erbarmen und Liebe für seine
Henker bitten können, wenn solche Gedanken liebender Hingabe nicht die Haupttriebfeder
seines ganzen Lebens in selbstlosem Dienst gewesen wären. Die Ideen, Beweggründe und
Sehnsüchte eines ganzen Lebens kommen in einer Krise offen an den Tag.
(2007.4) 187:2.5 Nachdem sie den Meister auf das Kreuz gehoben hatten, nagelte der Hauptmann
die Inschrift über seinem Kopf fest, und sie lautete in drei Sprachen: „Jesus von Nazareth — der
König der Juden.“ Die Juden gerieten in Wut über das, was in ihren Augen eine Beleidigung war.
Aber Pilatus war über ihre respektlose Art verärgert; er fühlte, dass er sich hatte einschüchtern
und demütigen lassen, und griff jetzt zu dieser Methode kleinlicher Heimzahlung. Er hätte auch
schreiben können: „Jesus, ein Rebell.“ Aber er wusste sehr wohl, wie sehr die Juden von
Jerusalem den bloßen Namen Nazareth verabscheuten, und er war entschlossen, sie auf diese
Weise zu demütigen. Er wusste, dass sie zutiefst verletzt sein würden, wenn sie sehen würden,
dass man diesen hingerichteten Galiläer als „König der Juden“ bezeichnete.
(2007.5) 187:2.6 Als sie von dem Versuch des Pilatus, sie durch Anbringen dieser Inschrift an Jesu
Kreuz lächerlich zu machen, erfuhren, eilten viele der jüdischen Führer nach Golgatha hinaus,
aber angesichts der römischen Soldaten, die Wache hielten, wagten sie es nicht, die Tafel zu
entfernen. In ihrer Ohnmacht, sie zu beseitigen, mischten sich die Führer unter die Menge und
taten ihr Möglichstes, um die Leute aus Furcht, jemand könnte die Inschrift ernst nehmen, zu
Hohn und Spott zu ermuntern.
(2007.6) 187:2.7 Gleich nachdem Jesus in seine Lage auf dem Kreuz gebracht worden war und
gerade als der Hauptmann die Inschrift über des Meisters Haupt annagelte, traf der Apostel
Johannes mit Jesu Mutter Maria, Ruth und Jude am Ort des Geschehens ein. Johannes war von
den elf Aposteln der einzige Zeuge der Kreuzigung, und auch er war nicht während der ganzen
Zeit anwesend, denn bald nachdem er Jesu Mutter an den Ort des Geschehens gebracht hatte, lief
er nach Jerusalem zurück, um seine eigene Mutter und ihre Freunde zu holen.
(2007.7) 187:2.8 Als Jesus seine Mutter mit Johannes, seinem Bruder und seiner Schwester
erblickte, lächelte er, sagte aber nichts. Unterdessen hatten die vier der Kreuzigung des Meisters
zugeteilten Soldaten, wie es Brauch war, seine Kleider unter sich aufgeteilt. Einer nahm die
Sandalen, einer den Turban, einer den Gürtel und der vierte den Mantel. Endlich gab es nur noch
die Tunika in vier Teile zu zerschneiden, ein nahtloses Gewand, das beinahe bis zu den Knien
hinabreichte. Aber als die Soldaten sahen, was für ein ungewöhnliches Kleidungsstück das war,
beschlossen sie, das Los darum zu werfen. Jesus schaute auf sie herab, während sie seine Kleider
teilten und die kopflose Menge ihn verspottete.
(2008.1) 187:2.9 Es war gut, dass die römischen Soldaten sich des Meisters Kleider aneigneten.
Denn wären seine Anhänger in den Besitz dieser Kleidungsstücke gelangt, wären sie versucht
gewesen, sich abergläubischer Reliquienverehrung hinzugeben. Der Meister wünschte, dass
seine Anhänger nichts Materielles besäßen, das sie mit seinem Leben auf Erden hätten in
Verbindung bringen können. Er wollte der Menschheit nur die Erinnerung an ein menschliches
Leben hinterlassen, das dem hohen geistigen Ideal der Hingabe an die Ausführung des
väterlichen Willens gewidmet war.
3. Die Zeugen der Kreuzigung
(2008.2) 187:3.1 An diesem Freitagmorgen gegen halb zehn wurde Jesus an das Kreuz gehängt. Bis
gegen elf Uhr hatten sich an die tausend Leute eingefunden, um dem Schauspiel der Kreuzigung
des Menschensohnes beizuwohnen. In diesen entsetzlichen Stunden verharrten die unsichtbaren
Heerscharen eines ganzen Universums in Schweigen und starrten auf das außerordentliche
Geschehen, wie der Schöpfer den Tod eines Geschöpfes starb, sogar den schändlichsten Tod
eines verurteilten Verbrechers.
(2008.3) 187:3.2 Zu verschiedenen Zeiten standen während der Kreuzigung in der Nähe des
Kreuzes: Maria, Ruth, Jude, Johannes, Salome (Mutter des Johannes) und eine Gruppe
tiefgläubiger Frauen, unter ihnen Maria, Frau des Klopas und Schwester von Jesu Mutter, Maria
Magdalena und Rebekka, die vormals in Sepphoris gewohnt hatte. Diese und andere Freunde
von Jesus verhielten sich still, während sie Zeugen seiner großen Geduld und Seelenstärke waren
und seines intensiven Leidens ansichtig wurden.
(2008.4) 187:3.3 Viele Vorübergehende schüttelten den Kopf und beschimpften ihn mit den Worten:
„Du, der du den Tempel in drei Tagen zerstören und wieder aufbauen wolltest, rette dich nun
selbst! Wenn du der Sohn Gottes bist, warum kommst du nicht von deinem Kreuz herunter?“ In
derselben Weise machten sich einige Führer der Juden über ihn lustig, indem sie sagten: „Er
rettete andere, aber sich selber kann er nicht retten.“ Andere sagten: „Wenn du der König der
Juden bist, dann komm vom Kreuz herab, und wir werden an dich glauben.“ Und später
verlachten sie ihn noch mehr und sagten: „Er hat auf Gott vertraut, dass er ihn befreien werde. Er
behauptete sogar, der Sohn Gottes zu sein — schaut ihn euch jetzt an — gekreuzigt zwischen
zwei Dieben.“ Sogar die beiden Diebe zogen über ihn her und überhäuften ihn mit Vorwürfen.
(2008.5) 187:3.4 Da Jesus auf all ihren Hohn nichts erwiderte und da an diesem besonderen Tag der
Vorbereitung die Mittagszeit herannahte, hatte sich bis halb zwölf fast die ganze witzelnde und
spöttelnde Menge verlaufen; weniger als fünfzig Menschen blieben am Ort des Geschehens
zurück. Die Soldaten machten sich jetzt daran, ihr Mittagsbrot zu verzehren und ihren billigen
sauren Wein zu trinken und richteten sich auf die lange Totenwache ein. Als sie ihrem Wein
zusprachen, brachten sie auf Jesus höhnisch den Trinkspruch aus: „Heil und viel Glück dem
König der Juden!“ Und sie waren erstaunt, mit welcher Toleranz der Meister ihr Gelächter und
Gespött hinnahm.
(2008.6) 187:3.5 Jesus sah sie essen und trinken, und er schaute auf sie herab und sagte: „Ich habe
Durst.“ Als der Wachthauptmann Jesus „Ich habe Durst“ sagen hörte, nahm er etwas Wein aus
seiner Flasche, pflanzte den damit gesättigten schwammigen Stöpsel auf das Ende eines Speers
und hob ihn zu Jesus hinauf, so dass er seine ausgedörrten Lippen damit befeuchten konnte.
(2008.7) 187:3.6 Jesus hatte sich vorgenommen zu leben, ohne auf seine übernatürlichen Kräfte
zurückzugreifen, und desgleichen wollte er wie ein gewöhnlicher Mensch am Kreuz sterben. Er
hatte wie ein Mensch gelebt und er wollte wie ein Mensch sterben — in Ausführung des Willens
des Vaters.
4. Der Dieb am Kreuz
(2008.8) 187:4.1 Einer der Diebe schimpfte über Jesus mit den Worten: „Wenn du der Sohn Gottes
bist, warum rettest du dich und uns nicht?“ Aber auf diesen an Jesus gerichteten Vorwurf hin
sagte der andere Dieb, der den Meister viele Male hatte lehren hören: „Fürchtest du dich nicht
einmal vor Gott? Siehst du nicht, dass wir gerechterweise für unsere Taten leiden, dass dieser
Mann dagegen ungerechterweise leidet? Wir täten besser daran, um Vergebung für unsere
Sünden und für die Rettung unserer Seelen zu bitten.“ Als Jesus den Dieb so sprechen hörte,
wandte er ihm sein Gesicht zu und lächelte zustimmend. Als der Übeltäter das ihm zugewandte
Gesicht Jesu erblickte, nahm er seinen ganzen Mut zusammen, fachte seine flackernde
Glaubensflamme an und sagte: „Herr, erinnere dich meiner, wenn du in dein Königreich
kommst.“ Und Jesus sagte darauf: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir heute, du wirst dereinst mit
mir im Paradies sein.“
(2009.1) 187:4.2 Der Meister fand inmitten von Todesqualen Zeit, den seinen Glauben
bekennenden Dieb anzuhören. Als diesen nach Rettung verlangte, fand er Erlösung. Viele Male
zuvor hatte er sich gedrängt gefühlt, an Jesus zu glauben, aber erst in diesen letzten bewussten
Stunden wandte er sich von ganzem Herzen der Lehre des Meisters zu. Als er Jesu Art sah, am
Kreuz dem Tod ins Gesicht zu schauen, konnte dieser Dieb sich nicht länger gegen die
Überzeugung wehren, dass dieser Menschensohn tatsächlich der Sohn Gottes war.
(2009.2) 187:4.3 Während dieser Episode der Bekehrung des Diebes durch Jesus und seiner
Aufnahme in das Königreich war der Apostel Johannes abwesend, da er in die Stadt gegangen
war, um seine Mutter und ihre Freundinnen an den Schauplatz der Kreuzigung zu bringen. Lukas
hörte diese Geschichte später vom bekehrten römischen Wachthauptmann.
(2009.3) 187:4.4 Der Apostel Johannes berichtete über die Kreuzigung so, wie er sich des
Ereignisses zwei Jahrhundertdrittel danach entsann. Den anderen Aufzeichnungen liegt die
Schilderung des diensttuenden römischen Zenturio zu Grunde, der in der Folge durch das, was er
sah und hörte, zum Glauben an Jesus kam und ein vollwertiges Mitglied des Königreichs des
Himmels auf Erden wurde.
(2009.4) 187:4.5 Der junge, reuige Bandit war von Leuten, die das Räuberhandwerk als einen
wirksamen patriotischen Protest gegen politische Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit
priesen, in ein Leben der Gewalt und Missetat hineingezogen worden. Und diese Art von Lehre
verbunden mit Abenteuerlust führte viele im Übrigen redliche junge Leute dazu, sich an solchen
verwegenen Raubzügen zu beteiligen. Dieser junge Mann hatte zu Barabbas als einem Helden
aufgeblickt. Nun sah er, dass er sich geirrt hatte. Hier am Kreuz neben sich sah er einen wirklich
großen Mann, einen wahren Helden. Hier war ein Held, der seine Begeisterung entfachte, seine
höchsten Vorstellungen von sittlicher Selbstachtung inspirierte und all seine Ideale von Mut,
Männlichkeit und Tapferkeit wiederbelebte. Während er Jesus betrachtete, erwachte in seinem
Herzen ein überwältigendes Gefühl von Liebe, Treue und echter Größe.
(2009.5) 187:4.6 Und wenn in der höhnenden Menge irgendjemand anderes erlebt hätte, wie in
seiner Seele der Glaube geboren wurde, und er an Jesu Erbarmen appelliert hätte, wäre ihm
dieselbe liebende Aufmerksamkeit, die Jesus dem gläubigen Banditen schenkte, zuteil geworden.
(2009.6) 187:4.7 Gleich nachdem der reuige Dieb des Meisters Versprechen vernommen hatte, sie
würden sich dereinst im Paradies wiedersehen, kehrte Johannes mit seiner Mutter und einer
Gruppe von fast einem Dutzend gläubiger Frauen aus der Stadt zurück. Johannes nahm seinen
Platz neben Maria, Jesu Mutter, wieder ein und stützte sie. Ihr Sohn Jude stand auf ihrer anderen
Seite. Als Jesus auf diese Szene herabblickte, war es Mittag, und er sagte zu seiner Mutter:
„Frau, siehe, dein Sohn!“ Und zu Johannes sagte er: „Mein Sohn, siehe deine Mutter!“ Und dann
wandte er sich an alle beide mit den Worten: „Ich wünsche, dass ihr diesen Ort verlasst.“ Und so
führten Johannes und Jude Maria von Golgatha fort. Johannes brachte Jesu Mutter in Jerusalem
an den Ort, wo er sich selbst aufhielt, und eilte dann an den Schauplatz der Kreuzigung zurück.
Nach Passah kehrte Maria nach Bethsaida zurück, wo sie den Rest ihres natürlichen Lebens im
Hause des Johannes zubrachte. Maria überlebte Jesu Tod um ein knappes Jahr.
(2010.1) 187:4.8 Als Maria gegangen war, zogen sich die übrigen Frauen auf geringe Entfernung
zurück. Sie wachten über Jesus, bis er am Kreuz verschied, und sie standen immer noch dabei,
als der Leichnam des Meisters zur Bestattung heruntergenommen wurde.
5. Die letzte Stunde am Kreuz
(2010.2) 187:5.1 Obwohl es zu dieser Jahreszeit für eine solche Erscheinung früh war, verdunkelte
sich der Himmel kurz nach zwölf, weil die Luft voll feinen Sandes war. Die Jerusalemer
wussten, dass dies das Nahen eines heißen Sandsturms aus der arabischen Wüste bedeutete.
Noch vor ein Uhr war der Himmel so dunkel geworden, dass die Sonne verschwand. Da eilte der
Rest der Menge zur Stadt zurück. Als der Meister kurz danach sein Leben aushauchte, waren
weniger als dreißig Personen anwesend: lediglich die dreizehn römischen Soldaten und eine
Gruppe von etwa fünfzehn Gläubigen. Es waren alles Frauen mit Ausnahme von Jude, Jesu
Bruder, und Johannes Zebedäus, die erst unmittelbar vor dem Verscheiden des Meisters an den
Ort des Geschehens zurückkehrten.
(2010.3) 187:5.2 Inmitten der zunehmenden Dunkelheit des heftigen Sandsturms begann kurz nach
ein Uhr Jesu menschliches Bewusstsein zu schwinden. Er hatte seine letzten Worte des
Erbarmens, der Vergebung und der Ermahnung gesprochen. Er hatte seinen letzten Wunsch, der
der Betreuung seiner Mutter galt, ausgedrückt. In dieser Stunde des herannahenden Todes nahm
Jesu menschlicher Verstand Zuflucht zu der Wiederholung vieler Stellen der hebräischen
Schriften, insbesondere der Psalmen. Der letzte bewusste Gedanke des menschlichen Jesus galt
der Wiederholung eines Abschnitts aus dem Buch der Psalmen, den man jetzt als zwanzigsten,
einundzwanzigsten und zweiundzwanzigsten Psalm kennt. Zwar bewegten sich seine Lippen oft,
doch war er zu schwach, um die Worte auszusprechen, während ihm die Stellen, die er so gut
auswendig kannte, durch den Sinn gingen. Nur wenige Male fingen die Dabeistehenden einige
Worte auf wie: „Ich weiß, dass der Herr seinen Gesalbten retten wird“, „Deine Hand wird all
meine Feinde finden“ und „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Jesus hegte
auch nicht einen Augenblick lang den leisesten Zweifel daran, in Übereinstimmung mit dem
Willen des Vaters gelebt zu haben, und nie zweifelte er daran, dass er jetzt sein irdisches Leben
in Übereinstimmung mit seines Vaters Willen ablegte. Er fühlte nicht, dass sein Vater ihn
verlassen habe, er sagte nur in seinem schwindenden Bewusstsein viele Schriftstellen her,
worunter sich dieser zweiundzwanzigste Psalm befand, der mit „Mein Gott, mein Gott, warum
hast du mich verlassen?“ beginnt. Und der Zufall wollte es, dass diese Stelle eine von dreien war,
die genügend laut gesprochen wurden, um von den Umstehenden vernommen zu werden.
(2010.4) 187:5.3 Etwa um halb zwei richtete der sterbliche Jesus die letzte Bitte an seine
Mitmenschen, als er zum zweiten Mal sagte: „Ich habe Durst.“ Und derselbe Hauptmann der
Wache befeuchtete seine Lippen mit demselben Schwamm, der mit saurem Wein, den man
damals gewöhnlich Essig nannte, getränkt war.
(2010.5) 187:5.4 Der Sandsturm wurde heftiger und der Himmel verfinsterte sich immer mehr.
Dennoch hielten die Soldaten und die kleine Gruppe von Gläubigen aus. Die Soldaten kauerten
dicht beieinander neben dem Kreuz, um sich gegen den schneidenden Sand zu schützen. Die
Mutter des Johannes und andere schauten aus einer gewissen Entfernung zu, wo ihnen ein
überhängender Felsen einigermaßen Schutz bot. Als der Meister endlich seinen letzten Atemzug
tat, befanden sich am Fuße seines Kreuzes Johannes Zebedäus, sein Bruder Jude, seine
Schwester Ruth, Maria Magdalena und Rebekka, die früher in Sepphoris gewohnt hatte.
(2011.1) 187:5.5 Es war gerade etwas vor drei Uhr, als Jesus mit lauter Stimme ausrief: „Es ist
vollbracht! Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Und nachdem er so gesprochen
hatte, neigte er sein Haupt und gab den Lebenskampf auf. Als der römische Zenturio sah, wie
Jesus starb, schlug er sich an die Brust und sagte: „Das war in der Tat ein rechtschaffener Mann;
er muss wahrhaftig ein Sohn Gottes gewesen sein.“ Und von jener Stunde an begann er, an Jesus
zu glauben.
(2011.2) 187:5.6 Jesus starb königlich — so wie er gelebt hatte. Er bekannte sich offen dazu, ein
König zu sein, und blieb den ganzen tragischen Tag über Herr der Lage. Er ging willentlich in
seinen schändlichen Tod, nachdem er für die Sicherheit seiner auserwählten Apostel gesorgt
hatte. Weise hielt er Petrus zurück, als dessen Heftigkeit Schwierigkeiten zu schaffen drohte, und
er sorgte dafür, dass Johannes ganz bis zum Ende seiner sterblichen Existenz in seiner Nähe
blieb. Er bekannte sich vor dem mörderischen Sanhedrin zu seiner wahren Natur und erinnerte
Pilatus an die Quelle seiner souveränen Autorität als ein Sohn Gottes. Seinen eigenen
Kreuzesbalken tragend, brach er nach Golgatha auf und beendete seine liebende Selbsthingabe,
indem er dem Paradies-Vater seinen Geist, den er als Sterblicher erworben hatte, übergab. Nach
einem solchen Leben — und angesichts eines solchen Todes — konnte der Meister wahrlich
sagen: „Es ist vollbracht.“
(2011.3) 187:5.7 Weil es der Tag der Vorbereitung sowohl auf Passah als auch auf den Sabbat war,
wollten die Juden nicht, dass die Leiber auf Golgatha zur Schau gestellt würden. Deshalb gingen
sie zu Pilatus und verlangten, dass man den drei Männern die Beine breche und sie töte, um sie
von ihren Kreuzen herunternehmen und noch vor Sonnenuntergang in die Totengrube für
Verbrecher werfen zu können. Als Pilatus dieses Begehren hörte, schickte er unverzüglich drei
Soldaten aus, die Jesus und den zwei Räubern die Beine zu brechen und sie zu töten hatten.
(2011.4) 187:5.8 Als die Soldaten auf Golgatha ankamen, führten sie ihren Befehl an den beiden
Dieben aus, aber zu ihrer großen Überraschung fanden sie Jesus bereits tot vor. Um jedoch seines
Todes sicher zu sein, durchbohrte einer der Soldaten Jesu linke Seite mit seinem Speer. Obwohl
die Kreuzigungsopfer sich gewöhnlich sogar zwei bis drei Tage lang lebend am Kreuz
dahinquälten, setzten die überwältigende emotionale Pein und die intensive geistige Qual Jesu
seinem irdischen Leben in etwas weniger als fünfeinhalb Stunden ein Ende.
6. Nach der Kreuzigung
(2011.5) 187:6.1 Gegen halb vier, mitten in der Dunkelheit des Sandsturms, sandte David Zebedäus
die letzten Boten mit der Nachricht vom Tode des Meisters aus. Den letzten seiner Läufer
schickte er zum Hause von Martha und Maria in Bethanien, wo sich seiner Meinung nach Jesu
Mutter mit dem Rest ihrer Familie aufhielt.
(2011.6) 187:6.2 Nachdem der Meister gestorben war, schickte Johannes die Frauen in der Obhut
von Jude zum Haus des Elija Markus, wo sie den Sabbat über weilten. Johannes selber, den der
römische Zenturio mittlerweile gut kannte, blieb auf Golgatha, bis Joseph und Nikodemus am
Ort des Geschehens mit einem Befehl des Pilatus eintrafen, der sie ermächtigte, von Jesu
Leichnam Besitz zu ergreifen.
(2011.7) 187:6.3 Auf diese Weise endete ein tragischer und schmerzlicher Tag für ein riesiges
Universum, dessen Myriaden von Intelligenzen es bei dem schockierenden Anblick der
Kreuzigung der menschlichen Inkarnation ihres geliebten Herrschers geschaudert hatte; sie
waren fassungslos ob so viel menschlicher Rohheit und Perversität.
Das Urantia Buch
Schrift 188
Die Zeit im Grabe
(2012.1) 188:0.1 DIE anderthalb Tage, während welcher Jesu sterblicher Leib in der Gruft Josephs
lag — die Zeit zwischen seinem Tod am Kreuz und seiner Auferstehung — sind ein Kapitel von
Michaels irdischem Lebensweg, über das wir nur wenig wissen. Wir können über das Begräbnis
des Menschensohnes berichten und in unserer Darstellung die mit seiner Auferstehung
verknüpften Ereignisse schildern, aber wir können nur wenige wirklich authentische Auskünfte
über das geben, was sich wirklich in diesem Zeitraum von ungefähr sechsunddreißig Stunden,
zwischen drei Uhr am Freitagnachmittag und drei Uhr am Sonntagmorgen, zutrug. Diese
Zeitspanne in des Meisters Leben begann, kurz bevor die römischen Soldaten ihn vom Kreuz
herunternahmen. Er hing nach seinem Tode noch etwa eine Stunde lang am Kreuz. Ohne die
wegen der Tötung der beiden Räuber eingetretene Verzögerung hätten sie ihn schon früher
heruntergenommen.
(2012.2) 188:0.2 Die Führer der Juden hatten sich vorgenommen, Jesu Leichnam in die offenen
Totengruben von Gehenna im Süden der Stadt zu werfen; es war üblich, mit den
Kreuzigungsopfern so zu verfahren. Hätten sie diesen Plan befolgt, wäre des Meisters Leib den
wilden Tieren ausgesetzt worden.
(2012.3) 188:0.3 Inzwischen hatte sich Joseph von Arimathäa in Begleitung des Nikodemus zu
Pilatus begeben und ihn gebeten, ihnen Jesu Leichnam zu angemessener Bestattung zu
überlassen. Es war nicht unüblich, dass Freunde von Gekreuzigten der römischen Obrigkeit für
das Recht, in den Besitz eines solchen Leichnams zu gelangen, Bestechungsgeld anboten. Joseph
kam mit einer großen Geldsumme zu Pilatus für den Fall, dass er für die Erlaubnis, Jesu
Leichnam in eine private Grabstätte zu bringen, zu zahlen hätte. Aber Pilatus wollte dafür kein
Geld annehmen. Als er das Verlangen hörte, unterschrieb er rasch den Befehl, der Joseph
ermächtigte, sich nach Golgatha zu begeben und dort vom Leichnam des Meisters unverzüglich
vollen Besitz zu ergreifen. Inzwischen hatte sich der Sandsturm ziemlich gelegt, und eine den
Sanhedrin repräsentierende Gruppe von Juden war nach Golgatha hinausgegangen, um
sicherzustellen, dass Jesu Leichnam zusammen mit den Leibern der Banditen in die offiziellen,
offenen Totengruben geworfen würde.
1. Jesu Bestattung
(2012.4) 188:1.1 Als Joseph und Nikodemus auf Golgatha eintrafen, waren die Soldaten gerade
dabei, Jesus vom Kreuz herunterzuholen, während die Vertreter des Sanhedrins dabeistanden und
darüber wachten, dass keiner von Jesu Anhängern sich dem Abtransport seines Leichnams nach
den für Verbrecher bestimmten Totengruben widersetze. Als Joseph dem Zenturio den Jesu
Leichnam betreffenden Befehl des Pilatus vorzeigte, erhoben die Juden einen großen Lärm und
schrieen laut nach seinem Besitz. Sie tobten und versuchten, sich der Leiche mit Gewalt zu
bemächtigen. Aber als sie zur Tat schritten, befahl der Zenturio vier Soldaten an seine Seite, und
mit gezückten Schwertern stellten diese sich mit gespreizten Beinen über den am Boden liegenden Leichnam des Meisters. Der Zenturio befahl den übrigen Soldaten, die beiden Diebe
liegen zu lassen und den aufgebrachten Haufen wütender Juden zurückzudrängen. Als die
Ordnung wiederhergestellt war, las der Zenturio den Juden den Befehl des Pilatus vor, trat dann
zur Seite und sagte zu Joseph: „Dieser Leichnam gehört dir; du kannst damit tun, was du für gut
befindest. Ich werde mit meinen Soldaten dabei sein und dafür sorgen, dass niemand dich
behindert.“
(2013.1) 188:1.2 Ein Gekreuzigter konnte nicht auf einem jüdischen Friedhof beigesetzt werden; es
gab ein ausdrückliches Gesetz gegen ein solches Vorgehen. Joseph und Nikodemus kannten das
Gesetz, und auf ihrem Weg nach Golgatha hatten sie beschlossen, Jesus in Josephs neuer
Familiengruft zu bestatten, die, aus hartem Felsen herausgehauen, sich nur wenig nördlich von
Golgatha auf der anderen Seite der nach Samaria führenden Straße befand. Bisher hatte noch
niemand in diesem Grab gelegen, und sie fanden es angemessen, dass der Meister darin ruhe.
Joseph glaubte wirklich, dass Jesus von den Toten auferstehen werde, aber Nikodemus
bezweifelte es sehr. Diese vormaligen Mitglieder des Sanhedrins hatten aus ihrem Glauben an
Jesus mehr oder weniger ein Geheimnis gemacht, obwohl ihre Kollegen vom Sanhedrin sie seit
langem, noch ehe sie sich aus dem Rat zurückzogen, verdächtigt hatten. Von jetzt an waren sie
Jesu erklärteste Jünger in ganz Jerusalem.
(2013.2) 188:1.3 Ungefähr um halb fünf setzte sich der Trauerzug für Jesus von Nazareth von
Golgatha aus in Bewegung nach dem auf der gegenüberliegenden Straßenseite gelegenen Grabe
Josephs. Der Leichnam war in ein Leinentuch gehüllt und wurde von vier Männern getragen,
denen die treuen Wächterinnen aus Galiläa folgten. Die Sterblichen, die Jesu materiellen Leib zu
Grabe trugen, waren Joseph, Nikodemus, Johannes und der römische Zenturio.
(2013.3) 188:1.4 Sie trugen den Leichnam in die Gruft, einen Raum von etwa drei Metern im
Quadrat, wo sie ihn eilends zur Bestattung herrichteten. Die Juden beerdigten ihre Toten nicht
wirklich, sondern balsamierten sie ein. Joseph und Nikodemus hatten große Mengen von Myrrhe
und Aloe mitgebracht, und sie umwickelten den Leib jetzt mit Binden, die mit diesen Lösungen
durchtränkt waren. Als die Einbalsamierung beendet war, banden sie ein Tuch über das Gesicht,
hüllten den Leib in ein Leinentuch und legten ihn dann ehrerbietig auf eine Felsbank der Gruft.
(2013.4) 188:1.5 Nachdem der Leichnam im Grab beigesetzt worden war, bedeutete der Zenturio
seinen Soldaten mitzuhelfen, den Türstein vor den Eingang des Grabes zu rollen. Dann brachen
die Soldaten mit den Leichen der Diebe nach Gehenna auf, während die übrigen voller Schmerz
nach Jerusalem zurückkehrten, um das Passahfest den Gesetzen Mose gemäß zu begehen.
(2013.5) 188:1.6 Jesus war in aller Eile und Hast bestattet worden, weil dies der Tag der
Vorbereitung war und der Sabbat rasch näherrückte. Die Männer eilten zur Stadt zurück, aber die
Frauen harrten weiter beim Grabe aus, bis es sehr dunkel war.
(2013.6) 188:1.7 Während all dieser Vorgänge hielten sich die Frauen ganz in der Nähe verborgen,
so dass sie alles sahen und beobachten konnten, wo der Meister hingelegt wurde. Sie versteckten
sich, weil es Frauen nicht gestattet war, sich bei einem solchen Anlass zu den Männern zu
gesellen. Die Frauen fanden, Jesus sei für die Bestattung nicht gebührend hergerichtet worden,
und sie kamen überein, zum Hause Josephs zurückzukehren, dort den Sabbat über zu ruhen,
Gewürze und Öle vorzubereiten und am Sonntagmorgen wiederzukommen, um des Meisters
Körper für die Todesruhe geziemend herzurichten. Die Frauen, die an diesem Freitagabend am
Grab ausharrten, waren Maria Magdalena, Maria, die Frau des Klopas, Martha, eine andere
Schwester von Jesu Mutter, und Rebekka von Sepphoris.
(2013.7) 188:1.8 Von David Zebedäus und Joseph von Arimathäa abgesehen, glaubten oder
begriffen nur sehr wenige von Jesu Jüngern wirklich, dass er am dritten Tag vom Grab
auferstehen würde.
2. Die Sicherung des Grabes
(2014.1) 188:2.1 Jesu Anhänger dachten nicht an sein Versprechen, dass er am dritten Tag aus dem
Grab auferstehen werde, wohl aber seine Feinde. Die Priesterführer, Pharisäer und Sadduzäer
erinnerten sich daran, Berichte über seinen Ausspruch erhalten zu haben, er werde von den Toten
auferstehen.
(2014.2) 188:2.2 Nach dem Passahmahl trat an diesem Freitagabend gegen Mitternacht eine
Gruppe jüdischer Führer im Hause des Kajaphas zusammen, wo sie über ihre Befürchtungen
wegen der Erklärungen des Meisters, er werde am dritten Tag von den Toten auferstehen,
diskutierten. Die Zusammenkunft endete mit der Ernennung einer Abordnung von Sanhedristen,
die früh am nächsten Morgen zu Pilatus zu gehen hatten, um ihm das offizielle Gesuch des
Sanhedrins zu überbringen, vor Jesu Grab eine römische Wache aufzustellen, die seine Freunde
daran hindern sollte, sich daran zu schaffen zu machen. Der Sprecher der Abordnung sagte zu
Pilatus: „Herr, wir erinnern uns, dass dieser Betrüger Jesus von Nazareth, als er noch am Leben
war, sagte: ‚Nach drei Tagen werde ich auferstehen.‘ Wir treten deshalb mit dem Ersuchen vor
dich, zu veranlassen, das Grab wenigstens bis nach dem dritten Tag vor seinen Anhängern zu
sichern. Wir befürchten sehr, dass seine Jünger kommen und ihn nachts stehlen und darauf dem
Volk verkünden, er sei von den Toten auferstanden. Ließen wir das geschehen, wäre das ein weit
schlimmerer Fehler, als wenn wir ihn am Leben gelassen hätten.“
(2014.3) 188:2.3 Nachdem sich Pilatus dieses Begehren der Sanhedristen angehört hatte, sagte er:
„Ich will euch eine zehn Soldaten starke Wachmannschaft geben. Geht eures Weges und sichert
das Grab.“ Sie gingen zum Tempel zurück, boten zehn von ihren eigenen Wächtern auf und
marschierten dann sogar an diesem Sabbatmorgen mit den zehn jüdischen Wächtern und den
zehn römischen Soldaten zu Josephs Grab hinaus, um sie als Wachen vor dem Grab aufzustellen.
Diese Männer rollten noch einen weiteren Stein vor das Grab und brachten auf beiden Steinen
und um sie herum das Siegel des Pilatus an aus Furcht, jemand könnte sich ohne ihr Wissen
daran zu schaffen machen. Die zwanzig Männer blieben bis zur Stunde der Auferstehung auf
Wache, während die Juden ihnen Essen und Trinken brachten.
3. Der Verlauf des Sabbattages
(2014.4) 188:3.1 Den Sabbattag über hielten sich die Jünger und Apostel versteckt, während ganz
Jerusalem von Jesu Tod am Kreuz sprach. Zu diesem Zeitpunkt waren in Jerusalem fast
eineinhalb Millionen Juden aus allen Teilen des Römischen Reiches und aus Mesopotamien
anwesend. Es war der Beginn der Passahwoche und all diese Pilger würden sich in der Stadt
befinden, von Jesu Auferstehung hören und den Bericht in ihre Heimat tragen.
(2014.5) 188:3.2 Spät am Samstagabend ließ Johannes Markus die elf Apostel insgeheim in das
Haus seines Vaters kommen, wo sich alle kurz vor Mitternacht in demselben oberen Raum
versammelten, wo sie mit ihrem Meister zwei Abende zuvor das Letzte Abendmahl
eingenommen hatten.
(2014.6) 188:3.3 Maria, Jesu Mutter, kehrte mit Ruth und Jude nach Bethanien zurück, wo sie sich
an diesem Samstagabend kurz vor Sonnenuntergang mit ihrer Familie vereinigten. David
Zebedäus blieb im Hause des Nikodemus, wo er sich mit seinen Boten für den frühen
Sonntagmorgen verabredet hatte. Die Frauen aus Galiläa, die für die zusätzliche Einbalsamierung
der Leiche Jesu Gewürze zubereiteten, hielten sich im Hause Josephs von Arimathäa auf.
(2014.7) 188:3.4 Wir sind außerstande, ganz zu erklären, was mit Jesus von Nazareth in diesem
Zeitraum von anderthalb Tagen geschah, während er angeblich in Josephs neuem Grab ruhte.
Offensichtlich war er desselben natürlichen Todes am Kreuz gestorben wie jeder andere
Sterbliche unter gleichen Umständen auch. Wir hörten ihn sagen: „Vater, in deine Hände befehle
ich meinen Geist.“ Wir verstehen die Bedeutung einer solchen Aussage nicht ganz, insofern sein
Gedankenjustierer seit langem personifiziert war und somit eine von Jesu sterblichem Wesen
getrennte Existenz führte. Des Meisters Personifizierter Gedankenjustierer konnte durch seinen
physischen Tod am Kreuz in keiner Weise betroffen sein. Was Jesus vorläufig in seines Vaters
Hände legte, muss die geistige Entsprechung der frühen Justiererarbeit zur Vergeistigung des
menschlichen Intellekts gewesen sein, damit diese Transkription der menschlichen Erfahrung auf
die Residenzwelten weitergeleitet werden konnte. In Jesu Erfahrung muss es eine geistige
Realität gegeben haben, die der Geist-Natur, oder Seele, der in ihrem Glauben wachsenden
Sterblichen der Welten vergleichbar war. Aber das ist nur unsere Ansicht, denn wir wissen nicht
wirklich, was Jesus seinem Vater anbefahl.
(2015.1) 188:3.5 Wir wissen, dass dort in Josephs Grab der physische Leib des Meisters bis etwa
drei Uhr am Sonntagmorgen ruhte, aber über den Status von Jesu Persönlichkeit während dieser
sechsunddreißig Stunden sind wir völlig im Ungewissen. Wir haben es manchmal gewagt, uns
diese Dinge etwa wie folgt zu erklären:
(2015.2) 188:3.6 1. Das Bewusstsein Michaels als eines Schöpfers muss frei gewesen sein und
völlig unabhängig von dem ihm in der physischen Inkarnation zugesellten sterblichen Verstand.
(2015.3) 188:3.7 2. Wir wissen, dass Jesu vormaliger Gedankenjustierer während dieser Zeitspanne
auf Erden anwesend war und die versammelten himmlischen Heerscharen persönlich befehligte.
(2015.4) 188:3.8 3. Die erworbene Geist-Identität des Menschen von Nazareth, aufgebaut im Laufe
seines inkarnierten Lebens zuerst durch die direkten Anstrengungen seines Gedankenjustierers
und später durch seine eigene vollkommene Harmonisierung der physischen Notwendigkeiten
mit den geistigen Erfordernissen einer idealen sterblichen Existenz — Resultat seiner
nimmermüden Ausrichtung auf den Willen des Vaters — diese Geist-Identität muss der Obhut
des Paradies-Vaters anvertraut worden sein. Ob diese Geist-Realität zurückkehrte, um ein Teil
der auferstandenen Persönlichkeit zu werden, wissen wir nicht, aber wir glauben es. Es gibt
indessen im Universum auch solche, die der Meinung sind, diese Seelenidentität Jesu ruhe jetzt
im „Schoße des Vaters“, um später freigesetzt zu werden und die Führung des Korps der Finalität
von Nebadon zu übernehmen, wenn dieses dereinst seine nicht offenbarte Bestimmung in den
noch nicht erschaffenen Universen der nicht organisierten Reiche des Äußeren Raums finden
wird.
(2015.5) 188:3.9 4. Wir glauben, dass das menschliche oder sterbliche Bewusstsein Jesu während
dieser sechsunddreißig Stunden schlief. Wir haben Grund zu der Annahme, dass der menschliche
Jesus von dem, was sich in dieser Zeitspanne im Universum ereignete, nichts wusste. Für sein
menschliches Bewusstsein schien keine Zeit verstrichen zu sein, seine Auferstehung ins Leben
folgte unmittelbar auf das Verlöschen im Tode.
(2015.6) 188:3.10 Und das ist ungefähr alles, was wir über Jesu Status während der Grabesperiode
zu Protokoll geben können. Es gibt eine ganze Anzahl damit verbundener Tatsachen, auf die wir
hinweisen können, obwohl wir kaum kompetent sind, sie zu interpretieren.
(2015.7) 188:3.11 In dem riesigen Hof der Auferstehungshallen der ersten Residenzwelt von
Satania kann man jetzt ein herrliches materiell-morontielles Bauwerk, „Denkmal Michaels“
genannt, bewundern, welches das Siegel Gabriels trägt. Dieses Denkmal wurde kurz nach
Michaels Weggang von dieser Welt errichtet und trägt die Inschrift: „Zur Erinnerung an den
sterblichen Transit Jesu von Nazareth auf Urantia.“
(2016.1) 188:3.12 Es sind Dokumente vorhanden, aus denen hervorgeht, dass der höchste Rat von
Salvington in diesem Zeitraum mit seinen hundert Mitgliedern unter Gabriels Vorsitz auf Urantia
eine Geheimsitzung abhielt. Aus anderen Dokumenten geht hervor, dass die Ältesten der Tage
von Uversa sich in dieser Zeit mit Michael über den Status des Universums von Nebadon
ausgetauscht haben.
(2016.2) 188:3.13 Wir wissen, dass zwischen Michael und Immanuel von Salvington mindestens
eine Botschaft ausgetauscht wurde, während der Leichnam des Meisters im Grabe lag.
(2016.3) 188:3.14 Es gibt guten Grund zu der Annahme, dass an der Sitzung des System-Rates der
Planetarischen Fürsten, der auf Jerusem tagte, eine gewisse Persönlichkeit den Platz Caligastias
einnahm, während Jesu Körper im Grabe ruhte.
(2016.4) 188:3.15 Die Annalen von Edentia vermelden, dass sich der Vater der Konstellation von
Norlatiadek auf Urantia aufhielt und von Michael während der Zeit im Grabe Anweisungen
empfing.
(2016.5) 188:3.16 Und es gibt noch manch anderen Beweis, welcher annehmen lässt, dass nicht
Jesu ganze Persönlichkeit während der Dauer seines offensichtlichen physischen Todes schlief
und bewusstlos war.
4. Die Bedeutung des Todes am Kreuz
(2016.6) 188:4.1 Obwohl Jesus nicht am Kreuz starb, um die Rassenschuld der sterblichen
Menschen zu sühnen, noch um ihnen so etwas wie einen wirksamen Zugang zu einem sonst
beleidigten und nachtragenden Gott zu verschaffen; obwohl der Menschensohn sich nicht als
Opfer darbrachte, um Gottes Zorn zu besänftigen und den sündigen Menschen den Weg zur
Errettung aufzutun; und obwohl all diese Vorstellungen von Sühne und Opfer irrig sind, so
kommen Jesu Tod am Kreuz doch Bedeutungen zu, die man nicht übersehen sollte. Es ist eine
Tatsache, dass man auf anderen bewohnten Nachbarplaneten von Urantia als von der „Welt des
Kreuzes“ spricht.
(2016.7) 188:4.2 Jesus wünschte, auf Urantia das vollständige sterbliche Dasein eines Menschen zu
leben. Der Tod ist normalerweise ein Teil des Lebens. Der Tod ist im sterblichen Drama der
letzte Akt. In eurem redlichen Bemühen, die abergläubischen Irrtümer einer falschen Auslegung
der Bedeutung des Kreuzestodes zu vermeiden, solltet ihr darauf achten, nicht in den großen
Fehler zu fallen, die wahre Bedeutung und den tiefen Sinn des Todes des Meisters zu übersehen.
(2016.8) 188:4.3 Der sterbliche Mensch war nie Eigentum der Erzbetrüger. Jesus starb nicht, um
den Menschen aus den Klauen der abtrünnigen Herrscher und gefallenen Fürsten der Welten
loszukaufen. Nie ersann der Vater im Himmel eine so krasse Ungerechtigkeit wie jene, eine
sterbliche Seele wegen der Übeltaten ihrer Vorfahren zu verdammen. Ebenso wenig war der
Kreuzestod des Meisters ein Opfer, das darin bestand, Gott eine Schuld zu bezahlen, die sich die
Menschenrasse ihm gegenüber aufgeladen hätte.
(2016.9) 188:4.4 Bevor Jesus auf Erden lebte, wäre euer Glaube an einen solchen Gott
möglicherweise zu rechtfertigen gewesen, aber er ist es nicht mehr, seit der Meister unter euren
sterblichen Brüdern lebte und starb. Moses lehrte die Würde und Gerechtigkeit eines
Schöpfergottes; aber Jesus verkörperte die Liebe und Barmherzigkeit eines himmlischen Vaters.
(2016.10) 188:4.5 Die tierische Natur — der Hang zu üblem Tun — mag sich vererben, aber die
Sünde überträgt sich nicht von den Eltern auf die Kinder. Sünde ist ein Akt bewusster und
vorsätzlicher Auflehnung eines einzelnen Willensgeschöpfes gegen den Willen des Vaters und
die Gesetze des Sohnes.
(2017.1) 188:4.6 Jesus lebte und starb für ein ganzes Universum, nicht nur für die Rassen dieser
einen Welt. Zwar besaßen die Sterblichen der Welten die Errettung schon, bevor Jesus auf
Urantia lebte und starb; trotzdem ist es eine Tatsache, dass seine Selbsthingabe auf dieser Welt
den Weg der Errettung um vieles erhellte. Sein Tod trug viel dazu bei, das Fortleben der
Sterblichen nach dem leiblichen Tod für immer zu einer völligen Gewissheit werden zu lassen.
(2017.2) 188:4.7 Obwohl es kaum zutreffend ist, von Jesus als von einem Opferlamm, Freikäufer
oder Wiedergutmacher zu sprechen, ist es vollkommen richtig, sich auf ihn als einen Retter zu
berufen. Er hat den Weg der Errettung (das Fortleben nach dem Tode) für immer klarer und
gewisser gemacht und allen Sterblichen auf allen Welten des Universums von Nebadon den Weg
zur Errettung deutlicher und sicherer gezeigt.
(2017.3) 188:4.8 Wenn ihr einmal die Idee von Gott als einem wahren und liebenden Vater — das
einzige Konzept, das Jesus je gelehrt hat — erfasst habt, müsst ihr folgerichtig sofort all diese
primitiven Vorstellungen von Gott als einem beleidigten Monarchen, finsteren und allgewaltigen
Herrscher völlig aufgeben, von einem, dessen größte Wonne es ist, seine Untertanen bei
Vergehen zu ertappen und dafür zu sorgen, dass sie gebührend bestraft werden, es sei denn, ein
ihm fast ebenbürtiges Wesen wolle freiwillig an ihrer Stelle leiden und stellvertretend für sie
sterben. Die ganze Idee von Loskauf und Sühneopfer ist unvereinbar mit der Gottesvorstellung,
wie Jesus von Nazareth sie gelehrt und beispielhaft gelebt hat. Die unendliche Liebe Gottes ist
nichts anderem in der göttlichen Natur untergeordnet.
(2017.4) 188:4.9 Die ganze Vorstellung von Sühneopfer und Errettung durch Opferung wurzelt in
Selbstsucht und gründet darauf. Jesus lehrte, dass der Dienst an seinen Mitmenschen die höchste
Vorstellung von Brüderlichkeit der im Geiste Glaubenden ist. Die Errettung sollte von denen, die
an die Vaterschaft Gottes glauben, für selbstverständlich gehalten werden. Nicht der selbstische
Wunsch nach persönlicher Errettung sollte die Hauptsorge des Gläubigen sein, sondern der
selbstlose Drang, seine Mitmenschen so zu lieben und ihnen folglich so zu dienen, wie Jesus die
sterblichen Menschen geliebt und ihnen gedient hat.
(2017.5) 188:4.10 Und echte Gläubige sorgen sich auch nicht sonderlich wegen kommender
Bestrafung für begangene Sünden. Der wahre Gläubige ist einzig besorgt wegen vorhandener
Trennung von Gott. Es ist wahr, dass weise Väter ihre Kinder gelegentlich züchtigen, aber sie tun
es aus Liebe und in korrigierender Absicht. Sie bestrafen nicht im Zorn, noch züchtigen sie zur
Vergeltung.
(2017.6) 188:4.11 Selbst wenn Gott der harte und streng gesetzliche Monarch eines Universums
wäre, in dem Gerechtigkeit allesbeherrschend wäre, so würde ihn die kindische Idee, einen
schuldigen Missetäter durch einen unschuldig Leidenden zu ersetzen, gewiss nicht befriedigen.
(2017.7) 188:4.12 Was Jesu Tod für die Bereicherung der menschlichen Erfahrung und die
Erweiterung des Heilsweges so groß macht, ist nicht die Tatsache seines Todes, sondern
vielmehr die überragende Art und der unvergleichliche Geist, in denen er dem Tod begegnete.
(2017.8) 188:4.13 Die ganze Vorstellung von einem Loskauf durch Sühneopfer stellt die Errettung
auf eine unrealistische Ebene; eine solche Vorstellung ist rein philosophisch. Die menschliche
Errettung ist real; sie gründet auf zwei Tatsachen, die der Glaube des Geschöpfes erfassen kann
und die dadurch Bestandteil der individuellen menschlichen Erfahrung werden: die Tatsache der
Vaterschaft Gottes und der mit ihr verbundenen Wahrheit der Bruderschaft der Menschen. Am
Ende ist es wahr, dass man euch „eure Schulden vergeben wird, wie auch ihr euren Schuldigern
vergebt“.
5. Was das Kreuz uns lehrt
(2017.9) 188:5.1 Das Kreuz Jesu veranschaulicht das volle Maß der höchsten Hingabe des wahren
Hirten selbst an die unwürdigen Mitglieder seiner Herde. Es stellt für alle Zeiten sämtliche
Beziehungen zwischen Gott und Mensch auf die Grundlage der Familie. Gott ist der Vater; der
Mensch ist sein Sohn. Die Liebe, Liebe eines Vaters zu seinem Sohn, wird zur zentralen
Wahrheit in den Universumsbeziehungen zwischen Schöpfer und Geschöpf — nicht die
Gerechtigkeit eines Königs, die in den Leiden und in der Bestrafung seiner sündigen Untertanen
Befriedigung sucht.
(2018.1) 188:5.2 Das Kreuz zeigt für immer, dass Jesu Haltung gegenüber Sündern weder
Verurteilung noch stillschweigende Duldung war, sondern vielmehr ewige und liebevolle
Errettung. Jesus ist wahrlich ein Retter in dem Sinne, dass sein Leben und Sterben die Menschen
für Güte und rechtschaffenes Fortleben nach dem Tode gewinnt. Jesus liebt die Menschen so
sehr, dass seine Liebe im Menschenherzen antwortende Liebe weckt. Liebe ist wirklich
ansteckend und ewig schöpferisch. Jesu Tod am Kreuz ist das Beispiel einer Liebe, die stark und
göttlich genug ist, um Sünde zu vergeben und alle Missetat zu vertilgen. Jesus offenbarte dieser
Welt eine höhere Art von Rechtschaffenheit als Gerechtigkeit — als rein formales Recht und
Unrecht. Göttliche Liebe vergibt Unrecht nicht nur, sie absorbiert und zerstört es tatsächlich.
Verzeihung aus Liebe transzendiert ganz und gar Verzeihung aus Barmherzigkeit.
Barmherzigkeit lässt die Schuld an begangenem Unrecht außer Acht; aber Liebe zerstört die
Sünde und alle aus ihr hervorgehende Schwachheit für immer. Jesus brachte Urantia eine neue
Lebensweise. Er lehrte uns, dem Bösen nicht zu widerstehen, sondern durch ihn eine Güte zu
finden, die das Böse wirksam zerstört. Jesu Verzeihen ist nicht Duldung; es ist Rettung vor
Verurteilung. Rettung verharmlost Unrecht nicht; sie macht es wieder gut. Wahre Liebe geht mit
dem Hass keinen Kompromiss ein, noch sieht sie über ihn hinweg; sie zerstört ihn. Jesu Liebe
gibt sich nie mit bloßem Verzeihen zufrieden. Die Liebe des Meisters schließt Rehabilitierung,
ewiges Leben ein. Es ist durchaus zutreffend, von der Errettung als Erlösung zu sprechen, wenn
man damit diese ewige Rehabilitierung meint.
(2018.2) 188:5.3 Durch die Gewalt seiner persönlichen Liebe zu den Menschen konnte Jesus die
Macht der Sünde und des Bösen brechen. Dadurch machte er die Menschen frei, bessere
Lebensweisen zu wählen. Jesus verkörperte eine Befreiung von der Vergangenheit, die in sich
einen Triumph für die Zukunft versprach. So brachte Vergeben Errettung. Wenn sich das
menschliche Herz einmal ganz der Schönheit göttlicher Liebe geöffnet hat, zerstört diese für
immer das Bestrickende der Sünde und die Macht des Bösen.
(2018.3) 188:5.4 Die Leiden Jesu beschränkten sich nicht auf die Kreuzigung. In Wahrheit
verbrachte Jesus von Nazareth mehr als fünfundzwanzig Jahre am Kreuz einer realen und
intensiven menschlichen Existenz. Der wahre Wert des Kreuzes liegt in der Tatsache, dass es der
höchste und endgültige Ausdruck seiner Liebe, die vollendete Offenbarung seiner
Barmherzigkeit war.
(2018.4) 188:5.5 Auf Millionen von bewohnten Welten haben Dutzende von Billionen sich
entwickelnder Geschöpfe, die etwa in Versuchung geraten mochten, ihr sittliches Ringen
einzustellen und den guten Glaubenskampf aufzugeben, ihren Blick von neuem auf Jesus am
Kreuz gerichtet und sich dann weiter vorangekämpft, inspiriert vom Anblick Gottes, der in
Hingabe an den selbstlosen Dienst am Menschen sein inkarniertes Leben ablegt.
(2018.5) 188:5.6 Der Geist von Jesu Haltung gegenüber seinen Angreifern ist die Quintessenz
seines siegreichen Todes am Kreuz. Er machte aus dem Kreuz ein ewiges Symbol für den
Triumph der Liebe über den Hass und für den Sieg der Wahrheit über das Böse, als er betete:
„Vater , vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Diese liebende Hingabe wirkte in
einem riesigen Universum ansteckend; die Jünger übernahmen sie von ihrem Meister. Der
allererste Lehrer seines Evangeliums, an den der Ruf erging, sein Leben in diesem Dienst
hinzugeben, sagte, als sie ihn zu Tode steinigten: „Rechne ihnen diese Sünde nicht an.“
(2018.6) 188:5.7 Das Kreuz appelliert übermächtig an das Beste im Menschen, weil es einen
offenbart, der gewillt war, sein Leben im Dienst an seinen Mitmenschen hinzugeben. Kein
Mensch kann eine größere Liebe haben als diese: gewillt zu sein, sein Leben für seine Freunde
hinzugeben — und Jesu hatte eine solche Liebe, dass er gewillt war, sein Leben sogar für seine
Feinde hinzugeben, eine größere Liebe als alles, was man bisher auf Erden gekannt hatte.
(2019.1) 188:5.8 Sowohl auf Urantia wie auch auf anderen Welten hat der erhabene Anblick des
Sterbens des menschlichen Jesus am Kreuz von Golgatha die Gefühle der Sterblichen
aufgewühlt, während es in den Engeln die höchste Hingabe wachrief.
(2019.2) 188:5.9 Das Kreuz ist das hohe Symbol geheiligten Dienstes, der Hingabe unseres Lebens
an das Wohl und die Rettung unserer Mitmenschen. Das Kreuz ist nicht das Symbol der
Opferung des unschuldigen Gottessohnes anstelle schuldiger Sünder zur Besänftigung des Zorns
eines beleidig-ten Gottes, sondern es steht auf Erden und in einem weiten Universum auf ewig
als ein heiliges Symbol für die Guten, die sich den Bösen schenken und sie gerade durch diese
hingebende Liebe retten. Das Kreuz steht wirklich als ein Zeichen für die höchste Form
selbstlosen Dienens, für den äußersten Einsatz der ganzen Liebeskraft eines rechtschaffenen
Lebens im Dienste rückhaltlosen Gebens, selbst im Tode, im Tod am Kreuz. Allein der Anblick
dieses großen Symbols von Jesu Leben der Selbsthingabe inspiriert uns wahrlich alle, uns
aufzumachen und zu handeln wie er.
(2019.3) 188:5.10 Wenn denkende Männer und Frauen auf Jesus blicken, wie er sein Leben am
Kreuz dahingibt, werden sie es sich kaum mehr erlauben, sich zu beklagen, auch nicht in den
schlimmsten Lebenslagen, und noch viel weniger bei kleinen Ärgernissen oder wegen ihrer
vielen rein fiktiven Beschwerden. Sein Leben war so wunderbar und sein Tod so siegreich, dass
wir alle versucht sind, beide mit ihm teilen zu wollen. In Michaels ganzer Selbsthingabe liegt
eine wahre Anziehungskraft, von den Tagen seiner Jugend an bis zu der überwältigenden Szene
seines Sterbens am Kreuz.
(2019.4) 188:5.11 Wenn ihr das Kreuz als eine Offenbarung Gottes betrachtet, dann vergewissert
euch, dass ihr nicht mit den Augen der Primitiven seht, noch aus dem Blickwinkel der späteren
Barbaren, die beide Gott als einen unbarmherzigen Herrscher sahen, dessen Gericht streng und
dessen Anwendung der Gesetze starr war. Vergewissert euch vielmehr, dass ihr im Kreuz den
endgültigen Ausdruck der Liebe und Hingabe Jesu an seine Lebenssendung der Selbsthingabe
zugunsten der sterblichen Rassen seines unermesslichen Universums erblickt. Seht im Tod des
Menschensohnes den Höhepunkt der Offenbarung der göttlichen Liebe des Vaters an seine Söhne
auf den Welten der Sterblichen. Und so veranschaulicht das Kreuz die Gabe bereitwilliger Liebe
und die Verschenkung freiwilliger Errettung an jene, die gewillt sind, solche Geschenke und eine
solche Hingabe anzunehmen. Es gab am Kreuz nichts, was der Vater verlangt hätte — nur das,
was Jesus so bereitwillig gab und dem auszuweichen er sich weigerte.
(2019.5) 188:5.12 Wenn Menschen Jesus nicht anderswie zu würdigen und die Bedeutung seiner
Selbsthingabe auf Erden zu verstehen vermögen, so können sie wenigstens erfassen, dass er in
seinen Leiden eines Sterblichen ihr Schmerzensbruder ist. Kein Mensch kann fortan mehr
befürchten, der Schöpfer kenne die Natur oder das Ausmaß seiner zeitlichen Nöte nicht.
(2019.6) 188:5.13 Wir wissen, dass der Kreuzestod nicht zur Aufgabe hatte, die Menschen mit Gott
zu versöhnen, sondern ihnen ein Stimulus zu sein, sich der ewigen Liebe des Vaters und der nie
versiegenden Barmherzigkeit seines Sohnes bewusst zu werden, und diese universalen
Wahrheiten einem ganzen Universum bekannt zu machen.
Das Urantia Buch
Der Letzte Tag im Lager
(1929.1) 178:0.1 JESUS gedachte, diesen Donnerstag, seinen letzten freien Tag als göttlicher, inkarnierter Sohn auf Erden, zusammen mit seinen Aposteln und einigen wenigen getreuen und ergebenen Jüngern zu verbringen. Bald nach dem Frühstück führte der Meister sie an diesem prächtigen Morgen etwas oberhalb ihres Lagers an einen abgelegenen Ort und lehrte sie dort viele neue Wahrheiten. Obwohl sich Jesus in den frühen Abendstunden dieses Tages mit anderen Reden an die Apostel wandte, war diese Ansprache vom Donnerstagmorgen seine Abschiedsbotschaft an die vereinigte Lagergruppe von Aposteln und ausgewählten Jüngern, Juden und Nichtjuden. Die Zwölf waren mit Ausnahme von Judas alle anwesend. Petrus und mehrere Apostel wunderten sich über seine Abwesenheit, und einige von ihnen dachten, Jesus habe ihn in die Stadt geschickt, um irgendeine Angelegenheit zu erledigen, wahrscheinlich, um die Einzelheiten ihrer bevorstehenden Passahfeier zu regeln. Judas kehrte erst im Laufe des Nachmittags ins Lager zurück, kurz bevor Jesus die Zwölf nach Jerusalem führte, um mit ihnen das letzte Abendmahl zu teilen.
(1929.2) 178:1.1 Jesus sprach fast zwei Stunden lang zu ungefähr fünfzig seiner verlässlichen Anhänger und beantwortete Dutzende von Fragen zu der Beziehung zwischen dem Königreich des Himmels und den Königreichen dieser Welt und zu der Beziehung zwischen der Sohnschaft mit Gott und der Staatsbürgerschaft unter irdischen Regierungen. Diese Rede mitsamt seinen Antworten auf die Fragen mag wie folgt zusammengefasst und in moderner Sprache wiedergegeben werden:
(1929.3) 178:1.2 Da die Königreiche dieser Welt materiell sind, finden sie es oft nötig, zur Durchsetzung ihrer Gesetze und zur Aufrechterhaltung der Ordnung physische Gewalt anzuwenden. Im Königreich des Himmels greifen wahre Gläubige nicht zu physischer Gewaltanwendung. Da das Königreich des Himmels eine geistige Bruderschaft von geistgeborenen Söhnen Gottes ist, kann es nur durch die Macht des Geistes verkündet werden. Diese unterschiedliche Vorgehensweise betrifft die Beziehung des Königreichs der Gläubigen zu den Königreichen weltlicher Regierung und hebt keineswegs das Recht sozialer Gruppen von Gläubigen auf, in ihren Reihen für Ordnung zu sorgen und gegen aufsässige und unwürdige Mitglieder disziplinarisch vorzugehen.
(1929.4) 178:1.3 Es gibt keine Unvereinbarkeit zwischen der Sohnschaft im geistigen Königreich und der Staatsbürgerschaft unter einer weltlichen oder zivilen Regierung. Es ist des Gläubigen Pflicht, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. Es kann zwischen diesen beiden Erfordernissen keinen Widerspruch geben, da die eine materiell und die andere geistig ist, es sei denn, ein Kaiser maße sich an, für sich Gottes Vorrechte zu beanspruchen, und verlange, dass ihm geistige Verehrung erwiesen und höchste Anbetung entgegengebracht werden. In einem solchen Fall sollt ihr allein Gott anbeten und versuchen, solche irregeleiteten irdischen Herrscher aufzuklären und sie dadurch ebenfalls zur Anerkennung des Vaters im Himmel zu bringen. Ihr solltet irdischen Herrschern keine geistige Verehrung zukommen lassen; ebensowenig solltet ihr die physischen Machtmittel irdischer Regierungen, deren Regenten irgendwann einmal zum Glauben kommen mögen, zur Förderung der Sendung des geistigen Königreiches einsetzen.
(1930.1) 178:1.4 Vom Standpunkt der fortschreitenden Zivilisation aus sollte euch die Sohnschaft im Königreich dabei helfen, ideale Bürger der Königreiche dieser Welt zu werden, sind doch Brüderlichkeit und Dienen die Ecksteine des Evangeliums vom Königreich. Der Ruf der Liebe des geistigen Königreichs sollte sich als erfolgreicher Zerstörer des Hasstriebs der ungläubigen und kriegerisch gesinnten Bürger der irdischen Königreiche erweisen. Aber diese in der Dunkelheit befindlichen materialistisch gesinnten Söhne werden nie etwas von eurem geistigen Licht der Wahrheit erfahren, wenn ihr nicht sehr nahe an sie herantretet in selbstlosem sozialem Dienen, welches ganz natürlich aus den Geistesfrüchten hervorgeht, die in der Lebenserfahrung jedes einzelnen Gläubigen heranreifen.
(1930.2) 178:1.5 Als sterbliche und materielle Menschen seid ihr tatsächlich Bürger der irdischen Königreiche. Ihr solltet gute Bürger sein, und umso bessere, als ihr geistgeborene Söhne des himmlischen Königreichs geworden seid. Als Söhne des Königreichs des Himmels, die der Glaube erleuchtet und der Geist frei macht, steht ihr vor der doppelten Verantwortung der Pflicht gegen die Menschen und gegen Gott, während ihr freiwillig eine dritte und heilige Verpflichtung auf euch nehmt: den Dienst an der Bruderschaft der Gläubigen, die Gott kennen.
(1930.3) 178:1.6 Ihr solltet eure weltlichen Herrscher nicht anbeten und zur Förderung des geistigen Königreichs keine weltlichen Machtmittel einsetzen; aber ihr solltet Gläubigen wie Ungläubigen in Rechtschaffenheit liebevoll dienen. Im Evangelium vom Königreich wohnt der mächtige Geist der Wahrheit, und sehr bald werde ich eben diesen Geist über alle Menschen ausgießen. Die Früchte des Geistes, euer aufrichtiges Dienen in der Liebe, sind die mächtigen sozialen Hebel zur Besserung der Rassen, die in der Dunkelheit leben, und dieser Geist der Wahrheit wird zu einem Angelpunkt, der eure Kraft vervielfachen wird.
(1930.4) 178:1.7 In eurem Umgang mit ungläubigen weltlichen Herrschern zeigt Weisheit und legt Scharfblick an den Tag. Mit Besonnenheit beweist euer Geschick im Ausglätten kleinerer Meinungsverschiedenheiten und im Zurechtrücken geringfügiger Missverständnisse. Sucht in jeder nur erdenklichen Weise — in allem außer dem, was eure geistige Bindung an die Herrscher des Universums berührt –, mit allen Menschen in Frieden zu leben. Seid stets klug wie die Schlangen, aber auch friedfertig wie die Tauben.
(1930.5) 178:1.8 Die Tatsache, dass ihr zu erleuchteten Söhnen des Himmelreichs werdet, sollte aus euch umso bessere Bürger unter der weltlichen Regierung machen; ebenso sollten die Leiter irdischer Regierungen die zivilen Angelegenheiten umso besser lenken, je mehr sie an das Evangelium vom himmlischen Königreich glauben. Eine Haltung selbstlosen Dienstes am Menschen und einsichtsvoller Anbetung Gottes sollte aus allen, die an das Königreich glauben, bessere Bürger dieser Welt machen, während eine Haltung ehrlicher Staatsbürgerschaft und aufrichtiger Hingabe an die weltlichen Pflichten einem solchen Bürger dazu verhelfen sollte, leichter vom Aufruf des Geistes zur Sohnschaft im himmlischen Königreich erreicht zu werden.
(1930.6) 178:1.9 Solange die Herrscher über irdische Staaten die Autorität religiöser Diktatoren auszuüben suchen, habt ihr, die ihr an dieses Evangelium glaubt, nur Schwierigkeiten, Verfolgung und gar den Tod zu gewärtigen. Aber gerade das Licht, das ihr in die Welt tragt, und gerade die Art, in der ihr für dieses Evangelium vom Königreich leiden und sterben werdet — all das wird schließlich die ganze Welt erleuchten und zu einer schrittweisen Trennung von Politik und Religion führen. Das beharrliche Predigen dieses Evangeliums vom Königreich wird eines Tages allen Nationen eine neue und unvorstellbare Befreiung, intellektuelle Unabhängigkeit und religiöse Freiheit bringen.
(1931.1) 178:1.10 Unter den bald einsetzenden Verfolgungen durch jene, die dieses Evangelium der Freude und Freiheit hassen, werdet ihr euch entwickeln und wird das Königreich gedeihen. Aber ihr werdet in den Folgezeiten in ernste Gefahr geraten, wenn die meisten Menschen gut von den an das Königreich Glaubenden reden und viele in hoher Stellung das Evangelium vom himmlischen Königreich äußerlich annehmen werden. Lernt, dem Königreich selbst in Zeiten des Friedens und der Prosperität treu zu bleiben. Führt die über euch wachenden Engel nicht in Versuchung, euch aus Liebe zu züchtigen, indem sie euch Schwierigkeiten in den Weg legen, um eure nachlässig gewordenen Seelen zu retten.
(1931.2) 178:1.11 Denkt daran, dass ihr den Auftrag habt, dieses Evangelium vom Königreich zu predigen — den höchsten Wunsch, des Vaters Willen zu tun, zusammen mit der höchsten Freude, durch den Glauben zu erkennen, ein Sohn Gottes zu sein — und ihr dürft nichts und niemandem erlauben, euch von eurer Hingabe an diese eine Aufgabe abzulenken. Lasst der ganzen Menschheit in Überfülle euer liebevolles geistiges Wirken, euren erleuchtenden intellektuellen Umgang und euren ermutigenden sozialen Dienst zugute kommen; aber keiner dieser humanitären Bemühungen, ebensowenig wie allen zusammen, darf erlaubt werden, an die Stelle der Verkündigung des Evangeliums zu treten. Diese mächtigen Liebeswerke sind die sozialen Nebenprodukte der noch mächtigeren und erhabeneren Liebeswerke und Verwandlungen, die im Herzen des an das Königreich Glaubenden durch den lebendigen Geist der Wahrheit und die persönliche Erkenntnis bewirkt werden, dass der Glaube eines aus dem Geiste geborenen Menschen die Gewissheit lebendiger Freundschaft mit dem ewigen Gott verleiht.
(1931.3) 178:1.12 Ihr müsst nicht versuchen, durch die Macht ziviler Regierungen oder durch den Erlass weltlicher Gesetze die Wahrheit zu verbreiten oder Rechtschaffenheit durchzusetzen. Ihr könnt euch stets bemühen, den Verstand der Menschen zu überzeugen, aber ihr dürft es nie wagen, sie zu zwingen. Vergesst das große Gesetz menschlicher Fairness nicht, das ich euch in positiver Form gelehrt habe: Tut für die Menschen, was ihr wünschtet, sie täten es auch für euch.
(1931.4) 178:1.13 Wenn einer, der an das Königreich glaubt, berufen wird, der Zivilregierung zu dienen, soll er diesen Dienst als weltlicher Bürger einer solchen Regierung leisten. Indessen sollten sich im Staatsdienst eines solchen Gläubigen alle gewöhnlichen Qualitäten eines Staatsbürgers auf einer höheren Stufe zeigen dank der geistigen Erleuchtung, die aus der läuternden Verbindung des Verstandes des sterblichen Menschen mit dem ihm innewohnenden Geist des ewigen Gottes kommt. Wenn sich ein Ungläubiger als überdurchschnittlicher Staatsbeamter qualifizieren kann, solltet ihr euch allen Ernstes die Frage stellen, ob die Wurzeln der Wahrheit in euren Herzen nicht abgestorben sind aus Mangel an den lebendigen Wassern, die aus der Verbindung geistigen Lebens mit sozialem Dienst strömen. Das Bewusstsein, ein Kind Gottes zu sein, sollte das gesamte Lebenswerk jedes Mannes, jeder Frau und jedes Kindes beflügeln, all derer, die einen so mächtigen Stimulus aller der menschlichen Persönlichkeit innewohnenden Talente erworben haben.
(1931.5) 178:1.14 Seid keine passiven Mystiker oder farblosen Asketen; ihr solltet keine Träumer und ziellos dahintreibenden Menschen werden, die untätig auf eine fiktive Vorsehung zur Beschaffung selbst des Lebensnotwendigen bauen. Ihr sollt allerdings freundlich sein in eurem Umgang mit abgeirrten Sterblichen, geduldig im Verkehr mit unwissenden Menschen und nachsichtig, wenn man euch herausfordert; aber ihr sollt auch heldenhaft sein bei der Verteidigung der Rechtschaffenheit, mächtig in der Verkündigung der Wahrheit und dynamisch beim Predigen des Evangeliums vom Königreich, sogar bis an das Ende der Welt.
(1931.6) 178:1.15 Das Evangelium vom Königreich ist eine lebendige Wahrheit. Ich habe euch gesagt, dass es der Hefe im Teig und dem Senfkorn gleicht; und jetzt erkläre ich, dass es dem Samen des lebendigen Wesens gleicht, der zwar immer derselbe lebendige Same bleibt, aber sich von Generation zu Generation unfehlbar in immer neuen Erscheinungsformen entfaltet und angemessen wächst in Kanälen neuer Anpassung an die besonderen Bedürfnisse und Bedingungen jeder neuen Generation. Die Offenbarung, die ich euch gemacht habe, ist eine lebendige Offenbarung, und ich wünsche, dass sie in jedem Einzelnen und in jeder Generation angemessene Früchte trage in Übereinstimmung mit den Gesetzen geistigen Wachstums, geistiger Steigerung und anpassungsfähiger Entwicklung. Von Generation zu Generation muss dieses Evangelium wachsende Lebenskraft und tiefere geistige Macht beweisen. Ihr dürft nicht erlauben, dass es nur zu einer geheiligten Erinnerung wird, zu einer bloßen Überlieferung, die von mir und der Zeit berichtet, in der wir jetzt leben.
(1932.1) 178:1.16 Und vergesst nicht: Wir haben weder die Person, noch die Autorität derer direkt angegriffen, die jetzt auf Mose Stuhl sitzen; wir haben ihnen nur das neue Licht angeboten, das sie so heftig zurückgewiesen haben. Wir haben sie nur insofern angegriffen, als wir ihren geistigen Verrat an eben den Wahrheiten angeprangert haben, die sie zu lehren und zu bewahren beteuern. Wir sind mit diesen angestammten Führern und anerkannten Regierenden nur zusammengestoßen, wenn sie sich der Verkündigung des Evangeliums vom Königreich an die Söhne der Menschen selber direkt in den Weg stellten. Und auch jetzt sind nicht wir es, die sie angreifen, sondern sie sind es, die uns zu vernichten suchen. Vergesst nicht, dass euer Auftrag einzig darin besteht, in die Welt zu ziehen, um die gute Nachricht zu predigen. Ihr sollt nicht das Althergebrachte angreifen, sondern mit Geschick den Sauerteig der neuen Wahrheit mitten unter die alten Glaubensinhalte mischen. Lasst den Geist der Wahrheit sein eigenes Werk vollbringen. Lasst Meinungsstreite nur dann zu, wenn die Verächter der Wahrheit sie euch aufzwingen. Aber wenn hartnäckige Ungläubige euch angreifen, dann zögert nicht, energisch die Wahrheit zu verteidigen, die euch gerettet und geheiligt hat.
(1932.2) 178:1.17 Denkt in allen Wechselfällen des Lebens stets daran, einander zu lieben. Ringt nicht mit den Menschen, auch nicht mit den Ungläubigen. Zeigt euch barmherzig sogar gegen jene, die euch verachten und misshandeln. Erweist euch als zuverlässige Bürger, aufrechte Handwerker, lobenswerte Nachbarn, hingebungsvolle Angehörige, verständnisvolle Eltern, und glaubt aufrichtig an die Brüderlichkeit im Königreich des Vaters. Und mein Geist wird auf euch ruhen, jetzt und bis ans Ende der Welt.
(1932.3) 178:1.18 Als Jesus seine Unterweisung beendet hatte, war es fast ein Uhr, und sie kehrten unverzüglich ins Lager zurück, wo David und seine Mitarbeiter das Mittagessen für sie bereithielten.
(1932.4) 178:2.1 Nicht viele Zuhörer des Meisters waren in der Lage, auch nur einen Bruchteil seiner vormittäglichen Ansprache zu erfassen. Von allen, die ihm zuhörten, begriffen die Griechen am meisten. Seine Anspielungen auf kommende politische Königreiche und aufeinander folgende Generationen von Königreich-Gläubigen stürzten sogar die elf Apostel in Verwirrung. Die Jesus am meisten ergebenen Anhänger konnten das kurz bevorstehende Ende seines irdischen Wirkens nicht mit diesen Hinweisen auf sich weit in die Zukunft erstreckende evangelisierende Aktivitäten in Einklang bringen. Einige von diesen jüdischen Gläubigen begannen zu fühlen, dass der Erde größte Tragödie gerade bevorstand, aber sie vermochten so ein unmittelbar drohendes Unheil weder mit der heiter-indifferenten persönlichen Haltung des Meisters noch mit seiner vormittäglichen Ansprache zusammenzubringen, in der er wiederholt auf zukünftige Entwicklungen des himmlischen Königreichs angespielt hatte, die sich über weite Zeiträume erstreckten und Beziehungen mit vielen aufeinander folgenden weltlichen irdischen Reichen umfassten.
(1932.5) 178:2.2 Bis zum Mittag dieses Tages hatten alle Apostel und Jünger von der überstürzten Flucht des Lazarus aus Bethanien gehört. Sie begannen die grimmige Entschlossenheit der jüdischen Führer zu spüren, Jesus und seine Lehren zu vernichten.
(1932.6) 178:2.3 Durch die Arbeit seiner geheimen Agenten in Jerusalem war David Zebedäus über die Fortschritte des Plans, Jesus zu verhaften und zu töten, voll informiert. Er wusste alles über die Rolle von Judas in diesem Komplott, aber nie verriet er dies den anderen Aposteln noch irgendeinem der Jünger. Kurz nach dem Mittagessen führte er Jesus beiseite, nahm seinen ganzen Mut zusammen und fragte ihn, ob er wisse — aber er kam nicht weiter mit seiner Frage. Denn der Meister hob seine Hand, um ihm Einhalt zu gebieten, und sagte: „Ja, David, ich weiß alles darüber, und ich weiß, dass du es weißt, aber sieh zu, mit keinem Menschen darüber zu sprechen. Nur zweifle nicht in deinem Herzen, dass Gottes Wille sich am Ende durchsetzen wird.“
(1933.1) 178:2.4 Dieses Gespräch mit David wurde durch die Ankunft eines Boten aus Philadelphia unterbrochen, der die Nachricht überbrachte, Abner habe von dem Komplott, Jesus umzubringen, gehört und lasse fragen, ob er nach Jerusalem kommen solle. Der Läufer eilte mit der folgenden Botschaft an Abner nach Philadelphia zurück: „Führe dein Werk weiter. Wenn ich leibhaftig von euch gehe, dann nur, um im Geist wiederzukehren. Ich werde euch nicht verlassen. Ich werde bis zum Ende bei euch bleiben.“
(1933.2) 178:2.5 Etwa um diese Zeit kam Philipp zu dem Meister und fragte: „Meister, da die Zeit des Passahfestes heranrückt, wo sollen wir das Mahl vorbereiten?“ Als Jesus Philipps Frage hörte, gab er zur Antwort: „Geh und hole Petrus und Johannes her, damit ich euch Anweisungen zum Mahl geben kann, das wir heute Abend zusammen einnehmen wollen. Was das Passahfest anbelangt, so denke daran erst, wenn wir dies getan haben.“
(1933.3) 178:2.6 Als Judas den Meister mit Philipp über diese Dinge sprechen hörte, trat er näher heran, um ihre Unterhaltung zu belauschen. Aber David Zebedäus, der dabeistand, trat vor und zog Judas in ein Gespräch, während Philipp, Petrus und Johannes sich zur Seite begaben, um mit dem Meister zu sprechen.
(1933.4) 178:2.7 Jesus sprach zu den Dreien: „Geht unverzüglich nach Jerusalem, und wenn ihr durch das Tor schreitet, werdet ihr auf einen Mann treffen, der einen Wasserkrug trägt. Er wird euch ansprechen, und dann sollt ihr ihm folgen. Wenn er euch zu einem bestimmten Haus führt, tretet nach ihm ein und fragt den Hausvater: ‚Wo ist der Gästeraum, in dem der Meister mit seinen Aposteln das Abendessen einnehmen will?‘ Und auf eure Frage hin wird er euch einen großen Raum im Obergeschoss zeigen, der mit Polstern ausgestattet und für uns bereitgestellt ist.“
(1933.5) 178:2.8 Als die Apostel die Stadt erreichten, trafen sie am Tor auf den Mann mit dem Wasserkrug und folgten ihm bis zum Hause von Johannes Markus, wo der Vater des Jungen sie empfing und ihnen den für das Nachtmahl hergerichteten oberen Raum zeigte.
(1933.6) 178:2.9 Und all das geschah zufolge einer zwischen dem Meister und Johannes Markus im Laufe des Nachmittags des vorangegangenen Tages getroffenen Abmachung, als sie allein in den Bergen waren. Jesus wollte sichergehen, dass er dieses letzte Mahl ungestört mit seinen Aposteln einnehmen konnte, und da er annahm, dass Judas, sollte ihm der Ort ihres Treffens im Voraus bekannt sein, sich mit seinen Feinden verständigen würde, um ihn zu fassen, traf er mit Johannes Markus diese geheime Übereinkunft. Auf diese Weise erfuhr Judas den Ort ihrer Versammlung erst, als er dort in Gesellschaft Jesu und der übrigen Apostel anlangte.
(1933.7) 178:2.10 David Zebedäus hatte mit Judas viel Geschäftliches zu erledigen, so dass er ihn leicht daran hindern konnte, Petrus, Johannes und Philipp zu folgen, wonach ihn so heftig verlangte. Als Judas David eine bestimmte Geldsumme für Vorräte übergab, sagte David zu ihm: „Judas, wäre es unter den gegebenen Umständen nicht gut, mich über den jetzigen Bedarf hinaus mit etwas Geld zu versorgen?“ Judas überlegte kurz und sagte dann: „Ja, David, ich denke, es wäre klug. Angesichts der unsicheren Lage in Jerusalem denke ich tatsächlich, dass es das Beste wäre, ich übergäbe dir überhaupt alles Geld. Man plant Übles gegen den Meister, und im Falle, dass mir etwas zustoßen sollte, wärest du nicht in der Klemme.“
(1934.1) 178:2.11 Und so nahm David das ganze apostolische Barvermögen und die Quittungen für alles hinterlegte Geld in Empfang. Die Apostel erfuhren erst am nächsten Abend von dieser Übergabe.
(1934.2) 178:2.12 Etwa um halb fünf kehrten die drei Apostel zurück und berichteten Jesus, dass alles für das Abendessen hergerichtet sei. Der Meister machte sich sogleich bereit, seine zwölf Apostel über den Saumpfad zur Straße nach Bethanien und von da nach Jerusalem zu führen. Und das war sein letzter Gang mit allen zwölf.
(1934.3) 178:3.1 In dem Bestreben, wiederum die Menschenmassen zu vermeiden, die durch das Kidrontal zwischen dem Garten von Gethsemane und Jerusalem hin- und hergingen, wanderten Jesus und die Zwölf über die Westkuppe des Ölbergs, um die Straße zu erreichen, die von Bethanien in die Stadt hinunterführte. Als sie sich der Stelle näherten, wo Jesus am Abend zuvor verweilt hatte, um über die Zerstörung Jerusalems zu reden, hielten sie unbewusst inne, standen da und schauten schweigend auf die Stadt hinunter. Da sie noch etwas früh waren und Jesus erst nach Sonnenuntergang durch die Stadt gehen wollte, sagte er zu seinen Gefährten:
(1934.4) 178:3.2 „Setzt euch und ruht euch aus, während ich mit euch über das rede, was sich in Kürze ereignen muss. All die Jahre hindurch habe ich mit euch wie mit Brüdern gelebt, und ich habe euch die Wahrheit über das Königreich des Himmels gelehrt und euch dessen Geheimnisse offenbart. Und mein Vater hat in der Tat im Zusammenhang mit meiner Erdensendung viele wunderbare Werke vollbracht. Ihr seid Zeugen von alledem gewesen und habt an der Erfahrung teilgehabt, mit Gott zusammenzuarbeiten. Und ihr werdet mir bezeugen, dass ich euch seit einiger Zeit gewarnt habe, ich müsse bald an das Werk zurückkehren, das der Vater mir aufgetragen hat; ich habe euch deutlich gesagt, dass ich euch in der Welt zurücklassen muss, damit ihr das Werk des Königreichs fortführt. Gerade zu diesem Zweck habe ich euch in den Bergen von Kapernaum eine Sonderrolle zugewiesen. Ihr müsst euch jetzt darauf vorbereiten, die Erfahrung, die ihr mit mir gemacht habt, mit anderen zu teilen. So wie der Vater mich in diese Welt gesandt hat, werde ich euch jetzt aussenden, um mich zu vertreten und das von mir begonnene Werk zu vollenden.
(1934.5) 178:3.3 Ihr schaut traurig auf diese Stadt hinab, denn ihr habt meine Worte über das Ende von Jerusalem gehört. Ich habe euch vorgewarnt, damit ihr bei seiner Zerstörung nicht umkommt und die Verkündigung des Evangeliums vom Königreich dadurch keinen Aufschub leidet. Ebenso warne ich euch, auf der Hut zu sein und euch nicht unnötig in Gefahr zu bringen, wenn sie kommen, um sich des Menschensohns zu bemächtigen. Ich muss gehen, ihr aber müsst bleiben, um dieses Evangelium nach meinem Weggang zu bezeugen, genau so, wie ich Lazarus angewiesen habe, vor dem Zorn der Menschen zu fliehen, damit er lebe, um den Ruhm Gottes zu verkündigen. Wenn es des Vaters Wille ist, dass ich gehe, kann nichts, was immer ihr auch unternehmen mögt, den göttlichen Plan vereiteln. Gebt acht auf euch, damit sie euch nicht auch töten. Eure Seelen seien tapfer, wenn ihr das Evangelium durch die Macht des Geistes verteidigt, aber lasst euch nicht zu irgendeinem unbesonnenen Versuch hinreißen, den Menschensohn zu verteidigen. Ich brauche keine Verteidigung durch Menschenhand; eben jetzt sind die himmlischen Heerscharen ganz in der Nähe; aber ich bin entschlossen, den Willen meines Vaters im Himmel zu tun, und deshalb müssen wir uns der Prüfung unterziehen, die sehr bald über uns kommen wird.
(1934.6) 178:3.4 Wenn ihr diese Stadt zerstört seht, dann vergesst nicht, dass ihr das ewige Leben nie endenden Dienstes im ewig fortschreitenden Königreich des Himmels, gar des Himmels der Himmel, bereits angetreten habt. Ihr solltet wissen, dass es in meines Vaters Universum und in dem meinigen viele Wohnorte gibt, und dass dort auf die Kinder des Lichts die Offenbarung von Städten wartet, deren Erbauer Gott ist, und von Welten, deren Lebensgewohnheit Rechtschaffenheit und Freude in der Wahrheit sind. Ich habe das Königreich des Himmels hier zu euch auf die Erde gebracht, aber ich erkläre, dass alle von euch, die es durch ihren Glauben betreten und durch den lebendigen Dienst an der Wahrheit in ihm bleiben, mit Sicherheit zu den Welten in der Höhe aufsteigen und mit mir im geistigen Königreich unseres Vaters Platz nehmen werden. Aber zuerst müsst ihr euch wappnen und das Werk vollenden, das ihr mit mir begonnen habt. Ihr müsst zuerst viele Widerwärtigkeiten durchstehen und viel Leid ertragen — und diese Prüfungen warten gerade jetzt auf uns –, aber wenn ihr eure Arbeit auf der Erde abgeschlossen habt, sollt ihr in meine Freude eingehen, gerade so, wie ich jetzt meines Vaters Werk auf Erden beendet habe und mich anschicke, in seine Arme zurückzukehren.“
(1935.1) 178:3.5 Nachdem der Meister gesprochen hatte, erhob er sich, und sie folgten ihm alle den Ölberg hinunter und in die Stadt. Außer dreien wusste keiner von den Aposteln, wohin sie in der einbrechenden Dunkelheit ihr Weg durch die engen Gassen führte. Sie drängten sich durch die Menge, aber niemand erkannte sie und niemand wusste, dass der Sohn Gottes an ihnen vorüberging auf seinem Gang zur letzten irdischen Verabredung mit seinen auserwählten Botschaftern des Königreichs. Und ebenso wenig wussten die Apostel, dass einer aus ihren eigenen Reihen bereits einer Verschwörung beigetreten war, um den Meister in die Hände seiner Feinde zu geben.
(1935.2) 178:3.6 Johannes Markus war ihnen während des ganzen Weges in die Stadt hinein gefolgt, und nachdem sie durch das Tor geschritten waren, eilte er auf einem anderen Wege zum Hause seines Vaters, wo er auf sie wartete, um sie bei ihrer Ankunft willkommen zu heißen.
mercy.urantia.org/de/das-urantia-buch/schrift-178-der-letzte-tag-im-lager
Das Urantia Buch
Das Letzte Abendmahl
(1936.1) 179:0.1 ALS Philipp den Meister im Laufe dieses Donnerstagnachmittags an das nahe Passahfest erinnerte und sich danach erkundigte, wie er es zu feiern gedenke, hatte er das Passahabendessen im Sinn, das man am Abend des folgenden Tages, am Freitag, einzunehmen pflegte. Es war Brauch, mit den Vorbereitungen zur Feier des Passahfestes nicht später als am Mittag des Vortages zu beginnen. Und da die Juden den Tagesbeginn vom Sonnenuntergang an rechneten, bedeutete dies, dass das Passahabendessen des Samstags am Freitagabend irgendwann vor Mitternacht stattfand.
(1936.2) 179:0.2 Die Apostel wussten deshalb überhaupt nicht, wie sie des Meisters Ankündigung, sie würden Passah einen Tag früher feiern, verstehen sollten. Sie — oder wenigstens einige von ihnen — dachten, er wisse, dass er noch vor der Zeit des Abendessens am Freitagabend verhaftet werden würde, und sie deshalb zu einem besonderen Mahl an diesem Donnerstagabend zusammenrief. Andere glaubten, das sei nur ein besonderer Anlass, der der ordentlichen Begehung des Passahfestes vorausgehe.
(1936.3) 179:0.3 Die Apostel wussten, dass Jesus andere Passahfeste ohne Lamm gefeiert hatte, und sie wussten auch, dass er persönlich an keiner Opferhandlung des jüdischen Glaubenssystems teilnahm. Als Gast hatte er oft vom Passahlamm gegessen, aber wenn er selber der Gastgeber war, wurde nie Lamm aufgetragen. Es hätte die Apostel nicht sonderlich erstaunt, sogar am Passahabend kein Lamm vorzufinden, und da dieses Abendessen einen Tag früher gegeben wurde, machten sie sich über sein Fehlen keine Gedanken.
(1936.4) 179:0.4 Nachdem Vater und Mutter von Johannes Markus die Apostel begrüßt und willkommen geheißen hatten, begaben sich diese sofort zum oberen Raum hinauf, während Jesus noch bei der Familie von Markus verweilte und sich mit ihr unterhielt.
(1936.5) 179:0.5 Man war zuvor übereingekommen, dass der Meister diese Feier allein mit seinen zwölf Aposteln begehen würde; deshalb hatte man keine Bediensteten zu ihrer Aufwartung besorgt.
(1936.6) 179:1.1 Nachdem Johannes Markus die Apostel die Treppe hinaufgeleitet hatte, erblickten sie einen großen und bequemen Raum, der mit allem Nötigen für das Abendessen ausgestattet war, und stellten fest, dass sowohl Brot als auch Wein, Wasser und Gewürzkräuter am einen Ende des Tisches bereitstanden. Mit Ausnahme des Tischendes, wo sich Brot und Wein befanden, war dieser lange Tisch von dreizehn Liegesofas umstellt. Das waren Anstalten, wie man sie zur Passahfeier in jedem wohlhabenden jüdischen Haushalt getroffen hätte.
(1936.7) 179:1.2 Beim Betreten des oberen Raums bemerkten die Zwölf gleich hinter der Tür Wassereimer, Becken und Tücher zur Waschung ihrer staubigen Füße; und da für diese Handlung kein Bediensteter besorgt worden war, begannen die Apostel, nachdem Johannes Markus sie verlassen hatte, einander anzuschauen, und jeder dachte bei sich: „Wer wird unsere Füße waschen?“ Und ebenso dachte jeder von ihnen, dass nicht er es sein würde, da es aussehen könnte, als handle er an den anderen wie ein Diener.
(1937.1) 179:1.3 Während sie dastanden und in ihren Herzen hin und her überlegten, schweiften ihre Blicke über die Sitzordnung am Tisch, und sie bemerkten den höheren Diwan des Gastgebers mit einer Liege zur Rechten und elf weiteren, die den Tisch umringten bis hin zur letzten, die jenem zweiten Ehrenplatz an der Rechten des Gastgebers gegenüberstand.
(1937.2) 179:1.4 Sie erwarteten jeden Augenblick das Kommen des Meisters, aber sie waren im Zwiespalt, ob sie sich setzen oder sein Kommen abwarten und es ihm überlassen sollten, ihnen ihre Plätze zuzuweisen. Während sie noch zögerten, schritt Judas auf den Ehrenplatz zur Linken des Gastgebers zu und ließ seine Absicht erkennen, sich hier als bevorzugter Gast niederzulassen. Dieses Vorgehen von Judas löste sofort einen hitzigen Disput unter den anderen Aposteln aus. Kaum hatte Judas sich des Ehrenplatzes bemächtigt, als Johannes Zebedäus seinen Anspruch auf den nächsten Vorzugsplatz erhob, denjenigen zur Rechten des Gastgebers. Simon Petrus geriet über Judas und Johannes, die sich die bevorzugten Plätze anmaßten, derart in Wut, dass er unter den ungehaltenen Blicken der übrigen Apostel entschlossen um den Tisch herumschritt und sich auf der tiefstrangigen Liege am Ende der Sitzordnung gleich gegenüber derjenigen niederließ, die Johannes Zebedäus gewählt hatte. Da andere sich der hohen Plätze bemächtigt hatten, entschied sich Petrus für den niedrigsten, und er tat dies nicht nur aus Protest gegen den ungebührlichen Stolz seiner Brüder, sondern in der Hoffnung, dass ihm Jesus, wenn er käme und ihn am wenigsten ehrenvollen Platz erblickte, einen höheren zuweisen und dabei einen Apostel versetzen würde, der sich angemaßt hatte, sich selber zu ehren.
(1937.3) 179:1.5 Da nun die höchsten und niedrigsten Plätze solcherweise besetzt waren, suchten sich die übrigen Apostel die ihren aus, einige in der Nähe von Judas und einige in der Nähe von Petrus, bis sie alle einen gefunden hatten. Sie saßen auf diesen geneigten Diwanen in nachstehender Reihenfolge um den U-förmigen Tisch herum: Zur Rechten des Meisters Johannes; zu seiner Linken Judas, Simon Zelotes, Matthäus, Jakobus Zebedäus, Andreas, die Alphäus Zwillinge, Philipp, Nathanael, Thomas und Simon Petrus.
(1937.4) 179:1.6 Sie sind versammelt, um — wenigstens im Geiste — feierlich einen Brauch zu begehen, der noch bis vor Moses zurückreichte und sich auf die Zeit bezog, als ihre Väter Sklaven in Ägypten waren. Dieses Abendessen ist ihr letztes Treffen mit Jesus, und selbst in einem so feierlichen Rahmen lassen sie sich unter Führung von Judas wiederum dazu verleiten, ihrem alten Hang nach Ehre, Bevorzugung und persönlicher Erhöhung nachzugeben.
(1937.5) 179:1.7 Immer noch tadelten sie sich gegenseitig laut und zornig, als der Meister unter der Tür erschien, wo er einen Augenblick lang zögerte, während langsam ein Ausdruck von Enttäuschung über sein Gesicht glitt. Wortlos ging er an seinen Platz und ließ ihre Sitzordnung unangetastet.
(1937.6) 179:1.8 Sie waren jetzt bereit, mit dem Abendessen zu beginnen, nur waren ihre Füße immer noch nicht gewaschen, und ihre Stimmung war alles andere als freundlich. Als der Meister eintrat, bedachten sie sich gegenseitig immer noch mit wenig schmeichelhaften Bemerkungen, ganz abgesehen von den Gedanken einiger, die genügend emotionale Beherrschung besaßen, um ihre Gefühle nicht laut auszusprechen.
(1937.7) 179:2.1 Nachdem der Meister an seinen Platz gegangen war, wurde einige Augenblicke kein einziges Wort gesprochen. Jesus ließ den Blick über sie schweifen und löste die Spannung mit einem Lächeln, indem er sagte: „Es war mein ganz großer Wunsch, dieses Passahmahl mit euch einzunehmen. Ich wollte noch einmal mit euch essen, bevor ich zu leiden habe, und da mir bewusst wurde, dass meine Stunde gekommen ist, habe ich die nötigen Vorkehrungen getroffen, um heute Abend dieses Mahl mit euch zu teilen; denn was den morgigen Tag betrifft, sind wir alle in den Händen des Vaters, dessen Willen auszuführen ich gekommen bin. Ich werde nicht eher wieder mit euch essen, als bis ihr euch mit mir im Königreich niedersetzen werdet, das mein Vater mir geben wird, wenn ich beendet haben werde, wofür er mich in diese Welt gesandt hat.“
(1938.1) 179:2.2 Nachdem der Wein und das Wasser gemischt worden waren, brachten sie Jesus den Kelch. Er nahm ihn aus den Händen von Thaddäus entgegen und hielt ihn, während er den Dank sprach. Und als er geendet hatte, sagte er: „Nehmt diesen Kelch und teilt ihn unter euch, und wenn ihr davon trinkt, so sei euch bewusst, dass ich mit euch nicht wieder von der Frucht der Rebe trinken werde; denn dies ist unser letztes Abendmahl. Wenn wir uns wieder in dieser Weise zusammensetzen werden, wird es im kommenden Königreich sein.“
(1938.2) 179:2.3 Jesus begann, so zu seinen Aposteln zu sprechen, weil er wusste, dass seine Stunde gekommen war. Er begriff, dass die Zeit gekommen war, da er zum Vater zurückzukehren hatte, und dass sein Werk auf Erden fast abgeschlossen war. Der Meister wusste, dass er die Liebe des Vaters auf Erden offenbart und der Menschheit dessen Barmherzigkeit kundgetan hatte, und dass er erfüllt hatte, wofür er in die Welt gekommen war, auf dass er alle Macht und Autorität im Himmel und auf Erden erhielte. Und er wusste ebenfalls, dass Judas Iskariot fest entschlossen war, ihn noch heute Nacht den Händen seiner Feinde auszuliefern. Er war sich völlig im Klaren, dass dieser treulose Verrat das Werk von Judas war, dass er aber auch Luzifer, Satan und Caligastia, dem Fürsten der Finsternis, gefiel. Aber er fürchtete keinen von denen, die seine geistige Niederlage suchten, ebensowenig wie er jene fürchtete, die danach trachteten, seinen physischen Tod herbeizuführen. Der Meister bangte nur um eines — die Sicherheit und Rettung seiner auserwählten Gefährten. Und nun, im vollen Wissen darum, dass der Vater alle Dinge seiner Autorität unterstellt hatte, schickte sich der Meister an, das Gleichnis brüderlicher Liebe in Szene zu setzen.
(1938.3) 179:3.1 Jüdischer Brauch wollte, dass der Gastgeber, nachdem er den ersten Passahkelch getrunken hatte, sich vom Tisch erhob und seine Hände wusch. Im weiteren Verlauf des Mahls und nach dem zweiten Kelch erhoben sich alle Gäste ebenso und wuschen ihre Hände. Da die Apostel wussten, dass ihr Meister sich nie an diesen Ritus zeremonieller Handwaschung hielt, waren sie sehr neugierig zu erfahren, was zu tun er im Sinne hatte, als er, nachdem sie den ersten Kelch getrunken hatten, sich vom Tisch erhob und schweigend auf die Tür zu ging, neben der Wasserkrüge, Waschbecken und Tücher bereitgestellt waren. Und ihre Neugierde verwandelte sich in Erstaunen, als sie sahen, wie der Meister sein Obergewand ablegte, sich ein Tuch umband und damit begann, Wasser in eines der Fußbecken zu schütten. Stellt euch die Verwunderung dieser zwölf Männer vor, die sich noch eben geweigert hatten, einander die Füße zu waschen, und die sich in so unziemlicher Weise um die Ehrenplätze am Tisch gestritten hatten, als sie Jesus um das leerstehende Ende des Tisches herum auf den geringsten Platz des Festes zugehen sahen, wo Simon Petrus lagerte, und wo er in der Haltung eines Dieners niederkniete und sich anschickte, Simon die Füße zu waschen. Als der Meister kniete, sprangen alle Zwölf wie ein Mann auf. Sogar der verräterische Judas vergaß seine Niedertracht einen Augenblick lang und erhob sich mit seinen Apostelgefährten in dieser Kundgebung von Überraschung, Respekt und äußerster Verblüffung.
(1938.4) 179:3.2 Da stand nun Simon Petrus und schaute auf das nach oben gewandte Gesicht seines Meisters herab. Jesus sagte nichts; es war nicht nötig, dass er sprach: Seine Haltung brachte unmissverständlich zum Ausdruck, dass es seine Absicht war, Simon Petrus die Füße zu waschen. Trotz seiner menschlichen Schwächen liebte Petrus den Meister. Dieser galiläische Fischer war das erste menschliche Wesen, das von ganzem Herzen an die Göttlichkeit Jesu glaubte und diesen Glauben auch öffentlich voll bekannte. Und Petrus hatte die göttliche Natur des Meisters danach nie wirklich in Zweifel gezogen. Da Petrus Jesus in seinem Herzen so sehr verehrte und hochhielt, war es nicht verwunderlich, dass seine Seele sich gegen den Gedanken sträubte, Jesus hier vor ihm in der Haltung eines geringen Dieners knien und sich anschicken zu sehen, ihm wie ein Sklave die Füße zu waschen. Als sich Petrus gleich darauf so weit gefasst hatte, um das Wort an den Meister zu richten, sprach er all seinen Apostelgefährten aus dem Herzen.
(1939.1) 179:3.3 Nach einigen Augenblicken größter Verlegenheit sagte Petrus: „Meister, beabsichtigst du tatsächlich, mir die Füße zu waschen?“ Da schaute Jesus zu Petrus auf und sprach: „Vielleicht begreifst du nicht ganz, was zu tun ich mich anschicke, aber später wirst du die Bedeutung all dieser Dinge verstehen.“ Da holte Simon Petrus tief Atem und sagte: „Meister, nie und nimmer wirst du mir die Füße waschen!“ Und jeder der Apostel stimmte mit einem Kopfnicken der entschiedenen Weigerung des Petrus zu, es Jesus zu erlauben, sich in dieser Weise vor ihnen zu demütigen.
(1939.2) 179:3.4 Der dramatische Appell dieser ungewöhnlichen Szene rührte zuerst sogar das Herz von Judas Iskariot; aber als sein anmaßender Intellekt das Schauspiel beurteilte, kam er zu dem Schluss, dass diese Geste der Demut nur eine weitere Episode war, die schlüssig bewies, dass Jesus sich niemals als Befreier Israels eignen würde, und dass er selber mit seinem Entschluss, die Sache des Meisters im Stich zu lassen, keinen Fehler gemacht hatte.
(1939.3) 179:3.5 Während sie alle in atemloser Verwunderung dastanden, sagte Jesus: „Petrus, ich erkläre, dass, wasche ich dir nicht die Füße, du nicht mit mir an dem teilnehmen wirst, was ich zu vollführen gedenke.“ Als Petrus diese Erklärung hörte und Jesus nach wie vor zu seinen Füßen kniete, fasste er einen jener Entschlüsse blinder Willfährigkeit gegenüber dem Wunsch eines, den er respektierte und liebte. Als es in Simon Petrus zu dämmern begann, dass der geplanten Darstellung des Dienens eine Bedeutung zukam, die für die eigene zukünftige Verbindung mit des Meisters Werk bestimmend war, söhnte er sich nicht nur mit dem Gedanken aus, Jesus zu erlauben, ihm die Füße zu waschen, sondern er sprach in seiner charakteristischen und ungestümen Art: „Dann wasche mir nicht nur die Füße, Meister, sondern auch die Hände und den Kopf.“
(1939.4) 179:3.6 Als der Meister sich anschickte, Petrus die Füße zu waschen, sprach er: „Wer schon rein ist, dem brauchen nur die Füße gewaschen zu werden. Ihr, die ihr heute Abend hier mit mir zusammen sitzt, seid rein — aber nicht alle. Ihr hättet den Staub von euren Füßen abwaschen sollen, bevor ihr euch mit mir zum Mahl niedersetztet. Zudem möchte ich diesen Dienst an euch als ein Gleichnis tun, das den Sinn eines neuen Gebotes, das ich euch gleich geben will, veranschaulichen soll.“
(1939.5) 179:3.7 In derselben Weise machte der Meister schweigend die Runde um den Tisch, wobei er die Füße seiner zwölf Apostel wusch und nicht einmal Judas ausließ. Als Jesus mit dem Waschen der Füße der Zwölf zu Ende war, zog er sein Übergewand an, kehrte an seinen Platz des Gastgebers zurück und sagte nach einem Blick auf seine verstörten Apostel:
(1939.6) 179:3.8 „Begreift ihr wirklich, was ich an euch getan habe? Ihr nennt mich Meister, und ihr tut gut so, denn ich bin es. Wenn also der Meister euch die Füße gewaschen hat, wie kommt es, dass ihr nicht willens wart, einander die Füße zu waschen? Welche Lehre solltet ihr aus diesem Gleichnis ziehen, in dem der Meister so bereitwillig den Dienst erbringt, den seine Brüder einander gegenseitig verweigert haben? Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ein Diener ist nicht größer als sein Meister; noch ist einer, der gesandt wurde, größer als derjenige, der ihn sendet. Ihr habt die Art des Dienens gesehen, die ich unter euch gelebt habe; und gesegnet sind diejenigen von euch, die den Mut und die Güte aufbringen werden, auf diese Weise zu dienen. Aber wieso seid ihr so langsam zu begreifen, dass das Geheimnis der Größe im geistigen Reich verschieden ist von den Methoden der Macht in der materiellen Welt?
(1940.1) 179:3.9 Als ich heute Abend diesen Raum betrat, habt ihr euch nicht nur stolz geweigert, einander die Füße zu waschen, sondern ihr habt auch noch darüber zu streiten begonnen, wem die Ehrenplätze an meinem Tisch gebührten. Das sind Ehren, die die Pharisäer und die Kinder dieser Welt suchen, aber unter den Botschaftern des himmlischen Königreichs sollte es anders sein. Wisst ihr nicht, dass es an meinem Tisch keinen Vorzugsplatz geben kann? Versteht ihr nicht, dass ich einen jeden von euch genau so liebe wie alle anderen? Wisst ihr nicht, dass der Platz zunächst von mir — aus menschlicher Sicht ein Ehrenplatz — für eure Stellung im Königreich des Himmels überhaupt nichts bedeuten kann? Ihr wisst, dass die Könige der Nichtjuden die Gewalt über ihre Untertanen besitzen und man diejenigen, die diese Autorität ausüben, manchmal Wohltäter nennt. Aber im Königreich des Himmels wird es nicht so sein. Wer unter euch groß sein möchte, werde wie ein Jüngerer an Jahren; und wer ein Vorgesetzter sein möchte, werde wie einer, der dient. Wer ist größer, derjenige, der beim Mahl sitzt oder derjenige, der bedient? Gilt nicht derjenige, der beim Mahl sitzt, gewöhnlich als der größere? Aber ihr könnt feststellen, dass ich unter euch bin als einer, der dient. Wenn ihr gewillt seid, meine Mitdiener in Ausübung des Willens des Vaters zu werden, werdet ihr im kommenden Königreich in der Fülle der Macht bei mir sein und damit fortfahren, den Willen des Vaters zu tun in künftiger Herrlichkeit.“
(1940.2) 179:3.10 Als Jesus fertig gesprochen hatte, trugen die Alphäus Zwillinge für den nächsten Gang des letzten Abendmahls Brot und Wein auf nebst bitteren Kräutern und einer Paste aus getrockneten Früchten.
(1940.3) 179:4.1 Einige Minuten lang aßen die Apostel schweigend, aber unter dem Einfluss des fröhlichen Verhaltens des Meisters begannen sie sich bald zu unterhalten, und binnen kurzem verlief das Mahl, als ob nichts Außergewöhnliches vorgefallen wäre, das die frohe Stimmung und Geselligkeit dieses besonderen Ereignisses gestört hätte. Als einige Zeit verstrichen war, etwa mitten im zweiten Gang der Mahlzeit, ließ Jesus den Blick über sie schweifen und sagte: „Ich habe euch gesagt, wie sehr ich wünschte, dieses Abendessen mit euch einzunehmen; und im Wissen darum, wie die bösen Mächte der Finsternis sich verschworen haben, um den Tod des Menschensohns herbeizuführen, beschloss ich, dieses Abendessen mit euch in diesem geheimen Raum und einen Tag vor Passah einzunehmen, da ich morgen Abend um diese Zeit nicht mehr bei euch sein werde. Ich habe euch wiederholt gesagt, dass ich zum Vater zurückkehren muss. Jetzt ist meine Stunde gekommen, aber es war nicht nötig, dass einer von euch mich verrate und in die Hände meiner Feinde ausliefere.“
(1940.4) 179:4.2 Als die Zwölf, die durch das Gleichnis der Fußwaschung und die anschließenden Worte des Meisters schon viel von ihrem Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen eingebüßt hatten, dies hörten, begannen sie, einander anzuschauen, und fragten mit Beunruhigung und Zögern in der Stimme: „Bin ich es?“ Und als sie alle so gefragt hatten, sagte Jesus: „Zwar ist es notwendig, dass ich zum Vater gehe, aber es war nicht erforderlich, dass, um des Vaters Willen zu erfüllen, einer von euch zum Verräter werde. Dies ist die herangereifte Frucht des verborgenen Bösen im Herzen eines, dem es nicht gelungen ist, die Wahrheit mit ganzer Seele zu lieben. Wie trügerisch ist doch intellektueller Hochmut, der dem geistigen Sturz vorausgeht! Mein langjähriger Freund, der eben jetzt von meinem Brot isst, wird willens sein, mich zu verraten, obwohl er jetzt seine Hand mit mir in die Schüssel taucht.“
(1940.5) 179:4.3 Und als Jesus so gesprochen hatte, begannen sie alle wiederum zu fragen: „Bin ich es?“ Und als Judas, der zur Linken seines Meisters saß, wiederum fragte; „Bin ich es?“, tauchte Jesus das Brot in die Kräuterschale, reichte es Judas und sagte: „Du hast es gesagt.“ Aber die anderen hörten nicht, dass Jesus zu Judas sprach. Johannes, der zur Rechten Jesu lagerte, lehnte sich herüber und fragte den Meister: „Wer ist es? Wir sollten wissen, wer derjenige ist, der sich seiner Sendung untreu erwiesen hat.“ Jesus antwortete: „Ich habe es euch schon gesagt, eben der, dem ich das eingetunkte Brotstück gegeben habe.“ Aber es war so natürlich für den Gastgeber, demjenigen, der ihm zur Linken am nächsten saß, ein Stück Brot zu reichen, dass keiner davon Notiz nahm, obwohl der Meister so klar gesprochen hatte. Aber Judas war sich der Bedeutung der Worte des Meisters, die sich auf seine Tat bezogen, schmerzlich bewusst, und er begann zu befürchten, seine Brüder könnten ebenfalls gewahr werden, dass er der Verräter war.
(1941.1) 179:4.4 Diese Äußerungen hatten Petrus in große Erregung versetzt. Er beugte sich über den Tisch und fragte Johannes: „Frag ihn, wer es ist, oder wenn er es dir gesagt hat, sag mir, wer der Verräter ist.“
(1941.2) 179:4.5 Jesus machte ihrem Geflüster ein Ende, indem er sagte: „Ich bin traurig, dass dieses Unheil eintreten musste, und hoffte noch bis zu dieser Stunde, dass die Macht der Wahrheit über die Täuschungen des Bösen triumphieren könnte, aber solche Siege gewinnt man nicht ohne eine vom Glauben getragene, aufrichtige Wahrheitsliebe. Ich hätte euch diese Dinge an diesem unserem letzten Abendmahl lieber nicht gesagt, aber ich möchte euch von diesen schmerzlichen Dingen unterrichten und so auf das vorbereiten, was uns jetzt erwartet. Ich habe zu euch darüber gesprochen, weil ich wünsche, dass ihr euch nach meinem Weggang daran erinnert, dass ich um all diese bösen Komplotte gewusst habe, und dass ich euch bezüglich des Verrats an mir vorgewarnt habe. Und ich tue all dies nur, damit ihr gestärkt werdet angesichts der Versuchungen und Prüfungen, die jetzt unmittelbar bevorstehen.“
(1941.3) 179:4.6 Nachdem Jesus so gesprochen hatte, lehnte er sich zu Judas hinüber und sagte: „Tue rasch, was du zu tun beschlossen hast.“ Und als Judas diese Worte vernahm, erhob er sich vom Tisch und verließ hastig den Raum. Er trat in die Nacht hinaus, um auszuführen, was er in seinem Herzen beschlossen hatte. Als die anderen Apostel Judas hinauseilen sahen, nachdem Jesus zu ihm gesprochen hatte, dachten sie, er sei gegangen, um zusätzlich etwas zum Abendessen zu holen oder irgendeine andere Besorgung für den Meister zu verrichten; denn sie glaubten, er habe die Börse immer noch bei sich.
(1941.4) 179:4.7 Jesus wusste jetzt, dass nichts mehr getan werden konnte, um zu verhindern, dass Judas zum Verräter wurde. Er hatte mit zwölfen begonnen — jetzt hatte er nur noch elf. Er hatte sechs von ihnen gewählt, und obwohl Judas einer von denen war, die von den zuerst gewählten Aposteln vorgeschlagen wurden, hatte der Meister ihn angenommen und bis zu dieser Stunde alles nur Mögliche getan, um ihn zu läutern und zu retten, genau so, wie er für den Frieden und die Errettung der anderen gewirkt hatte.
(1941.5) 179:4.8 Dieses Abendmahl mit seinen zarten Episoden und einem Hauch von Rührung war Jesu letzter Appell an den abtrünnigen Judas, aber er war vergeblich. Auch wenn eine Mahnung in der taktvollsten Weise gegeben und im freundlichsten Geiste ausgesprochen wird, verstärkt sie in der Regel nur den Hass und befeuert die böse Entschlossenheit zur vollständigen Ausführung unserer eigennützigen Pläne, wenn die Liebe einmal wirklich tot ist.
(1941.6) 179:5.1 Als sie Jesus den dritten Kelch Wein, den „Kelch der Segnung“ brachten, erhob er sich vom Lager, nahm den Kelch in die Hände, segnete ihn und sagte: „Nehmt diesen Kelch, ihr alle, und trinkt daraus. Dies soll der Kelch der Erinnerung an mich sein. Dies ist der Kelch der Segnung einer neuen Dispensation von Gnade und Wahrheit. Er soll für euch das Zeichen der Gabe und des Wirkens des heiligen Geistes der Wahrheit sein. Und ich werde mit euch aus diesem Kelch nicht eher wieder trinken, als bis ich in neuer Gestalt in des Vaters ewigem Königreich mit euch trinke.“
(1942.1) 179:5.2 Die Apostel spürten alle, dass etwas Außerordentliches vor sich ging, als sie in tiefer Ehrfurcht und vollkommener Stille aus diesem Kelch der Segnung tranken. Das alte Passahfest gedachte des Entkommens ihrer Väter aus einem Zustand rassischer Sklaverei in die individuelle Freiheit; jetzt setzte der Meister ein neues Erinnerungsmahl ein als Symbol für eine neue Dispensation, bei der das versklavte Individuum aus der Knechtschaft von Zeremoniell und Selbstsucht heraustritt in die geistige Freude der Brüderlichkeit und Kameradschaft der befreiten Glaubenssöhne des lebendigen Gottes.
(1942.2) 179:5.3 Nachdem sie alle aus diesem neuen Kelch der Erinnerung getrunken hatten, nahm der Meister das Brot, dankte, brach es in Stücke, wies sie an, es herumzureichen und sagte: „Nehmt dieses Brot der Erinnerung und esst davon. Ich habe euch gesagt, dass ich das Brot des Lebens bin. Und dieses Brot des Lebens ist das vereinigte Leben des Vaters und des Sohnes in einer einzigen Gabe. Das Wort des Vaters, wie es sich im Sohn offenbart, ist tatsächlich das Brot des Lebens.“ Nachdem sie das Brot der Erinnerung zu sich genommen hatten, das Symbol des in Gestalt eines Sterblichen inkarnierten lebendigen Wortes der Wahrheit, setzten sich alle.
(1942.3) 179:5.4 Wie es immer seine Gewohnheit war, gebrauchte der Meister Gleichnisse und Symbole, als er dieses Erinnerungsmahl einsetzte. Er benutzte Symbole, weil er gewisse große geistige Wahrheiten auf eine Weise lehren wollte, die es seinen Nachfolgern schwer machen würde, seinen Worten genaue Auslegungen und bestimmte Bedeutungen beizulegen. Auf diese Weise versuchte er, kommende Generationen davor zu bewahren, seine Lehre zu zementieren und das, was er geistig gemeint hatte, in die toten Ketten der Tradition und des Dogmas zu legen. Bei der Einsetzung der einzigen Zeremonie oder des einzigen Sakramentes im Zusammenhang mit seiner gesamten Lebenssendung trug Jesus große Sorge, die Bedeutung seiner Botschaft mehr anzudeuten, als sich auf genaue Definitionen festzulegen. Er wollte des Einzelnen Vorstellung von göttlichem Kontakt nicht durch die Schaffung einer präzisen Form zerstören; ebenso lag ihm die Absicht fern, die geistige Vorstellungskraft des Gläubigen durch formale Eingrenzung zu beengen. Er versuchte vielmehr, die wiedergeborene Seele des Menschen auf den freudigen Schwingen einer neuen und lebendigen geistigen Unabhängigkeit in die Freiheit zu entlassen.
(1942.4) 179:5.5 Trotz dem Bemühen des Meisters, das neue Sakrament der Erinnerung in diesem Sinne einzusetzen, sorgten jene, die ihm nachfolgten, im Laufe der Jahrhunderte dafür, dass sein ausdrücklicher Wunsch wirksam durchkreuzt wurde, indem der einfache geistige Symbolgehalt seiner letzten in Menschengestalt verbrachten Nacht auf genaue Auslegungen reduziert und der fast mathematischen Präzision einer starren Formel unterworfen wurde. Von allen Lehren Jesu hat keine eine stärkere Normierung durch die Tradition erfahren.
(1942.5) 179:5.6 Wenn dieses Mahl der Erinnerung von denen eingenommen wird, die an den Sohn glauben und Gott kennen, braucht sein Symbolismus mit keiner der menschlichen und kindischen Fehlinterpretationen bezüglich der Bedeutung der göttlichen Präsenz in Zusammenhang gebracht zu werden; denn bei all diesen Gelegenheiten ist der Meister wirklich anwesend. Das Erinnerungsmahl ist die symbolische Begegnung des Gläubigen mit Michael. Wenn ihr auf diese Weise geist-bewusst werdet, ist der Sohn wirklich gegenwärtig, und sein Geist verbrüdert sich mit dem innewohnenden Fragment des Vaters.
(1942.6) 179:5.7 Nachdem sie einige Augenblicke in Meditation verharrt hatten, fuhr Jesus zu sprechen fort: „Wenn ihr diese Dinge tut, dann ruft euch das Leben, das ich unter euch auf Erden gelebt habe, in Erinnerung und freut euch darüber, dass ich weiterhin mit euch auf Erden leben und durch euch dienen werde. Bekämpft euch als Einzelne nicht wegen der Frage, wer der Größte sein werde. Seid alle wie Brüder. Und wenn das Königreich wächst und große Gruppen von Gläubigen umfassen wird, solltet ihr es euch desgleichen verbieten, unter diesen Gruppen um Größe zu wetteifern oder die einen den anderen vorzuziehen.“
(1943.1) 179:5.8 Und dieses gewaltige Ereignis fand im oberen Raum eines Freundes statt. Es gab da keine Spur von heiliger Form, noch wurde am Gebäude oder während des Abendessens irgendeine zeremonielle Weihehandlung vorgenommen. Das Erinnerungsmahl wurde ohne geistliche Genehmigung begründet.
(1943.2) 179:5.9 Nachdem Jesus das Abendmahl der Erinnerung in dieser Weise eingesetzt hatte, sagte er zu den Zwölfen: „So oft ihr dies tut, tut es in Erinnerung an mich. Und wenn ihr meiner gedenkt, dann schaut zuerst zurück auf mein Leben in Menschengestalt, erinnert euch, dass ich einst bei euch war, und nehmt dann durch euren Glauben wahr, dass ihr alle dereinst mit mir in des Vaters ewigem Königreich beim Abendmahl sitzen werdet. Dies ist das neue Passahfest, das ich euch hinterlasse, eben die Erinnerung an mein Leben der Selbsthingabe, an das Wort der ewigen Wahrheit und an meine Liebe für euch, das Ausgießen meines Geistes der Wahrheit über alle Menschen.“
(1943.3) 179:5.10 Und sie beendeten diese Feier, die das alte, aber unblutige Passahfest mit der Einweihung des neuen Abendmahls der Erinnerung verband, indem sie alle zusammen den einhundertundachtzehnten Psalm sangen.
mercy.urantia.org/de/das-urantia-buch/schrift-179-das-letzte-abendmahl
Das Urantia Buch
Die Abschiedsrede
(1944.1) 180:0.1 NACHDEM sie am Ende des Letzten Abendmahls den Psalm gesungen hatten, dachten die Apostel, Jesus beabsichtige, sofort zum Lager zurückzukehren, aber er gab ihnen ein Zeichen, sich zu setzen. Der Meister sagte:
(1944.2) 180:0.2 „Ihr habt noch gut in Erinnerung, wie ich euch ohne Geldbeutel oder Brieftasche aussandte und euch sogar riet, keine Ersatzkleidung mitzunehmen. Und ihr werdet euch alle entsinnen, nichts entbehrt zu haben. Aber nun haben für euch unruhige Zeiten begonnen. Künftig könnt ihr nicht mehr auf den guten Willen der Menge zählen. Deshalb trage einen Geldbeutel bei sich, wer einen hat. Wenn ihr in die Welt hinausgeht, um dieses Evangelium zu verkünden, dann verseht euch mit allem Nötigen für euren Unterhalt. Ich bin gekommen, um Frieden zu bringen, aber er wird sich einstweilen nicht einstellen.
(1944.3) 180:0.3 Für den Menschensohn ist jetzt die Zeit gekommen, verherrlicht zu werden, und der Vater soll in mir verherrlicht werden. Meine Freunde, ich werde nur noch kurze Zeit bei euch sein. Bald werdet ihr nach mir suchen, aber ihr werdet mich nicht finden, denn ich gehe an einen Ort, wohin ihr zum jetzigen Zeitpunkt nicht kommen könnt. Aber wenn ihr euer Werk auf Erden beendet habt, so wie ich jetzt meines beendet habe, sollt ihr zu mir kommen, so wie ich mich jetzt bereitmache, zu meinem Vater zu gehen. Binnen ganz kurzer Zeit werde ich euch verlassen. Ihr werdet mich auf Erden nicht mehr sehen, aber ihr werdet mich alle im kommenden Zeitalter sehen, wenn ihr zu dem Königreich, das mein Vater mir gegeben hat, aufsteigt.“
(1944.4) 180:1.1 Nach einigen Augenblicken zwangloser Unterhaltung erhob sich Jesus und sagte: „Als ich euch ein Gleichnis vortrug, um euch zu verdeutlichen, wie ihr gewillt sein solltet, einander zu dienen, sagte ich, ich wünsche, euch ein neues Gebot zu geben; und das möchte ich jetzt tun, da ich im Begriff bin, euch zu verlassen. Ihr kennt das Gebot gut, das euch heißt, einander zu lieben; euren Nächsten zu lieben wie euch selbst. Aber selbst diese aufrichtige Hingabe meiner Kinder stellt mich nicht völlig zufrieden. Ich möchte euch im Königreich der gläubigen Bruderschaft noch größere Liebestaten vollbringen sehen. Und deshalb gebe ich euch dieses neue Gebot: Liebet einander so, wie ich euch geliebt habe. Wenn ihr einander so liebt, werden alle Menschen wissen, dass ihr meine Jünger seid.
(1944.5) 180:1.2 Indem ich euch dieses neue Gebot gebe, lade ich keine neue Bürde auf eure Seelen, sondern bringe euch vielmehr neue Freude und mache es euch möglich, neue Befriedigung zu erfahren, wenn ihr das Glück kennen lernt, eure Herzensgüte an eure Mitmenschen zu verschenken. Obwohl äußeres Leid ertragend, stehe ich im Begriff, von der allerhöchsten Freude erfüllt zu werden, indem ich meine Liebe an euch und eure sterblichen Gefährten verschenke.
(1944.6) 180:1.3 Wenn ich euch dazu auffordere, einander so zu lieben, wie ich euch geliebt habe, dann halte ich euch das höchste Maß an wahrer Zuneigung vor, denn kein Mensch kann größere Liebe haben als diese: sein Leben hinzugeben für seine Freunde. Und ihr seid meine Freunde; und ihr werdet fortfahren, meine Freunde zu sein, wenn ihr nur willig seid zu tun, was ich euch gelehrt habe. Ihr habt mich Meister genannt, aber ich nenne euch nicht Diener. Wenn ihr einander nur so lieben wollt, wie ich euch liebe, sollt ihr meine Freunde sein, und ich werde zu euch immer von dem sprechen, was der Vater mir offenbart.
(1945.1) 180:1.4 Nicht nur ihr habt mich gewählt, sondern auch ich habe euch gewählt, und ich habe euch die Weihe gegeben, hinauszugehen in die Welt, um unter euren Mitmenschen die Früchte dienender Liebe hervorzubringen, gerade so wie ich unter euch gelebt und euch den Vater offenbart habe. Der Vater und ich werden mit euch zusammenarbeiten, und ihr sollt die Fülle göttlicher Freude erfahren, wenn ihr nur meinem Gebot gehorchen wollt, einander zu lieben, wie ich euch geliebt habe.“
(1945.2) 180:1.5 Wenn ihr des Meisters Freude teilen möchtet, müsst ihr seine Liebe teilen. Und seine Liebe teilen bedeutet, dass ihr seinen Dienst geteilt habt. Eine solche Liebeserfahrung enthebt euch nicht der Schwierigkeiten dieser Welt; sie schafft keine neue Welt, aber mit größter Sicherheit macht sie die alte Welt neu.
(1945.3) 180:1.6 Vergesst nicht: Jesus verlangt Treue, nicht Opfer. Das Bewusstsein, ein Opfer zu erbringen, lässt für jene von Herzen kommende Zuneigung keinen Raum, die aus einem derartigen Liebesdienst eine allerhöchste Freude gemacht hätte. Die Idee von Pflicht bedeutet, dass ihr wie Diener denkt und euch deshalb die mächtige Begeisterung fehlt, um euren Dienst als Freund für einen Freund zu tun. Der Impuls der Freundschaft geht über alles Pflichtbewusstsein weit hinaus, und der Dienst eines Freundes für einen Freund kann niemals ein Opfer genannt werden. Der Meister hat die Apostel gelehrt, dass sie Söhne Gottes sind. Er hat sie Brüder genannt, und jetzt, bevor er fortgeht, nennt er sie seine Freunde.
(1945.4) 180:2.1 Darauf erhob sich Jesus wieder und fuhr fort, seine Apostel zu lehren: „Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Weinbauer. Ich bin der Weinstock und ihr seid die Reben. Und der Vater verlangt von mir nur, dass ihr viele Früchte tragt. Der Weinstock wird nur beschnitten, um die Fruchtbarkeit der Reben zu erhöhen. Jede Rebe, die aus mir kommt und keine Frucht trägt, wird der Vater entfernen. Jede Rebe, die Frucht trägt, wird der Vater reinigen, damit sie noch mehr Frucht trage. Ihr seid schon rein durch das Wort, das ich gesprochen habe, aber ihr müsst fortfahren rein zu sein. Ihr müsst in mir bleiben, und ich in euch; die Rebe wird sterben, wenn sie vom Weinstock getrennt wird. So wie die Rebe nur Frucht tragen kann, wenn sie auf dem Weinstock bleibt, könnt auch ihr die Früchte liebenden Dienens nur hervorbringen, wenn ihr in mir bleibt. Vergesst nicht: Ich bin der wahre Weinstock, und ihr seid die lebendigen Reben. Derjenige, der in mir lebt und ich in ihm, wird viele Früchte des Geistes tragen und die Erfahrung äußerster Freude machen, wenn er diese geistige Ernte hervorbringt. Wenn ihr diese lebendige geistige Verbindung mit mir aufrechterhaltet, werdet ihr reichlich Früchte tragen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch lebendig sind, werdet ihr fähig sein, frei mit mir zu kommunizieren, und dann kann mein lebendiger Geist euch so erfüllen, dass ihr um alles bitten könnt, was mein Geist will, und ihr könnt all dies in der Gewissheit tun, dass der Vater uns unsere Bitte erfüllen wird. Hierin ist der Vater verherrlicht: dass der Weinstock viele lebendige Reben hat und dass jede Rebe viel Frucht trägt. Und wenn die Welt diese fruchttragenden Reben sieht — meine Freunde, die einander gerade so lieben, wie ich sie geliebt habe — werden alle Menschen wissen, dass ihr wahrlich meine Jünger seid.
(1945.5) 180:2.2 Wie der Vater mich geliebt hat, so habe ich euch geliebt. Lebt in meiner Liebe so, wie ich in des Vaters Liebe lebe. Wenn ihr tut, wie ich euch gelehrt habe, sollt ihr in meiner Liebe bleiben gerade so, wie ich das Wort des Vaters gehalten habe und auf ewig in seiner Liebe bleibe.“
(1946.1) 180:2.3 Die Juden hatten lange Zeit gelehrt, dass der Messias „ein Spross aus dem Weinstock“ der Vorfahren Davids sein würde, und eingedenk dieser alten Lehre schmückte ein großes Symbol einer Traube und des mit ihr verbundenen Weinstocks den Eingang zum Tempel des Herodes. Die Apostel erinnerten sich an all diese Dinge, während der Meister in dieser Nacht im oberen Raum zu ihnen sprach.
(1946.2) 180:2.4 Aber später verursachte die falsche Auslegung der Schlussfolgerungen des Meisters, die sich auf das Gebet bezogen, großes Leid. Es hätte mit diesen Lehren kaum Schwierigkeiten gegeben, wenn man sich der genauen Worte Jesu erinnert und diese später wahrheitsgetreu aufgeschrieben hätte. Aber so wie der Bericht abgefasst war, betrachteten die Gläubigen das Gebet in Jesu Namen als eine Art höchster Magie und dachten, sie würden vom Vater alles erhalten, worum sie baten. Jahrhundertelang ist der Glaube ehrlicher Seelen immer wieder an diesem Hindernis zerbrochen. Wie lange wird die Welt der Gläubigen noch brauchen, um zu begreifen, dass das Gebet kein Mittel ist, um euren Willen zu erreichen, sondern vielmehr ein Verfahren, um Gottes Weg einzuschlagen, eine Lernerfahrung, wie man den Willen des Vaters erkennt und ausführt? Es ist vollkommen richtig, dass ihr, ist euer Wille einmal wahrhaftig auf den seinen ausgerichtet, alles verlangen könnt, was diese Willenseinheit ersinnt, und es gewährt werden wird. Eine solche Willenseinheit wird mit und durch Jesus vollzogen und lebt durch ihn, so wie das Leben des Weinstocks in die lebendigen Reben und durch sie fließt.
(1946.3) 180:2.5 Wenn diese lebendige Verbindung zwischen Gottheit und Menschheit existiert, die Menschheit aber gedankenlos und aus Unwissenheit für egoistisches Behagen und eitle Ziele beten sollte, dann könnte es nur eine göttliche Antwort geben: immer mehr Früchte des Geistes an den Stielen der lebendigen Reben zu tragen. Wenn Leben in der Rebe am Weinstock ist, kann es auf all ihre Bitten nur eine Antwort geben: noch mehr Trauben hervorzubringen. In der Tat existiert die Rebe allein, um Früchte zu tragen, um Trauben hervorzubringen, und kann nichts anderes tun. Ebenso existiert der wahre Gläubige allein zu dem Zweck, die Früchte des Geistes zu tragen: die Menschen zu lieben, wie er selber von Gott geliebt worden ist — sie zu lieben, wie Jesus uns geliebt hat.
(1946.4) 180:2.6 Und wenn der Vater seine züchtigende Hand an den Weinstock legt, geschieht es aus Liebe, damit die Reben viel Frucht tragen. Und ein weiser Weinbauer schneidet nur die toten und unfruchtbaren Reben weg.
(1946.5) 180:2.7 Jesus hatte große Schwierigkeiten, sogar seine Apostel zu der Erkenntnis zu bringen, dass das Gebet eine Funktion von aus dem Geist geborenen Gläubigen in dem vom Geist beherrschten Königreich ist.
(1946.6) 180:3.1 Die Elf hatten ihre Erörterungen über die Rede vom Weinstock und von den Reben kaum beendet, als der Meister zu verstehen gab, dass er ihnen noch mehr sagen wolle, und wohl wissend, wie kurz bemessen seine Zeit war, sprach er: „Lasst euch, wenn ich euch verlassen habe, durch die Feindseligkeit der Welt nicht entmutigen. Seid nicht niedergeschlagen, auch wenn zaghafte Gläubige sich gegen euch wenden und mit den Feinden des Königreichs gemeinsame Sache machen. Wenn die Welt euch hassen sollte, dann denkt daran, dass sie mich hasste, noch bevor sie euch hasste. Wenn ihr von dieser Welt wäret, würde die Welt ihresgleichen lieben, aber weil ihr es nicht seid, weigert sich die Welt, euch zu lieben. Ihr lebt in dieser Welt, aber ihr sollt nicht auf ihre Weise leben. Ich habe euch aus dieser Welt ausgewählt, damit ihr in dieser Welt, aus der ihr gewählt worden seid, den Geist einer anderen Welt vertretet. Aber erinnert euch immer an die Worte, die ich zu euch gesprochen habe: Der Diener ist nicht größer als sein Meister. Wenn sie es wagen, mich zu verfolgen, werden sie auch euch verfolgen. Wenn meine Worte die Ungläubigen beleidigen, so werden auch eure Worte die Gottlosen beleidigen. Und all das werden sie euch antun, weil sie weder an mich noch an Ihn glauben, der mich gesandt hat; so werdet ihr vieles erleiden müssen um meines Evangeliums willen. Aber wenn ihr diese Leiden erduldet, solltet ihr euch daran erinnern, dass auch ich vor euch wegen dieses Evangeliums vom himmlischen Königreich gelitten habe.
(1947.1) 180:3.2 Viele von denen, die euch angreifen werden, wissen nichts vom Licht des Himmels, aber das trifft auf einige, die uns jetzt verfolgen, nicht zu. Wenn wir sie die Wahrheit nicht gelehrt hätten, könnten sie unter Umständen viele seltsame Dinge tun, ohne verurteilt zu werden, aber nun, da sie das Licht gekannt und sich angemaßt haben, es zurückzuweisen, haben sie für ihre Haltung keine Entschuldigung mehr. Wer mich hasst, hasst meinen Vater. Es kann nicht anders sein; das Licht, das, wenn angenommen, jemanden retten würde, kann ihn, wenn wissentlich abgelehnt, nur verurteilen. Und was habe ich diesen Menschen angetan, dass sie einen so schrecklichen Hass auf mich haben? Nichts, außer ihnen Bruderschaft auf Erden und Heil im Himmel angeboten zu haben. Aber habt ihr in der Schrift nicht das Wort gelesen: ‚Und sie hassten mich ohne Grund‘?
(1947.2) 180:3.3 Aber ich werde euch nicht allein in der Welt lassen. Sehr bald nach meinem Weggehen werde ich euch einen geistigen Helfer senden. Ihr werdet einen bei euch haben, der meinen Platz unter euch einnehmen wird, einen, der damit fortfahren wird, euch den Weg der Wahrheit zu lehren, und der euch sogar trösten wird.
(1947.3) 180:3.4 Eure Herzen seien nicht beunruhigt. Ihr glaubt an Gott; fahrt fort, auch an mich zu glauben. Wenn ich euch auch verlassen muss, werde ich doch nicht fern von euch sein. Ich habe euch schon gesagt, dass es in meines Vaters Universum viele Rastplätze gibt. Wenn dies nicht wahr wäre, hätte ich nicht wiederholt von ihnen gesprochen. Ich werde jetzt in diese Welten des Lichts zurückkehren, zu diesen Stationen in des Vaters Himmel, wohin auch ihr einmal aufsteigen werdet. Von jenen Orten bin ich in diese Welt gekommen, und die Stunde ist jetzt ganz nah, da ich an die Arbeit meines Vaters auf den Sphären in der Höhe zurückkehren muss.
(1947.4) 180:3.5 So wie ich euch jetzt in das himmlische Königreich des Vaters vorangehe, so werde ich dereinst mit Sicherheit nach euch senden, damit ihr mit mir an den Orten weilt, die für die sterblichen Söhne Gottes eingerichtet wurden, noch ehe es diese Welt gab. Auch wenn ich euch verlassen muss, will ich im Geist bei euch gegenwärtig sein, und schließlich werdet ihr persönlich bei mir sein, nachdem ihr in meinem Universum zu mir aufgestiegen seid, so wie ich jetzt im Begriff bin, zu meinem Vater in seinem größeren Universum aufzusteigen. Und was ich euch gesagt habe, ist wahr und ewig, auch wenn ihr es vielleicht nicht ganz versteht. Ich gehe zum Vater, und obwohl ihr mir jetzt nicht folgen könnt, werdet ihr mir mit Sicherheit in den künftigen Zeitaltern folgen.“
(1947.5) 180:3.6 Als Jesus sich setzte, erhob sich Thomas und sagte: „Meister, wir wissen nicht, wo du hingehst; also kennen wir natürlich den Weg nicht. Aber wir wollen dir noch in dieser Nacht folgen, wenn du uns den Weg zeigen willst.“
(1947.6) 180:3.7 Als Jesus Thomas hörte, antwortete er: „Thomas, ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand geht zum Vater, denn durch mich. Alle, die den Vater finden, finden zuerst mich. Wenn ihr mich kennt, kennt ihr auch den Weg zum Vater. Und ihr kennt mich, denn ihr habt mit mir gelebt und ihr seht mich jetzt.“
(1947.7) 180:3.8 Aber diese Lehre war für viele der Apostel zu tief, insbesondere für Philipp, der sich erhob, nachdem er ein paar Worte mit Nathanael gewechselt hatte, und sagte: „Meister, zeige uns den Vater, und alles, was du gesagt hast, wird klar werden.“
(1947.8) 180:3.9 Und nachdem Philipp gesprochen hatte, sagte Jesus: „Philipp, ich bin so lange mit euch zusammen gewesen, und trotzdem kennst du mich immer noch nicht? Von neuem erkläre ich: Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Wie kannst du dann sagen: ‚Zeige uns den Vater?‘ Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin, und der Vater in mir? Habe ich euch nicht gelehrt, dass die Worte, die ich spreche, nicht meine Worte sind, sondern die Worte des Vaters? Ich spreche für den Vater und nicht von mir aus. Ich bin in dieser Welt, um den Willen des Vaters zu tun, und das habe ich getan. Mein Vater wohnt in mir und wirkt durch mich. Glaubt mir, wenn ich sage, dass der Vater in mir ist und dass ich im Vater bin, oder glaubt mir wenigstens um des Lebens willen, das ich gelebt habe — um des Werkes willen.“
(1948.1) 180:3.10 Als sich der Meister zur Seite begab, um sich mit etwas Wasser zu erfrischen, begannen die Elf eine temperamentvolle Diskussion über diese Unterweisung, und Petrus setzte gerade zu einer weit ausholenden Rede an, als Jesus zurückkam und ihnen bedeutete, sich zu setzen.
(1948.2) 180:4.1 Jesus fuhr fort zu lehren, indem er sagte: „Wenn ich zum Vater gegangen bin, und nachdem er das Werk, das ich für euch auf Erden getan habe, voll akzeptiert hat, und nachdem ich die endgültige Souveränität über meinen eigenen Herrschaftsbereich erhalten habe, werde ich zu meinem Vater sagen: ‚Da ich meine Kinder allein auf der Erde zurückgelassen habe, will ich ihnen meinem Versprechen gemäß einen anderen Lehrer senden.‘ Und wenn der Vater sein Einverständnis dazu gibt, werde ich den Geist der Wahrheit über alle Menschen ausgießen. Schon wohnt meines Vaters Geist in euren Herzen; und wenn dieser Tag kommt, werdet ihr auch mich bei euch haben, so wie ihr jetzt den Vater habt. Diese neue Gabe ist der Geist der lebendigen Wahrheit. Die Ungläubigen werden zuerst nicht auf die Lehren dieses Geistes hören, aber die Söhne des Lichts werden ihn alle freudig und von ganzem Herzen empfangen. Ihr werdet diesen Geist erkennen, wenn er kommt, gerade so, wie ihr mich gekannt habt, und ihr werdet dieses Geschenk in euren Herzen empfangen, und er wird bei euch wohnen. Ihr seht also, dass ich euch nicht ohne Hilfe und Führung zurücklasse. Ich will euch nicht ohne Trost zurücklassen. Heute kann ich nur als Person bei euch sein. In den kommenden Zeiten aber werde ich bei euch und allen anderen Menschen sein, die meine Gegenwart wünschen, wo immer ihr sein möget, und bei jedem von euch zur selben Zeit. Erkennt ihr nicht, dass es besser ist, wenn ich fortgehe? Dass ich euch körperlich verlasse, damit ich mit euch umso besser und vollkommener im Geiste sein kann?
(1948.3) 180:4.2 Nur wenige Stunden noch, und die Welt wird mich nicht mehr sehen. Aber ihr werdet mich weiterhin in euren Herzen kennen, bis ich euch diesen neuen Lehrer, den Geist der Wahrheit, sende. So wie ich in Person mit euch gelebt habe, werde ich dann in euch leben und eins sein mit eurer persönlichen Erfahrung im geistigen Königreich. Und wenn das eingetroffen ist, werdet ihr mit Sicherheit wissen, dass ich im Vater bin, und dass, während euer Leben mit dem Vater in mir geborgen ist, ich auch in euch bin. Ich habe den Vater geliebt und mich an sein Wort gehalten. Ihr habt mich geliebt, und ihr werdet euch an mein Wort halten. So wie der Vater mir von seinem Geiste gegeben hat, so will auch ich euch von meinem Geiste geben. Und dieser Geist der Wahrheit, den ich über euch ausgießen will, soll euch leiten und ermutigen und euch schließlich in alle Wahrheit führen.
(1948.4) 180:4.3 Ich sage euch diese Dinge, während ich noch bei euch bin, damit ihr umso besser gerüstet seid, die Prüfungen durchzustehen, die jetzt auf uns zukommen. Wenn der neue Tag anbricht, wird der Sohn ebenso wie der Vater in euch wohnen. Und diese Gaben des Himmels werden auf immer gerade so miteinander wirken, wie der Vater und ich auf Erden und vor euren Augen in einer Person, der des Menschensohnes, gewirkt haben. Und dieser geistige Freund wird euch alles, was ich euch gelehrt habe, in Erinnerung rufen.“
(1948.5) 180:4.4 Als der Meister einen Augenblick lang innehielt, wagte sich Judas Alphäus mit einer der wenigen Fragen vor, die er oder sein Bruder je vor allen anderen an Jesus gerichtet hatten. Er sagte: „Meister, du hast stets als Freund unter uns gelebt; wie werden wir dich erkennen, wenn du dich uns nicht mehr anders als durch diesen Geist offenbarst? Wenn die Welt dich nicht mehr sieht, wie können wir dann deiner sicher sein? Wie wirst du dich uns zeigen?“
(1949.1) 180:4.5 Jesus blickte auf sie alle herab, lächelte und sagte: „Meine kleinen Kinder, ich gehe fort, zurück zu meinem Vater. Über kurz werdet ihr mich nicht mehr, wie jetzt, in Fleisch und Blut, sehen. Nach sehr kurzer Zeit werde ich euch meinen Geist senden, der mir, von diesem materiellen Körper abgesehen, genau gleicht. Dieser neue Lehrer ist der Geist der Wahrheit, der mit jedem von euch, in euren Herzen, leben wird, und so werden alle Kinder des Lichts eins werden und sich zueinander hingezogen fühlen. Und in genau dieser Weise werden mein Vater und ich in der Seele eines jeden von euch und ebenso in den Herzen aller anderen Menschen wohnen können, die uns lieben und die diese Liebe in ihrer Erfahrung Wirklichkeit werden lassen, indem sie einander lieben, wie ich euch jetzt liebe.“
(1949.2) 180:4.6 Judas Alphäus verstand nicht ganz, was der Meister sagte, aber er begriff, dass ein neuer Lehrer versprochen wurde, und aus dem Gesichtsausdruck von Andreas schloss er, dass seine Frage eine zufriedenstellende Antwort erhalten hatte.
(1949.3) 180:5.1 Der neue Helfer, den Jesus in die Herzen der Gläubigen zu senden und über alle Menschen auszugießen versprach, ist der Geist der Wahrheit. Diese göttliche Gabe ist nicht der Buchstabe oder das Gesetz der Wahrheit, noch hat sie als Form oder Ausdruck der Wahrheit zu funktionieren. Der neue Lehrer ist die Überzeugung von der Wahrheit, das Bewusstsein und die Gewissheit wahrer Bedeutungen auf wirklich geistigen Ebenen. Und dieser neue Lehrer ist der Geist lebendiger und wachsender Wahrheit, sich erweiternder, entfaltender und anpassender Wahrheit.
(1949.4) 180:5.2 Die göttliche Wahrheit ist eine lebendige Realität, die durch den Geist wahrgenommen wird. Wahrheit existiert nur auf den hohen geistigen Ebenen des Bewusstwerdens der Göttlichkeit und der bewussten Verbindung mit Gott. Ihr könnt die Wahrheit kennen, und ihr könnt die Wahrheit leben. Ihr könnt in eurer Seele das Wachstum der Wahrheit erfahren und euch der Freiheit erfreuen, die das Licht der Wahrheit in das Denken bringt, aber ihr könnt die Wahrheit nicht in Formeln, Codes, Credos oder intellektuelle Leitbilder für menschliche Lebensführung einsperren. Wenn ihr euch daran macht, die göttliche Wahrheit menschlich zu formulieren, stirbt sie alsbald. Die posthume Rettung von gefangener Wahrheit kann auch im besten Fall nur eine besondere Form von intellektualisierter und glorifizierter Weisheit hervorbringen. Statische Wahrheit ist tote Wahrheit, und nur tote Wahrheit kann als Theorie festgehalten werden. Lebendige Wahrheit ist dynamisch und kann im menschlichen Verstand nur eine erfahrungsmäßige Existenz haben.
(1949.5) 180:5.3 Intelligenz erwächst aus einer materiellen Existenz, die durch die Gegenwart des kosmischen Verstandes erhellt wird. Weisheit beinhaltet bewusstes Wissen, das neue, höhere Bedeutungsebenen erreicht hat und durch die Gegenwart des universell verschenkten Hilfsgeistes der Weisheit aktiviert wird. Wahrheit ist ein Wert geistiger Realität, deren Erfahrung nur geistbegabte Wesen machen, die auf übermateriellen Ebenen universellen Bewusstseins funktionieren, und die, nachdem sie die Wahrheit erkannt haben, dem sie aktivierenden Geist erlauben, in ihrer Seele zu leben und zu herrschen.
(1949.6) 180:5.4 Das wahre Kind universeller Erkenntnis sucht in jedem weisen Wort nach dem lebendigen Geist der Wahrheit. Das Individuum, das Gott kennt, hebt die Weisheit ständig auf die lebendigen Wahrheitsebenen göttlichen Vollbringens empor; eine geistig stagnierende Seele zieht die lebendige Wahrheit ständig auf die toten Ebenen der Weisheit und auf den Bereich bloßen gehobenen Wissens herab.
(1949.7) 180:5.5 Wenn die goldene Regel der übermenschlichen Erkenntnis des Geistes der Wahrheit entbehrt, wird sie zu nichts weiter als einer hohen ethischen Lebensregel. Wenn man die goldene Regel wörtlich nimmt, kann sie für die Mitmenschen zu einem Instrument großer Kränkung werden. Ohne die geistige Schau der goldenen Weisheitsregel könntet ihr zu folgendem Schluss gelangen: Da ihr wünscht, dass alle Menschen euch in ungeschminkter Wahrheit sagen, was sie denken, solltet ihr euren Gefährten ebenfalls alles, was ihr denkt, frei heraus sagen. Eine so ungeistige Auslegung der goldenen Regel könnte unsägliches Unglück und Leid ohne Ende zur Folge haben.
(1950.1) 180:5.6 Einige Leute begreifen und interpretieren die goldene Regel als eine rein intellektuelle Bekräftigung menschlicher Brüderlichkeit. Andere erleben eine solche Bekundung menschlicher Beziehungen als emotionale Befriedigung der zarten Gefühle der menschlichen Persönlichkeit. Wieder ein anderer Sterblicher sieht in derselben goldenen Regel einen Maßstab, den er allen gesellschaftlichen Beziehungen anlegt, eine Norm für soziales Verhalten. Noch andere sehen in ihr eine eindeutige Aufforderung eines großen sittlichen Lehrers, der in dieser Aussage der höchsten Vorstellung von sittlicher Verpflichtung hinsichtlich aller brüderlichen Beziehungen Ausdruck gab. Im Leben von solchen sittlichen Wesen wird die goldene Regel zum weisen Mittelpunkt und Umfang ihrer gesamten Philosophie.
(1950.2) 180:5.7 Im Königreich der gläubigen Bruderschaft all jener, die Gott kennen und die Wahrheit lieben, nimmt diese goldene Regel lebendige Qualitäten geistiger Verwirklichung auf jenen höheren Interpretationsebenen an, die die sterblichen Söhne Gottes veranlassen, in dieser Aufforderung des Meisters den Anspruch zu sehen, sich ihren Mitmenschen gegenüber so zu verhalten, dass diesen aus dem Kontakt mit ihnen das größtmögliche Wohl erwächst. Dies ist die Essenz wahrer Religion: Liebet euren Nächsten wie euch selbst.
(1950.3) 180:5.8 Aber die höchste Verwirklichung und wahrste Interpretation der goldenen Regel besteht darin, dass der Geist sich der Wahrheit der dauernden und lebendigen Realität einer solch göttlichen Erklärung bewusst ist. Die wahre kosmische Bedeutung dieser Regel universaler Beziehungen tritt erst in ihrer geistigen Verwirklichung zutage, nämlich in der Interpretation der Lebensregel, die der Geist des Sohnes dem Geist des Vaters gibt, welcher der Seele des sterblichen Menschen innewohnt. Und wenn solche vom Geist geführten Sterblichen die wahre Bedeutung dieser goldenen Regel realisieren, erfüllt sie zutiefst die Gewissheit, Bürger eines freundlichen Universums zu sein, und ihre Ideale von geistiger Realität werden nur zufrieden gestellt, wenn sie ihre Nächsten so lieben, wie Jesus uns alle geliebt hat; und das ist die Realität der Verwirklichung der Liebe Gottes.
(1950.4) 180:5.9 Zuerst müsst ihr euch über diese Philosophie von der lebendigen Flexibilität und kosmischen Anpassungsfähigkeit der göttlichen Wahrheit an die individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten eines jeden Gottessohnes klar werden, bevor ihr hoffen könnt, die Lehre des Meisters und seine Praxis der Widerstandslosigkeit gegenüber dem Bösen angemessen zu verstehen. Die Lehre des Meisters ist grundlegend eine geistige Erklärung. Nicht einmal die materiellen Implikationen seiner Philosophie können nutzbringend betrachtet werden, wenn man sie von ihren geistigen Entsprechungen loslöst. Der Geist der Aufforderung des Meisters besteht darin, dem Universum nicht mit selbstsüchtigen Reaktionen Widerstand zu leisten, und gleichzeitig energisch und fortlaufend die rechtschaffenen Ebenen der wahren Geisteswerte zu erreichen: göttliche Schönheit, unendliche Güte und ewige Wahrheit — Gott zu kennen und ihm immer mehr zu gleichen.
(1950.5) 180:5.10 Liebe und Selbstlosigkeit müssen im Einklang mit der Führung durch den Geist der Wahrheit einen dauernden Prozess lebendiger, sich neu anpassender Interpretation von Beziehungen durchmachen. Dabei muss es der Liebe gelingen, ihre Vorstellungen vom höchsten kosmischen Wohl für die geliebte Person dauernd zu verändern und zu erweitern. Und dann geht die Liebe weiter und nimmt dieselbe Haltung gegenüber allen anderen Individuen ein, die möglicherweise beeinflusst werden könnten durch die wachsende und lebendige Beziehung der Liebe eines vom Geist geführten Sterblichen zu anderen Bürgern des Universums. Und dieser ganze lebendige Anpassungsprozess der Liebe muss im Lichte sowohl des Umfeldes gegenwärtigen Übels als auch des ewigen Ziels der Vollkommenheit göttlicher Bestimmung vorgenommen werden.
(1950.6) 180:5.11 Wir müssen also klar erkennen, dass weder die goldene Regel noch die Lehre von der Widerstandslosigkeit je angemessen als Dogmen oder Vorschriften verstanden werden können. Sie können nur begriffen werden, indem man sie lebt und ihre Bedeutungen dank der lebendigen Interpretation durch den Geist der Wahrheit erfasst, der den liebenden Kontakt zwischen zwei Menschen lenkt.
(1951.1) 180:5.12 Und all das weist klar auf den Unterschied zwischen der alten Religion und der neuen hin. Die alte Religion lehrte die Selbstaufopferung; die neue Religion lehrt einzig Selbstvergessenheit, höhere Selbstverwirklichung in sozialem Dienen verbunden mit universellem Verstehen. Die alte Religion war motiviert durch Angstbewusstsein; das neue Evangelium vom Königreich wird beherrscht von der Wahrheitsüberzeugung, vom Geist der ewigen und universalen Wahrheit. Und kein Maß an Frömmigkeit oder Kredoergebenheit kann in der Lebenserfahrung derer, die an das Königreich glauben, die Abwesenheit jener spontanen, großherzigen und aufrichtigen Freundlichkeit ersetzen, die die geistgeborenen Söhne des lebendigen Gottes auszeichnet. Weder Tradition noch irgendein zeremonielles System förmlicher Anbetung kann den Mangel an echtem Mitgefühl für unsere Mitmenschen wettmachen.
(1951.2) 180:6.1 Nachdem Petrus, Jakobus, Johannes und Matthäus dem Meister zahlreiche Fragen gestellt hatten, fuhr er in seiner Abschiedsrede fort und sprach: „Und ich sage euch all dies, bevor ich euch verlasse, damit ihr auf das vorbereitet seid, was euch bevorsteht, und nicht schwerem Irrtum verfallt. Die Obrigkeit wird sich nicht damit begnügen, euch aus den Synagogen auszuschließen; ich mache euch darauf aufmerksam, dass die Stunde naht, da die, welche euch töten, glauben, Gott damit einen Dienst zu erweisen. Und all das werden sie euch und denen antun, die ihr ins Königreich des Himmels führt, weil sie den Vater nicht kennen. Sie haben sich geweigert, den Vater zu kennen, als sie sich geweigert haben, mich anzunehmen; und sie weigern sich, mich anzunehmen, wenn sie euch ablehnen, vorausgesetzt, ihr habt mein neues Gebot gehalten, einander so zu lieben, wie ich euch geliebt habe. Ich sage euch diese Dinge im Voraus, damit ihr, wenn eure Stunde kommt, so wie die meine jetzt gekommen ist, durch das Wissen gestärkt werdet, dass mir alles bekannt war und dass mein Geist in allem, was ihr um meinet- und um des Evangeliums willen erleidet, bei euch sein wird. Aus diesem Grunde habe ich mit euch von Anfang an so offen geredet. Ich habe euch sogar gewarnt, dass jemand unter Umständen seine eigenen Angehörigen zu Feinden haben wird. Obwohl das Evangelium vom Königreich der Seele des einzelnen Gläubigen immer Frieden bringt, wird es solange keinen Frieden auf Erden bringen, als die Menschen nicht gewillt sind, von ganzem Herzen an meine Lehre zu glauben und die Ausführung des väterlichen Willens zur allerersten Aufgabe ihres täglichen Lebens als Sterbliche zu machen.
(1951.3) 180:6.2 Nun, da ich euch verlasse, weil die Stunde gekommen ist, in der ich mich zum Vater aufmache, überrascht es mich, dass mich keiner von euch gefragt hat ‚Warum verlässt du uns?‘ Trotzdem weiß ich, dass ihr euch insgeheim solche Fragen stellt. Ich will mit euch offen wie ein Freund zu Freunden sprechen. Es ist wirklich nützlich für euch, dass ich fortgehe. Wenn ich nicht gehe, kann der neue Lehrer nicht in eure Herzen kommen. Ich muss zuerst diesen sterblichen Körper ablegen und wieder meinen Platz im Himmel einnehmen, bevor ich diesen geistigen Lehrer senden kann, damit er in eurer Seele lebe und euren Geist in die Wahrheit führe. Und wenn mein Geist in euch Wohnung nimmt, wird er den Unterschied zwischen Sünde und Rechtschaffenheit klar beleuchten und euch befähigen, beide in eurem Herzen weise abzuwägen.
(1951.4) 180:6.3 Ich habe euch noch vieles zu sagen, aber ihr könnt im Augenblick nicht noch mehr aufnehmen. Wenn indessen der Geist der Wahrheit kommt, wird er euch schließlich in alle Wahrheit führen, während ihr die vielen Aufenthaltsorte in meines Vaters Universum durchlauft.
(1951.5) 180:6.4 Dieser Geist wird nicht aus sich selber heraus sprechen, aber er wird euch das eröffnen, was der Vater dem Sohn offenbart hat, und er wird euch sogar Dinge zeigen, die kommen werden; er wird mich verherrlichen, so wie ich meinen Vater verherrlicht habe. Dieser Geist kommt aus mir, und er wird euch meine Wahrheit offenbaren. Alles, worüber der Vater in diesem Bereich gebietet, gehört jetzt mir; deshalb sagte ich, dass dieser neue Lehrer aus dem Meinigen schöpfen und es euch offenbaren wird.
(1952.1) 180:6.5 Noch eine kleine Weile, und ich werde euch für kurze Zeit verlassen. Wenn ihr mich danach wieder seht, werde ich mich bereits auf dem Weg zum Vater befinden, so dass ihr mich auch dann nicht lange sehen werdet.“
(1952.2) 180:6.6 Während er einen Augenblick innehielt, begannen die Apostel miteinander zu reden: „Was sagt er uns da? ‚Noch eine kleine Weile, und ich werde euch verlassen‘, und ‚wenn ihr mich wieder seht, wird es nicht für lange sein, denn ich werde auf dem Weg zu meinem Vater sein.‘ Was mag er nur meinen mit ‚eine kleine Weile‘ und ‚nicht für lange‘? Wir können nicht verstehen, was er uns sagt.“
(1952.3) 180:6.7 Und da Jesus wusste, dass sie sich diese Fragen stellten, sagte er: „Fragt ihr einander, was ich meinte, als ich sagte, nach einer kleinen Weile werde ich nicht mehr bei euch sein und dass ich mich, wenn ihr mich wieder sehen werdet, bereits auf dem Weg zum Vater befinde? Ich habe euch klar gesagt, dass der Menschensohn sterben muss, aber dass er wieder auferstehen wird. Könnt ihr denn den Sinn meiner Worte nicht erkennen? Ihr werdet zuerst sehr betrübt sein, aber später werdet ihr euch mit den vielen freuen, die diese Dinge verstehen werden, nachdem sie sich ereignet haben. Eine Frau leidet fürwahr während der Geburtswehen, aber wenn sie einmal von ihrem Kind entbunden ist, vergisst sie ihren Schmerz augenblicklich im freudigen Bewusstsein, dass ein Mensch in die Welt hineingeboren worden ist. Und gerade so werdet ihr bald über meinen Weggang trauern, aber ich werde euch bald wieder sehen, und dann wird sich euer Schmerz in Freude verwandeln, und eine neue Offenbarung des Heils Gottes wird zu euch kommen, die niemand euch je wegnehmen kann. Und alle Welten werden gesegnet sein in dieser selben Offenbarung des Lebens durch die Überwindung des Todes. Bis heute habt ihr all eure Bitten in meines Vaters Namen getan. Nachdem ihr mich wieder gesehen habt, könnt ihr auch in meinem Namen bitten, und ich werde euch hören.
(1952.4) 180:6.8 Hier auf Erden habe ich euch in Sprichwörtern unterrichtet und zu euch in Gleichnissen geredet. Das tat ich, weil ihr im Geistigen bloß Kinder wart; aber die Zeit kommt, da ich zu euch klar und deutlich über den Vater und sein Königreich reden werde. Und ich werde das tun, weil der Vater euch liebt und euch vollkommener offenbart werden möchte. Die sterblichen Menschen können den Geist-Vater nicht sehen; deshalb bin ich in die Welt gekommen, um euren Geschöpfesaugen den Vater zu zeigen. Aber dereinst, wenn ihr durch geistiges Wachstum vollkommen geworden seid, sollt ihr den Vater selber sehen.“
(1952.5) 180:6.9 Als die Elf ihn so hatten sprechen hören, sagten sie zueinander: „Fürwahr, er spricht wirklich klar zu uns. Bestimmt ist der Meister von Gott hergekommen. Aber warum sagt er, er müsse zum Vater zurückkehren?“ Und Jesus sah, dass sie ihn auch jetzt noch nicht verstanden hatten. Diese elf Männer konnten von ihren lange genährten Ideen, von der jüdischen Vorstellung vom Messias, nicht loskommen. Je unbedingter sie an Jesus als an den Messias glaubten, desto störender wurden diese tief eingewurzelten Vorstellungen von einem glorreichen materiellen Triumph des Königreichs auf Erden.
mercy.urantia.org/de/das-urantia-buch/schrift-180-die-abschiedsrede
Das Urantia Buch
Schrift 181
Letzte Ermahnungen und Warnungen
(1953.1) 181:0.1 NACHDEM er die Abschiedsansprache an die Elf beendet hatte, unterhielt sich
Jesus zwanglos mit ihnen und erzählte manche Erlebnisse, die sie als Einzelne oder als Gruppe
betrafen. Endlich begann es diesen Galiläern zu dämmern, dass ihr Freund und Lehrer dabei war,
sie zu verlassen, und ihre Hoffnung klammerte sich an das Versprechen, dass er nach einer
kleinen Weile wieder bei ihnen sein werde. Aber sie neigten dazu zu vergessen, dass auch diese
Rückkehr nur von kurzer Dauer sein würde. Manche der Apostel und die führenden Jünger
nahmen tatsächlich dieses Versprechen, für kurze Zeit zurückzukehren (die kurze Zeitspanne
zwischen Auferstehung und Himmelfahrt), als einen Hinweis darauf, dass sich Jesus nur zu einer
kurzen Unterredung mit seinem Vater fortbegab, wonach er zurückkehren und das Königreich
errichten würde. Und eine solche Auslegung seiner Worte deckte sich sowohl mit ihren vorgefassten Meinungen als auch mit ihren glühenden Hoffnungen. Da das, woran sie ein Leben
lang geglaubt hatten, und ihre Hoffnung auf Wunscherfüllung derart übereinstimmten, fiel es
ihnen nicht schwer, für die Worte des Meisters eine Auslegung zu finden, die ihrem heißen
Sehnen gerecht wurde.
(1953.2) 181:0.2 Nachdem die Apostel die Abschiedsrede besprochen hatten und sich diese in ihre
Gemüter zu senken begonnen hatte, rief Jesus sie erneut zur Ordnung und begann, seine letzten
Mahnungen und Warnungen an sie zu richten.
1. Letzte Worte des Trostes
(1953.3) 181:1.1 Als sich die Elf gesetzt hatten, erhob sich Jesus und sprach zu ihnen: „Solange ich
in Menschengestalt unter euch weile, kann ich nur als ein Einzelner in eurer Mitte oder in der
ganzen Welt sein. Aber bin ich erst einmal von dieser vergänglichen Hülle befreit, werde ich als
geistiger Bewohner eines jeden von euch und aller anderen, die an dieses Evangelium vom
Königreich glauben, zurückkehren können. Auf diese Weise wird der Menschensohn in den
Seelen aller wahren Gläubigen eine geistige Inkarnation werden.
(1953.4) 181:1.2 Wenn ich zurückgekehrt bin, um in euch zu leben und durch euch zu wirken, kann
ich euch umso besser durch dieses Leben leiten und euch im kommenden Leben durch die vielen
Wohnstätten im Himmel der Himmel führen. Das Leben in des Vaters ewiger Schöpfung ist kein
endloses Rasten in Müßiggang und egoistischem Behagen, sondern vielmehr ein unaufhörliches
Fortschreiten in Gnade, Wahrheit und Herrlichkeit. Jede der vielen, vielen Stationen in meines
Vaters Haus ist ein Halteplatz, ein Leben, das dazu bestimmt ist, euch auf das nächstfolgende
vorzubereiten. Und so werden die Kinder des Lichts von Herrlichkeit zu Herrlichkeit
vorangehen, bis sie den göttlichen Zustand erreichen, in dem sie geistig vollkommen geworden
sind, wie der Vater in allen Dingen vollkommen ist.
(1953.5) 181:1.3 Wenn ihr mir nachfolgen wollt, nachdem ich euch verlassen habe, dann bemüht
euch sehr ernstlich, in Übereinstimmung mit dem Geist meiner Lehren und mit dem Ideal meines
Daseins zu leben — den Willen des Vaters zu tun. Tut das, anstatt zu versuchen, mein natürliches
Leben in Menschengestalt nachzuahmen, wie es auf dieser Erde zu leben zwangsläufig von mir
verlangt worden ist.
(1954.1) 181:1.4 Der Vater hat mich in diese Welt gesandt, aber nur wenige von euch haben sich
entschlossen, mich ganz anzunehmen. Ich werde meinen Geist über alle Menschen ausgießen,
aber nicht alle werden diesen neuen Lehrer als Führer und Tröster der Seele annehmen. Jedoch
sollen all die, die ihn wirklich annehmen, erleuchtet, geläutert und getröstet werden. Und dieser
Geist der Wahrheit wird in ihnen zu einem Quell lebendigen Wassers werden, der ins ewige
Leben emporsprudelt.
(1954.2) 181:1.5 Und jetzt, im Begriff, von euch zu scheiden, möchte ich euch tröstende Worte
sagen. Meinen Frieden lasse ich euch — meinen Frieden gebe ich euch. Ich mache euch diese
Geschenke nicht nach Art der Welt — portionenweise; ich gebe jedem von euch alles, was er
empfangen will. Euer Herz soll sich weder beunruhigen noch fürchten. Ich habe die Welt
überwunden, und in mir sollt ihr alle durch den Glauben triumphieren. Ich habe euch vorgewarnt,
dass der Menschensohn getötet werden wird, aber ich versichere euch, dass ich zurückkomme,
bevor ich zum Vater gehe, auch wenn es nur für kurze Zeit sein wird. Und nachdem ich zum
Vater aufgestiegen bin, werde ich euch mit Sicherheit den neuen Lehrer senden, damit er bei
euch sei und in euren Herzen wohne. Und wenn ihr all diese Dinge sich ereignen seht, dann
erschreckt nicht, sondern glaubt vielmehr, denn ihr habt alles bereits im Vorhinein gewusst. Ich
habe euch mit großer Zuneigung geliebt, und ich würde euch lieber nicht verlassen; aber es ist
der Wille des Vaters. Meine Stunde ist gekommen.
(1954.3) 181:1.6 Zweifelt an keiner dieser Wahrheiten, auch dann nicht, wenn euch Verfolgung in
der Fremde zerstreut und viele Leiden euch bedrücken werden. Wenn ihr fühlt, dass ihr in der
Welt allein seid, werde ich um eure Einsamkeit wissen, so wie ihr um die meine wissen werdet,
wenn ihr, zersprengt und jeder an einem anderen Ort, den Menschensohn in den Händen seiner
Feinde lasst. Aber ich bin nie allein; immer ist der Vater bei mir. Sogar unter solchen Umständen
werde ich für euch beten. Und all diese Dinge habe ich euch gesagt, damit ihr Frieden habt und
ihn immer reichlicher habt. In dieser Welt werdet ihr viel Drangsal erleiden, aber seid guten
Mutes; ich habe in der Welt triumphiert und euch den Weg zur ewigen Freude und zu
immerwährendem Dienst gewiesen.“
(1954.4) 181:1.7 Jesus gibt seinen Gefährten, die den Willen Gottes tun, Frieden, aber nicht einen
Frieden von der Art der Freuden und Befriedigungen dieser materiellen Welt. Ungläubige
Materialisten und Fatalisten können nur zwei Arten von Frieden und Seelentrost erhoffen:
Entweder müssen sie Stoiker sein, unerschütterlich entschlossen, dem Unvermeidlichen ins Auge
zu blicken und das Schlimmste zu ertragen, oder sie müssen Optimisten sein und sich immer
wieder der Hoffnung hingeben, die ewig in der Menschenbrust aufkeimt. Aber sie werden sich
vergebens nach einem Frieden sehnen, der nie wirklich kommt.
(1954.5) 181:1.8 Eine gewisse Portion an Stoizismus und Optimismus sind bei der Bewältigung des
Lebens auf Erden hilfreich, aber alle beide haben gar nichts mit jenem wunderbaren Frieden zu
tun, den der Sohn Gottes seinen Menschenbrüdern schenkt. Der Friede, den Michael seinen
Kindern auf Erden gibt, ist derselbe Friede, der seine eigene Seele erfüllte, als er selber sein
Dasein als Sterblicher auf ebendieser Welt lebte. Jesu Friede ist die Freude und Befriedigung
einer Person, die Gott kennt und den Triumph errungen hat, vollkommen gelernt zu haben, wie
man den Willen Gottes tut, während man das Leben eines Sterblichen lebt. Der Friede in Jesu
Gemüt gründete auf einem absoluten menschlichen Glauben an die Wirklichkeit der weisen und
teilnahmsvollen Fürsorge des göttlichen Vaters. Jesus kannte Schwierigkeiten auf Erden, er ist
sogar fälschlicherweise „Schmerzensmann“ genannt worden, aber bei all seinen Erfahrungen
erfüllte ihn jenes stärkende Vertrauen, das ihn stets dazu befähigte, an seiner Lebensaufgabe in
der vollen Gewissheit weiterzuwirken, den Willen seines Vaters auszuführen.
(1954.6) 181:1.9 Jesus war entschlossen und ausdauernd und widmete sich vollkommen der
Erfüllung seiner Sendung, aber er war kein gefühlloser und verhärteter Stoiker; stets suchte er
die heiteren Seiten seiner Lebenserfahrungen, aber er war kein blinder, sich selbst täuschender
Optimist. Der Meister wusste um alles, was ihm widerfahren sollte, doch er war unerschrocken.
Nachdem er diesen Frieden jedem seiner Anhänger geschenkt hatte, konnte er folgerichtig sagen:
„Euer Herz soll sich weder beunruhigen noch fürchten!“
(1955.1) 181:1.10 Jesu Friede ist also der Friede und die Gewissheit eines Sohnes, der unbedingt
glaubt, dass sein Werdegang in der Zeit und in der Ewigkeit sicher und gänzlich in der Obhut
und Fürsorge eines allweisen, allliebenden und allmächtigen Geistvaters ruht. Und dies ist in der
Tat ein Friede, der die Fassungskraft des menschlichen Verstandes übersteigt, aber dessen sich
ein glaubendes menschliches Herz uneingeschränkt erfreuen kann.
2. Persönliche Ermahnungen zum Abschied
(1955.2) 181:2.1 Der Meister war ans Ende seiner Abschiedsanweisungen und letzten
Ermahnungen an die Apostel als Gruppe gelangt. Jetzt schickte er sich an, individuell Abschied
zu nehmen und jedem einen persönlichen Rat zusammen mit dem Abschiedssegen mitzugeben.
Die Apostel saßen immer noch um den Tisch herum wie am Anfang, als sie sich zum letzten
Abendmahl niedergelassen hatten, und während nun der Meister, von einem zum anderen
weitergehend, die Runde um den Tisch machte, erhob sich jeder, sobald Jesus sich an ihn
wandte.
(1955.3) 181:2.2 Zu Johannes sagte Jesus: „Du, Johannes, bist der jüngste meiner Brüder. Du bist
mir sehr nahe gewesen, und obwohl ich euch alle mit derselben Liebe, die ein Vater seinen
Söhnen schenkt, liebe, hat Andreas dich zu einem von den dreien bestimmt, die immer in meiner
Nähe sein sollten. Überdies hast du in vielen meine irdische Familie betreffenden
Angelegenheiten an meiner Stelle gehandelt, und du musst damit fortfahren. Johannes, ich gehe
zum Vater im vollen Vertrauen dar-auf, dass du auf Erden weiterhin über die Meinen wachst.
Sieh zu, dass dich ihre gegenwärtige Verwirrung über meine Sendung in keiner Weise daran
hindert, ihnen alle Anteilnahme, Hilfe und Ratschläge zu gewähren, wie ich, wie du wohl weißt,
es täte, wenn ich auf Erden bleiben müsste. Und wenn sie alle dahin gelangen, das Licht zu sehen
und vollends in das Königreich einzutreten und ihr sie dann alle freudig begrüßt, verlasse ich
mich auf dich, Johannes, dass du sie in meinem Namen willkommen heißen wirst.
(1955.4) 181:2.3 Und bleibe du nun, da für mich die letzten Stunden meines irdischen
Lebensweges anbrechen, immer in meiner Nähe, damit ich dir eine etwaige Botschaft an meine
Familie geben kann. Was das Werk betrifft, das der Vater in meine Hände gelegt hat, so ist es
jetzt beendet bis auf meinen leiblichenTod, und ich bin bereit, diesen letzten Kelch zu trinken.
Was dagegen die Verantwortung anbelangt, die mein irdischer Vater Joseph mir hinterlassen hat,
so habe ich sie zeit meines Lebens wahrgenommen, muss mich jetzt aber auf dich verlassen, dass
du in all diesen Angelegenheiten an meiner Statt handelst. Und dich, Johannes, habe ich gewählt,
dies für mich zu tun, weil du der Jüngste bist und deshalb höchstwahrscheinlich die anderen
Apostel überleben wirst.
(1955.5) 181:2.4 Dich und deinen Bruder haben wir einmal Söhne des Donners genannt. Ganz zu
Beginn unserer Zusammenarbeit warst du streng gesinnt und unduldsam, aber du hast dich sehr
verändert seit dem Tage, an dem du wolltest, dass ich Feuer auf die Köpfe von unwissenden und
gedankenlosen Ungläubigen herab rufe. Und du musst dich noch mehr verändern. Du solltest der
Apostel des neuen Gebotes werden, das ich euch heute Abend gegeben habe. Weihe dein Leben
der Aufgabe, deine Brüder zu lehren, einander zu lieben, wie ich euch geliebt habe.“
(1955.6) 181:2.5 Während Johannes Zebedäus im oberen Raum so dastand und ihm die Tränen
über die Wangen rollten, blickte er dem Meister ins Gesicht und sagte: „Das will ich, mein
Meister, aber wie kann ich lernen, meine Brüder mehr zu lieben?“ Da antwortete Jesus: „Du
wirst lernen, deine Brüder mehr zu lieben, wenn du zuerst lernst, ihren Vater im Himmel mehr zu
lieben, und wenn dein Interesse an ihrem zeitlichen und ewigen Wohlergehen wahrhaftig
gewachsen ist. Alles derartige menschliche Interesse wird genährt durch verstehendes Mitgefühl,
selbstloses Dienen und uneingeschränktes Vergeben. Niemand sollte dich wegen deiner Jugend
verachten, aber ich ermahne dich immer, die Tatsache gebührend zu beachten, dass das Alter oft
Erfahrung verkörpert und dass nichts in menschlichen Angelegenheiten tatsächliche Erfahrung
ersetzen kann. Bemühe dich, mit allen Menschen und insbesondere mit deinen Freunden in der
Bruderschaft des himmlischen Königreichs in Frieden zu leben. Und denke immer daran,
Johannes, kämpfe nicht mit den Seelen, die du für das Königreich gewinnen möchtest.“
(1956.1) 181:2.6 Dann ging der Meister um seinen eigenen Sitz herum und hielt einen Augenblick
neben dem Platz von Judas Iskariot an. Die Apostel waren ziemlich erstaunt, dass Judas bis jetzt
nicht zurückgekehrt war, und sie waren sehr neugierig, die Bedeutung von Jesu traurigem
Gesichtsausdruck zu erfahren, als er neben dem leeren Platz des Verräters stand. Aber keiner von
ihnen, vielleicht von Andreas abgesehen, dachte im Entferntesten daran, dass ihr Schatzmeister
hinausgegangen war, um seinen Meister zu verraten, wie Jesus es ihnen früher am Abend und
während des Mahls zu verstehen gegeben hatte. So vieles war seither geschehen, dass ihnen zu
dieser Stunde die Ankündigung des Meisters, einer von ihnen werde ihn verraten, völlig entfallen
war.
(1956.2) 181:2.7 Jesus ging nun weiter zu Simon Zelotes, der sich erhob und die folgende
Mahnung anhörte: „Du bist ein wahrer Sohn Abrahams, aber welche Mühe hat mich der Versuch
gekostet, aus dir einen Sohn des himmlischen Königreichs zu machen! Ich liebe dich, und auch
alle deine Brüder lieben dich. Ich weiß, dass du mich liebst, Simon, und dass du auch das
Königreich liebst, aber du bist immer noch darauf aus, das Königreich nach deinem eigenen
Geschmack herbeizuführen. Ich weiß sehr gut, dass du schließlich die geistige Natur und
Bedeutung meines Evangeliums erfassen und bei seiner Verkündigung Tapferes leisten wirst,
aber ich bin bekümmert bei dem Gedanken an das, was dir widerfahren könnte, wenn ich
weggehe. Ich würde mich freuen zu wissen, dass du nicht wankst; es würde mich glücklich
machen, wenn ich wissen könnte, dass du nicht aufhörst, mein Apostel zu sein, nachdem ich zum
Vater gegangen bin, und dass du dich als Botschafter des himmlischen Königreichs annehmbar
verhältst.
(1956.3) 181:2.8 Kaum hatte Jesus aufgehört, zu Simon Zelotes zu sprechen, als der feurige Patriot,
sich die Augen trocknend, erwiderte: „Meister, habe hinsichtlich meiner Treue keine
Befürchtungen. Ich habe allem den Rücken gekehrt, um mein Leben für die Errichtung deines
Königreichs auf Erden hinzugeben, und ich werde nicht wanken. Ich habe bisher alle
Enttäuschungen überstanden, und ich werde dich nicht verlassen.“
(1956.4) 181:2.9 Da legte Jesus seine Hand auf Simons Schulter und sagte: „Es ist allerdings
wohltuend, dich so sprechen zu hören, besonders in einem Augenblick wie diesem; aber, mein
guter Freund, du weißt noch nicht, wovon du sprichst: Nicht einen Augenblick lang würde ich an
deiner Treue, an deiner Hingabe zweifeln; ich weiß, du würdest nicht zögern, dich in eine
Schlacht zu werfen und für mich zu sterben, wie alle anderen hier es ebenfalls tun würden“ (und
sie stimmten alle mit energischem Kopfnicken zu), „aber das wird nicht von dir verlangt werden.
Ich habe euch immer wieder gesagt, dass mein Königreich nicht von dieser Welt ist und dass
meine Jünger nicht kämpfen werden, um es zu errichten. Ich habe dir das viele Male gesagt,
Simon, aber du weigerst dich, der Wahrheit ins Auge zu blicken. Ich mache mir keine Sorgen
über deine Treue zu mir und zum Königreich, aber was wirst du tun, wenn ich weggehe und du
endlich zur Einsicht erwachst, dass du den Sinn meiner Lehre nicht erfasst hast und dass du
deine irrigen Auffassungen der Realität einer anderen und geistigen Ordnung der Dinge im
Königreich anpassen musst?“
(1956.5) 181:2.10 Simon wollte weiter sprechen, aber Jesus erhob seine Hand, um ihm Einhalt zu
gebieten, und fuhr fort: „Keiner meiner Apostel ist aufrichtigeren und ehrlicheren Herzens als du,
aber keiner von ihnen wird nach meinem Weggang so fassungslos und entmutigt sein wie du. In
all deiner Mutlosigkeit wird mein Geist bei dir sein, und diese deine Brüder werden dich nicht
verlassen. Vergiss nicht, was ich dich gelehrt habe über die Beziehung zwischen der
Staatsbürgerschaft auf Erden und der Sohnschaft in des Vaters geistigem Königreich. Überdenke
alles gut, was ich dir darüber gesagt habe, dass man dem Kaiser geben soll, was des Kaisers ist,
und Gott, was Gottes ist. Simon, sei mit deinem Leben ein Beispiel dafür, wie ein sterblicher
Mensch zufriedenstellend meine Aufforderung erfüllen kann, zugleich seiner zeitlichen Pflicht
gegenüber der zivilen Gewalt und seinem geistigen Dienst in der Bruderschaft des Königreichs
gerecht zu werden. Wenn du dem Geist der Wahrheit erlaubst, dich zu lehren, wird es nie einen
Konflikt zwischen den Anforderungen der Staatsbürgerschaft auf Erden und der Sohnschaft im
Himmel geben, es sei denn, die weltlichen Herrscher maßten sich an, von dir die Huldigung und
Anbetung zu verlangen, die einzig Gott zukommt.
(1957.1) 181:2.11 Und dann, Simon, wenn du all das endlich einsiehst, wenn du deine Depression
abgeschüttelt und dich aufgemacht haben wirst, das Evangelium mit großer Macht zu
verkündigen, dann vergiss nie, dass ich immer, auch während der ganzen Phase deiner
Niedergeschlagenheit, bei dir war, und dass ich bis zu allerletzt bei dir sein werde. Du wirst
immer mein Apostel sein, und wenn du einmal bereit bist, mit den Augen des Geistes zu sehen
und deinen Willen stärker dem Willen des Vaters im Himmel unterzuordnen, wirst du an deine
Arbeit als mein Botschafter zurückkehren, und niemand soll die Vollmacht, mit der ich dich
ausgestattet habe, von dir nehmen, weil du so lange brauchtest, um die Wahrheiten zu verstehen,
die ich euch gelehrt habe. Und so warne ich dich noch einmal, Simon, dass die, die mit dem
Schwert kämpfen, durch das Schwert umkommen werden, während die, die im Geiste arbeiten,
das ewige Leben im kommenden Königreich sowie Freude und Frieden im gegenwärtigen
Königreich erhalten werden. Und wenn das deinen Händen anvertraute Werk auf Erden beendet
ist, sollst du dich, Simon, mit mir in meinem jenseitigen Königreich niederlassen. Du sollst das
Königreich, nach dem du dich gesehnt hast, wirklich sehen, aber nicht in diesem Leben. Fahre
fort, an mich zu glauben und an das, was ich euch offenbart habe, und du sollst das Geschenk des
ewigen Lebens erhalten.“
(1957.2) 181:2.12 Als Jesus das Gespräch mit Simon Zelotes beendet hatte, ging er zu Matthäus
Levi weiter und sprach: „Es ist nicht länger deine Aufgabe, Mittel für die Kasse der
apostolischen Gruppe zu beschaffen. Bald, sehr bald, werdet ihr alle überallhin verstreut werden;
die tröstende und stützende Verbindung mit auch nur einem einzigen eurer Brüder wird euch
verwehrt sein. Unterwegs, während ihr dieses Evangelium vom Königreich predigt, werdet ihr
selber nach neuen Mitarbeitern Ausschau halten müssen. Ich habe euch während der
Ausbildungszeit immer zu zweit ausgeschickt, aber jetzt, da ich euch verlasse, und wenn ihr euch
vom Schock erholt habt, werdet ihr allein losziehen müssen, bis ans Ende der Welt, um die gute
Nachricht zu verkünden, dass die Sterblichen, die der Glaube lebendig macht, die Söhne Gottes
sind.“
(1957.3) 181:2.13 Da sprach Matthäus: „Aber, Meister, wer wird uns aussenden, und wie werden
wir erfahren, wohin wir gehen sollen? Wird Andreas uns den Weg weisen?“ Und Jesus
antwortete: „Nein, Levi, Andreas wird euch bei der Verkündigung des Evangeliums nicht mehr
anweisen. Er wird allerdings weiterhin euer Freund und Ratgeber sein bis zu dem Tag, an dem
der neue Lehrer kommt, und dann wird der Geist der Wahrheit jeden von euch außer Landes
führen, damit er an der Ausbreitung des Königreichs arbeite. Viele Veränderungen sind in dir
geschehen seit jenem Tag beim Zollhaus, als du aufbrachst, um mir zu folgen; aber noch viele
weitere müssen geschehen, bevor du dir eine Bruderschaft vorstellen kannst, in der Nichtjuden
Seite an Seite mit Juden brüderlich zusammensitzen. Aber fahre nur fort in deinem Drang, deine
jüdischen Brüder zu gewinnen, bis du völlig zufrieden bist, und dann wende dich mit Macht den
Nichtjuden zu. Einer Sache darfst du ganz gewiss sein, Levi: du hast das Vertrauen und die
Zuneigung deiner Brüder gewonnen; sie lieben dich alle.“ (Und alle zehn gaben ihre
Zustimmung zu den Worten des Meisters zu verstehen.)
(1958.1) 181:2.14 „Levi, ich weiß viel über deine Ängste, Opfer und Mühen, um für eine volle
Kasse zu sorgen, von denen deine Brüder nichts wissen, und ich bin glücklich, dass, obwohl
derjenige, der den Geldbeutel trug, abwesend ist, der Zöllner-Botschafter an meinem
Abschiedstreffen mit den Sendboten des Königreichs zugegen ist. Ich bete darum, du mögest die
Bedeutung meiner Unterweisung mit den Augen des Geistes erkennen. Und wenn der neue
Lehrer in dein Herz einzieht, dann vertraue dich seiner Führung an, und lasse deine Brüder —
und sogar die ganze Welt — sehen, was der Vater für einen verhassten Steuereintreiber tun kann,
der den Mut hatte, dem Menschensohn zu folgen und an das Evangelium vom Königreich zu
glauben. Levi, von Anfang an habe ich dich geliebt wie diese anderen Galiläer. Da du demnach
sehr gut weißt, dass das Ansehen der Person weder für den Vater noch für den Sohn zählt, sieh
zu, dass auch du keine derartigen Unterschiede zwischen denen machst, die durch dein Amt zum
Glauben an das Evangelium gelangen. Und so widme du, Matthäus, dein ganzes künftiges
Lebenswerk der Aufgabe, allen Menschen zu zeigen, dass Gott kein Ansehen der Person kennt;
dass vor Gott und in der Bruderschaft des Königreichs alle Menschen gleich sind und alle
Gläubigen die Söhne Gottes.“
(1958.2) 181:2.15 Dann ging Jesus weiter zu Jakobus Zebedäus, der schweigend dastand, als sich
der Meister mit diesen Worten an ihn wandte: „Jakobus, als du und dein jüngerer Bruder einmal
zu mir kamt und um Bevorzugung bei der Ehrenvergabe im Königreich batet und ich euch sagte,
dass es nur dem Vater zustehe, solche Ehren zu vergeben, fragte ich euch, ob ihr fähig wäret,
meinen Kelch zu trinken, und beide habt ihr bejahend geantwortet. Auch wenn ihr damals dazu
nicht fähig wart, und auch wenn ihr jetzt dazu nicht fähig seid, so werdet ihr doch bald auf einen
solchen Dienst vorbereitet sein durch die Erfahrung, die ihr in Kürze durchmachen müsst. Dein
Verhalten hat deine Brüder damals aufgebracht. Sollten sie dir noch nicht ganz vergeben haben,
so werden sie es tun, wenn sie sehen, dass du meinen Kelch trinkst. Mag dein Dienen von langer
oder kurzer Dauer sein, fasse deine Seele in Geduld. Wenn der neue Lehrer kommt, lasse ihn
dich das Gleichgewicht bei allem Mitgefühl und jene verständnisvolle Toleranz lehren, die aus
dem sublimen Vertrauen in mich und aus der vollkommenen Unterwerfung unter den Willen des
Vaters hervorgehen. Widme dein Leben der Demonstration einer solchen Verbindung
menschlichen Mitfühlens mit der göttlichen Würde eines Jüngers, der Gott kennt und an den
Sohn glaubt. Und alle, die so leben, werden das Evangelium sogar durch die Art und Weise ihres
Sterbens offenbaren. Du und dein Bruder Johannes werdet verschiedene Wege gehen, und einer
von euch wird sich möglicherweise lange vor dem anderen in dem ewigen Königreich zu mir
setzen. Es würde euch viel helfen, wenn ihr lernen würdet, dass wahre Weisheit ebenso sehr
Besonnenheit wie Mut umfasst. Ihr solltet lernen, euer Draufgängertum mit Klugheit zu
verbinden. Es werden solch allerhöchste Augenblicke kommen, in denen meine Jünger nicht
zögern werden, ihr Leben für das Evangelium hinzugeben, aber unter gewöhnlichen Umständen
wäre es weit besser, den Zorn der Ungläubigen zu besänftigen, damit ihr am Leben bleiben und
fortfahren könnt, die frohe Botschaft zu predigen. Soweit es in eurer Macht liegt, lebt lange auf
Erden, damit euer langes Leben fruchtbar sei an Seelen, die für das himmlische Königreich
gewonnen werden.“
(1958.3) 181:2.16 Nachdem der Meister seine Worte an Jakobus Zebedäus beendet hatte, schritt er
um den Tisch herum an das Ende, wo Andreas saß. Er schaute seinem getreuen Helfer in die
Augen und sagte: „Andreas, als amtierendes Haupt der Botschafter des himmlischen Königreichs
hast du mich treu vertreten. Obwohl du manchmal gezweifelt und zu anderen Zeiten gefährliche
Ängstlichkeit gezeigt hast, warst du doch immer sehr gerecht und außerordentlich fair im
Umgang mit deinen Mitarbeitern. Seit deiner und deiner Brüder Weihe als Botschafter des
Königreichs hast du in allen Verwaltungsangelegenheiten der Gruppe selbständig entschieden,
außer dass ich dich zum stellvertretenden Leiter dieser Berufenen bestimmt habe. In keiner
anderen zeitlichen Angelegenheit habe ich irgendetwas getan, um deine Entscheidungen zu
steuern oder zu beeinflussen. Und ich handelte so, damit bei allen euren späteren
Gruppenberatungen für Führung gesorgt sei. In meinem Universum und in meines Vaters
Universum der Universen werden unsere Brüder-Söhne in all ihren geistigen Beziehungen als
Individuen behandelt, aber für alle Gruppenbeziehungen sehen wir unfehlbar eine klare Führung
vor. Unser Königreich ist ein Reich der Ordnung, und wo zwei oder mehr Willensgeschöpfe
zusammenarbeiten, ist immer die Autorität einer Führung vorgesehen.
(1959.1) 181:2.17 Und nun, Andreas, da du aufgrund meiner Ernennung der Vorgesetzte deiner
Brüder bist und in dieser Eigenschaft als mein persönlicher Stellvertreter gedient hast, und da ich
mich anschicke, von euch fort zu meinem Vater zu gehen, entlasse ich dich aus aller
Verantwortung bezüglich dieser zeitlichen und administrativen Angelegenheiten. Von jetzt an
hast du über deine Brüder kein Recht mehr außer dem, welches du dir als geistiger Führer
erworben hast und das deine Brüder aus freien Stücken anerkennen. Von dieser Stunde an hast du
keine Vollmacht mehr über deine Brüder, es sei denn, sie stellten deine Autorität durch einen
förmlichen Beschluss wieder her, nachdem ich zum Vater gegangen bin. Aber diese Entbindung
von der Verantwortung als administratives Haupt der Gruppe vermindert in keiner Weise deine
moralische Verantwortung, alles in deiner Macht Stehende zu tun, um deine Brüder mit fester
und liebevoller Hand zusammenzuhalten während der unmittelbar bevorstehenden Zeit der
Prüfung, während jener Tage, die verstreichen müssen zwischen meinem Abschied vom Leben in
Menschengestalt und der Aussendung des neuen Lehrers, der in euren Herzen leben und euch
schließlich in alle Wahrheit führen wird. Jetzt da ich mich bereitmache, euch zu verlassen,
möchte ich dich von aller administrativen Verantwortung befreien, die mit meiner Anwesenheit
unter euch begann und daraus ihre Autorität bezog. Fortan werde ich über euch und unter euch
nur geistige Autorität ausüben.
(1959.2) 181:2.18 Wenn deine Brüder dich als ihren Ratgeber behalten möchten, so weise ich dich
an, in allen zeitlichen und geistigen Dingen dein Äußerstes zu tun, um unter den verschiedenen
Gruppen von aufrichtigen Evangeliumsgläubigen Frieden und Harmonie zu fördern. Widme den
Rest deines Lebens der Förderung der praktischen Aspekte brüderlicher Liebe unter deinen
Brüdern. Sei freundlich zu meinen leiblichen Brüdern, wenn sie dahin gelangen, ganz an das
Evangelium zu glauben; erweise den Griechen im Westen und Abner im Osten liebevolle und
unvoreingenommene Hingabe. Obwohl diese meine Apostel bald in der ganzen Welt verstreut
sein werden, um dort die gute Nachricht von der Errettung durch die Gottessohnschaft zu
verkündigen, musst du sie in der unmittelbar bevorstehenden kritischen Zeit zusammenhalten, in
dieser Zeit schwerer Prüfung, in der ihr lernen müsst, ohne meine persönliche Gegenwart an das
Evangelium zu glauben, während ihr geduldig auf die Ankunft des neuen Lehrers, des Geistes
der Wahrheit, wartet. Wenn es dir vielleicht auch nicht zufällt, im menschlichen Sinne große
Werke zu tun, so sei bereit, Andreas, Lehrer und Ratgeber derer zu sein, die diese Dinge tun.
Bring dein Werk auf Erden zu Ende, und dann wirst du deinen Dienst im ewigen Königreich
fortsetzen. Denn habe ich euch nicht oft gesagt, dass ich noch andere Schafe außer dieser Herde
habe?“
(1959.3) 181:2.19 Dann ging Jesus weiter zu den Alphäus Zwillingen, stellte sich zwischen sie und
sagte: „Meine kleinen Kinder, ihr seid eines von den drei Brüderpaaren, die sich entschieden
haben, mir zu folgen. Ihr habt alle sechs mit eurem eigen Fleisch und Blut in Frieden
zusammengearbeitet, aber niemand hat es besser getan als ihr. Es stehen uns unmittelbar schwere
Zeiten bevor. Ihr werdet vielleicht nicht alles verstehen, was euch und euren Brüdern
widerfahren wird, aber zweifelt nie daran, dass einst der Ruf an euch ergangen ist, für das
Königreich zu arbeiten. Ihr werdet es eine Zeit lang nicht mit Menschenmengen zu tun haben,
aber lasst euch nicht entmutigen; wenn euer Lebenswerk beendet ist, werde ich euch in der Höhe
empfangen, in deren Herrlichkeit ihr den seraphischen Heerscharen und der Menge hoher
Gottessöhne von eurer Errettung berichten werdet. Weiht euer Leben der Aufwertung
gewöhnlicher und beschwerlicher Arbeit. Zeigt allen Menschen auf Erden und den Engeln des
Himmels, wie ein sterblicher Mensch fröhlich und mutig an seine frühere Arbeit zurückkehren
kann, nachdem er berufen wurde, eine Zeit lang im besonderen Dienst Gottes zu arbeiten. Wenn
euer Einsatz in den äußeren Angelegenheiten des Königreichs jetzt wohl abgeschlossen ist,
solltet ihr an eure frühere Arbeit zurückkehren mit dem neuen Licht der Gotteserfahrung eines
Sohnes und im hohen Bewusstsein, dass es für den, der Gott kennt, etwas Derartiges wie
gewöhnliche Arbeit oder profanes Abmühen nicht gibt. Für euch, die ihr mit mir gearbeitet habt,
sind alle Dinge heilig geworden, und alle irdische Mühsal ist zu einem Dienst an Gott dem Vater
geworden. Und wenn ihr von den Taten eurer früheren apostolischen Mitarbeiter hört, dann freut
euch mit ihnen und verrichtet eure tägliche Arbeit weiter als solche, die auf Gott warten, und
dienen, während sie warten. Ihr seid meine Apostel gewesen, und ihr werdet es immer bleiben,
und ich werde mich im kommenden Königreich eurer erinnern.“
(1960.1) 181:2.20 Und dann ging Jesus zu Philipp weiter, der aufstand und sich folgende Botschaft
seines Meisters anhörte: „Philipp, du hast mir viele unkluge Fragen gestellt, aber ich habe mein
Möglichstes getan, sie alle zu beantworten; und jetzt möchte ich die letzte dieser Fragen
beantworten, die in deinem grundehrlichen, aber ungeistigen Sinn aufgetaucht ist. Während ich
bis zu dir gekommen bin, hast du unablässig zu dir gesagt: ‚Was soll ich nur tun, wenn der
Meister weggeht und uns allein in der Welt lässt?‘ Oh du Kleingläubiger! Und doch hast du fast
soviel Glauben wie viele deiner Brüder. Du bist ein guter Haushälter gewesen, Philipp. Du hast
uns nur wenige Male enttäuscht, und einen dieser Versager nutzten wir dazu, die Herrlichkeit des
Vaters zu offenbaren. Dein Amt als Haushälter geht jetzt zu Ende. Bald musst du dich
ausschließlicher dem Werk widmen, zu dem du berufen worden bist — der Predigt des
Evangeliums vom Königreich. Philipp, du hast immer gewünscht, dass man dir die Dinge zeige,
und sehr bald wirst du große Dinge sehen. Es wäre weit besser gewesen, du hättest all das durch
den Glauben gesehen, aber da du bei all deiner materiellen Sicht der Dinge aufrichtig gewesen
bist, wirst du erleben, dass sich meine Worte erfüllen. Und wenn du einmal mit geistiger Sicht
gesegnet sein wirst, dann mache dich an dein Werk und widme dein Leben der Aufgabe, die
Menschheit dazu zu führen, mit dem Auge des geistigen Glaubens und nicht mit den Augen des
materiellen Sinnes nach Gott zu suchen und nach den ewigen Realitäten Ausschau zu halten.
Denke daran, Philipp, du hast eine große Sendung auf Erden, denn die Welt ist voll von solchen,
die das Leben gerade so sehen, wie du es zu sehen geneigt warst. Du hast ein großes Werk zu
tun, und wenn es einmal im Glauben vollbracht ist, sollst du zu mir in mein Königreich kommen,
und ich werde dir mit großer Freude zeigen, was das Auge nicht gesehen, das Ohr nicht gehört
und der menschliche Verstand sich nicht vorgestellt hat. Werde in der Zwischenzeit wie ein
kleines Kind im Königreich des Geistes und erlaube mir, als dem Geist des neuen Lehrers, dich
in dem geistigen Königreich vorwärts zuführen. Und auf diese Weise werde ich vieles für dich
tun können, was zu tun ich außerstande war, während ich als Sterblicher dieser Welt bei euch
weilte. Und denke immer daran, Philipp, wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“
(1960.2) 181:2.21 Dann ging der Meister weiter zu Nathanael. Als Nathanael sich erhob, hieß Jesus
ihn sich setzen, worauf er sich an seiner Seite niederließ und zu ihm sagte: „Nathanael, du hast
gelernt, dich über Vorurteile hinwegzusetzen und in wachsendem Maße Toleranz zu üben, seit du
mein Apostel geworden bist. Aber du musst noch viel mehr dazulernen. Du bist für deine
Gefährten ein Segen gewesen, weil deine beständige Aufrichtigkeit für sie immer eine Mahnung
war. Es könnte sein, dass deine offene Sprache nach meinem Fortgang dein gutes Einvernehmen
mit deinen Brüdern, alten wie neuen, beeinträchtigt. Du solltest lernen, dass die Äußerung auch
eines guten Gedankens jeweils dem intellektuellen Vermögen und der geistigen Entwicklung des
Hörers angepasst werden muss. Aufrichtigkeit ist in der Arbeit für das Königreich äußerst
nützlich, wenn sie mit Taktgefühl einhergeht.
(1961.1) 181:2.22 Wenn du lernen würdest, mit deinen Brüdern zusammenzuarbeiten, könntest du
bleibendere Dinge vollbringen, aber wenn du deine Fähigkeit darin erblickst, nach jenen zu
suchen, die denken wie du, dann weihe dein Leben der Aufgabe zu beweisen, dass der Jünger,
der Gott kennt, am Bau des Königreichs mitwirken kann, auch wenn er allein in der Welt und
von seinen Glaubensbrüdern völlig getrennt ist. Ich weiß, du wirst treu sein bis ans Ende, und ich
werde dich eines Tages willkommen heißen zu größerem Dienst in meinem Königreich in der
Höhe.“
(1961.2) 181:2.23 Da richtete Nathanael an Jesus diese Frage: „Seit du mich zum Dienst an diesem
Königreich berufen hast, habe ich deiner Unterweisung immer zugehört, aber ich kann, ehrlich
gesagt, die volle Bedeutung von allem, was du uns sagst, nicht verstehen. Ich weiß nicht, worauf
ich mich als Nächstes gefasst machen muss, und ich denke, dass die meisten meiner Brüder
ebenso ratlos sind, aber zögern, ihre Verwirrung einzugestehen. Kannst du mir helfen?“ Jesus
legte seine Hand auf Nathanaels Schulter und sagte: „Mein Freund, es ist nicht verwunderlich,
dass du ratlos bist bei deinem Versuch, die Bedeutung meiner geistigen Lehren zu erfassen, da du
durch die festen Vorstellungen der jüdischen Tradition so sehr behindert bist und dich deine
beharrliche Neigung, mein Evangelium gemäß den Lehren der Schriftgelehrten und Pharisäer
auszulegen, so sehr verwirrt.
(1961.3) 181:2.24 Ich habe euch vieles durch das gesprochene Wort gelehrt, und ich habe mein
Leben in eurer Mitte gelebt. Ich habe alles getan, was getan werden kann, um euren Verstand zu
erhellen und eure Seelen zu befreien, und ihr müsst euch jetzt bereitmachen, all das, was ihr
meinen Lehren und meinem Leben nicht entnehmen konntet, durch den Meister aller Lehrer —
die tatsächliche Erfahrung — zu erwerben. Und in dieser ganzen neuen Erfahrung, die jetzt auf
euch wartet, werde ich euch vorangehen, und der Geist der Wahrheit wird bei euch sein. Habt
keine Angst; was ihr jetzt nicht verstehen könnt, wird euch der neue Lehrer, wenn er einmal
gekommen ist, während des Rests eures Erdenlebens und während eurer Schulung in den ewigen
Zeitaltern offenbaren.“
(1961.4) 181:2.25 Und dann wandte sich der Meister an alle und sagte: „Lasst euch nicht beirren,
auch wenn ihr die ganze Bedeutung des Evangeliums nicht erfassen könnt. Ihr seid nur endliche,
sterbliche Menschen, und das, was ich euch gelehrt habe, ist unendlich, göttlich und ewig. Seid
geduldig und guten Mutes, da ihr die ewigen Zeitalter vor euch habt, um weiter Schritt für Schritt
die Erfahrung machen zu können, vollkommen zu werden, wie euer Vater im Paradies
vollkommen ist.“
(1962.1) 181:2.26 Und dann ging Jesus auf Thomas zu, der aufstand und ihn Folgendes sagen hörte:
„Thomas, es hat dir oft an Glauben gefehlt; aber wenn du auch Phasen des Zweifels
durchgemacht hast, so hat es dir doch nie an Mut gefehlt. Ich weiß sehr wohl, dass falsche
Propheten und unechte Lehrer dich nicht täuschen werden. Nach meinem Weggang werden deine
Brüder deine kritische Betrachtungsweise neuer Lehren umso mehr zu schätzen wissen. Und
wenn ihr alle in der kommenden Zeit bis ans Ende der Welt zerstreut seid, dann denke daran,
dass du immer noch mein Botschafter bist. Weihe dein Leben der großen Aufgabe zu zeigen, wie
der kritische materielle Verstand des Menschen über die Trägheit intellektuellen Zweifelns siegen
kann, wenn er gewahrt, wie sich die lebendige Wahrheit in geistgeborenen Männern und Frauen
kundtut, die in ihrem Leben die Früchte des Geistes hervorbringen und einander lieben, wie ich
euch geliebt habe. Thomas, ich bin glücklich, dass du zu uns gestoßen bist, und ich weiß, dass du
nach einer kurzen Phase der Fassungslosigkeit im Dienst am Königreich weiterfahren wirst.
Deine Zweifel haben deine Brüder verunsichert, aber sie haben mich nie beunruhigt. Ich habe
Vertrauen in dich, und ich werde dir vorausgehen, sogar bis in die entlegensten Gegenden der
Erde.“
(1962.2) 181:2.27 Dann ging der Meister zu Simon Petrus weiter, der sich erhob, als Jesus das Wort
an ihn richtete: „Petrus, ich weiß, dass du mich liebst und dass du dein Leben der öffentlichen
Verkündigung des Evangeliums vom Königreich an Juden und Nichtjuden widmen wirst, aber
ich bin betrübt, dass all die Jahre einer so engen Verbindung mit mir dir nicht besser geholfen
haben, jeweils zu überlegen, bevor du sprichst. Durch welche Erfahrung musst du noch gehen,
bevor du lernst, deine Zunge zu hüten? Wie viel Sorge hat uns dein gedankenloses Reden, dein
anmassendes Selbstvertrauen gemacht! Und du wirst dir selber mit Sicherheit noch viel mehr
Schwierigkeiten zuziehen, wenn du dieser Schwäche nicht Herr wirst. Du weißt, dass deine
Brüder dich trotz dieses Schwachpunktes lieben, und du solltest auch verstehen, dass diese
Unzulänglichkeit meine Liebe zu dir in keiner Weise beeinträchtigt, aber sie mindert deine
Brauchbarkeit und wird dir Unannehmlichkeiten ohne Ende bereiten. Aber zweifellos wird dir
die Erfahrung, die du noch in dieser Nacht durchmachen musst, von großer Hilfe sein. Und was
ich dir jetzt sage, Simon Petrus, sage ich genauso zu all deinen hier versammelten Brüdern: In
dieser Nacht werdet ihr alle in großer Gefahr sein, wegen mir zu straucheln. Ihr wisst, dass
geschrieben steht: ‚Der Hirte wird geschlagen und die Schafe weit herum zersprengt werden‘. In
meiner Abwesenheit besteht für einige von euch große Gefahr, Zweifeln zu erliegen und zu
straucheln wegen dessen, was mir widerfahren wird. Aber ich verspreche euch jetzt, dass ich für
kurze Zeit zu euch zurückkehren und euch dann nach Galiläa vorausgehen werde.“
(1962.3) 181:2.28 Da sagte Petrus, indem er die Hand auf Jesu Schulter legte: „Selbst wenn alle
meine Brüder deinetwegen Zweifeln erliegen sollten, verspreche ich, dass, was immer du auch
tun magst, ich nicht straucheln werde. Ich werde mit dir gehen und, wenn nötig, für dich
sterben.“
(1962.4) 181:2.29 Als Petrus so vor seinem Meister stand, zitternd vor starker Erregung und
überquellend von echter Liebe zu ihm, blickte Jesus ihm in die tränenfeuchten Augen und sagte:
„Petrus, wahrlich, wahrlich, ich sage dir, in dieser Nacht wird der Hahn nicht krähen, bevor du
mich drei- oder viermal verleugnet hast. Und so wirst du, was du in friedlicher Zusammenarbeit
mit mir nicht gelernt hast, durch viele Sorgen und Leiden lernen. Aber nachdem du diese
nützliche Lektion wirklich gelernt haben wirst, solltest du deine Brüder stärken und weiterhin ein
Dasein leben, das der Predigt des Evangeliums geweiht ist, auch wenn du in Gefangenschaft
geraten und mir vielleicht darin nachfolgen solltest, bei der Errichtung des Königreichs des
Vaters den höchsten Preis liebenden Dienstes zu bezahlen.
(1962.5) 181:2.30 Aber denkt an mein Versprechen: Nachdem ich auferstanden bin, werde ich eine
Zeitlang bei euch verweilen, bevor ich zum Vater gehe. Noch diese Nacht werde ich den Vater
anflehen, einen jeden von euch im Hinblick auf das zu stärken, was ihr so bald durchmachen
werdet. Ich liebe euch alle mit der Liebe, mit welcher der Vater mich liebt, und deshalb solltet ihr
einander fortan so lieben, wie ich euch geliebt habe.“
(1962.6) 181:2.31 Sie sangen noch eine Hymne und machten sich dann auf zum Lager auf dem
Ölberg.
www.urantia.org/
Das Urantia Buch
Schrift 182
In Gethsemane
(1963.1) 182:0.1 ES WAR gegen zehn Uhr abends, als Jesus an diesem Donnerstag die elf Apostel
vom Hause des Elija und der Maria Markus zum Lager in Gethsemane zurückführte. Seit dem
Tag in den Bergen hatte Johannes Markus es sich zur Aufgabe gemacht, stets ein wachsames
Auge auf Jesus zu haben. Johannes, der dringend Schlaf brauchte, hatte sich während der paar
Stunden, die der Meister mit seinen Aposteln im oberen Raum verbrachte, ausruhen können; aber
als er sie herunterkommen hörte, stand er auf, warf sich rasch einen leinenen Mantel um und
folgte ihnen durch die Stadt und über den Bach Kidron bis zu ihrem privaten Lagerplatz gleich
neben dem Garten Gethsemane. Und Johannes Markus blieb dem Meister diese Nacht und den
nächsten Tag über so nahe, dass er Zeuge von allem wurde und vieles von dem hörte, was der
Meister von da an bis zu der Stunde der Kreuzigung sagte.
(1963.2) 182:0.2 Während Jesus und die Elf dem Lager zustrebten, begannen sich die Apostel
darüber zu wundern, was die sich hinziehende Abwesenheit von Judas zu bedeuten hatte, und sie
sprachen miteinander über die Vorhersage des Meisters, dass einer von ihnen ihn verraten würde,
und zum ersten Mal hatten sie den Verdacht, dass mit Judas Iskariot nicht alles in Ordnung sei.
Aber sie enthielten sich offener Bemerkungen über ihn, bis sie das Lager erreichten und
feststellten, dass er nicht da war, um sie zu empfangen. Als sie alle in Andreas drangen, um zu
erfahren, was mit Judas los sei, bemerkte ihr Chef nur: „Ich weiß nicht, wo Judas ist, aber ich
befürchte, er hat uns verlassen.“
1. Das letzte Gruppengebet
(1963.3) 182:1.1 Wenige Augenblicke nach ihrer Ankunft im Lager sagte Jesus zu ihnen: „Meine
Freunde und Brüder, ich bin jetzt nur noch ganz kurze Zeit bei euch, und ich wünsche, dass wir
uns zurückziehen, um von unserem Vater im Himmel Kraft zu erbitten, damit er uns in dieser
Stunde und danach bei dem ganzen Werk beistehe, das wir in seinem Namen tun müssen.“
(1963.4) 182:1.2 Nach diesen Worten führte Jesus sie eine kurze Wegstrecke den Ölberg hinauf,
und hier, mit dem Blick auf ganz Jerusalem, hieß er sie auf einem großen flachen Felsen im
Kreis um ihn herum niederknien, wie sie es am Tag ihrer Weihe getan hatten; und als er so,
überflutet vom weichen Mondlicht, in ihrer Mitte stand, hob er seine Augen zum Himmel und
betete:
(1963.5) 182:1.3 „Vater, meine Stunde ist gekommen; verherrliche jetzt deinen Sohn, auf dass der
Sohn dich verherrliche. Ich weiß, dass du mir volle Autorität über alle lebendigen Geschöpfe
meines Reichs gegeben hast, und ich will allen, die durch den Glauben Söhne Gottes werden
wollen, das ewige Leben schenken. Und das ewige Leben ist, dass dich meine Geschöpfe als den
einzigen wahren Gott und Vater aller kennen und an den glauben, den du in die Welt gesandt
hast. Vater, ich habe dich auf Erden aufs höchste verehrt und das Werk erfüllt, das du mir
aufgetragen hast. Ich habe meine Hingabe an die Kinder unserer eigenen Schöpfung beinahe
vollendet; es bleibt mir nur noch, mein sterbliches Leben abzulegen. Und jetzt, oh mein Vater,
verherrliche mich in der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, noch ehe diese Welt war, und
empfange mich wiederum zu deiner Rechten.
(1964.1) 182:1.4 Ich habe dich den Männern offenbart, die du in der Welt ausgesucht und mir
gegeben hast. Sie gehören dir — so wie alles Leben in deinen Händen ist — du hast sie mir
gegeben, und ich habe unter ihnen gelebt und sie die Wege des Lebens gelehrt, und sie haben
geglaubt. Diese Männer lernen jetzt, dass alles, was ich habe, von dir kommt, und dass das
Leben, das ich in Menschengestalt lebe, dazu dient, dass die Welten meinen Vater kennenlernen.
Ich habe ihnen die Wahrheit offenbart, die du mir gegeben hast. Diese meine Freunde und
Botschafter haben aufrichtig gewünscht, dein Wort zu empfangen. Ich habe ihnen gesagt, dass
ich von dir gekommen bin, dass du mich in diese Welt gesandt hast, und dass ich im Begriff bin,
zu dir zurückzukehren. Vater, ich bete für diese auserwählten Männer. Und ich bete für sie nicht
so, wie ich für die Welt beten würde, sondern wie für diejenigen, die ich in der Welt ausgewählt
habe, damit sie mich der Welt gegenüber vertreten, wenn ich an deine Arbeit zurückgekehrt bin,
gerade so wie ich dich in dieser Welt während meines Aufenthaltes als Mensch vertreten habe.
Diese Männer sind mein; du hast sie mir gegeben; aber alles, was mein ist, ist ewig dein, und
alles, was dein war, hast du mir jetzt übergeben. Du bist in mir gepriesen worden, und ich bete
jetzt darum, in diesen Männern geehrt zu werden. Ich kann nicht länger in dieser Welt bleiben;
ich bin im Begriff, an die Arbeit zurückzukehren, die zu tun du mir aufgetragen hast. Ich muss
diese Männer zurücklassen, damit sie uns und unser Königreich unter den Menschen vertreten.
Vater, halte diese Männer im Glauben, jetzt, da ich mich bereitmache, mein sterbliches Leben
aufzugeben. Hilf diesen meinen Freunden, im Geiste eins zu sein, so wie wir eins sind. So lange
ich bei ihnen sein konnte, konnte ich über sie wachen und sie führen, aber jetzt bin ich dabei
wegzugehen. Sei ihnen nahe, Vater, bis wir ihnen den neuen Lehrer schicken können, um sie zu
trösten und zu stärken.
(1964.2) 182:1.5 Du hast mir zwölf Männer gegeben, und ich habe sie alle behalten außer einem,
dem Sohn der Rache, der nicht länger mit uns sein wollte. Diese Männer sind schwach und
verletzlich, aber ich weiß, dass wir ihnen vertrauen können; ich habe sie geprüft; sie lieben mich,
wie sie auch dich verehren. Da sie um meinetwillen viel werden leiden müssen, wünsche ich,
dass sie ebenfalls erfüllt seien von der Freude über ihre sichere Sohnschaft im himmlischen
Königreich. Ich habe diesen Männern dein Wort gegeben und habe sie die Wahrheit gelehrt. Die
Welt mag sie hassen, wie sie mich gehasst hat, aber ich bitte dich nicht, sie aus der Welt zu
nehmen, sondern nur, sie vor dem Bösen der Welt zu bewahren. Heilige sie in der Wahrheit; dein
Wort ist Wahrheit. Und so wie du mich in diese Welt gesandt hast, will ich diese Männer jetzt in
die Welt hinausschicken. Um ihretwillen habe ich unter den Menschen gelebt und mein Leben
deinem Dienst geweiht, damit ich sie dazu inspiriere, sich durch die Wahrheit läutern zu lassen,
die ich sie gelehrt habe, und durch die Liebe, die ich ihnen offenbart habe. Ich weiß sehr wohl,
mein Vater, dass ich dich nicht zu bitten brauche, nach meinem Weggang über diese Brüder zu
wachen; ich weiß, dass du sie ebenso sehr liebst wie ich, aber ich tue es, damit es ihnen besser
zum Bewusstsein komme, dass der Vater die sterblichen Menschen ebenso liebt wie der Sohn.
(1964.3) 182:1.6 Und nun, mein Vater, möchte ich nicht nur für diese elf Männer beten, sondern
auch für all die anderen, die jetzt schon an das Evangelium vom Königreich glauben oder dank
dem zukünftigen Wirken meiner Apostel später zum Glauben daran kommen werden. Ich will,
dass sie alle eins sind, wie du und ich eins sind. Du bist in mir, und ich bin in dir, und ich
wünsche, dass diese Gläubigen ebenso in uns sind und dass dein und mein Geist in ihnen
wohnen. Wenn meine Kinder eins sind, so wie wir eins sind, und wenn sie einander so lieben,
wie ich sie geliebt habe, werden alle Menschen glauben, dass ich von dir gekommen bin, und sie
werden willig sein, die Offenbarung von Wahrheit und Herrlichkeit zu empfangen, die ich
gemacht habe. Die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, habe ich diesen Gläubigen offenbart.
So wie du mit mir im Geist gelebt hast, habe ich mit ihnen im Fleisch gelebt. So wie du mit mir
eins gewesen bist, bin ich mit ihnen eins gewesen, und so wird auch der neue Lehrer auf immer
eins sein mit ihnen und in ihnen. Und all das habe ich getan, damit meine sterblichen Brüder
wissen, dass der Vater sie ebenso sehr liebt wie der Sohn, und dass du sie ebenso sehr liebst wie
mich. Vater, wirke mit mir, um diese Gläubigen zu retten, damit sie bald zu mir in die
Herrlichkeit kommen und dann weitergehen mögen, um dich in der Umfangung des Paradieses
zu finden. Diejenigen, die mit mir in der Erniedrigung dienen, möchte ich bei mir in der
Herrlichkeit haben, auf dass sie alles sehen, was du in meine Hände gelegt hast als ewige Ernte
des in der Zeit gesäten und fleischgewordenen Samens. Ich sehne mich danach, meinen irdischen
Brüdern die Herrlichkeit zu zeigen, die ich mit dir teilte, ehe diese Welt geschaffen wurde. Diese
Welt weiß sehr wenig über dich, gerechter Vater, aber ich kenne dich, und durch mich kennen
dich jetzt diese Gläubigen, und durch sie werden andere Generationen deinen Namen kennen.
Und jetzt verspreche ich ihnen, dass du bei ihnen sein wirst in der Welt, wie du bei mir gewesen
bist — so sei es.“
(1965.1) 182:1.7 Einige Minuten lang verharrten die Elf im Kreis um Jesus kniend, bevor sie
aufstanden und schweigend in das nahe Lager zurückgingen.
(1965.2) 182:1.8 Jesus betete für Einheit unter seinen Anhängern, aber er wünschte keine
Einheitlichkeit. Sünde führt auf eine tote Ebene schlimmer Trägheit, aber Rechtschaffenheit
nährt den schöpferischen Geist individueller Erfahrung in den lebendigen Realitäten der ewigen
Wahrheit und in dem zunehmenden Kontakt mit dem Geist des Vaters und dem Geist des Sohnes.
In der geistigen Gemeinschaft des gläubigen Sohnes mit dem göttlichen Vater kann es nie
dogmatische Endgültigkeit oder sektiererisches, überhebliches Gruppenbewusstsein geben.
(1965.3) 182:1.9 Der Meister spielte in diesem letzten Gebet mit den Aposteln auf die Tatsache an,
dass er der Welt den Namen des Vaters kundgetan hatte. Und das hat er wahrhaftig getan, indem
er Gott durch sein vervollkommnetes inkarniertes Leben offenbart hat. Der Vater im Himmel
hatte versucht, sich Moses zu offenbaren, aber er konnte nicht weitergehen, als sagen zu lassen:
„ICH BIN“. Und als jener in ihn drang, sich eindeutiger zu offenbaren, wurde nur enthüllt „ICH
BIN, DER ICH BIN“. Aber als Jesus sein Leben auf Erden beendet hatte, war der Name des
Vaters in einer Weise offenbart worden, dass der Meister, der die Inkarnation des Vaters war, der
Wahrheit gemäß sagen konnte:
(1965.4) 182:1.10 Ich bin das Brot des Lebens.
(1965.5) 182:1.11 Ich bin das lebendige Wasser.
(1965.6) 182:1.12 Ich bin das Licht der Welt.
(1965.7) 182:1.13 Ich bin das Verlangen aller Zeitalter.
(1965.8) 182:1.14 Ich bin die offene Tür zur ewigen Rettung.
(1965.9) 182:1.15 Ich bin die Realität endlosen Lebens.
(1965.10) 182:1.16 Ich bin der gute Hirte.
(1965.11) 182:1.17 Ich bin der Pfad zur unendlichen Vollkommenheit.
(1965.12) 182:1.18 Ich bin die Auferstehung und das Leben.
(1965.13) 182:1.19 Ich bin das Geheimnis des ewigen Lebens.
(1965.14) 182:1.20 Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.
(1965.15) 182:1.21 Ich bin der unendliche Vater meiner endlichen Kinder.
(1965.16) 182:1.22 Ich bin der wahre Weinstock; ihr seid die Reben.
(1965.17) 182:1.23 Ich bin die Hoffnung aller, die die lebendige Wahrheit kennen.
(1965.18) 182:1.24 Ich bin die lebendige Brücke von einer Welt zur anderen.
(1965.19) 182:1.25 Ich bin die lebendige Verbindung zwischen Zeit und Ewigkeit.
(1965.20) 182:1.26 So erweiterte Jesus die lebendige Offenbarung des Namens Gottes für alle
Generationen. So wie die göttliche Liebe die Natur Gottes offenbart, enthüllt die ewige Wahrheit
seinen Namen in ständig wachsendem Maß.
2. Die letzte Stunde vor dem Verrat
(1966.1) 182:2.1 Die Apostel erlitten einen großen Schock, als sie in ihr Lager zurückkehrten und
Judas nicht vorfanden. Während die Elf in einer hitzigen Diskussion über ihren verräterischen
Apostelgefährten waren, nahmen David Zebedäus und Johannes Markus Jesus zur Seite und
eröffneten ihm, dass sie Judas seit mehreren Tagen beobachtet hätten und wüssten, dass er
beabsichtige, ihn den Händen seiner Feinde auszuliefern. Jesus hörte sie an, sagte aber nur:
„Meine Freunde, nichts kann dem Menschensohn zustoßen, außer der Vater im Himmel will es
so. Seid nicht beunruhigt in euren Herzen; alle Dinge werden zusammenwirken zur
Verherrlichung Gottes und zur Rettung der Menschen“.
(1966.2) 182:2.2 Die Fröhlichkeit wich von Jesus. Während die Zeit zerrann, wurde er immer
ernster, ja bekümmert. Die Apostel waren sehr erregt und nicht willens, in ihre Zelte
zurückzukehren, nicht einmal, als der Meister selber sie dazu aufforderte. Als er von seinem
Gespräch mit David und Johannes zurückkehrte, richtete er seine letzten Worte an alle elf:
„Meine Freunde, begebt euch zur Ruhe. Bereitet euch auf das morgige Tagewerk vor. Denkt
daran, wir sollten uns alle dem Willen des Vaters im Himmel unterwerfen. Meinen Frieden lasse
ich euch.“ Und nachdem er so gesprochen hatte, forderte er sie durch einen Wink auf, in ihre
Zelte zu gehen; aber als sie gingen, rief er Petrus, Jakobus und Johannes zu sich und sagte: „Ich
wünsche, dass ihr eine kleine Weile bei mir bleibt.“
(1966.3) 182:2.3 Die Apostel fielen nur deshalb in Schlaf, weil sie buchstäblich erschöpft waren.
Seit ihrer Ankunft in Jerusalem hatten sie ständig zu wenig geschlafen. Bevor sie ihre getrennten
Nachtquartiere aufsuchten, führte Simon Zelotes sie alle in sein Zelt, wo die Schwerter und
anderen Waffen gelagert waren, und übergab einem jeden eine Kampfausrüstung. Alle nahmen
die Waffen entgegen und gürteten sich damit mit Ausnahme Nathanaels. Nathanael lehnte es ab,
sich zu bewaffnen, mit den Worten: „Meine Brüder, der Meister hat uns wiederholt gesagt, dass
sein Königreich nicht von dieser Welt ist und seine Jünger nicht mit dem Schwert kämpfen
sollen, um die Errichtung des Königreichs herbeizuführen. Ich glaube das; ich denke nicht, dass
der Meister es nötig hat, dass wir zu seiner Verteidigung zum Schwert greifen. Wir haben alle
seine große Macht gesehen und wissen, dass er sich gegen seine Feinde verteidigen könnte, wenn
er es wünschte. Wenn er seinen Feinden nicht widerstehen will, so bestimmt deshalb, weil ein
solches Verhalten sein Bemühen ausdrückt, den Willen des Vaters zu erfüllen. Ich werde beten,
aber ich werde nicht das Schwert führen.“ Als Andreas Nathanael so sprechen hörte, gab er
Simon Zelotes sein Schwert zurück. Und so waren neun von ihnen bewaffnet, als sie sich für die
Nacht trennten.
(1966.4) 182:2.4 Im Augenblick verdrängte die Empörung über die Verräterrolle von Judas in den
Aposteln jeden anderen Gedanken. Die in des Meisters letztem Gebet enthaltene Bemerkung
bezüglich Judas öffnete ihre Augen für die Tatsache, dass er sie verlassen hatte.
(1966.5) 182:2.5 Nachdem die acht Apostel endlich in ihre Zelte gegangen waren, während Petrus,
Jakobus und Johannes dastanden und auf des Meisters Befehle warteten, rief Jesus David
Zebedäus zu: „Schicke mir deinen schnellsten und zuverlässigsten Boten.“ Als David einen
gewissen Jakob, der früher ein Läufer im nächtlichen Botendienst zwischen Jerusalem und
Bethsaida gewesen war, vor den Meister brachte, sagte Jesus zu diesem: „Eile, so schnell du
kannst, zu Abner nach Philadelphia und sage ihm: ‚Der Meister sendet dir Grüße des Friedens
und sagt, dass die Stunde gekommen ist, da er in die Hände seiner Feinde ausgeliefert wird, die
ihn töten werden, aber dass er von den Toten auferstehen und euch kurz erscheinen wird, bevor
er zum Vater geht, und dass er euch führen wird bis zu der Zeit, da der neue Lehrer kommt, um
in euren Herzen zu wohnen.‘“ Und nachdem Jakob diese Botschaft zu des Meisters Zufriedenheit
nachgesprochen hatte, schickte Jesus ihn mit den Worten auf den Weg: „Befürchte nicht, jemand
könnte dir etwas antun, Jakob, denn ein unsichtbarer Bote wird in dieser Nacht an deiner Seite
laufen.“
(1967.1) 182:2.6 Dann wandte sich Jesus an das Haupt der griechischen Besucher, die mit ihnen im
Lager waren, und sagte zu ihm: „Mein Bruder, lass dich durch das, was jetzt unmittelbar
geschehen wird, nicht aus der Fassung bringen, denn ich habe dich schon vorgewarnt. Der
Menschensohn wird auf Veranlassung seiner Feinde, der obersten Priester und Führer der Juden,
hingerichtet werden, aber ich werde auferstehen und kurze Zeit bei euch sein, bevor ich zum
Vater gehe. Und wenn du all das sich ereignen siehst, dann verherrliche Gott und stärke deine
Brüder.“
(1967.2) 182:2.7 Unter gewöhnlichen Umständen hätten die Apostel dem Meister persönlich eine
gute Nacht gewünscht, aber an diesem Abend waren sie so sehr mit der plötzlichen Erkenntnis
von Judas‘ Abtrünnigkeit beschäftigt und standen derart unter dem Eindruck der ungewöhnlichen
Art des Abschiedsgebets ihres Meisters, dass sie seinen Abschiedsgruß nur anhörten und
schweigend weggingen.
(1967.3) 182:2.8 Und Jesus sagte zu Andreas, als er an diesem Abend von ihm ging: „Andreas, tue
alles, was du kannst, um deine Brüder zusammenzuhalten, bis ich wieder zu euch zurückkomme,
nachdem ich diesen Kelch getrunken habe. Stärke deine Brüder, da ich dir bereits alles gesagt
habe. Friede sei mit dir.“
(1967.4) 182:2.9 Keiner der Apostel erwartete, dass sich in dieser Nacht irgendetwas
Ungewöhnliches zutragen würde, da es schon so spät war. Sie versuchten zu schlafen, um am
Morgen zeitig aufstehen zu können und auf das Schlimmste vorbereitet zu sein. Sie dachten, die
Priesterführer würden versuchen, ihren Meister frühmorgens festzunehmen, da man am
Vorbereitungstag des Passahfestes vom Mittag an nie irgendeiner weltlichen Beschäftigung
nachging. Nur David Zebedäus und Johannes Markus wussten, dass Jesu Feinde mit Judas noch
in dieser Nacht kommen würden.
(1967.5) 182:2.10 David hatte verfügt, dass er selber diese Nacht am oberen Pfad, der zur Straße
von Bethanien nach Jerusalem führte, Wache hielt, während Johannes Markus die Straße, die
vom Kidron nach Gethsemane hinaufführte, zu überwachen hatte. Bevor David an seine
selbstauferlegte Aufgabe ging und den Vorposten bezog, nahm er von Jesus mit den Worten
Abschied: „Meister, mein Dienst für dich hat mir große Freude gemacht. Meine Brüder sind
deine Apostel, aber ich war glücklich, die geringeren Dinge so zu tun, wie sie getan werden
mussten, und ich werde dich von ganzem Herzen vermissen, wenn du gegangen bist.“ Da sagte
Jesus zu David: „David, mein Sohn, andere haben getan, was man ihnen zu tun gebot, aber
diesen Dienst hast du aus Herzensbedürfnis getan, und deine Hingabe ist mir nicht entgangen.
Auch du sollst eines Tages mit mir im ewigen Königreich dienen.“
(1967.6) 182:2.11 Und dann, als David sich anschickte, am oberen Pfad auf Wache zu gehen, sagte
er zu Jesus: „Weißt du, Meister, ich habe nach deiner Familie geschickt, und ein Bote hat mir die
Nachricht gebracht, dass sie heute abend in Jericho sind. Sie werden morgen Vormittag hier sein,
da es für sie gefährlich wäre, des Nachts die unsichere Straße heraufzukommen.“ Und Jesus
blickte auf David herab und sagte nur: „So sei es, David.“
(1967.7) 182:2.12 Nachdem David den Ölberg hinaufgegangen war, nahm Johannes Markus seine
Wache in der Nähe der Straße auf, die am Bach entlang nach Jerusalem führte. Und Johannes
wäre an diesem Posten geblieben, hätte ihn nicht so heftig danach verlangt, Jesus nahe zu sein
und zu wissen, was vor sich ging. Kurz nachdem David ihn verlassen und er beobachtet hatte,
wie Jesus sich mit Petrus, Jakobus und Johannes in eine nahe Schlucht zurückzog, wurde er
dermaßen von einer Mischung aus Hingabe und Neugier übermannt, dass er seinen Wachtposten
aufgab und ihnen folgte. Er verbarg sich im Gebüsch, von wo aus er alles sehen und hören
konnte, was in diesen letzten Augenblicken im Garten vor sich ging, unmittelbar bevor Judas und
die bewaffneten Wächter erschienen, um Jesus zu verhaften.
(1968.1) 182:2.13 Während sich all das im Lager des Meisters zutrug, besprach sich Judas Iskariot
mit dem Hauptmann der Tempelwächter, der seine Männer bereits versammelt hatte, um sich
unter Führung des Verräters zu Jesu Verhaftung aufzumachen.
3. Allein in Gethsemane
(1968.2) 182:3.1 Nachdem im Lager alles still und ruhig geworden war, nahm Jesus Petrus,
Jakobus und Johannes mit sich und stieg ein kurzes Wegstück weit in eine nahe Schlucht hinauf,
wohin er oft zu Gebet und Zwiesprache gegangen war. Es konnte den drei Aposteln nicht
verborgen bleiben, dass er sehr bedrückt war; nie zuvor hatten sie ihren Meister so schwer
beladen und kummervoll gesehen. Als sie am Ort, wo er zu beten pflegte, angelangt waren, gebot
er den Dreien, sich zu setzen und mit ihm zu wachen, während er sich nur ein kurzes Stück
entfernte, um zu beten. Er ließ sich mit dem Gesicht zur Erde niederfallen und betete: „Mein
Vater, ich bin in diese Welt gekommen, um deinen Willen zu tun, und das habe ich getan. Ich
weiß, dass jetzt die Stunde gekommen ist, mein irdisches Leben abzulegen, und ich schrecke
nicht davor zurück, aber ich möchte wissen, ob es dein Wille ist, dass ich diesen Kelch trinke.
Sende mir die Gewissheit, dass ich dich in meinem Tode ebenso zufrieden stelle, wie ich es in
meinem Leben getan habe.“
(1968.3) 182:3.2 Einige Augenblicke lang verharrte der Meister in andächtiger Haltung. Dann ging
er zu den drei Aposteln hinüber und fand sie in tiefem Schlaf, denn ihre Augen waren schwer und
es gelang ihnen nicht, wach zu bleiben. Jesus weckte sie auf und sagte: „Wie? Könnt ihr nicht
einmal eine Stunde lang mit mir wachen? Seht ihr denn nicht, dass meine Seele tief betrübt, ja zu
Tode betrübt ist, und dass ich dringend eurer Kameradschaft bedarf?“ Nachdem die drei aus
ihrem Schlaf erwacht waren, ging der Meister wiederum allein abseits, fiel zu Boden und betete:
„Vater, ich weiß, dass es möglich ist, diesen Kelch zu vermeiden — alle Dinge sind möglich bei
dir –, aber ich bin gekommen, um deinen Willen zu tun, und wenn dies auch ein bitterer Kelch
ist, werde ich ihn trinken, so es dein Wille ist.“ Und als er so gebetet hatte, kam ein mächtiger
Engel zu ihm herab und sprach zu ihm, berührte ihn und stärkte ihn.
(1968.4) 182:3.3 Als Jesus zurückkehrte, um mit den drei Aposteln zu sprechen, fand er sie
wiederum fest eingeschlafen. Er weckte sie auf und sagte: „In einer solchen Stunde brauche ich
euch, dass ihr mit mir wacht und betet — und ihr braucht mehr denn je das Gebet, um nicht in
Versuchung zu geraten — warum schlaft ihr ein, wenn ich weggehe?“
(1968.5) 182:3.4 Und dann zog sich der Meister zum dritten Mal zurück und betete: „Vater, du
siehst meine schlafenden Apostel; erbarme dich ihrer. Der Geist ist in der Tat willig, aber das
Fleisch ist schwach. Und jetzt, oh Vater, wenn dieser Kelch nicht an mir vorübergehen kann, will
ich ihn trinken. Nicht mein Wille, sondern der deine geschehe.“ Und als er zu beten aufgehört
hatte, lag er eine Weile hingestreckt am Boden. Als er sich erhob und zu seinen Aposteln
zurückkehrte, fand er sie erneut schlafend. Er schaute auf sie und sagte mit einer mitleidigen
Geste zärtlich: „Schlaft jetzt nur weiter und ruht euch aus; die Zeit der Entscheidung ist vorüber.
Die Stunde, da der Menschensohn verraten und den Händen seiner Feinde ausgeliefert wird, ist
da.“ Und während er sich zu ihnen hinabbeugte, um sie wachzurütteln, sagte er: „Steht auf, lasst
uns zum Lager zurückkehren, denn seht, der mich verrät, ist nahe, und die Stunde ist gekommen,
da meine Herde auseinander gesprengt wird. Aber all das habe ich euch bereits gesagt.“
(1968.6) 182:3.5 Während der Jahre, die Jesus unter seinen Anhängern lebte, erhielten sie in der Tat
viele Beweise seiner göttlichen Natur, aber gerade jetzt sollen sie Zeugen neuer Beweise seiner
menschlichen Natur werden. Gerade vor der größten aller Offenbarungen seiner Göttlichkeit,
seiner Auferstehung, müssen jetzt die größten Beweise seiner sterblichen Natur erbracht werden,
seine Erniedrigung und Kreuzigung.
(1969.1) 182:3.6 Jedes Mal, wenn er im Garten betete, band sich seine menschliche Natur durch
den Glauben fester an seine Göttlichkeit und wurde sein menschlicher Wille vollkommener eins
mit dem göttlichen Willen seines Vaters. Unter anderen Worten, die der mächtige Engel zu ihm
sprach, war die Botschaft, der Vater wünsche, dass sein Sohn seine irdische Selbsthingabe
beende, indem er die Todeserfahrung der Geschöpfe genauso durchlebe, wie alle sterblichen
Geschöpfe die materielle Auflösung erfahren müssen, wenn sie von der Existenz in der Zeit
hinübergehen zum Fortschreiten in der Ewigkeit.
(1969.2) 182:3.7 Früher am Abend hatte es nicht so schwierig geschienen, den Kelch zu trinken,
aber als der menschliche Jesus seinen Aposteln Lebewohl sagte und sie zur Ruhe schickte, wuchs
das Entsetzen vor der Prüfung. Jesus erlebte das natürliche Auf und Ab der Gefühle, das aller
menschlichen Erfahrung gemein ist, und gerade jetzt war er müde von der Arbeit, erschöpft von
den langen Stunden anstrengender Tätigkeit und quälender Sorge um die Sicherheit seiner
Apostel. Während kein Sterblicher sich anmaßen kann, die Gedanken und Gefühle des
inkarnierten Gottessohnes in einem Augenblick wie diesem zu verstehen, wissen wir, dass er
große Angst ausstand und unsagbares Leid durchmachte, denn der Schweiß fiel ihm in großen
Tropfen vom Gesicht. Er war endlich davon überzeugt, dass es des Vaters Absicht war, den
Ereignissen zu erlauben, ihren natürlichen Lauf zu nehmen; er war fest entschlossen, seine
souveräne Macht als höchster Lenker eines Universums in keiner Weise zu seiner Rettung
einzusetzen.
(1969.3) 182:3.8 Die versammelten Heerscharen einer riesigen Schöpfung unter dem
vorübergehenden gemeinsamen Oberkommando Gabriels und des Personifizierten
Gedankenjustierers Jesu schweben jetzt über dieser Szene. Die Befehlshaber der
Unterabteilungen dieser himmlischen Armeen sind wiederholt gewarnt worden, nicht in die
Ereignisse auf Erden einzugreifen, es sei denn, Jesus selber sollte ihnen den Befehl zum
Einschreiten geben.
(1969.4) 182:3.9 Das Erlebnis der Trennung von den Aposteln lastete als großer Druck auf dem
menschlichen Herzen Jesu; dieses durch die Liebe verursachte Leid drückte ihn nieder und
machte es ihm schwieriger, der auf ihn wartenden Todesart, um die er sehr wohl wusste, ins Auge
zu schauen. Es war ihm klar, wie schwach und wie unwissend seine Apostel waren, und ihm
graute davor, sie zu verlassen. Er wusste genau, dass die Zeit seines Abschieds gekommen war,
aber sein menschliches Herz suchte verzweifelt herauszufinden, ob es nicht möglicherweise
einen legitimen Ausweg aus dieser fürchterlichen Zwangslage von Schmerz und Leid gebe. Und
nachdem sein Herz auf diese Weise, aber erfolglos, zu entkommen versucht hatte, war er bereit,
den Kelch zu trinken. Michaels göttlicher Verstand wusste, dass er für die zwölf Apostel das
Beste getan hatte; aber Jesu menschliches Herz wünschte, es hätte mehr für sie getan werden
können, bevor sie in der Welt allein gelassen würden. Jesu Herz war am Zerbrechen, denn er
liebte seine Brüder wahrhaftig. Er war von seiner leiblichen Familie getrennt; einer seiner
berufenen Mitarbeiter war dabei, ihn zu verraten. Das Volk seines Vaters Joseph hatte ihn
abgewiesen und damit seinen Untergang als Volk mit einer besonderen Mission auf Erden
besiegelt. Seine Seele wurde gemartert durch verschmähte Liebe und zurückgewiesene
Barmherzigkeit. Es war gerade einer jener entsetzlichen menschlichen Augenblicke, da sich alles
mit erdrückender Grausamkeit und schrecklicher Seelenpein auf uns zu stürzen scheint.
(1969.5) 182:3.10 Jesu menschliche Natur war nicht unempfindlich gegenüber dieser Situation
persönlicher Verlassenheit, öffentlicher Schande und scheinbaren Misserfolgs seiner Sache. All
diese Gefühle lasteten mit unbeschreiblicher Schwere auf ihm. In dieser großen Pein kehrten
seine Gedanken zurück zu den Tagen seiner Kindheit in Nazareth und zu seinem frühen Wirken
in Galiläa. Im Augenblick dieser großen Prüfung stiegen in seinen Gedanken viele jener
angenehmen Szenen aus seinem irdischen Wirken auf. Und es waren diese alten Erinnerungen an
Nazareth, an Kapernaum, an den Berg Hermon und an den Sonnenauf- und -untergang auf dem
glitzernden Galiläischen Meer, die ihn beruhigten und sein menschliches Herz stärkten und zu
der Begegnung mit dem Überläufer bereit machten, der ihn so bald verraten würde.
(1969.6) 182:3.11 Bevor Judas und die Soldaten ankamen, hatte der Meister seine gewohnte
Gelassenheit wieder gewonnen; der Geist hatte über das Fleisch gesiegt; der Glaube hatte sich
gegen alle menschlichen Tendenzen zu Furcht und Zweifel durchgesetzt. Die entscheidende
Prüfung zur vollen Verwirklichung der menschlichen Natur war abgelegt und befriedigend
bestanden worden. Wiederum war der Menschensohn bereit, seinen Feinden in der völligen
Gewissheit seiner Unbesiegbarkeit und mit Gleichmut gegenüberzutreten als ein sterblicher
Mensch, der sich rückhaltlos der Ausführung des väterlichen Willens verschrieben hat.
www.urantia.org/
Das Urantia Buch
Mittwoch, der Ruhetag
(1920.1) 177:0.1 WENN sie nicht unter dem Druck der Aufgabe standen, das Volk zu lehren, war es Jesu und seiner Apostel Gewohnheit, jeden Mittwoch von ihren Anstrengungen auszuruhen. An diesem besonderen Mittwoch frühstückten sie etwas später als gewöhnlich, und über dem Lager lastete eine unheilvolle Stille; während der ersten Hälfte dieser morgendlichen Mahlzeit wurde nur wenig gesprochen. Schließlich sagte Jesus: „Ich wünsche, dass ihr euch heute ausruht. Nehmt euch Zeit, um über alles nachzudenken, was sich seit unserer Ankunft in Jerusalem ereignet hat, und sinnt über das nach, was uns unmittelbar bevorsteht und worüber ich deutlich zu euch gesprochen habe. Sorgt dafür, dass euer Leben weiterhin von Wahrheit erfüllt ist und dass ihr täglich in der Gnade wachst.“
(1920.2) 177:0.2 Nach dem Frühstück teilte der Meister Andreas mit, er beabsichtige, sich den Tag über wegzubegeben, und schlug vor, den Aposteln zu erlauben, die Zeit nach ihrem Gutdünken zu verbringen; aber unter gar keinen Umständen sollten sie das Stadtinnere Jerusalems betreten.
(1920.3) 177:0.3 Als Jesus sich bereitmachte, allein in die Berge zu gehen, trat David Zebedäus an ihn heran und sagte: „Du weißt sehr wohl, Meister, dass die Pharisäer und Führer dir nach dem Leben trachten, und doch schickst du dich an, ganz allein in die Berge zu gehen. So etwas zu tun, ist reine Torheit; ich will dir deshalb drei gut vorbereitete Männer mitgeben, die darüber wachen werden, dass dir nichts Schlimmes zustößt.“ Jesus warf einen Blick auf die drei gut bewaffneten und stämmigen Galiläer und sagte zu David: „Du meinst es gut, aber du irrst dich insofern, als du nicht verstehst, dass der Menschensohn niemanden zu seiner Verteidigung braucht. Niemand wird bis zu der Stunde Hand an mich legen, da ich bereit bin, mein Leben im Einklang mit dem Willen meines Vaters hinzugeben. Diese Männer brauchen mich nicht zu begleiten. Ich wünsche, allein zu gehen, um mit meinem Vater Zwiesprache zu halten.“
(1920.4) 177:0.4 Als sie diese Worte hörten, zogen sich David und seine bewaffneten Männer zurück; aber als nun Jesus allein aufbrach, ging Johannes Markus mit einem kleinen Korb, der Verpflegung und Wasser enthielt, auf ihn zu und gab zu bedenken, Jesus könnte wohl hungrig werden, wenn er beabsichtige, den ganzen Tag über abwesend zu sein. Der Meister lächelte Johannes zu und streckte die Hand aus, um den Korb zu nehmen.
(1920.5) 177:1.1 Gerade als Jesus den Proviantkorb aus der Hand des Johannes nehmen wollte, wagte der junge Mann zu sagen: „Aber, Meister, es könnte sein, dass du den Korb abstellst, wenn du dich zum Beten abseits begibst, und dass du dann ohne ihn weitergehst. Außerdem wärest du beim Beten freier, wenn ich mitkäme, um das Mittagessen zu tragen; und ich werde bestimmt schweigsam sein. Ich werde keine Fragen stellen und bei dem Korb bleiben, während du allein beten gehst.“
(1920.6) 177:1.2 Während dieser Worte, deren Verwegenheit einige der anwesenden Zuhörer erstaunte, erkühnte sich Johannes, den Korb festzuhalten. Da standen sie nun beide, Johannes und Jesus, und hielten den Korb. Da ließ der Meister ihn los, blickte auf den Jungen und sprach: „Da du dich von ganzem Herzen sehnst, mit mir zu gehen, soll es dir nicht verwehrt sein: Wir werden allein losgehen und uns gut unterhalten. Du kannst mir jede Frage stellen, die in deinem Herzen erwacht, und wir werden uns gegenseitig stärken und trösten. Du magst fürs Erste das Mittagessen tragen, und wenn du müde wirst, werde ich dir helfen. Folge mir.“
(1921.1) 177:1.3 Jesus kehrte an diesem Abend erst nach Sonnenuntergang ins Lager zurück. Der Meister verbrachte seinen letzten Ruhetag auf Erden damit, sich mit diesem wahrheitshungrigen Jüngling zu unterhalten und mit seinem Paradies-Vater zu sprechen. Von diesem Ereignis spricht man seitdem in der Höhe als von „dem Tag, den ein junger Mann mit Gott in den Bergen zubrachte“. Die Begebenheit veranschaulicht für immer des Schöpfers Bereitschaft zu brüderlichem Umgang mit den Geschöpfen. Sogar ein Jüngling kann, wenn der Wunsch in seinem Herzen übermächtig ist, die Aufmerksamkeit des Gottes eines Universums erzwingen und sich seiner liebevollen Kameradschaft erfreuen, kann tatsächlich die unvergessliche Wonne erleben, allein und einen ganzen Tag lang mit Gott in den Bergen zu weilen. Und derart war die einzigartige Erfahrung, die Johannes Markus an diesem Mittwoch in den Bergen Judäas machte.
(1921.2) 177:1.4 Jesus unterhielt sich lange mit Johannes und äußerte sich dabei freimütig über die Angelegenheiten dieser Welt und der nächsten. Johannes sagte Jesus, wie sehr er es bedauerte, dass er nicht alt genug sei, um einer seiner Apostel zu sein, und gab seiner großen Dankbarkeit darüber Ausdruck, dass es ihm gewährt worden war, sie seit ihrer ersten Predigttätigkeit bei der Jordanfurt in der Nähe Jerichos, die Phönizienreise ausgenommen, stets zu begleiten. Jesus legte dem Jungen nahe, sich durch die unmittelbar bevorstehenden Ereignisse nicht entmutigen zu lassen, und versicherte ihm, er werde ein machtvoller Botschafter des Königreichs werden.
(1921.3) 177:1.5 Die Erinnerung an diesen Tag mit Jesus in den Bergen befeuerte Johannes Markus, aber nie vergaß er die letzte Mahnung des Meisters, die dieser aussprach, als sie sich anschickten, in das Lager von Gethsemane zurückzukehren: „Nun, Johannes, wir haben ein gutes Gespräch, einen wirklichen Ruhetag gehabt, aber achte darauf, dass du niemandem etwas von den Dingen mitteilst, die ich dir gesagt habe.“ Und Johannes Markus ließ nie das Geringste darüber verlauten, was er an diesem mit Jesus in den Bergen verbrachten Tag erfahren hatte.
(1921.4) 177:1.6 Während der wenigen restlichen Stunden von Jesu Erdendasein ließ Johannes Markus den Meister nie für längere Zeit aus den Augen. Stets hielt sich der Junge in seiner Nähe versteckt auf; er schlief nur, wenn auch Jesus schlief.
(1921.5) 177:2.1 Im Verlauf der Gespräche dieses Tages mit Johannes Markus verwendete Jesus viel Zeit darauf, die Erfahrungen ihrer frühen Kindheit und ihrer späteren Jugendzeit miteinander zu vergleichen. Obwohl die Eltern des Johannes mehr weltliche Güter als Jesu Eltern besaßen, gab es doch in ihrer Jugendzeit viele Erfahrungen, welche einander sehr ähnlich waren. Jesus sagte vieles, was Johannes half, seine Eltern und andere seiner Familienmitglieder besser zu verstehen. Als der Bursche fragte, wie der Meister wissen könne, dass er ein „machtvoller Botschafter des Himmelreichs“ werden würde, sagte Jesus:
(1921.6) 177:2.2 „Ich weiß, dass du treu zum Evangelium vom Königreich stehen wirst, weil ich mich auf deinen jetzigen Glauben und deine Liebe verlassen kann, wenn diese Qualitäten auf einer so frühen Schulung gründen wie jener, die dir zu Hause zuteil geworden ist. Du bist das Produkt eines Elternhauses, in dem die Eltern sich gegenseitig aufrichtig lieben, und deshalb bist du nicht übermäßig geliebt worden, was einer übertriebenen Vorstellung von deiner eigenen Wichtigkeit hätte rufen können. Ebenso wenig hat deine Persönlichkeit dadurch Schaden genommen, dass deine Eltern, einer gegen den anderen, sich in liebloser Weise um dein Vertrauen und deine Ergebenheit bemüht hätten. Du hast jene Art elterlicher Liebe genossen, die ein gesundes Selbstvertrauen schafft und normale Gefühle von Sicherheit fördert. Aber du warst auch insofern begünstigt, als deine Eltern außer der Liebe auch Weisheit besaßen; und ihre Weisheit bewog sie, die meisten Arten der Verwöhnung und vielen Luxus, den Reichtum verschaffen kann, von dir fernzuhalten, indem sie dich zusammen mit deinen Spielgefährten aus der Nachbarschaft zur Synagogenschule schickten; und dadurch, dass sie dir erlaubten, echte Erfahrungen zu sammeln, ermutigten sie dich auch zu lernen, wie man in dieser Welt lebt. Du kamst mit deinem jungen Freund Amos zum Jordan hinüber, wo wir predigten und wo die Jünger des Johannes tauften. Ihr beide wolltet mit uns ziehen. Als ihr nach Jerusalem zurückkehrtet, gaben deine Eltern ihr Einverständnis, während Amos‘ Eltern ablehnten; sie liebten ihren Sohn so sehr, dass sie ihm die gesegnete Erfahrung verweigerten, welche dir zuteil geworden ist, gerade so eine Erfahrung wie die, deren du dich am heutigen Tage erfreust. Amos hätte von zu Hause fortlaufen und sich uns anschließen können, aber dadurch hätte er die Liebe verletzt und die Treue geopfert. Auch wenn solch ein Verhalten weise gewesen wäre, so wäre doch der Preis, den er für Erfahrung, Unabhängigkeit und Freiheit zu bezahlen gehabt hätte, entsetzlich hoch gewesen. Weise Eltern wie die deinen achten darauf, dass ihre Kinder nicht die Liebe verletzen oder die Treue ersticken müssen, um Unabhängigkeit zu entwickeln und sich stärkender Freiheit zu erfreuen, wenn sie dein Alter erreicht haben.
(1922.1) 177:2.3 Die Liebe, Johannes, ist die allerhöchste Realität des Universums, wenn sie von allweisen Wesen geschenkt wird, aber sie nimmt einen gefährlichen und oftmals halb egoistischen Zug an, wenn sie sich in der Erfahrung sterblicher Eltern äußert. Wenn du heiratest und selber Kinder aufzuziehen hast, dann vergewissere dich, dass deine Liebe von der Weisheit ermahnt und von der Intelligenz geführt wird.
(1922.2) 177:2.4 Dein junger Freund Amos glaubt ebenso fest an dieses Evangelium vom Königreich wie du, aber ich kann mich nicht völlig auf ihn verlassen; ich bin nicht sicher, was er in den kommenden Jahren tun wird. Seine frühe Kindheit daheim war nicht von der Art, die eine absolut verlässliche Person hervorbringt. Amos gleicht allzu sehr einem der Apostel, der im Elternhaus nicht in den Genuss einer normalen, liebenden und weisen Erziehung kam. Dein ganzes restliches Leben wird glücklicher und verlässlicher sein, weil du deine ersten acht Jahre in einem normalen und wohlgeordneten Elternhaus verbracht hast. Du besitzt einen starken und gefestigten Charakter, weil du in einem Zuhause aufgewachsen bist, wo Liebe herrschte und Weisheit waltete. Eine solche Erziehung in der Kindheit bringt eine Art von Loyalität hervor, die mir dafür bürgt, dass du auf dem einmal eingeschlagenen Weg weitergehen wirst.“
(1922.3) 177:2.5 Mehr als eine Stunde lang sprachen Jesus und Johannes über das Leben im Elternhaus. Der Meister fuhr fort, Johannes zu erläutern, wie ein Kind in all seinen frühen Vorstellungen von sämtlichem Intellektuellen, Gesellschaftlichen, Sittlichen und selbst Geistigen völlig von seinen Eltern und dem von ihnen geprägten Familienleben abhängig ist, da die Familie für das kleine Kind alles beinhaltet, was es zu allererst über menschliche oder göttliche Beziehungen erfahren kann. Das Kind muss seine ersten Eindrücke vom Universum aus der mütterlichen Fürsorge gewinnen; für seine ersten Vorstellungen vom himmlischen Vater ist es völlig von seinem irdischen Vater abhängig. Das weitere Dasein des Kindes wird sich glücklich oder unglücklich, leicht oder schwierig gestalten entsprechend seinem frühen intellektuellen und emotionalen Leben und geprägt sein von den sozialen und geistigen Beziehungen im Elternhaus. Das ganze spätere Leben eines menschlichen Wesens wird gewaltig durch das beeinflusst, was während seiner ersten Lebensjahre geschehen ist.
(1922.4) 177:2.6 Es ist unsere aufrichtige Überzeugung, dass das Evangelium, das Jesus lehrte und das auf der Vater-Kind-Beziehung beruht, solange kaum weltweite Annahme finden kann, als es im Familienleben der modernen zivilisierten Völker nicht mehr Liebe und Weisheit gibt. Obwohl die Eltern des zwanzigsten Jahrhunderts über großes Wissen und mehr Wahrheit verfügen, um das Zuhause zu verbessern und das Familienleben zu verfeinern, bleibt es doch eine Tatsache, dass nur sehr wenige moderne Elternhäuser so gute Orte für die Erziehung von Knaben und Mädchen sind, wie es das Elternhaus Jesu in Galiläa und das Heim des Johannes Markus in Judäa waren; indessen wird die Annahme von Jesu Evangelium eine sofortige Verbesserung des Familienlebens zur Folge haben. Ein Leben der Liebe in einem weisen Hause und die treue Hingabe an eine wahre Religion üben wechselseitig einen tiefen Einfluss aufeinander aus. Ein solches Familienleben verstärkt die Religion, und echte Religion wertet das Heim stets wunderbar auf.
(1923.1) 177:2.7 Es stimmt, dass viele der unerwünschten hemmenden Einflüsse und andere einengende Merkmale der einstigen jüdischen Elternhäuser aus vielen der geordneteren modernen Elternhäuser verschwunden sind. Es gibt jetzt tatsächlich mehr spontane Zwanglosigkeit und weit mehr persönliche Freiheit, aber diese Freiheit wird weder von Liebe eingeschränkt, noch von Treue motiviert, noch wird sie durch die Weisheit intelligenter Disziplin gelenkt. Solange wir unsere Kinder beten lehren: „Unser Vater, der du bist im Himmel“, ruht auf allen irdischen Vätern die ungeheure Verantwortung, so zu leben und ihre Heime so zu führen, dass das Wort Vater in den Gedanken und Herzen aller heranwachsenden Kinder in Ehrfurcht verwahrt wird.
(1923.2) 177:3.1 Die Apostel verbrachten den größten Teil des Tages mit Spaziergängen auf dem Ölberg und in Gesprächen mit den Jüngern, die mit ihnen im Lager wohnten, aber am frühen Nachmittag sehnten sie sich sehr nach Jesu Rückkehr. Als aber Stunde um Stunde verstrich, bangten sie immer heftiger um seine Sicherheit; sie fühlten sich ohne ihn unaussprechlich einsam. Den ganzen Tag über wurde heftig darüber diskutiert, ob man dem Meister wirklich hätte erlauben sollen, allein, nur von einem Botenjungen begleitet, in die Berge zu gehen. Obwohl keiner seine Gedanken so offen ausdrückte, gab es mit Ausnahme von Judas Iskariot nicht einen unter ihnen, der sich nicht selber an die Stelle von Johannes Markus gewünscht hätte.
(1923.3) 177:3.2 Etwa um die Mitte des Nachmittags wandte sich Nathanael an etwa ein halbes Dutzend Apostel und ebenso viele Jünger mit einer Ansprache über „das höchste Verlangen“, die mit diesen Worten endete: „Was bei den meisten von uns falsch ist, ist unsere Halbherzigkeit. Wir lieben den Meister nicht so, wie er uns liebt. Wenn uns alle ebenso sehr wie Johannes Markus danach verlangt hätte, mit ihm zu gehen, hätte er uns bestimmt alle mitgenommen. Wir standen dabei, als der Junge an ihn herantrat und ihm den Korb anbot, aber als der Meister diesen ergriff, ließ der Junge ihn nicht los. Und so hat der Meister uns hier gelassen und ist in die Berge gegangen, mit Korb, Jungen und allem.“
(1923.4) 177:3.3 Gegen vier Uhr trafen bei David Zebedäus Läufer ein, die ihm Nachrichten von seiner Mutter in Bethsaida und von der Mutter Jesu überbrachten. Einige Tage zuvor war David zur Überzeugung gelangt, dass die Hohenpriester und Führer Jesus töten würden. David wusste, dass sie entschlossen waren, den Meister umzubringen, und er war sich ziemlich sicher, dass Jesus weder seine göttliche Macht gebrauchen würde, um sich zu retten, noch seinen Anhängern gestatten würde, zu seiner Verteidigung Gewalt anzuwenden. Nachdem er zu diesen Schlüssen gelangt war, schickte er unverzüglich einen Boten mit der dringenden Bitte zu seiner Mutter ab, sofort nach Jerusalem zu kommen und Maria, Jesu Mutter und seine sämtlichen Familienangehörigen mitzubringen.
(1923.5) 177:3.4 Davids Mutter tat, worum ihr Sohn sie bat, und nun kamen die Läufer mit der Nachricht zu David zurück, dass seine Mutter und Jesu ganze Familie auf dem Weg nach Jerusalem seien, und dass sie irgendwann spät am nächsten Tag oder sehr früh am folgenden Morgen eintreffen würden. Da David all dies aus eigener Initiative getan hatte, hielt er es für weise, die Angelegenheit für sich zu behalten. Und deshalb sagte er niemandem, dass Jesu Familie nach Jerusalem unterwegs war.
(1924.1) 177:3.5 Kurz nach Mittag trafen über zwanzig von den Griechen, die sich mit Jesus und den Zwölfen im Hause Josephs von Arimathia getroffen hatten, im Lager ein, und Petrus und Johannes besprachen sich mehrere Stunden lang mit ihnen. Zumindest einige dieser Griechen besaßen eine fortgeschrittene Kenntnis vom Königreich, da Rodan sie in Alexandrien darin unterwiesen hatte.
(1924.2) 177:3.6 An diesem Abend unterhielt sich Jesus nach seiner Rückkehr mit ihnen im Lager, und er hätte den zwanzig Griechen genauso wie den Siebzig die Weihe verliehen, wenn ein solches Vorgehen seine Apostel und viele führende Jünger nicht überaus beunruhigt hätte.
(1924.3) 177:3.7 Während sich all dies im Lager abspielte, wunderten sich die Hohenpriester und Ältesten in Jerusalem darüber, dass Jesus nicht zurückkehrte, um zu der Menge zu sprechen. Allerdings hatte er tags zuvor beim Verlassen des Tempels gesagt: „Ich lasse euch euer Haus verödet zurück.“ Aber sie konnten nicht verstehen, wieso er willens war, auf den großen Vorteil der freundlichen Haltung der Menge, den er sich verschafft hatte, zu verzichten. Obwohl sie befürchteten, er könnte im Volk einen Aufruhr entfesseln, waren des Meisters letzte Worte an die Menge eine Mahnung gewesen, sich auf jede vernünftige Weise der Autorität derer zu fügen, „die auf Mose Thron sitzen“. Aber es war ein geschäftiger Tag in der Stadt, da sie gleichzeitig das Passahfest vorbereiteten und ihre Pläne für Jesu Beseitigung fertigstellten.
(1924.4) 177:3.8 Es kamen nur wenige Leute ins Lager, denn dessen Errichtung war unter all denen ein wohlbehütetes Geheimnis geblieben, die wussten, dass Jesus dort zu bleiben gedachte, anstatt jeden Abend nach Bethanien hinauszugehen.
(1924.5) 177:4.1 Kurz nachdem Jesus und Johannes Markus das Lager verlassen hatten, verschwand Judas Iskariot aus dem Kreise seiner Brüder und kehrte erst spät am Nachmittag wieder zurück. Der verwirrte und unzufriedene Apostel hastete trotz des ausdrücklichen Wunsches seines Meisters, sie sollten Jerusalem nicht betreten, zu seiner Verabredung mit Jesu Feinden ins Haus des Hohenpriesters Kajaphas. Dies war ein inoffizielles Treffen des Sanhedrins, das für kurz nach zehn Uhr an diesem Vormittag angesetzt worden war, um über die Art der Anklagen zu befinden, die gegen Jesus erhoben werden sollten, und über das anzuwendende Vorgehen zu entscheiden, wie man ihn vor die römischen Behörden bringen und sich die notwendige zivile Bestätigung des Todesurteils beschaffen könne, das sie bereits über ihn verhängt hatten.
(1924.6) 177:4.2 Am Tage zuvor hatte Judas einigen seiner Verwandten und gewissen mit der Familie seines Vaters befreundeten Sadduzäern eröffnet, er wäre zu dem Schluss gekommen, dass Jesus zwar ein wohlmeinender Träumer und Idealist, nicht aber der erwartete Befreier Israels sei. Judas erklärte, er würde sehr gerne einen Weg finden, um sich mit Anstand aus der ganzen Bewegung zurückzuziehen. Seine Freunde versicherten ihm unter Schmeicheleien, dass sein Rückzug von den jüdischen Führern als großes Ereignis begrüßt würde, und dass nichts für ihn zu gut wäre. Sie veranlassten ihn zu glauben, dass ihm vom Sanhedrin unverzüglich große Ehren zuteil würden und er endlich in der Lage sein würde, den Schandfleck seiner gut gemeinten, aber „unglücklichen Verbindung mit ungebildeten Galiläern“ zu beseitigen.
(1924.7) 177:4.3 Judas konnte nicht ganz glauben, dass die mächtigen Werke des Meisters durch die Kraft des Teufelsfürsten vollbracht wurden, aber er war jetzt völlig davon überzeugt, dass Jesus seine Macht nicht zur Selbsterhöhung gebrauchen würde; er war endlich davon überzeugt, dass Jesus es geschehen lassen würde, durch die jüdischen Führer umgebracht zu werden, und er konnte den demütigenden Gedanken nicht ertragen, mit einer fehlgeschlagenen Bewegung identifiziert zu werden. Er lehnte die Idee offensichtlichen Misserfolgs ab. Er erfasste durchaus die Charakterfestigkeit seines Meisters und die Klarheit seines erhabenen und barmherzigen Geistes, und doch fand er Gefallen an der wenn auch nur teilweise geteilten Meinung eines seiner Verwandten, Jesus sei zwar ein wohlmeinender Fanatiker, aber wahrscheinlich nicht ganz gesund im Kopf; er habe stets den Eindruck einer seltsamen und missverstandenen Person erweckt.
(1925.1) 177:4.4 Und jetzt stieg, wie nie zuvor, in Judas ein seltsamer Groll darüber auf, dass Jesus ihm nie eine ehrenvollere Stellung zugewiesen hatte. Bis jetzt war er immer stolz auf die Ehre gewesen, apostolischer Schatzmeister zu sein, aber nun begann er zu fühlen, dass man ihn nicht richtig würdigte, dass seine Fähigkeiten verkannt wurden. Plötzlich überkam ihn Empörung darüber, dass Petrus, Jakobus und Johannes die Ehre engen Kontaktes mit Jesus widerfahren war, und jetzt, auf dem Weg zum Hause des Hohenpriesters, war er mehr darauf aus, mit Petrus, Jakobus und Johannes abzurechnen, als dass er irgendwie daran dachte, Jesus zu verraten. Von diesem Augenblick an gab es in seinem bewussten Verstand nur noch einen neuen und alles beherrschenden Gedanken: Er suchte jetzt nach Ehre für sich, und konnte er das erreichen und es gleichzeitig denen heimzahlen, die zur größten Enttäuschung seines Lebens beigetragen hatten, umso besser. Ein entsetzliches Gemisch aus Verwirrung, Stolz, Verzweiflung und Entschlossenheit ergriff ihn. Daraus geht klar hervor, dass sich Judas nicht um des Geldes willen auf dem Weg zum Hause des Kaiaphas befand, um den Verrat an Jesus vorzubereiten.
(1925.2) 177:4.5 Als Judas sich dem Hause des Kaiaphas näherte, gelangte er zu dem endgültigen Entschluss, Jesus und seine Apostelgefährten fallen zu lassen. Nachdem er sich entschieden hatte, der Sache des Königreichs des Himmels den Rücken zu kehren, war er entschlossen, sich so viel als möglich von jener Ehre und jenem Ruhm zu verschaffen, von denen er angenommen hatte, dass sie ihm eines Tages zuteil würden, als er sich ganz am Anfang mit Jesus und dem neuen Evangelium vom Königreich identifiziert hatte. Alle Apostel hatten einst mit Judas denselben Ehrgeiz geteilt, aber mit der Zeit hatten sie gelernt, die Wahrheit über alles zu setzen und Jesus zu lieben, zumindest mehr als Judas.
(1925.3) 177:4.6 Der Verräter wurde Kaiaphas und den jüdischen Führern durch seinen Vetter vorgestellt. Dieser erklärte, Judas habe seinen Fehler, sich durch die raffinierte Lehre Jesu in die Irre führen zu lassen, eingesehen und sei an den Punkt gelangt, wo es sein Wunsch sei, einen öffentlichen und förmlichen Verzicht auf seine Verbindung mit dem Galiläer zu leisten und gleichzeitig um Wiederaufnahme in das Vertrauen und in die Gemeinschaft seiner judäischen Brüder zu bitten. Judas‘ Sprecher erklärte weiter, Judas halte es für den Frieden Israels am besten, wenn man Jesus in Gewahrsam nähme, und dass er hergekommen sei, um sich dem Sanhedrin zur Verfügung zu stellen zum Zeichen seines Bedauerns, an einer solch irrigen Bewegung teilgenommen zu haben, und zum Beweis seiner aufrichtigen Rückkehr zu den Lehren Mose. Er wäre bereit, sich mit dem Hauptmann, der den Haftbefehl für Jesus hatte, dahingehend zu verständigen, Jesus unauffällig abzuführen und damit jede Gefahr eines Volksaufruhrs oder eine notwendige Verschiebung der Verhaftung bis nach dem Passahfest zu vermeiden.
(1925.4) 177:4.7 Als der Vetter fertig gesprochen hatte, stellte er Judas vor, der vor den Hohenpriester trat und sagte: „Ich werde alles tun, was mein Vetter versprochen hat, aber was seid ihr bereit, mir für diesen Dienst zu geben?“ Judas schien den Ausdruck von Verachtung und gar von Ekel nicht zu bemerken, der über das Gesicht des hartherzigen und großsprecherischen Kajaphas glitt; sein Herz war zu sehr mit Eigenruhm beschäftigt und verlangte zu sehr nach befriedigter Selbsterhöhung.
(1926.1) 177:4.8 Kajaphas schaute auf den Verräter herab und sprach: „Judas, geh zum Hauptmann der Garde und triff mit diesem Offizier Vorkehrungen, um deinen Meister entweder heute Abend oder morgen Abend zu uns zu bringen, und nachdem du ihn in unsere Hände geliefert hast, sollst du deinen Lohn für diesen Dienst erhalten.“ Als Judas das gehört hatte, entfernte er sich aus der Gegenwart der Hohenpriester und Führer und beriet sich mit dem Hauptmann der Tempelgarde über die Art, wie man sich Jesu bemächtigen wolle. Judas wusste, dass Jesus vom Lager abwesend war und hatte keine Ahnung, wann er am Abend zurückkehren würde, und so kamen sie miteinander überein, Jesus am nächsten Abend (Donnerstag) zu verhaften, nachdem sich die Bevölkerung Jerusalems und alle auf Besuch weilenden Pilger zur Ruhe begeben hätten.
(1926.2) 177:4.9 Judas kehrte zu seinen Gefährten ins Lager zurück, berauscht von Gedanken an Größe und Ruhm, wie er sie seit langem nicht gekannt hatte. Er hatte seinen Dienst bei Jesus in der Hoffnung begonnen, einmal ein großer Mann im neuen Königreich zu werden. Er realisierte endlich, dass es kein neues Königreich von der Art geben würde, wie er es sich vorgestellt hatte. Aber er freute sich über seine Klugheit, die seine Enttäuschung darüber, in einem neuen, erhofften Königreich keinen Ruhm ernten zu können, einhandelte gegen die sofortige Erlangung von Ehre und Belohnung in der alten Ordnung, von der er glaubte, sie werde überleben, und von der er mit Sicherheit annahm, sie werde Jesus und alles, was er repräsentierte, vernichten. Wenn man der bewussten Absicht des Judas auf den Grund geht, war sein Verrat an Jesus der feige Akt eines selbstsüchtigen Deserteurs, dessen einziger Gedanke seiner eigenen Sicherheit und Glorifizierung galt, was für Folgen seine Handlungsweise auch immer für den Meister und seine früheren Gefährten haben mochte.
(1926.3) 177:4.10 Aber dem war schon immer so gewesen. Seit langem und nach und nach baute Judas in seinen bewussten Gedanken vorsätzlich, stetig, ichbezogen und rachsüchtig dieses abscheuliche und böse Verlangen auf, es ihnen heimzuzahlen und sie im Stich zu lassen, und unterhielt es in seinem Herzen. Jesus liebte und vertraute Judas genau so, wie er die anderen Apostel liebte und ihnen vertraute, aber Judas versäumte es, dafür seinerseits Treue und Vertrauen zu entwickeln und aufrichtige Liebe zu empfinden. Wie gefährlich kann doch Ehrgeiz werden, wenn er einmal völlig an Eigenliebe gebunden ist und ihn vor allem düstere und lang unterdrückte Rachsucht nährt! Wie niederschmetternd ist die Enttäuschung im Leben jener törichten Menschen, die ihren Blick auf die schattenhaften und vergänglichen Verlockungen der Zeit heften und blind werden für die höheren und wirklicheren Vollbringungen der nie endenden Eroberungen in den ewigen Welten göttlicher Werte und wahrer geistiger Realitäten! Judas strebte in Gedanken nach weltlichen Ehren, und mit der Zeit wurde dieses Verlangen in seinem Herzen übermächtig; die anderen Apostel sehnten sich in Gedanken ebenso sehr nach diesen weltlichen Ehren, aber in ihrem Herzen liebten sie Jesus und taten ihr Möglichstes, um die Wahrheiten, die er sie lehrte, lieb zu gewinnen.
(1926.4) 177:4.11 Judas realisierte es damals nicht, aber seit Johannes der Täufer von Herodes enthauptet worden war, hatte er an Jesus unterbewusst immer Kritik geübt. Tief im Herzen trug er es Jesus stets nach, dass er Johannes nicht gerettet hatte. Ihr solltet nicht vergessen, dass Judas ein Jünger von Johannes gewesen war, bevor er Jesus folgte. Diese ganze Ansammlung menschlichen Grolls und bitterer Enttäuschung, die Judas im Gewand des Hasses in seiner Seele aufbewahrt hatte, war nun in seinem Unterbewusstsein gut organisiert und bereit, aufzuwallen und ihn zu überfluten, sobald er es wagen würde, sich von dem stützenden Einfluss seiner Brüder zu trennen und sich gleichzeitig den schlauen Einflüsterungen der Feinde Jesu und ihrer subtilen Art der Lächerlichmachung auszusetzen. Jedes Mal, wenn Judas seinen Hoffnungen einen Höhenflug gestattete und dann Jesus etwas zu tun oder zu sagen pflegte, was sie zertrümmerte, blieb in Judas‘ Herzen eine Narbe bitteren Grolls zurück; und als die Narben immer zahlreicher wurden, verlor dieses so oft verwundete Herz jede wahre Zuneigung zu demjenigen, der dieser wohlmeinenden, aber hinterhältigen und egozentrischen Persönlichkeit so unangenehme Erfahrungen bescherte. Judas war sich dessen nicht bewusst, aber er war ein Feigling. Deshalb neigte er stets dazu, die Ursache für Jesu oftmalige Weigerung, nach Macht oder Ruhm zu greifen, wenn diese leicht erreichbar schienen, seiner Feigheit zuzuschreiben. Und jeder Sterbliche weiß sehr wohl, wie Liebe, auch wenn sie einst echt war, durch Enttäuschung, Eifersucht und lang genährtes Nachtragen schließlich in richtigen Hass umschlagen kann.
(1927.1) 177:4.12 Endlich konnten die Hohenpriester und Ältesten für einige Stunden aufatmen. Sie brauchten Jesus nicht in der Öffentlichkeit zu verhaften, und die Tatsache, dass sie in Judas einen verräterischen Verbündeten gewonnen hatten, stellte sicher, dass sich Jesus diesmal ihrer Gerichtsbarkeit nicht entziehen würde, wie er es in der Vergangenheit so oft getan hatte.
(1927.2) 177:5.1 Wie an jedem Mittwoch war der Abend im Lager der Geselligkeit gewidmet. Der Meister gab sich alle Mühe, seine niedergeschlagenen Apostel aufzumuntern, aber das war beinahe unmöglich. Sie begannen alle zu begreifen, dass beunruhigende und erdrückende Ereignisse nahe bevorstanden. Es gelang ihnen nicht, heiter zu sein, nicht einmal, als der Meister ihre Jahre ereignisreicher und liebevoller Zusammenarbeit wiederaufleben ließ. Jesus erkundigte sich eingehend nach den Familien aller Apostel und, indem er zu David Zebedäus hinüberschaute, fragte er, ob jemand kürzlich von seiner Mutter, seiner jüngsten Schwester oder anderen Mitgliedern seiner Familie gehört habe. David schaute auf seine Füße; er hatte Angst zu antworten.
(1927.3) 177:5.2 Jesus legte bei dieser Gelegenheit seinen Anhängern nahe, sich vor dem Beifall der Menge zu hüten. Er erinnerte sie an ihre Erlebnisse in Galiläa, wo ihnen immer wieder große Mengen Volks begeistert gefolgt waren, die sich dann ebenso heftig gegen sie gewandt hatten und zu ihrer früheren Glaubens- und Lebensart zurückgekehrt waren. Und dann sagte er: „Und so dürft ihr euch auch durch die große Menschenmenge nicht täuschen lassen, die uns im Tempel zugehört hat und an unsere Lehre zu glauben schien. Diese Menschenmassen hören sich die Wahrheit an und in Gedanken glauben sie oberflächlich daran, aber nur wenige erlauben dem Wort der Wahrheit, sich mit lebendigen Wurzeln in ihr Herz zu senken. Auf die Unterstützung derer, die das Evangelium nur mit dem Verstand kennen und es nicht im Herzen erfahren haben, kann man sich nicht verlassen, wenn sich wirkliche Schwierigkeiten einstellen. Wenn die Führer der Juden übereinkommen, den Menschensohn zu vernichten und dann einmütig zuschlagen, werdet ihr die Menge erschreckt auseinanderstieben oder in stummer Verwunderung dastehen sehen, während diese wahnwitzigen und geblendeten Führer die Lehrer der Evangeliumswahrheit zur Hinrichtung abführen. Und wenn danach Not und Verfolgung über euch kommen, werden noch andere, an deren Wahrheitsliebe ihr glaubt, zerstreut werden, und einige werden das Evangelium aufgeben und euch verlassen. Einige, die uns sehr nahe standen, sind schon entschlossen, uns im Stich zu lassen. Ihr habt euch heute ausgeruht in Vorbereitung auf die Zeit, die jetzt vor uns liegt. Seht deshalb zu und betet, dass ihr morgen gestärkt seid für die uns unmittelbar bevorstehenden Tage.“
(1927.4) 177:5.3 Die Atmosphäre im Lager war mit einer unerklärlichen Spannung geladen. Schweigende Boten kamen und gingen und besprachen sich nur mit David Zebedäus. Noch vor Ablauf des Abends wussten einige, dass Lazarus in aller Hast aus Bethanien geflohen war. Johannes Markus war nach seiner Rückkehr ins Lager von einer Schweigsamkeit, die Schlimmes ahnen ließ, obwohl er den ganzen Tag in Gesellschaft des Meisters verbracht hatte. Jeder Versuch, ihn zum sprechen zu bringen, machte nur umso deutlicher, dass Jesus ihm Schweigen auferlegt hatte.
(1928.1) 177:5.4 Sogar die gute Laune des Meisters und seine ungewöhnliche Geselligkeit machten ihnen Angst. Sie alle fühlten irgendwie das Nahen einer fürchterlichen Isolation, und entsetzt nahmen sie wahr, wie diese mit jäher Plötzlichkeit, vor der es kein Entrinnen gab, auf sie herabsank. Sie ahnten das Kommende vage voraus, und keiner fühlte sich bereit, sich der Prüfung zu stellen. Der Meister war den ganzen Tag abwesend gewesen; sie hatten ihn furchtbar vermisst.
(1928.2) 177:5.5 An diesem Mittwoch erreichte ihre geistige Verfassung den tiefsten Punkt vor der eigentlichen Todesstunde des Meisters. Obwohl der nächste Tag sie dem tragischen Freitag noch um einen Tag näher brachte, so war Jesus doch mit ihnen, und sie gingen etwas ruhiger durch die beklemmenden Stunden.
(1928.3) 177:5.6 Es war kurz vor Mitternacht, als sich Jesus für die Nacht von ihnen verabschiedete und zu ihnen im Bewusstsein, dass dies die letzte Nacht war, die er je mit seiner erwählten Familie auf Erden durchschlafen würde, sagte: „Geht jetzt schlafen, meine Brüder, und Friede sei mit euch, bis wir morgen aufstehen, einem weiteren Tag, den Willen des Vaters zu tun, und uns in der Gewissheit zu freuen, seine Söhne zu sein.“
mercy.urantia.org/de/das-urantia-buch/schrift-177-mittwoch-der-ruhetag
Am Dienstagvormittag im Tempel
(1897.1) 174:0.1 AN diesem Dienstagmorgen um sieben Uhr traf sich Jesus in Simons Haus mit den Aposteln, dem Frauenkorps und etwa zwei Dutzend anderen prominenten Jüngern. Bei dieser Zusammenkunft nahm er von Lazarus Abschied und erteilte ihm jene Weisung, die ihn so bald zur Flucht nach Philadelphia in Peräa bewegen sollte, wo er sich später mit der missionarischen Bewegung verband, die ihr Hauptquartier in dieser Stadt hatte. Jesus sagte auch dem alten Simon Lebewohl und gab dem Korps der Frauen die letzten Ratschläge, da er sich nie wieder förmlich an sie wandte.
(1897.2) 174:0.2 An diesem Morgen begrüßte er jeden der Zwölf persönlich. Zu Andreas sagte er: „Lass dich durch die dicht bevorstehenden Ereignisse nicht beirren. Behalte deine Brüder fest im Griff und sieh zu, dass sie dich nicht niedergeschlagen finden.“ Zu Petrus sprach er: „Setze dein Vertrauen nicht in die Kraft deines Arms, noch in Waffen aus Stahl. Stehe fest auf dem geistigen Grund der ewigen Felsen.“ Zu Jakobus sagte: „Wanke nicht wegen des äußeren Scheins. Bleibe fest in deinem Glauben, und du sollst die Realität dessen, woran du glaubst, bald kennen lernen.“ Zu Johannes sagte er: „Sei freundlich; liebe sogar deine Feinde; sei tolerant. Und denke daran, dass ich dich mit vielen Dingen betraut habe.“ Zu Nathanael sagte er: „Urteile nicht nach dem Schein; bleibe fest in deinem Glauben, wenn alles dahinzuschwinden scheint; bleib deinem Auftrag als Botschafter des Königreichs treu.“ Zu Philipp sagte er: „Bleibe standhaft angesichts der unmittelbar bevorstehenden Ereignisse. Bleibe unerschütterlich, auch wenn du den Weg nicht erkennen kannst. Bleibe deinem Weihegelübde treu.“ Zu Matthäus sagte er: „Vergiss die Barmherzigkeit nicht, die dir im Königreich Eintritt gewährt hat. Erlaube keinem Menschen, dich um deine ewige Belohnung zu bringen. Ebenso wie du den Neigungen der sterblichen Natur widerstanden hast, sei gewillt, standfest zu sein.“ Und zu Thomas sagte er: „Gerade jetzt musst du, wie schwer es auch sein mag, im Vertrauen auf deinen Glauben und nicht auf deine Augen vorwärts gehen. Zweifle nicht daran, dass ich fähig bin, das Werk, das ich begonnen habe, zu Ende zu bringen, und dass ich schließlich alle meine treuen Botschafter im jenseitigen Königreich wieder sehen werde.“ Zu den Alphäus Zwillingen sagte er: „Erlaubt den Dingen, die ihr nicht verstehen könnt, nicht, euch zu erdrücken. Bleibt den Neigungen eurer Herzen treu, und setzt euer Vertrauen weder in große Männer noch in das wankelmütige Verhalten des Volkes. Bleibt an der Seite eurer Brüder.“ Zu Simon Zelotes sagte er: „Simon, die Enttäuschung mag dich niederschmettern, aber dein Geist wird sich über alles, was dir zustoßen mag, erheben. Was du von mir zu lernen versäumt hast, wird mein Geist dich lehren. Suche nach den wahren Realitäten des Geistes, und höre auf, dich von unwirklichen und materiellen Schatten anziehen zu lassen.“ Und zu Judas Iskariot sagte er: „Judas, ich habe dich geliebt und dafür gebetet, du mögest deine Brüder lieben. Werde nicht müde, Gutes zu tun; und ich möchte dich warnen: Hüte dich vor den schlüpfrigen Pfaden der Schmeichelei und den Giftpfeilen des Gespötts.“
(1897.3) 174:0.3 Nach Beendigung dieser Grüße brach er mit Andreas, Petrus, Jakobus und Johannes nach Jerusalem auf, während die anderen Apostel sich an den Aufbau des Lagers von Gethsemane machten, wo sie diese Nacht verbringen wollten und wo sie ihr Hauptquartier für den Rest des irdischen Lebens des Meisters einrichteten. Etwa auf der Hälfte des Abstiegs vom Ölberg schaltete Jesus eine Pause ein und unterhielt sich über eine Stunde lang mit den vier Aposteln.
(1898.1) 174:1.1 Seit mehreren Tagen diskutierten Petrus und Jakobus miteinander ihre unterschiedlichen Auffassungen über des Meisters Lehren von der Vergebung der Sünden. Sie waren übereingekommen, die Sache vor Jesus zu bringen, und Petrus nahm diese günstige Gelegenheit wahr, den Rat des Meisters einzuholen. Deshalb unterbrach Simon Petrus die Unterhaltung über die Unterschiede zwischen Lobpreisung und Andacht mit der Frage: „Meister, Jakobus und ich sind uns nicht einig bezüglich deiner Lehren über die Sündenvergebung. Jakobus behauptet, du lehrst, dass der Vater uns vergibt, noch bevor wir ihn darum bitten, und ich bin der Ansicht, dass Reue und Sündenbekenntnis der Vergebung vorausgehen müssen. Wer von uns hat recht? Was sagst du?“
(1898.2) 174:1.2 Nach kurzem Schweigen schaute Jesus alle vier bedeutsam an und antwortete: „Meine Brüder, ihr irrt euch in euren Auffassungen, weil ihr die Natur der innigen und liebenden Beziehungen zwischen dem Geschöpf und dem Schöpfer, zwischen Mensch und Gott, nicht versteht. Es gelingt euch nicht, die verständnisvolle Zuneigung zu erfassen, die weise Eltern für ihre unreifen und sich manchmal irrenden Kinder empfinden. Es ist in der Tat zweifelhaft, ob intelligente und liebevolle Eltern je in die Lage geraten, einem durchschnittlichen, normalen Kind vergeben zu müssen. Verständnisvolle Beziehungen in Verbindung mit liebevoller Einstellung beugen wirksam all jenen Entfremdungen vor, die eine spätere reuevolle Neuausrichtung des Kindes und elterliche Vergebung nötig machen.
(1898.3) 174:1.3 Ein Teil jedes Vaters lebt im Kind. Der Vater genießt in allem, was die Kind-Vater-Beziehung anbelangt, Vorrang und überlegene Einsicht. Er ist imstande, die Unreife des Kindes im Licht der fortgeschritteneren elterlichen Reife, der reicheren Erfahrung des älteren Partners, zu sehen. Was das irdische Kind und den himmlischen Vater betrifft, so besitzt dieser unendliche und göttliche Zuneigung und die Fähigkeit zu liebendem Verstehen. Göttliche Vergebung ist zwangsläufig; sie liegt unveräußerlich in der Natur des unendlichen Verstehens Gottes, in seinem vollkommenen Wissen um alles, was mit dem falschen Urteil und der irrigen Wahl des Kindes zusammenhängt. Göttliche Gerechtigkeit ist von so ewiger Fairness, dass sie unfehlbar verstehende Barmherzigkeit in sich schließt.
(1898.4) 174:1.4 Wenn ein weiser Mann die inneren Impulse seiner Mitmenschen versteht, wird er sie lieben. Und wenn ihr euren Bruder liebt, habt ihr ihm bereits vergeben. Diese Fähigkeit, die Natur des Menschen zu verstehen und ihm seine offensichtlichen Vergehen zu verzeihen, ist göttlich. Wenn ihr weise Eltern seid, dann ist dies die Art, in der ihr eure Kinder lieben und verstehen und ihnen sogar vergeben werdet, wenn vorübergehende Missverständnisse euch vermeintlich von ihnen getrennt haben. Das Kind, das noch unreif ist und dem es an umfassenderem Verständnis für die Tiefe der Kind-Vater-Beziehung mangelt, muss häufig ein Gefühl schuldhafter Getrenntheit empfinden, wenn sein Vater ihm seine volle Zustimmung verweigert, aber ein wahrer Vater kennt keine solche Getrenntheit. Die Sünde ist eine Erfahrung im Bewusstsein des Geschöpfs; sie gehört nicht zum Bewusstsein Gottes.
(1898.5) 174:1.5 Eure Unfähigkeit oder euer fehlender Wille, euren Mitmenschen zu verzeihen, ist das Maß für eure Unreife, euer Unvermögen, Zuneigung, Verstehen und Liebe eines Erwachsenen zu erreichen. Ihr hegt Groll und nährt Rachegefühle in direktem Verhältnis eurer Unkenntnis der inneren Natur und wahren Sehnsüchte eurer Kinder und eurer Mitmenschen. Liebe ist die Äußerung des göttlichen, inneren Lebenstriebes. Sie gründet auf Verstehen, nährt sich von selbstlosem Dienst und vervollkommnet sich in der Weisheit.“
(1899.1) 174:2.1 Am Montagabend hatte eine Beratung zwischen dem Sanhedrin und etwa fünfzig weiteren, aus Schriftgelehrten, Pharisäern und Sadduzäern ausgewählten führenden Persönlichkeiten stattgefunden. Bei dieser Zusammenkunft bestand Einigkeit darüber, dass es wegen des Einflusses Jesu auf die Gefühle des einfachen Volkes gefährlich wäre, ihn in der Öffentlichkeit zu verhaften. Ebenso war die Mehrheit der Auffassung, man sollte eine entschiedene Anstrengung unternehmen, um ihn in den Augen der Menge zu diskreditieren, bevor man ihn verhaftete und vor Gericht brächte. Folglich wurden mehrere Gruppen gelehrter Männer dazu bestimmt, am nächsten Morgen im Tempel zur Stelle zu sein, um zu versuchen, ihn mit schwierigen Fragen zum Straucheln und auf andere Weise vor dem Volk in Verlegenheit zu bringen. Am Ende waren sich die Pharisäer und Sadduzäer und sogar die Herodianer in dem Bestreben einig, Jesus in den Augen der Passahmenge zu diskreditieren.
(1899.2) 174:2.2 Als Jesus am Dienstagmorgen im Tempelhof anlangte und zu lehren begann, hatte er kaum einige Worte gesprochen, als eine Gruppe jüngerer Studenten von den Akademien, mit denen zu diesem Zweck geprobt worden war, vortrat und sich durch ihren Wortführer an Jesus wandte: „Meister, wir wissen, dass du ein gerechter Lehrer bist, und wir wissen, dass du die Wege der Wahrheit verkündest und einzig Gott dienst, denn du fürchtest keinen Menschen und handelst ohne Ansehen der Person. Wir sind nur Studenten, und wir möchten in einer Angelegenheit, die uns zu schaffen macht, die Wahrheit wissen. Dies nämlich ist unsere Schwierigkeit: Ist es legitim, Caesar Tribut zu entrichten? Sollen wir ihn geben, oder sollen wir ihn nicht geben?“ Jesus, der ihre Heuchelei und Schlauheit durchschaute, sagte zu ihnen: „Warum kommt ihr mich in dieser Weise versuchen? Zeigt mir das Tributgeld, und ich will euch antworten.“ Und als sie ihm einen Denar reichten, schaute er ihn an und sagte: „Wessen Bild und Aufschrift trägt diese Münze?“ Und als sie ihm antworteten: „Des Kaisers“, sagte Jesus: „So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“
(1899.3) 174:2.3 Nachdem er den jungen Schriftgelehrten und ihren herodianischen Komplizen so geantwortet hatte, verschwanden sie aus seiner Gegenwart, und das Volk und sogar die Sadduzäer freuten sich über ihre Niederlage. Selbst diese Jünglinge, die versucht hatten, ihn zu fangen, gerieten ob der unerwartet scharfsinnigen Antwort des Meisters in großes Staunen.
(1899.4) 174:2.4 Am Vortag hatten die Führer versucht, ihn vor der Menge in Fragen geistlicher Autorität zu Fall zu bringen. Da ihnen dieses misslungen war, versuchten sie ihn nun zu seinem Nachteil in eine Diskussion über zivile Gewalt hineinzuziehen. Sowohl Pilatus als auch Herodes weilten zu dieser Zeit in Jerusalem. Sollte Jesus es wagen — so überlegten seine Feinde –, sich gegen die Bezahlung des Tributs an den Kaiser auszusprechen, dann könnten sie sofort vor die römischen Machthaber treten und Jesus der Aufwiegelei bezichtigen. Sollte er dagegen die Bezahlung des Tributs ausdrücklich empfehlen, kalkulierten sie zu Recht damit, dass eine derartige Erklärung den Nationalstolz seiner jüdischen Hörer zutiefst verletzen und ihm die freundliche Gesinnung und Zuneigung der Menge entziehen würde.
(1899.5) 174:2.5 In alledem erlitten Jesu Feinde eine Niederlage, zumal eine wohlbekannte, zur Anleitung der in den heidnischen Nationen verstreuten Juden bestimmte Weisung des Sanhedrins besagte, dass „das Recht, Münzen zu prägen, das Recht, Steuern zu erheben, mit sich bringe“. Auf diese Weise umging Jesus ihre Falle. Hätte er ihre Frage mit „Nein“ beantwortet, wäre dies einer Aufforderung zur Rebellion gleichgekommen; Hätte er „Ja“ geantwortet, würde er damit die tief verwurzelten nationalistischen Gefühle jener Tage verletzt haben. Der Meister wich der Frage nicht aus; er bediente sich nur der Weisheit einer doppelten Antwort. Jesus brauchte nie Ausflüchte, aber er war immer weise in seinem Umgang mit denen, die ihn zu bedrängen und zu vernichten suchten.
(1900.1) 174:3.1 Noch bevor Jesus seine Unterweisung beginnen konnte, trat eine andere Gruppe vor, diesmal eine Abordnung der gelehrten und listigen Sadduzäer, um ihn zu befragen. Ihr Sprecher näherte sich ihm und sagte: „Meister, Moses hat gesagt, dass beim Tode eines verheirateten, aber kinderlosen Mannes dessen Bruder die Gattin nehmen und mit ihr für den verstorbenen Bruder Nachkommen zeugen solle. Nun hat sich ein Fall ereignet, wo ein Mann, der sechs Brüder hatte, kinderlos verstarb; der nächste Bruder nahm die Frau zur Gattin, starb aber auch bald, ohne Kinder zu hinterlassen. Ebenso nahm der zweite Bruder die Frau, aber auch er verstarb ohne Nachkommenschaft. Und so ging es weiter, bis alle sechs Brüder sie gehabt hatten, aber alle sechs verschieden kinderlos. Und dann, als letzte von allen, verschied auch die Frau selber. Was wir dich jetzt fragen möchten, ist dies: Wessen Gattin wird sie bei der Auferstehung sein, da alle sieben Brüder sie zur Frau gehabt haben?“
(1900.2) 174:3.2 Jesus, wie auch das versammelte Volk, merkte wohl, dass diese Sadduzäer nicht aufrichtig waren, als sie eine derartige Frage an ihn richteten, denn es war unwahrscheinlich, dass ein solcher Fall jemals wirklich eintrat; und außerdem wurde die Sitte, dass die Brüder eines verstorbenen Mannes für ihn Nachkommen zu zeugen suchten, unter den damaligen Juden praktisch nicht mehr beobachtet. Dessen ungeachtet fand sich Jesus bereit, auf ihre boshafte Frage einzugehen. Er sprach: „Ihr irrt euch allesamt, wenn ihr solche Fragen stellt, weil ihr weder die Schriften noch die lebendige Macht Gottes kennt. Ihr wisst, dass die Söhne dieser Welt heiraten können und verheiratet werden, aber ihr scheint nicht zu verstehen, dass die, die für würdig befunden werden, durch die Auferstehung der Rechtschaffenen die zukünftigen Welten zu erreichen, weder heiraten noch verheiratet werden. Diejenigen, welche die Auferstehung von den Toten erfahren, gleichen mehr den Engeln des Himmels, und sie sterben nie. Diese Auferstandenen sind für alle Ewigkeit Söhne Gottes; sie sind die Kinder des Lichts, die auferstanden sind, um im ewigen Leben fortzuschreiten. Und sogar euer Vater Moses hat das verstanden, denn im Zusammenhang mit seinem Erlebnis beim brennenden Busch hörte er den Vater sagen: ‚Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.‘ Und so erkläre ich mit Moses, dass mein Vater nicht der Gott der Toten, sondern der Lebendigen ist. In ihm lebt ihr alle, vermehrt ihr euch und besitzt ihr eure sterbliche Existenz.“
(1900.3) 174:3.3 Als Jesus diese Fragen fertig beantwortet hatte, zogen sich die Sadduzäer zurück, und einige Pharisäer vergaßen sich so weit, dass sie ausriefen: „Wahrhaftig, wahrhaftig, Meister, du hast diesen ungläubigen Sadduzäern gut geantwortet.“ Die Sadduzäer wagten ihm keine weiteren Fragen zu stellen, und das einfache Volk staunte über die Weisheit seines Lehrens.
(1900.4) 174:3.4 Jesus berief sich in dieser Begegnung mit den Sadduzäern nur deshalb auf Moses, weil diese religiös-politische Sekte bloß die fünf so genannten Bücher Moses als gültig anerkannte; sie erlaubte nicht, dass man die Lehren der Propheten als Grundlage doktrinärer Glaubenssätze heranziehe. Obwohl der Meister in seiner Antwort die Tatsache des Weiterlebens der sterblichen Geschöpfe durch die Technik der Auferstehung eindeutig bejahte, hieß er in keinem Sinne den pharisäischen Glauben an die buchstäbliche Auferstehung des menschlichen Körpers gut. Was Jesus hervorzuheben wünschte, war, dass der Vater gesagt hatte: „Ich bin der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“, und nicht: Ich war ihr Gott.
(1900.5) 174:3.5 Die Sadduzäer hatten beabsichtigt, Jesus dem vernichtenden Einfluss der Lächerlichkeit preiszugeben; denn sie wussten sehr wohl, dass eine öffentliche Verfolgung in den Gemütern ganz bestimmt nur noch größere Sympathie für ihn wecken würde.
(1901.1) 174:4.1 Eine weitere Gruppe von Sadduzäern hatte Weisung erhalten, Jesus in Fragen über die Engel zu verstricken, aber angesichts des Schicksals ihrer Kameraden, die versucht hatten, ihn mit Fragen über die Auferstehung in eine Falle zu locken, beschlossen sie sehr weise, still zu bleiben; sie zogen sich zurück, ohne eine Frage gestellt zu haben. Die vereinten Pharisäer, Schriftgelehrten, Sadduzäer und Herodianer waren vorher übereingekommen, den ganzen Tag mit diesen verwirrenden Fragen auszufüllen. Sie hofften, damit Jesus vor dem Volk zu diskreditieren und gleichzeitig wirksam zu verhindern, dass ihm Zeit zur Verkündigung seiner beunruhigenden Lehren übrig bliebe.
(1901.2) 174:4.2 Danach trat eine Pharisäergruppe vor, um bedrängende Fragen zu stellen. Ihr Sprecher gab Jesus ein Zeichen und sagte: „Meister, ich bin ein Gesetzeskundiger, und ich möchte dich fragen, welches deiner Meinung nach das größte Gebot ist?“ Jesus antwortete: „Es gibt nur ein einziges Gebot, und es ist das größte von allen, und lautet: ‚Höre, oh Israel, der Herr unser Gott, der Herr ist einzig; und ihr sollt den Herrn euren Gott von ganzem Herzen und aus ganzer Seele, mit all euren Gedanken und mit all euer Kraft lieben.‘ Das ist das erste und große Gebot. Und das zweite ist wie das erste; in der Tat geht es direkt aus diesem hervor, und es lautet: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.‘ Es gibt kein anderes, größeres Gebot als diese beiden; auf diesen beiden Geboten beruhen das ganze Gesetz und die Propheten.“
(1901.3) 174:4.3 Als der Gestzeskundige feststellte, dass Jesus nicht nur in Übereinstimmung mit der höchsten Vorstellung der jüdischen Religion, sondern vor der versammelten Menge auch weise geantwortet hatte, fand er es mutiger, offen des Meisters Antwort zu loben. Also sagte er: „Wahrhaftig, Meister, du hast richtig gesagt, dass Gott einzig ist und es keinen neben ihm gibt; und dass das erste und große Gebot ist, ihn von ganzem Herzen, mit ganzem Verstand und aller Kraft zu lieben, und auch seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst; und wir stimmen darin überein, dass dieses große Gebot viel größere Beachtung verdient als alle Brandopfer und Opfergaben.“ Als der Gesetzeskundige mit so viel Besonnenheit antwortete, schaute Jesus ihn an und sagte: „Mein Freund, ich nehme wahr, dass du nicht weit entfernt bist vom Königreich Gottes.“
(1901.4) 174:4.4 Jesus sagte die Wahrheit, als er von diesem Gesetzeskundigen meinte, er sei „nicht weit vom Königreich Gottes entfernt“, denn noch am selben Abend begab sich dieser hinaus zum Lager des Meisters bei Gethsemane, bekannte sich zum Glauben an das Evangelium vom Königreich und wurde von Josia, einem Jünger Abners, getauft.
(1901.5) 174:4.5 Zwei oder drei weitere Gruppen von Schriftgelehrten und Pharisäern waren zugegen und hatten beabsichtigt, Fragen zu stellen, aber entweder hatte sie die Antwort, die Jesus dem Gesetzeskundigen gab, entwaffnet oder schreckte sie die Niederlage all derer ab, die versucht hatten, ihn in einer Schlinge zu fangen. Danach wagte es niemand mehr, ihm öffentlich weitere Fragen zu stellen.
(1901.6) 174:4.6 Als es keine Fragen mehr gab und die Mittagsstunde nahte, nahm Jesus seine Unterweisung nicht wieder auf, sondern begnügte sich damit, sich mit einer Frage an die Pharisäer und ihre Gefährten zu wenden. Er sagte: „Da ihr mir keine Fragen mehr stellt, möchte ich euch eine stellen. Wie denkt ihr über den Erlöser? Ich meine, wessen Sohn ist er?“ Nach einer kurzen Pause antwortete einer der Schriftgelehrten: „Der Messias ist der Sohn Davids.“ Da Jesus wusste, dass viel darüber debattiert worden war — auch unter seinen eigenen Jüngern — ob er der Sohn Davids sei oder nicht, stellte er eine weitere Frage: „Wenn der Erlöser wirklich der Sohn Davids ist, wie kommt es dann, dass David selber im Psalm, den ihr ihm zuschreibt, im Geiste spricht: ‚So spricht der Herr zu meinem Herrn, setze dich mir zur Rechten, bis ich aus deinen Feinden einen Schemel für deine Füße mache.‘ Wenn David ihn Herr nennt, wie kann er dann sein Sohn sein?“ Zwar antworteten die Führer, Schriftgelehrten und obersten Priester auf diese Frage nichts, aber sie enthielten sich auch aller weiteren Bemühungen, ihn in Widersprüche zu verstricken. Sie beantworteten die Frage, die Jesus ihnen stellte, nie, aber nach des Meisters Tod versuchten sie, die Schwierigkeit zu umgehen, indem sie die Interpretation dieses Psalms änderten und ihn auf Abraham anstatt auf den Messias bezogen. Andere versuchten dem Dilemma zu entgehen, indem sie David als Verfasser dieses so genannten messianischen Psalms ausschlossen.
(1902.1) 174:4.7 Eben noch hatten sich die Pharisäer daran ergötzt, wie der Meister die Sadduzäer zum Verstummen gebracht hatte; nun frohlockten die Sadduzäer über das Versagen der Pharisäer. Aber diese Rivalitäten dauerten nur einen Augenblick lang. Rasch wurden die althergebrachten Differenzen in dem gemeinsamen Bemühen vergessen, den Lehren und Taten Jesu ein Ende zu bereiten. Aber während all dieser Geschehnisse hörte ihm das einfache Volk mit Freuden zu.
(1902.2) 174:5.1 Als Philipp um die Mittagszeit für das neue Lager, das an diesem Tag in der Nähe von Gethsemane errichtet wurde, Vorräte einkaufte, wurde er von einer fremden Delegation angesprochen, einer Gruppe von gläubigen Griechen aus Alexandrien, Athen und Rom, deren Wortführer zu dem Apostel sagte: „Leute, welche dich kennen, haben uns auf dich aufmerksam gemacht, und so kommen wir mit dem Anliegen zu dir, Jesus, deinen Meister, zu sehen.“ Diesen prominenten, sich erkundigenden und nichtjüdischen Griechen auf dem Marktplatz zu begegnen, kam für Philipp völlig überraschend, und da Jesus alle Zwölf so ausdrücklich angehalten hatte, während der Passahwoche jedes öffentliche Lehren zu unterlassen, war er etwas ratlos, wie diese Angelegenheit wohl am besten zu handhaben sei. Er war auch verunsichert, weil es sich bei diesen Männern um fremde Nichtjuden handelte. Wären es Juden oder ihm vertraute Heiden aus der Nähe gewesen, hätte er nicht so sichtlich gezögert. Schließlich bat er die Griechen, da, wo sie waren, zu warten. Als er hastig wegging, nahmen sie an, er mache sich auf die Suche nach Jesus, aber tatsächlich eilte er zu Josephs Haus, wo er Andreas und die anderen Apostel beim Mittagessen wusste. Er rief Andreas heraus und erklärte ihm den Grund seines Kommens, und dann kehrte er in Begleitung von Andreas zu den wartenden Griechen zurück.
(1902.3) 174:5.2 Da Philipp mit dem Einkaufen der Vorräte fast fertig geworden war, kehrten er und Andreas mit den Griechen zum Hause Josephs zurück, wo Jesus sie empfing; und sie setzten sich in seine Nähe, während er zu seinen Aposteln und einer Anzahl führender Jünger sprach, die bei diesem Mittagessen versammelt waren. Jesus sagte:
(1902.4) 174:5.3 „Mein Vater hat mich in diese Welt gesandt, um den Menschenkindern seine göttliche Gnade zu offenbaren, aber die, zu denen ich zuerst gekommen bin, haben es abgelehnt, mich zu empfangen. Es ist allerdings wahr, dass viele von euch an mein Evangelium geglaubt haben, aber die Kinder Abrahams und ihre Führer werden mich in Kürze zurückweisen, und damit werden sie auch Ihn, der mich gesandt hat, zurückweisen. Ich habe diesem Volk das Evangelium des Heils ausgiebig verkündigt; ich habe ihm von der Gottessohnschaft in Freude, Freiheit und einem reicheren Leben im Geiste berichtet. Mein Vater hat unter diesen angsterfüllten Menschenkindern viele wunderbare Werke vollbracht. Aber der Prophet Jesaja hat sich in der Tat auf dieses Volk bezogen, als er schrieb: ‚Herr, wer hat an unsere Lehren geglaubt? Und wem ist der Herr offenbart worden?‘ Die Führer meines Volkes haben ihre Augen tatsächlich mit Absicht blind gemacht, damit sie nicht sähen, und ihre Herzen verhärtet, damit sie nicht glaubten und gerettet würden. Während all dieser Jahre habe ich versucht, sie von ihrem Unglauben zu heilen, damit sie des Vaters ewiges Heil empfingen. Ich weiß, dass nicht alle mich im Stich gelassen haben. Einige von euch haben tatsächlich an meine Botschaft geglaubt. In diesem Raum befinden sich an die zwanzig Männer, die früher dem Sanhedrin angehört oder in den Räten der Nation hohe Stellungen innegehabt haben, obwohl einige von euch immer noch davor zurückschrecken, sich offen zur Wahrheit zu bekennen aus Angst, aus der Synagoge ausgeschlossen zu werden. Einige von euch sind versucht, den Ruhm der Menschen mehr zu lieben als den Ruhm Gottes. Aber ich fühle mich genötigt, nachsichtig zu sein, da ich sogar um die Sicherheit und um die Treue einiger von denen bange, die mir schon so lange nahe sind und in enger Gemeinschaft mit mir gelebt haben.
(1903.1) 174:5.4 Ich stelle fest, dass in diesem Bankettsaal Juden und Nichtjuden etwa in gleicher Zahl versammelt sind, und ich möchte mich an euch als erste und letzte Gruppe dieser Art wenden, die ich in den Angelegenheiten des Königreichs unterweise, bevor ich zu meinem Vater gehe.“
(1903.2) 174:5.5 Diese Griechen hatten der Unterweisung Jesu im Tempel gläubigen Herzens zugehört. Am Montagabend hatten sie im Hause des Nikodemus eine Besprechung abgehalten, die bis zur Morgendämmerung dauerte, und dreißig von ihnen hatten sich entschlossen, ins Königreich einzutreten.
(1903.3) 174:5.6 Als Jesus jetzt vor ihnen stand, kam es ihm zum Bewusstsein, dass eine Dispensation zu Ende ging und eine neue begann. Der Meister wandte seine Aufmerksamkeit den Griechen zu und sprach:
(1903.4) 174:5.7 „Wer an dieses Evangelium glaubt, glaubt nicht nur an mich, sondern an Ihn, der mich gesandt hat. Wenn ihr mich anschaut, dann seht ihr nicht nur den Menschensohn, sondern auch Ihn, der mich gesandt hat. Ich bin das Licht der Welt, und wer immer an meine Lehre glaubt, wird nicht länger in der Dunkelheit wohnen. Wenn ihr Heiden mich hören wollt, werdet ihr die Worte des Lebens empfangen und unverzüglich in die freudige Freiheit der Wahrheit, Söhne Gottes zu sein, eintreten. Wenn meine Landsleute, die Juden, sich entscheiden, mich zurückzuweisen und meine Lehren zu verwerfen, werde ich nicht über sie zu Gericht sitzen; denn ich bin nicht gekommen, um die Welt zu richten, sondern um ihr das Heil anzubieten. Nichtsdestoweniger werden jene, die mich ablehnen und sich weigern, meine Lehre anzunehmen, zu gegebener Zeit von meinem Vater und denen gerichtet werden, die er ernannt hat, über all die zu Gericht zu sitzen, welche die Gabe der Barmherzigkeit und die rettenden Wahrheiten zurückweisen. Denkt alle daran, dass ich nicht für mich selbst spreche, sondern dass ich euch getreulich das erklärt habe, was der Vater mir aufgetragen hat, den Menschenkindern zu offenbaren. Und diese Worte, die der Vater zur Welt zu sprechen mich angewiesen hat, sind Worte göttlicher Wahrheit, nie endender Gnade und ewigen Lebens.
(1903.5) 174:5.8 Aber sowohl Juden wie Heiden erkläre ich, dass die Stunde gekommen ist, da der Menschensohn verherrlicht werden wird. Ihr wisst sehr wohl, dass das Weizenkorn, das nicht in die Erde fällt und stirbt, allein bleibt; aber wenn es in gutem Boden stirbt, geht es wieder auf zu neuem Leben und trägt viel Frucht. Wer sein Leben selbstsüchtig liebt, steht in Gefahr, es zu verlieren; aber wer gewillt ist, sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen hinzugeben, der soll sich einer reicheren Existenz auf Erden, und im Himmel des ewigen Lebens erfreuen. Wenn ihr mir wirklich folgen wollt, auch nachdem ich zu meinem Vater gegangen bin, sollt ihr meine Jünger und aufrichtige Diener an euren Mitmenschen werden.
(1903.6) 174:5.9 Ich weiß, dass meine Stunde naht, und ich bin in Sorge. Ich bin mir bewusst, dass mein Volk entschlossen ist, das Königreich verächtlich zurückzuweisen, aber ich freue mich darüber, diese nach Wahrheit suchenden Heiden zu empfangen, die heute hierher gekommen sind, um sich nach dem Weg des Lichts zu erkundigen. Trotzdem ist mein Herz für mein Volk von Schmerz erfüllt, und meine Seele ist sehr beunruhigt über das, was mir unmittelbar bevorsteht. Was soll ich sagen, wenn ich vorausschaue und wahrnehme, was mir bald zustoßen wird? Soll ich sagen, Vater, rette mich vor dieser grauenvollen Stunde? Nein! Gerade zu diesem Zweck bin ich in die Welt gekommen und gerade bis zu dieser Stunde. Vielmehr will ich sprechen und darum beten, dass ihr mit mir sprecht: Vater, verherrliche deinen Namen; dein Wille geschehe.“
(1904.1) 174:5.10 Nachdem Jesus so gesprochen hatte, erschien der Personifizierte Justierer, der ihm vor seiner Taufe innegewohnt hatte, vor ihm, und als Jesus merklich innehielt, sprach dieser jetzt mächtige Geist als Stellvertreter des Vaters zu Jesus von Nazareth: „Viele Male habe ich meinen Namen in deinen Selbsthingaben verherrlicht, und ich will ihn einmal mehr verherrlichen.“
(1904.2) 174:5.11 Obwohl die versammelten Juden und Heiden keine Stimme vernahmen, konnte es ihnen nicht entgehen, dass der Meister beim Reden innegehalten hatte, während eine Botschaft aus irgendeiner übermenschlichen Quelle zu ihm kam. Alle sagten, jeder zu seinem Nachbarn: „Ein Engel hat zu ihm gesprochen.“
(1904.3) 174:5.12 Darauf fuhr Jesus fort: „All das ist nicht um meinetwillen, sondern um euretwillen geschehen. Ich weiß mit Sicherheit, dass der Vater mich empfangen und meine zu eurem Wohl unternommene Sendung gutheißen wird, aber es ist notwendig, dass ihr ermutigt und auf die kurz bevorstehende grimmige Prüfung vorbereitet werdet. Lasst mich euch versichern, dass unsere vereinten Anstrengungen zur Erleuchtung der Welt und zur Befreiung der Menschheit schließlich von Erfolg gekrönt sein werden. Die alte Ordnung bringt sich selber vor Gericht; den Fürsten dieser Welt habe ich niedergeworfen; und alle Menschen sollen frei werden durch das Licht des Geistes, den ich auf alles Fleisch ausgießen werde, nachdem ich zu meinem Vater im Himmel aufgestiegen bin.
(1904.4) 174:5.13 Und nun erkläre ich euch, dass ich, sobald ich auf Erden und in euren Leben erhöht sein werde, alle Menschen an mich und in die Verbundenheit mit meinem Vater ziehen werde. Ihr habt geglaubt, der Erlöser werde für immer auf der Erde bleiben, aber ich erkläre, dass der Menschensohn von den Menschen zurückgewiesen werden und zum Vater zurückkehren wird. Ich werde nur noch eine kleine Weile bei euch sein; nur noch ganz kurze Zeit wird das lebendige Licht bei dieser verfinsterten Generation weilen. Geht voran, solange ihr dieses Licht habt, damit die herannahende Finsternis und Verwirrung euch nicht überrasche. Wer in der Finsternis wandert, weiß nicht, wo sein Fuß hintritt; aber wenn ihr beschließt, im Licht zu wandern, werdet ihr alle tatsächlich befreite Söhne Gottes werden. Kommt jetzt mit mir, ihr alle, und lasst uns zum Tempel zurückkehren, wo ich zu den Hohenpriestern, Schriftgelehrten, Pharisäern, Sadduzäern, Herodianern und zu den verblendeten Führern Israels Worte des Abschieds sprechen will.“
(1904.5) 174:5.14 Nachdem er so gesprochen, schritt Jesus den Versammelten voran durch die engen Gassen Jerusalems zum Tempel zurück. Eben hatten sie aus dem Munde des Meisters vernommen, dass dies seine Abschiedsrede im Tempel sein würde, und nun folgten sie ihm schweigend und tief in Gedanken versunken.
www.urantia.org/de/das-urantia-buch/schrift-174-am-dienstagvormittag-im-tempel
Das Urantia Buch
Die Letzte Rede im Tempel
(1905.1) 175:0.1 BEGLEITET von elf Aposteln, Joseph von Arimathia, den dreißig Griechen und einigen anderen Jüngern erreichte Jesus an diesem Dienstagnachmittag kurz nach zwei Uhr den Tempel und begann mit seiner letzten Ansprache in den Höfen des heiligen Hauses. Diese Rede war gedacht als ein letzter Appell an das jüdische Volk und als endgültige Anklage gegen seine heftigen und zu seiner Vernichtung entschlossenen Gegner — die Schriftgelehrten, Pharisäer, Sadduzäer und die höchsten Führer Israels. Am Vormittag hatten die verschiedenen Gruppen Gelegenheit gehabt, Jesus zu befragen; an diesem Nachmittag stellte ihm niemand eine Frage.
(1905.2) 175:0.2 Als der Meister zu sprechen begann, herrschte im Tempelhof Ruhe und Ordnung. Die Geldwechsler und Händler hatten es nicht wieder gewagt, den Tempel zu betreten, seit Jesus und die aufgebrachte Menge sie am Tage zuvor hinausgeworfen hatten. Bevor er mit seiner Predigt begann, schaute Jesus liebevoll auf seine Zuhörer hinab, die jetzt gleich seine öffentliche Abschiedsbotschaft der Barmherzigkeit an die Menschheit zusammen mit seiner letzten Verurteilung der falschen Lehrer und scheinheiligen Führer der Juden hören sollten.
(1905.3) 175:1.1 „Lange bin ich nun bei euch gewesen und im Lande umhergezogen, um den Menschenkindern die Liebe des Vaters zu verkünden, und viele haben das Licht gesehen und sind durch den Glauben ins Königreich des Himmels eingetreten. In Verbindung mit dem, was ich gelehrt und gepredigt habe, hat der Vater viele Wunderwerke, sogar die Auferweckung von den Toten, vollbracht. Viele Kranke und Leidende sind geheilt worden, weil sie geglaubt haben; aber diese ganze Wahrheitsverkündigung und all diese Krankenheilungen haben die Augen derer nicht geöffnet, die sich weigern, das Licht zu sehen und entschlossen sind, das Evangelium vom Königreich abzulehnen.
(1905.4) 175:1.2 In jeder erdenklichen Weise, die mit der Ausführung des Willens meines Vaters vereinbar war, haben ich und meine Apostel unser Möglichstes getan, um mit unseren Brüdern in Frieden zu leben und uns an die vernünftigen Forderungen der Gesetze Mose und der Traditionen Israels zu halten. Wir haben beharrlich den Frieden gesucht, aber die Lenker Israels wollen ihn nicht. Indem sie die Wahrheit Gottes und das Licht des Himmels ablehnen, stellen sie sich auf die Seite des Irrtums und der Dunkelheit. Es kann keinen Frieden geben zwischen Licht und Dunkel, Leben und Tod, Wahrheit und Irrtum.
(1905.5) 175:1.3 Viele von euch haben es gewagt, an meine Lehren zu glauben, und haben bereits teil an der Freude und Freiheit des Bewusstseins, Kinder Gottes zu sein. Ihr seid meine Zeugen, dass ich dieselbe Gotteskindschaft der ganzen jüdischen Nation und selbst den Männern angeboten habe, die mich jetzt zu vernichten suchen. Und sogar jetzt noch würde mein Vater diese verblendeten Lehrer und heuchlerischen Führer empfangen, wenn sie sich ihm nur zuwenden und seine Gnade annehmen wollten. Sogar jetzt ist es für dieses Volk noch nicht zu spät, das Wort des Himmels zu empfangen und den Menschensohn willkommen zu heißen.
(1906.1) 175:1.4 Seit langem hat mein Vater diesem Volk Barmherzigkeit erwiesen. Generation um Generation haben wir unsere Propheten gesandt, um es zu unterweisen und zu warnen, und Generation um Generation hat es diese vom Himmel gesandten Lehrer umgebracht. Und nun schicken sich eure halsstarrigen Hohenpriester und eigensinnigen Führer an, genau dasselbe zu tun. So wie Herodes den Tod des Johannes veranlasste, seid ihr jetzt im Begriff, den Menschensohn umzubringen.
(1906.2) 175:1.5 Solange eine Möglichkeit besteht, dass sich die Juden meinem Vater zuwenden und das Heil suchen wollen, wird der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs euch seine barmherzigen Hände entgegenstrecken; aber wenn ihr einmal den Becher der Reuelosigkeit bis zum Rande gefüllt und meines Vaters Barmherzigkeit endgültig abgelehnt habt, wird diese Nation sich selber überlassen bleiben und rasch ein unrühmliches Ende nehmen. Dieses Volk war dazu aufgerufen, das Licht der Welt zu werden und weithin die geistige Herrlichkeit einer Gott kennenden Rasse kundzutun, aber ihr habt euch von der Ausübung eurer göttlichen Vorrechte so weit entfernt, dass eure Führer jetzt im Begriff sind, die größte Torheit aller Zeiten zu begehen: Sie sind dabei, das Geschenk Gottes an alle Menschen und für alle Zeitalter — die all seinen irdischen Geschöpfen offenbarte Liebe des himmlischen Vaters — endgültig zurückzuweisen.
(1906.3) 175:1.6 Wenn ihr einmal diese Offenbarung Gottes an die Menschen tatsächlich zurückgewiesen habt, wird das Königreich des Himmels anderen Völkern geschenkt werden, solchen, die es freudig und glücklich empfangen wollen. Im Namen des Vaters, der mich gesandt hat, mache ich euch eindringlich darauf aufmerksam, dass ihr im Begriff seid, eure Stellung in der Welt als Bannerträger der ewigen Wahrheit und Hüter des göttlichen Gesetzes zu verlieren. Ich biete euch jetzt die letzte Gelegenheit, vorzutreten und Reue zu zeigen und eure Absicht zu bekunden, Gott von ganzem Herzen zu suchen, und mit dem aufrichtigen Glauben kleiner Kinder in die Sicherheit und das Heil des Königreichs des Himmels einzutreten.
(1906.4) 175:1.7 Mein Vater arbeitet seit langem für euer Heil, und ich bin herabgekommen, um unter euch zu leben und euch persönlich den Weg zu zeigen. Viele Juden und Samaritaner und sogar die Heiden haben an das Evangelium vom Königreich geglaubt, aber diejenigen, die als erste vortreten und das Licht des Himmels annehmen sollten, haben es beharrlich abgelehnt, an die Offenbarung der Wahrheit Gottes zu glauben — an den im Menschen offenbarten Gott und den zu Gott emporgehobenen Menschen.
(1906.5) 175:1.8 Heute Nachmittag stehen meine Apostel hier schweigend vor euch, aber bald werdet ihr ihre Stimmen vernehmen, die euch zur Rettung rufen und drängen werden, euch als Söhne des lebendigen Gottes mit dem himmlischen Königreich zu vereinigen. Und nun rufe ich diese meine Jünger, die an das Evangelium vom Königreich glauben, sowie die unsichtbaren Boten an ihrer Seite zu Zeugen an, dass ich Israel und seinen Führern einmal mehr Erlösung und Rettung angeboten habe. Aber ihr könnt alle sehen, wie des Vaters Gnade gering geachtet wird und wie die Botschafter der Wahrheit abgewiesen werden. Dessen ungeachtet gebe ich euch zu bedenken, dass diese Schriftgelehrten und Pharisäer immer noch auf dem Stuhl Mose sitzen, und deshalb fordere ich euch auf, solange mit den Ältesten Israels zusammenzuarbeiten, bis die Allerhöchsten, die in den Königreichen der Menschen regieren, dieser Nation schließlich den Untergang bereiten und den Sitz ihrer Führer vernichten werden. Es wird von euch nicht verlangt, euch ihren Plänen zur Tötung des Menschensohnes anzuschließen, aber in allem, was den Frieden Israels betrifft, sollt ihr euch ihnen unterziehen. Tut in all diesen Dingen, was sie euch zu tun gebieten und beachtet das Wesentliche des Gesetzes, aber nehmt euch ihre Missetaten nicht zum Vorbild. Denkt daran, dass dies die Sünde dieser Führer ist: Sie verkünden wohl das Gute, aber sie tun es nicht. Ihr wisst nur zu gut, welch schwere Lasten sie auf eure Schultern laden — schmerzhaft drückende Lasten –, während sie keinen Finger rühren, um euch beim Tragen dieser schweren Bürden zu helfen. Sie haben euch mit Zeremonien bedrückt und durch Traditionen versklavt.
(1907.1) 175:1.9 Darüber hinaus gefallen sich diese egozentrischen Führer darin, ihre guten Werke so zu verrichten, dass die Menschen sie sehen können. Sie lassen sich ihre Gebetsriemen verbreitern und die Borten an ihren Amtsroben vergrößern. Sie verlangen bei Festen die ersten Plätze und beanspruchen in den Synagogen die Ehrensitze. Sie begehren, dass man sie auf den Marktplätzen ehrerbietig grüße, und wünschen, von allen mit ‚Rabbi‘ angesprochen zu werden. Und während sie nach all diesen menschlichen Ehrenbezeugungen gieren, greifen sie insgeheim nach den Häusern von Witwen und bereichern sich an den heiligen Tempeldiensten. In der Öffentlichkeit täuschen diese Heuchler lange Gebete vor und spenden Almosen, um die Aufmerksamkeit ihrer Mitmenschen auf sich zu lenken.
(1907.2) 175:1.10 Obwohl ihr gut tut, euren Führern Ehre und euren Lehrern Respekt zu erweisen, solltet ihr im geistigen Sinne keinen Menschen Vater nennen, denn ihr habt nur einen Vater, nämlich Gott. Ebensowenig solltet ihr versuchen, euch euren Brüdern im Königreich gegenüber als Herren aufzuspielen. Denkt daran, ich habe euch gelehrt, dass, wer von euch der Größte sein möchte, der Diener aller werden sollte. Wenn ihr euch anmaßt, euch selber vor Gott zu erhöhen, werdet ihr mit Sicherheit gedemütigt werden; aber wer sich selber wahrhaft demütigt, der wird mit Bestimmtheit erhöht werden. Trachtet in eurem täglichen Leben nicht nach Selbstverherrlichung, sondern nach der Herrlichkeit Gottes. Ordnet euren eigenen Willen einsichtsvoll dem Willen des Vaters im Himmel unter.
(1907.3) 175:1.11 Missversteht meine Worte nicht. Ich hege keinen Groll gegen die Hohenpriester und Führer, die eben jetzt auf meinen Tod sinnen, und ich trage den Schriftgelehrten und Pharisäern, die meine Lehren ablehnen, nichts nach. Ich weiß, dass viele von euch insgeheim glauben, und ich weiß, dass ihr euch offen zu eurer Zugehörigkeit zum Königreich bekennen werdet, wenn meine Stunde kommt. Aber wie werden eure Rabbiner sich rechtfertigen, die beteuern, mit Gott zu sprechen und sich dann anmaßen, denjenigen zu verstoßen und umzubringen, der kommt, um den Welten den Vater zu verkündigen?
(1907.4) 175:1.12 Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr möchtet die Tore des Königreichs des Himmels vor aufrichtigen Menschen verschließen, weil sie sich zufälligerweise in eurer Lehrweise nicht auskennen. Ihr weigert euch, das Königreich zu betreten, und gleichzeitig unternehmt ihr alles, was in eurer Macht steht, um auch alle anderen am Eintreten zu hindern. Ihr steht mit dem Rücken zu den Toren des Heils und bekämpft alle, die Einlass begehren.
(1907.5) 175:1.13 Wehe euch Schriftgelehrten und Pharisäern, Heuchler, die ihr seid! Denn ihr durchquert Länder und Meere, um einen einzigen zum Judentum zu bekehren, und wenn ihr dabei Erfolg habt, ruht ihr nicht, ehe ihr ihn zweimal schlechter gemacht habt, als er als ein Kind der Heiden gewesen war.
(1907.6) 175:1.14 Weh euch, ihr Hohenpriester und Führer, die ihr Hand an das Eigentum der Armen legt und von denen hohe Abgaben verlangt, die Gott so dienen möchten, wie es Moses ihrer Meinung nach geboten hatte! Könnt ihr, die ihr euch weigert, Barmherzigkeit zu zeigen, in den kommenden Welten auf Barmherzigkeit hoffen?
(1907.7) 175:1.15 Weh euch, ihr falschen Lehrer und blinden Führer! Was kann man von einer Nation erwarten, wenn Blinde Blinde führen? Beide werden straucheln und in den Abgrund der Vernichtung stürzen.
(1907.8) 175:1.16 Weh euch, die ihr euch verstellt, wenn ihr einen Eid leistet! Ihr seid Schwindler, denn ihr lehrt, dass ein Mann beim Tempel schwören und dennoch seinen Eid brechen kann, dass aber derjenige, der beim Gold des Tempels schwört, durch seinen Schwur gebunden bleibt. Ihr seid alles Narren und Blinde. In eurer Unehrlichkeit seid ihr nicht einmal konsequent, denn was ist größer, das Gold oder der Tempel, der doch angeblich das Gold geheiligt hat? Ihr lehrt ebenfalls, dass es nichts bedeutet, wenn ein Mann beim Altar schwört; dass aber, wer bei der Gabe auf dem Altar schwört, dadurch gebunden ist. Auch darin seid ihr der Wahrheit gegenüber blind, denn was ist größer, die Gabe oder der Altar, welcher die Gabe heiligt? Wie könnt ihr eine solche Heuchelei und Unehrlichkeit vor den Augen des Gottes im Himmel rechtfertigen?
(1908.1) 175:1.17 Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer und all ihr anderen Heuchler, die ihr sicherstellt, dass die Leute auf Minze, Anis und Kümmel den Zehnten zahlen, und die ihr gleichzeitig die gewichtigeren Dinge des Gesetzes — Glauben, Erbarmen und Gericht — unbeachtet lasst! Vernünftigerweise hättet ihr das eine tun sollen, ohne das andere zu lassen. Ihr seid wahrlich blinde Führer und dumme Lehrer; ihr siebt Mücken aus und verschluckt Kamele.
(1908.2) 175:1.18 Weh euch, ihr Schriftgelehrten, Pharisäer und Heuchler! Denn peinlich genau reinigt ihr das Äußere des Bechers und des Tellers, aber innen bleiben die schmutzigen Reste von Erpressung, Ausschweifung und Betrügerei. Ihr seid geistig blind. Erkennt ihr nicht, wie viel besser es wäre, zuerst das Innere des Bechers zu reinigen? Denn was dann überflösse, würde von selbst das Äußere reinigen. Ihr gottlosen Verworfenen! Ihr sorgt dafür, dass die äußeren Zeremonien mit eurer Auslegung von Mose Gesetz übereinstimmen, während eure Seelen, ganz von frevlerischen Gedanken durchdrungen, auf Mord sinnen.
(1908.3) 175:1.19 Weh euch allen, die ihr die Wahrheit verwerft und die Barmherzigkeit verächtlich von euch weist! Viele von euch sind wie getünchte Gräber, die von außen schön erscheinen, aber innen mit Totengebein und Schmutz aller Art angefüllt sind. Ebenso erscheint ihr, die ihr wissentlich Gottes Rat zurückweist, den Menschen äußerlich als heilig und rechtschaffen, aber inwendig sind eure Herzen von Heuchelei und Sünde erfüllt.
(1908.4) 175:1.20 Weh euch, ihr falschen Führer einer Nation! Dort drüben habt ihr den gemarterten Propheten von ehedem ein Denkmal errichtet, und nun schmiedet ihr ein Komplott, um gerade Den umzubringen, von Dem sie gesprochen haben. Ihr schmückt die Gräber der Gerechten und schmeichelt euch, dass ihr die Propheten nicht umgebracht hättet, wenn ihr zur Zeit eurer Väter gelebt hättet; und dann macht ihr euch trotz dieser selbstgerechten Denkweise daran, gerade den zu ermorden, von dem die Propheten gesprochen haben, den Menschensohn. Indem ihr so handelt, bezeugt ihr vor euch selbst, dass ihr die gottlosen Söhne derer seid, die die Propheten umgebracht haben. Nur zu, und füllt den Becher eurer Verurteilung bis zum Rande!
(1908.5) 175:1.21 Weh euch, ihr Kinder des Bösen! Mit Recht hat Johannes euch Schlangenbrut genannt, und ich frage: Wie könnt ihr dem Urteil entrinnen, das Johannes über euch gesprochen hat?
(1908.6) 175:1.22 Aber sogar jetzt noch biete ich euch im Namen meines Vaters Barmherzigkeit und Vergebung an; sogar jetzt noch strecke ich euch die liebende Hand ewiger Freundschaft entgegen. Mein Vater hat euch weise Männer und Propheten gesandt; einige von ihnen habt ihr verfolgt und andere getötet. Und dann trat Johannes auf und verkündete das Kommen des Menschensohns, und viele glaubten an seine Lehre, doch ihr habt ihn umgebracht. Und jetzt macht ihr euch bereit, noch mehr unschuldiges Blut zu vergießen. Begreift ihr nicht, dass ein schrecklicher Tag der Abrechnung kommen wird, wenn der Richter der ganzen Erde von diesem Volk Rechenschaft fordern wird für die Art und Weise, in der es diese Botschafter des Himmels verstoßen, verfolgt und umgebracht hat? Seht ihr nicht ein, dass ihr über all dieses rechtschaffene Blut Rechenschaft ablegen müsst, vom ersten getöteten Propheten an bis zur Zeit Zacharias, der zwischen dem Heiligtum und dem Altar erschlagen wurde? Und wenn ihr in dieser üblen Weise fortfahrt, wird solche Rechenschaft möglicherweise noch von dieser Generation gefordert werden.
(1908.7) 175:1.23 Oh Jerusalem und ihr Kinder Abrahams, die ihr die Propheten gesteinigt und die Lehrer getötet habt, die zu euch gesandt wurden, selbst jetzt noch möchte ich eure Kinder um mich sammeln wie eine Henne, die ihre Küken unter ihren Flügeln zusammenschart, aber ihr wollt es nicht!
(1908.8) 175:1.24 Und nun nehme ich Abschied von euch. Ihr habt meine Botschaft gehört und eure Entscheidung gefällt. Die, die an mein Evangelium geglaubt haben, sind jetzt im Königreich Gottes in Sicherheit. Euch, die ihr euch entschlossen habt, das Geschenk Gottes zurückzuweisen, sage ich, dass ihr mich nicht mehr im Tempel unterweisen sehen werdet. Mein Werk für euch ist getan. Seht, ich ziehe jetzt mit meinen Kindern aus und lasse euch euer Haus verödet zurück!“
(1908.9) 175:1.25 Darauf gab der Meister seinen Anhängern ein Zeichen, den Tempel zu verlassen.
(1909.1) 175:2.1 Die Tatsache, dass die geistigen Führer und religiösen Lehrer der jüdischen Nation damals Jesu Lehren zurückgewiesen und sich verschworen haben, um seinen grausamen Tod herbeizuführen, berührt in keiner Weise die Stellung irgendeines einzelnen Juden vor Gott. Ebenso wenig sollte das denen, die sich als Christi Anhänger bezeichnen, einen Grund zur Voreingenommenheit gegenüber ihren sterblichen Mitmenschen, den Juden, liefern. Die Juden als Nation, als sozio-politische Gruppe, haben den schrecklichen Preis für die Ablehnung des Friedensfürsten vollauf bezahlt. Seit langem haben sie aufgehört, die geistigen Fackelträger der göttlichen Wahrheit für die Rassen der Menschheit zu sein, aber das ist kein triftiger Grund, weshalb die einzelnen Nachfahren dieser einstigen Juden die Verfolgungen erleiden sollten, die gegen sie durch Intolerante, Unwürdige und Fanatiker entfesselt wurden, welche sich auf Jesus von Nazareth beriefen, der selbst von Geburt ein Jude war.
(1909.2) 175:2.2 Oft haben dieser blinde, unchristliche Hass und die Verfolgung der Juden neuerer Zeit mit dem Leiden und Sterben irgendeines unschuldigen und friedfertigen einzelnen Juden geendet, obwohl gerade dessen Urahnen zur Zeit Jesu das Evangelium begeistert angenommen hatten und bald darauf unerschrocken für die Wahrheit, an die sie von ganzer Seele glaubten, in den Tod gegangen waren. Welch ein Schauder des Entsetzens befällt die zuschauenden himmlischen Wesen, wenn sie sehen, wie angebliche Anhänger von Jesus sich zu Verfolgung, Quälerei und sogar Ermordung späterer Nachkommen von Petrus, Philipp und Matthäus und anderer palästinensischer Juden hinreißen lassen, die ihr Leben so ruhmreich als erste Märtyrer des Evangeliums vom himmlischen Königreich hingegeben haben.
(1909.3) 175:2.3 Wie grausam und sinnlos ist es doch, unschuldige Kinder für die Sünden ihrer Vorväter leiden zu lassen, für Verfehlungen, derer sie sich überhaupt nicht bewusst sind und für die sie in keiner Weise verantwortlich sein können! Und so Ruchloses im Namen von einem zu tun, der seine Jünger lehrte, dass man sogar seine Feinde lieben solle! Es ist in dieser Schilderung des Lebens Jesu nötig geworden, darüber zu berichten, wie einige seiner jüdischen Mitbürger ihn zurückstießen und sich miteinander verschworen, um seinen schändlichen Tod herbeizuführen; aber wir möchten alle, die diesen Bericht lesen, warnend darauf aufmerksam machen, dass die Schilderung solcher historischer Fakten in keiner Weise den ungerechtfertigten Hass legitimiert, noch die unfaire Geisteshaltung verzeiht, die so viele angebliche Christen viele Jahrhunderte lang einzelnen Juden gegenüber unterhalten haben. Wer an das Königreich glaubt und den Lehren Jesu nachlebt, muss damit aufhören, einzelne Juden wie Leute zu behandeln, die sich der Ablehnung und Kreuzigung Jesu schuldig gemacht haben. Der Vater und sein Schöpfersohn haben nie aufgehört, die Juden zu lieben. Gott kennt kein Ansehen der Person, und die Errettung ist für Juden wie für Nichtjuden.
(1909.4) 175:3.1 Die schicksalsschwere Sitzung des Sanhedrins wurde an diesem Dienstagabend auf acht Uhr anberaumt. Bei vielen früheren Gelegenheiten hatte dieser höchste Gerichtshof der jüdischen Nation Jesus informell zum Tode verurteilt. Viele Male hatte dieses erlauchte richterliche Gremium entschieden, seinem Werk ein Ende zu bereiten, aber nie zuvor hatten sie beschlossen, ihn zu verhaften und, koste es, was es wolle, hinzurichten. An diesem Dienstag, dem 4. April 30, stimmte der Sanhedrin kurz vor Mitternacht in seiner damaligen Zusammensetzung offiziell und einstimmig dafür, gegen Jesus und Lazarus die Todesstrafe zu verhängen. Das war die Antwort auf den letzten Appell des Meisters an die herrschenden Juden, den er nur wenige Stunden zuvor im Tempel gemacht hatte. Diese Reaktion drückte ihren bitteren Groll über seine letzte, heftige Anklage gegen sie, die Oberpriester und reuelosen Sadduzäer und Pharisäer, aus. Die Verhängung der Todesstrafe (noch vor Prozessbeginn) gegen den Sohn Gottes war die Erwiderung des Sanhedrins auf das letzte Angebot himmlischer Barmherzigkeit, das der jüdischen Nation als solcher gemacht wurde.
(1910.1) 175:3.2 Von da an ließ man die Juden die knappe, kurze Frist nationaler Existenz ausschließlich gemäß ihrer rein menschlichen Stellung unter den Nationen Urantias beenden. Israel hatte den Sohn Gottes, der mit Abraham einen Bund geschlossen hatte, verstoßen, und der Plan, aus den Kindern Abrahams die Lichtbringer der Wahrheit für die Welt zu machen, war zunichte. Der göttliche Bund war aufgehoben, und das Ende der hebräischen Nation kam schnell näher.
(1910.2) 175:3.3 Die Ordnungskräfte des Sanhedrins erhielten den Befehl zu Jesu Verhaftung früh am nächsten Morgen, aber mit der Weisung, ihn nicht in der Öffentlichkeit festzunehmen. Man sagte ihnen, sie sollten zusehen, ihn heimlich zu ergreifen, am besten überraschend und des Nachts. Da die Führer verstanden hatten, dass er an diesem Tag (Mittwoch) kaum zur Unterweisung in den Tempel zurückkehren würde, befahlen sie den Ordnungskräften des Sanhedrins, „ihn irgendwann am Donnerstag vor Mitternacht vor den hohen jüdischen Gerichtshof zu bringen“.
(1910.3) 175:4.1 Am Ende der letzten Rede Jesu im Tempel blieben die Apostel wiederum verwirrt und bestürzt zurück. Bevor der Meister mit seiner furchtbaren Anklage gegen die jüdischen Führer begann, war Judas zum Tempel zurückgekehrt, so dass alle Zwölf diese zweite Hälfte von Jesu letzter Tempelrede hörten. Es ist bedauerlich, dass Judas Iskariot die erste und Gnade anbietende Hälfte der Abschiedsbotschaft nicht hören konnte. Er verpasste dieses letzte Angebot der Barmherzigkeit an die jüdischen Führer, weil er sich noch mit einer Gruppe von sadduzäischen Verwandten und Freunden besprach, mit denen er zu Mittag gespeist hatte und mit denen er sich darüber beriet, wie er sich auf die passendste Weise von Jesus und seinen Mitaposteln trennen könnte. Während Judas sich des Meisters letzte Anklage gegen die jüdischen Führer und Gebieter anhörte, fasste er den endgültigen und unwiderruflichen Entschluss, die Evangeliumsbewegung aufzugeben und mit der ganzen Angelegenheit nichts mehr zu tun zu haben. Trotzdem verließ er den Tempel zusammen mit den Zwölf, ging mit ihnen zum Ölberg hinaus, wo er sich mit seinen Mitaposteln jene schicksalschweren Worte über die Zerstörung Jerusalems und das Ende der jüdischen Nation anhörte, und blieb an diesem Dienstagabend mit ihnen im neuen Lager bei Gethsemane.
(1910.4) 175:4.2 Die Menge, die Jesus vom erbarmungsvollen Appell an die jüdischen Führer plötzlich zu diesem vernichtenden Tadel übergehen hörte, der an schonungslose Verurteilung grenzte, war wie gelähmt und fassungslos. Während der Sanhedrin an diesem Abend das Todesurteil über Jesus fällte und der Meister mit seinen Aposteln und einigen seiner Jünger draußen am Ölberg zusammensaß und den Tod der jüdischen Nation voraussagte, gab sich ganz Jerusalem nur der ernsten und heimlichen Besprechung der einen Frage hin: „Was werden sie mit Jesus tun?“
(1910.5) 175:4.3 Im Hause des Nikodemus hatten sich über dreißig prominente Juden eingefunden, die im Geheimen an das Königreich glaubten und darüber berieten, welchen Kurs sie im Falle eines offenen Bruchs mit dem Sanhedrin verfolgen sollten. Alle Anwesenden kamen überein, zum selben Zeitpunkt, da sie von der Verhaftung des Meisters erfahren würden, ein öffentliches Treuebekenntnis zu ihm abzulegen. Und genau das taten sie.
(1911.1) 175:4.4 Die Sadduzäer, die jetzt den Sanhedrin kontrollierten und beherrschten, wünschten sich Jesu aus folgenden Gründen zu entledigen:
(1911.2) 175:4.5 1. Sie befürchteten, dass die zunehmende allgemeine Sympathie, die die Menge ihm bewies, die Existenz der jüdischen Nation wegen eines möglichen Konfliktes mit der römischen Obrigkeit gefährden könnte.
(1911.3) 175:4.6 2. Jesu Eifer für eine Tempelreform war ein direkter Schlag gegen ihre Einkünfte; die Reinigung des Tempels traf ihren Geldbeutel.
(1911.4) 175:4.7 3. Sie fühlten sich für die Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ordnung verantwortlich, und sie fürchteten sich vor den Folgen einer Weiterverbreitung der seltsamen und neuartigen Lehre Jesu von der Brüderlichkeit der Menschen.
(1911.5) 175:4.8 Die Pharisäer hatten andere Beweggründe, Jesu Hinrichtung zu wünschen. Sie fürchteten ihn aus folgenden Gründen:
(1911.6) 175:4.9 1. Er stand in wirkungsvoller Opposition zu ihrer althergebrachten Macht über das Volk. Die Pharisäer waren ultrakonservativ, und diese vermeintlich radikalen Angriffe auf ihr angestammtes Prestige als religiöse Lehrer riefen ihren erbitterten Groll hervor.
(1911.7) 175:4.10 2. Sie behaupteten, Jesus sei ein Gesetzesbrecher, und er habe für den Sabbat und zahlreiche andere gesetzliche und zeremonielle Vorschriften äußerste Missachtung gezeigt.
(1911.8) 175:4.11 3. Sie warfen ihm Gotteslästerung vor, weil er von Gott als seinem Vater sprach.
(1911.9) 175:4.12 4. Und jetzt waren sie äußerst erbost über ihn wegen seiner letzten Rede heftiger Anprangerung, die er an diesem Tag als Schlussteil seiner Abschiedsbotschaft im Tempel gehalten hatte.
(1911.10) 175:4.13 Der Sanhedrin vertagte sich an diesem Dienstag gegen Mitternacht, nachdem er in aller Form Jesu Tod beschlossen und Befehl zu seiner Verhaftung erteilt und ein Treffen im Hause des Hohenpriesters Kajaphas auf zehn Uhr am nächsten Vormittag anberaumt hatte, um die Anklagen zu formulieren, aufgrund derer Jesus vor Gericht gebracht werden sollte.
(1911.11) 175:4.14 Eine kleine Gruppe von Sadduzäern hatte tatsächlich vorgeschlagen, Jesus durch Mord aus dem Wege zu räumen, aber die Pharisäer weigerten sich entschieden, ein solches Vorgehen zu billigen.
(1911.12) 175:4.15 So lagen an diesem ereignisreichen Tag die Dinge in Jerusalem und bei den Menschen, während über dem denkwürdigen irdischen Schauplatz eine große Versammlung himmlischer Wesen schwebte, welche sehnlich wünschten, etwas zu tun, um ihrem geliebten Herrscher beizustehen, aber machtlos waren zu handeln, weil die sie befehligenden Vorgesetzten sie wirksam davon abhielten.
www.urantia.org/de/das-urantia-buch/schrift-175-die-letzte-rede-im-tempel
Das Urantia Buch
Am Dienstagabend auf dem Ölberg
(1912.1) 176:0.1 ALS Jesus und die Apostel an diesem Dienstagnachmittag den Tempel verließen, um sich zum Lager von Gethsemane zu begeben, lenkte Matthäus die Aufmerksamkeit auf den Tempelbau und sagte: „Meister, schau dir die Beschaffenheit dieser Bauten an. Sieh die wuchtigen Steine und die wunderbaren Verzierungen; ist es denkbar, dass diese Gebäude einmal zerstört werden?“ Als sie in Richtung des Ölbergs weiterschritten, sagte Jesus: „Ihr seht jetzt diese Steine und diesen gewaltigen Tempel; wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Die Tage werden bald kommen, da kein Stein auf dem anderen bleiben wird. Sie werden alle umgestürzt werden.“ Diese Bemerkungen über die Zerstörung des heiligen Tempels erregten die Neugier der Apostel, die hinter dem Meister hergingen; abgesehen vom Ende der Welt, konnten sie sich kein Ereignis vorstellen, das die Zerstörung des Tempels hätte verursachen können.
(1912.2) 176:0.2 Um der Menge auszuweichen, die durch das Kidrontal nach Gethsemane zog, entschieden Jesus und seine Gefährten, ein kurzes Stück Weges den Westabhang des Ölbergs hinaufzusteigen und dann einem Fußweg zu folgen, der zu ihrem in geringer Entfernung oberhalb des öffentlichen Lagerplatzes gelegenen privaten Lager bei Gethsemane führte. Als sie von der Straße nach Bethanien abbogen, sahen sie den von den Strahlen der untergehenden Sonne in ein glorreiches Licht getauchten Tempel; und während sie auf dem Berg verweilten, beobachteten sie, wie in der Stadt die Lichter angingen, und genossen die Schönheit des hell erleuchteten Tempels; und dort, im sanften Licht des Vollmondes, setzten sich Jesus und die Zwölf. Der Meister unterhielt sich mit ihnen, und alsbald stellte Nathanael die Frage: „Sage uns, Meister, woran werden wir erkennen, dass jene Ereignisse unmittelbar bevorstehen?“
(1912.3) 176:1.1 Auf Nathanaels Frage gab Jesus zur Antwort: „Ja, ich will euch von den Zeiten reden, da dieses Volk den Becher seiner Frevel gefüllt haben und das Gericht jäh über diese Stadt unserer Väter kommen wird. Ich stehe im Begriff, euch zu verlassen; ich gehe zum Vater. Gebt acht, dass euch nach meinem Weggang niemand täuscht, denn manche werden als Befreier kommen und werden viele in die Irre führen. Lasst euch nicht beunruhigen, wenn ihr von Kriegen und Kriegsgerüchten hört, denn, obwohl all das geschehen wird, steht das Ende von Jerusalem nicht unmittelbar bevor. Weder Hungersnöte noch Erdbeben sollten euch etwas anhaben können, und ihr solltet unbesorgt sein, wenn man euch den zivilen Behörden überantwortet oder euch um des Evangeliums willen verfolgt. Um meinetwillen wird man euch aus der Synagoge verjagen und ins Gefängnis werfen, und einige von euch wird man töten. Wenn man euch vor Statthalter und Herrscher bringt, dann geschehe es, damit ihr für euren Glauben Zeugnis ablegt und euer unbeirrbares Festhalten am Evangelium vom Königreich unter Beweis stellt. Und wenn ihr vor Richtern steht, dann sorgt euch nicht im voraus, was ihr sagen sollt, denn der Geist wird euch gerade in jenem Augenblick eingeben, was ihr euren Gegnern antworten sollt. In jenen qualvollen Tagen werden euch selbst eure eigenen Familienangehörigen unter Führung derer, die den Menschensohn abgewiesen haben, dem Gefängnis und dem Tod überantworten. Eine Zeit lang mögen euch alle Menschen um meinetwillen hassen, aber selbst in diesen Verfolgungen werde ich euch nicht im Stich lassen; mein Geist wird euch nicht verlassen. Seid geduldig! Zweifelt nicht daran, dass das Evangelium vom Königreich über alle Feinde triumphieren und schließlich allen Völkern verkündet werden wird.“
(1913.1) 176:1.2 Jesus hielt inne, während er auf die Stadt hinabsah. Der Meister erkannte, dass die Zurückweisung der geistigen Vorstellung vom Messias, die Entschlossenheit, beharrlich und blind an der weltlichen Sendung des erwarteten Befreiers festzuhalten, die Juden bald in direkten Konflikt mit den mächtigen römischen Armeen bringen würde, und dass eine solche Auseinandersetzung nur mit dem endgültigen und vollständigen Untergang der jüdischen Nation enden konnte. Als sein Volk Jesu geistiges Geschenk zurückwies und sich weigerte, das Licht des Himmels zu empfangen, das so erbarmungsvoll über ihm schien, besiegelte es damit sein Schicksal als unabhängiges Volk mit einer besonderen geistigen Sendung auf Erden. Sogar die jüdischen Führer erkannten später, dass gerade diese weltliche Vorstellung vom Messias direkt die Unruhen heraufbeschwor, die schließlich zu ihrer Vernichtung führten.
(1913.2) 176:1.3 Da es Jerusalem bestimmt war, zur Wiege der jungen Evangeliumsbewegung zu werden, wollte Jesus nicht, dass seine Lehrer und Prediger bei der entsetzlichen, mit der Zerstörung Jerusalems einhergehenden Niederwerfung des jüdischen Volkes umkämen; deshalb gab er seinen Anhängern diese Hinweise. Jesus war sehr besorgt, einige seiner Jünger könnten in diese baldigen Aufstände hineingezogen werden und beim Fall Jerusalems umkommen.
(1913.3) 176:1.4 Da erkundigte sich Andreas: „Aber, Meister, wenn die Heilige Stadt und der Tempel zerstört werden und du nicht mehr hier bist, um uns zu leiten, wann sollen wir denn Jerusalem verlassen?“ Jesus sagte: „Ihr könnt in Jerusalem bleiben, nachdem ich gegangen bin, sogar während dieser Zeiten der Qualen und erbitterten Verfolgungen, aber wenn ihr nach dem Aufstand der falschen Propheten Jerusalem schließlich von den römischen Heeren umzingelt seht, dann werdet ihr wissen, dass seine Verwüstung unmittelbar bevorsteht; dann müsst ihr in die Berge fliehen. Niemand soll in der Stadt und ihrer Umgebung verweilen, um irgendetwas zu retten, noch sollen sich jene, die sich außerhalb befinden, hineinwagen. Das Leid wird groß sein, denn das werden die Tage der Rache der Heiden sein. Und nachdem ihr die Stadt verlassen habt, wird dieses ungehorsame Volk durch das Schwert umkommen und zu allen Nationen in die Gefangenschaft abgeführt werden. So wird Jerusalem von den Heiden zertreten werden. Aber ich warne euch, lasst euch in der Zwischenzeit nicht täuschen! Wenn jemand zu euch kommt und sagt: ‚Seht, hier ist der Befreier‘, oder: ‚Seht, dort ist er‘, so glaubt ihm nicht, denn manche falschen Lehrer werden aufstehen und viele sich von ihnen in die Irre führen lassen; aber ihr sollt euch nicht täuschen lassen, denn ich habe euch all das im Voraus gesagt.“
(1913.4) 176:1.5 Lange Zeit saßen die Apostel schweigend im Mondlicht da, während sich diese erstaunlichen Vorhersagen des Meisters in ihre fassungslosen Gemüter senkten. Und eingedenk eben dieser Vorwarnung floh praktisch die ganze Schar von Gläubigen und Jüngern beim ersten Erscheinen der römischen Truppen aus Jerusalem. Und sie fanden in Pella im Norden einen sicheren Unterschlupf.
(1913.5) 176:1.6 Sogar noch nach dieser unmissverständlichen Warnung deuteten viele von Jesu Anhängern diese Vorhersagen dahin, dass sie sich auf die Veränderungen bezögen, die zwangsläufig in Jerusalem eintreten würden, wenn das Wiedererscheinen des Messias die Errichtung des Neuen Jerusalems und den Ausbau der Stadt zur Hauptstadt der Welt zur Folge haben würde. In ihrem Gemüt hatten die Juden entschieden, die Zerstörung des Tempels mit dem „Ende der Welt“ in Verbindung zu bringen. Sie glaubten, dass dieses Neue Jerusalem ganz Palästina füllen und dass auf das Ende der Welt sofort das Erscheinen der „neuen Himmel und der neuen Erde“ folgen würde. Und so ist es nicht verwunderlich, dass Petrus sagte: „Meister, wir wissen, dass alles vergehen wird, wenn die neuen Himmel und die neue Erde erscheinen, aber wie werden wir wissen, wann du wiederkehrst, um all dies zu vollbringen?“
(1914.1) 176:1.7 Als Jesus das hörte, sann er eine Weile nach und sprach dann: „Ihr irrt euch dauernd, weil ihr stets die neue Lehre an die alte anzuhängen versucht; ihr seid entschlossen, meine ganze Lehre misszuverstehen; ihr besteht darauf, das Evangelium gemäß euren althergebrachten Vorstellungen auszulegen. Trotzdem will ich versuchen, euch aufzuklären.“
(1914.2) 176:2.1 Bei mehreren Gelegenheiten hatte Jesus Äußerungen gemacht, die seine Hörer folgern ließen, dass er wohl in Kürze diese Welt zu verlassen gedenke, aber mit Sicherheit wiederkehren würde, um das Werk des himmlischen Königreichs zu vollenden. Als bei seinen Anhängern die Überzeugung wuchs, dass er sie verlassen würde, und als er dann diese Welt verlassen hatte, war es nur natürlich, dass alle Gläubigen sich fest an diese Versprechen seiner Rückkehr klammerten. So wurde den Lehren der Christen schon früh die Doktrin vom zweiten Kommen Christi einverleibt, und fast jede spätere Generation von Jüngern hat inbrünstig an diese Wahrheit geglaubt und vertrauensvoll und freudig sein künftiges Kommen erwartet.
(1914.3) 176:2.2 Da sie sich von ihrem Meister und Lehrer trennen mussten, klammerten sich die ersten Jünger und die Apostel umso stärker an dieses Versprechen der Wiederkehr, und sofort brachten sie die vorausgesagte Zerstörung Jerusalems mit dem versprochenen zweiten Kommen in Verbindung. Und sie fuhren fort, seine Worte in diesem Sinne auszulegen, obwohl sich der Meister während dieser abendlichen Unterweisung auf dem Ölberg ganz besonders darum bemühte, gerade einem solchen Irrtum vorzubeugen.
(1914.4) 176:2.3 Zur Frage von Petrus führte Jesus weiter aus: „Warum wartet ihr immer noch darauf, dass der Menschensohn sich auf Davids Thron setze und sich die materiellen Träume der Juden erfüllten? Habe ich euch nicht all die Jahre hindurch gesagt, dass mein Königreich nicht von dieser Welt ist? Das, worauf ihr eben jetzt herabschaut, geht seinem Ende entgegen, aber es wird zugleich ein Neubeginn sein, durch den das Evangelium vom Königreich in die ganze Welt hinausgetragen und sich das Heil unter allen Völkern ausbreiten wird. Wenn das Königreich einst zu voller Blüte gelangt sein wird, könnt ihr sicher sein, dass der Vater im Himmel euch ohne Frage eine erweiterte Offenbarung der Wahrheit und eine höhere Bekundung von Rechtschaffenheit gewähren wird, in derselben Weise, wie er dieser Welt bereits denjenigen geschenkt hat, der zum Fürsten der Finsternis geworden ist, und nach ihm Adam, auf den Melchisedek und in diesen Tagen der Menschensohn gefolgt sind. Und so wird mein Vater fortfahren, seine Barmherzigkeit zu zeigen und seine Liebe kundzutun, auch gegenüber dieser finsteren und schlechten Welt. Ebenso will ich, wenn mein Vater mir alle Macht und Autorität übertragen hat, weiterhin euer Schicksal verfolgen und euch in den Dingen des Königreichs durch die Anwesenheit meines Geistes leiten, der in Kürze über alle Sterblichen ausgegossen werden wird. Und obwohl ich in dieser Weise im Geiste bei euch anwesend sein werde, verspreche ich auch, dass ich irgendwann auf die Welt zurückkehren werde, wo ich dieses Leben als Sterblicher gelebt und die Erfahrung erlangt habe, gleichzeitig Gott den Menschen zu offenbaren und die Menschen zu Gott zu führen. Ich muss euch sehr bald verlassen und das Werk weiterführen, das der Vater meinen Händen anvertraut hat, aber seid guten Mutes, denn ich werde irgendwann wiederkehren. In der Zwischenzeit soll mein Geist der Wahrheit eines Universums euch ermutigen und führen.
(1915.1) 176:2.4 Ihr seht mich jetzt in Schwachheit und in einem Körper, aber wenn ich wiederkehre, wird es mit Macht und im Geist sein. Das leibliche Auge nimmt den verkörperten Menschensohn wahr, aber nur das Auge des Geistes wird den vom Vater verherrlichten und in seinem eigenen Namen auf Erden erscheinenden Menschensohn erkennen.
(1915.2) 176:2.5 Aber die Zeit der Wiederkunft des Menschensohns ist nur den Räten des Paradieses bekannt; nicht einmal die Engel des Himmels wissen, wann sie stattfinden wird. Ihr solltet aber dieses verstehen: Wenn das Evangelium vom Königreich dereinst der ganzen Welt zum Heil aller Völker verkündet worden ist und wenn das Zeitalter erfüllt ist, wird der Vater euch eine neue Dispensations-Gnadengabe senden, oder aber der Menschensohn wird zurückkehren, um das Zeitalter zu richten.
(1915.3) 176:2.6 Was nun das Leiden Jerusalems betrifft, von dem ich euch gesprochen habe, so wird diese Generation nicht vergehen, ehe sich meine Worte erfüllt haben; was dagegen den Zeitpunkt der Wiederkehr des Menschensohnes anlangt, so maße sich niemand im Himmel oder auf Erden an, darüber zu reden. Aber ihr solltet so weise sein, das Reifen eines Zeitalters zu beobachten; ihr solltet wachen Sinnes sein, um die Zeichen der Zeit zu erkennen. Wenn am Feigenbaum die zarten Zweige sprießen und die Blätter erscheinen, wisst ihr, dass der Sommer naht. In derselben Weise solltet ihr, nachdem die Welt durch den langen Winter materialistischer Einstellung gegangen ist und ihr das Kommen des geistigen Frühlings einer neuen Dispensation feststellt, wissen, dass der Sommer einer neuen Visitation naht.
(1915.4) 176:2.7 Aber was für eine Bedeutung hat diese Lehre vom Kommen der Söhne Gottes? Erkennt ihr nicht, dass sich jeder von euch im Augenblick, da er aufgerufen wird, seinen Lebenskampf aufzugeben und durch die Pforte des Todes zu gehen, in der unmittelbaren Gegenwart des Gerichts befindet und sich direkt den Tatsachen einer neuen Dispensation des Dienstes im ewigen Plan des unendlichen Vaters gegenübersieht? Was die ganze Welt am Ende eines Zeitalters als eine feststehende Tatsache zu gewärtigen hat, hat jeder einzelne von euch mit größter Sicherheit als persönliche Erfahrung zu gewärtigen, wenn er am Ende seines natürlichen Lebens anlangt und sich den Bedingungen und Forderungen gegenübersieht, die der nächsten Offenbarung des sich ewig vorwärtsbewegenden Königreichs des Vaters innewohnen.“
(1915.5) 176:2.8 Von allen Ansprachen, die der Meister an seine Apostel richtete, hinterließ keine in ihren Gedanken eine solche Verwirrung wie jene vom Dienstagabend auf dem Ölberg über das zweifache Thema der Zerstörung Jerusalems und seines eigenen zweiten Kommens. Deshalb gab es wenig Übereinstimmung zwischen den späteren schriftlichen Berichten, die auf der Erinnerung an das fußten, was der Meister bei dieser außerordentlichen Gelegenheit gesagt hatte. Demzufolge entstanden viele Überlieferungen aufgrund der Tatsache, dass sich die Aufzeichnungen über so manches ausschwiegen, was an jenem Dienstagabend gesagt worden war; und gleich zu Beginn des zweiten Jahrhunderts wurde eine jüdische Apokalyptik über den Messias, dessen Verfasser ein zum Hof des Kaisers Caligula gehörender gewisser Selta war, als Ganzes dem Matthäusevangelium einverleibt und später (teilweise) den Aufzeichnungen von Markus und Lukas hinzugefügt. In diesen Schriften des Selta tauchte auch das Gleichnis von den zehn Jungfrauen auf. Kein Teil der Evangeliumsberichte hat eine so verwirrende Missdeutung erfahren wie gerade die Unterweisung dieses Abends. Aber der Apostel Johannes geriet nie in eine derartige Verwirrung.
(1915.6) 176:2.9 Als die dreizehn Männer ihren Weg zum Lager fortsetzten, waren sie stumm und standen unter einer großen gefühlsmäßigen Spannung. In Judas hatte sich der Entschluss, seine Gefährten zu verlassen, endgültig gefestigt. Es war schon spät am Abend, als David Zebedäus, Johannes Markus und eine Anzahl führender Jünger Jesus und die Zwölf in dem neuen Lager willkommen hießen, aber die Apostel wollten nicht schlafen gehen; sie wollten noch mehr wissen über die Zerstörung Jerusalems, über des Meisters Weggang und das Ende der Welt.
(1916.1) 176:3.1 Nachdem sich ihrer etwa zwanzig um das Lagerfeuer versammelt hatten, fragte Thomas: „Da du zurückkehren wirst, um das Werk des Königreichs zu vollenden, wie sollen wir uns verhalten, während du weg bist und den Angelegenheiten deines Vaters nachgehst?“ Beim Schein des Feuers schaute Jesus auf sie und antwortete:
(1916.2) 176:3.2 Und auch du, Thomas, verstehst nicht, was ich gesagt habe. Habe ich euch denn nicht die ganze Zeit über gelehrt, dass eure Beziehung zum Königreich geistiger und individueller Natur ist — ganz und gar eine Angelegenheit persönlicher Erfahrung im Geiste — die durch den Glauben erlangte Erkenntnis, Söhne Gottes zu sein? Was soll ich dem noch hinzufügen? Was hat der Niedergang von Nationen, der Zusammenbruch von Imperien, die Vernichtung der ungläubigen Juden, das Ende eines Zeitalters oder gar das Ende der Welt, was hat all das mit demjenigen zu tun, der an dieses Evangelium glaubt und der sein Leben in der Sicherheit des ewigen Königreichs geborgen weiß? Ihr, die ihr Gott kennt und an das Evangelium glaubt, habt die Gewissheit des ewigen Lebens bereits empfangen. Da ihr euer Leben im Geiste und für den Vater gelebt habt, kann euch nichts ernsthaft etwas anhaben. Erbauer des Königreichs, beglaubigte Bürger der himmlischen Welten, dürfen sich weder durch weltliche Aufstände beirren, noch durch irdische Katastrophen aus der Fassung bringen lassen. Was hat es für euch, die ihr an dieses Evangelium vom Königreich glaubt, zu bedeuten, wenn Nationen zugrunde gehen, wenn das Zeitalter endet oder alle sichtbaren Dinge zusammenbrechen, da ihr ja wisst, dass euer Leben das Geschenk des Sohnes ist und sich in ewiger Sicherheit beim Vater befindet? Nachdem ihr euer zeitliches Leben aus dem Glauben heraus gelebt und in rechtschaffenem, liebevollem Dienst an euren Mitmenschen die Früchte des Geistes hervorgebracht habt, könnt ihr dem nächsten Schritt auf dem ewigen Lebensweg zuversichtlich mit demselben Glauben an das Fortleben entgegensehen, der euch durch euer erstes, irdisches Abenteuer als Söhne Gottes getragen hat.
(1916.3) 176:3.3 Jede Generation von Gläubigen sollte an ihrer Aufgabe im Hinblick auf die mögliche Rückkehr des Menschensohnes weiterarbeiten, genauso wie jeder einzelne Gläubige sein Lebenswerk im Hinblick auf den unvermeidlichen und stets drohenden natürlichen Tod verfolgt. Wenn ihr einmal durch euren Glauben ein Sohn Gottes geworden seid, wird alles andere für die Gewissheit des Fortlebens bedeutungslos. Aber irrt euch nicht! Dieser Glaube an das Fortleben ist ein lebendiger Glaube, und er bringt in wachsendem Maße die Früchte jenes göttlichen Geistes hervor, der ihn dem menschlichen Herzen zuerst eingegeben hat. Die Tatsache, dass ihr einmal die Sohnschaft im Himmelreich angenommen habt, wird euch nicht retten, wenn ihr wissentlich und beharrlich jene Wahrheiten zurückweist, die damit zu tun haben, dass die sterblichen Söhne Gottes zunehmend geistige Früchte tragen sollen. Ihr, die ihr mit mir am Werk Gottes auf Erden gearbeitet habt, könnt sogar jetzt noch das Königreich verlassen, wenn ihr herausfindet, dass ihr des Vaters Art und Weise, der Menschheit zu dienen, nicht mögt.
(1916.4) 176:3.4 Hört mir zu, während ich euch als Einzelnen sowie als einer Generation von Gläubigen ein Gleichnis erzähle: Es lebte da ein bedeutender Mann, der vor einer langen Reise in ein anderes Land all seine bewährten Diener zu sich rief und sein ganzes Gut in ihre Hände legte. Einem übergab er fünf Talente, einem anderen zwei und noch einem anderen eines. Und so verfuhr er mit der ganzen Gruppe der so beehrten Verwalter und vertraute seine Güter einem jeden entsprechend seinen besonderen Fähigkeiten an; und dann begab er sich auf seine Reise. Nachdem ihr Herr abgereist war, machten sich seine Diener daran, aus dem ihnen anvertrauten Reichtum Gewinn zu ziehen. Sogleich begann derjenige, welcher fünf Talente erhalten hatte, damit zu handeln und erzielte sehr bald einen Gewinn von fünf weiteren Talenten. Auf dieselbe Weise gewann derjenige, der zwei Talente empfangen hatte, bald zwei weitere hinzu. Und so machten alle Diener für ihren Meister Gewinne mit Ausnahme desjenigen, der nur ein Talent erhalten hatte. Dieser ging abseits und grub ein Loch in die Erde, worin er das Geld seines Herrn versteckte. Bald darauf kehrte dieser unvermutet zurück und rief seine Verwalter zusammen, damit sie ihm Rechenschaft ablegten. Und als sie alle um ihren Meister versammelt waren, trat derjenige, der die fünf Talente erhalten hatte, mit dem Geld, das ihm anvertraut worden war, vor und brachte fünf zusätzliche Talente mit den Worten: ‚Herr, du hast mir fünf Talente zum Anlegen gegeben, und ich bin glücklich, dir als meinen Gewinn fünf weitere Talente zu überreichen.‘ Da sprach der Herr zu ihm: ‚Gut gemacht, guter und treuer Diener. Du hast dich in wenigen Dingen als treu erwiesen; ich will dich jetzt als Verwalter über viele setzen; tritt unverzüglich ein in die Freude deines Herrn.‘ Und dann trat derjenige vor, der die zwei Talente erhalten hatte, und sprach: ‚Herr, du hast zwei Talente in meine Hände gelegt; schau, ich habe diese zwei weiteren Talente hinzugewonnen. Und sein Herr sprach zu ihm: ‚Gut gemacht, guter und treuer Verwalter; auch du hast dich in wenigen Dingen als treu erwiesen, und ich will dich jetzt über viele setzen; tritt ein in die Freude deines Herrn.‘ Und dann war derjenige, der das eine Talent erhalten hatte, an der Reihe, Rechenschaft abzulegen. Dieser Diener trat vor und sagte: ‚Herr, ich kannte dich und wurde mir bewusst, dass du ein schlauer Mann bist, der dort Gewinne erwartet, wo er selber nicht gearbeitet hat; deshalb hatte ich Angst, irgendetwas von dem mir Anvertrauten zu riskieren. Ich versteckte dein Talent sicher in der Erde; hier ist es; du hast jetzt wieder, was dir gehört.‘ Aber sein Herr antwortete: ‚Du bist ein fauler und träger Verwalter. Mit deinen eigenen Worten gestehst du ein, dass du wusstest, ich würde von Dir eine Abrechnung mit einem vernünftigen Gewinn wie demjenigen verlangen, den deine gewissenhaften Gefährten mir heute übergeben haben. In diesem Wissen hättest du deshalb mein Geld zumindest den Händen von Bankleuten anvertrauen sollen, damit ich bei meiner Rückkehr mein Gut mit Zinsen hätte entgegennehmen können.‘ Und zu dem Hauptverwalter gewendet sprach der Herr: ‚Nimm diesem nutzlosen Diener das eine Talent weg und gib es demjenigen, der die zehn Talente hat.‘
(1917.1) 176:3.5 Jedem, der da hat, soll noch mehr gegeben werden, und er soll Überfluss haben; aber dem, der nicht hat, soll auch das Wenige, das er hat, weggenommen werden. Ihr könnt in den Angelegenheiten des ewigen Königreichs nicht stehen bleiben. Mein Vater verlangt von all seinen Kindern, in Gnade und Kenntnis der Wahrheit zu wachsen. Ihr, die ihr diese Wahrheiten kennt, müsst in zunehmendem Maße die Früchte des Geistes hervorbringen und im selbstlosen Dienst an euren mit euch dienenden Gefährten wachsende Hingabe zeigen. Und ruft euch dieses in Erinnerung: Was immer ihr für den geringsten meiner Brüder tut, das habt ihr für mich getan.
(1917.2) 176:3.6 Und in diesem Geiste solltet ihr an des Vaters Angelegenheiten herangehen, jetzt und in Zukunft, und sogar in aller Ewigkeit. Macht so weiter, bis ich komme. Tut getreu, was euch aufgetragen worden ist, und so werdet ihr bereit sein, wenn der Tod euch zur Rechenschaft aufruft. Nach einem solchen Leben zum Ruhme des Vaters und zur Zufriedenheit des Sohnes werdet ihr froh und mit überaus großer Freude in den ewigen Dienst des immerwährenden Königreichs treten.“
(1917.3) 176:3.7 Die Wahrheit ist etwas Lebendiges; der Geist der Wahrheit führt die Kinder des Lichts stets in neue Reiche geistiger Realität und göttlichen Dienstes. Die Wahrheit wird euch nicht gegeben, damit ihr sie in festen, sicheren und ehrenwerten Formen erstarren lässt. Die durch euch offenbarte Wahrheit muss in eurer persönlichen Erfahrung so gesteigert werden, dass sich allen, die eure geistigen Früchte sehen, neue Schönheit und wirkliche geistige Gewinne enthüllen und sie dahingeleitet werden, den Vater im Himmel zu lobpreisen. Nur jene treuen Diener, die auf solche Weise in der Kenntnis der Wahrheit wachsen und dabei die Fähigkeit zu einer göttlichen Würdigung geistiger Realitäten entwickeln, können je hoffen, „ganz und gar in die Freude ihres Herrn einzutreten“. Was für einen traurigen Anblick bieten doch die aufeinander folgenden Generationen erklärter Anhänger Jesu, wenn sie über ihre Verwaltung der göttlichen Wahrheit sagen: „Hier, Meister, ist die Wahrheit, die du uns vor hundert oder tausend Jahren anvertraut hast. Wir haben nichts davon verloren; wir haben gewissenhaft alles aufbewahrt, was du uns gegeben hast; wir haben es nicht geduldet, dass an dem, was du uns gelehrt hast, irgendwelche Änderungen vorgenommen würden; hier ist die Wahrheit, so wie du sie uns gegeben hast.“ Aber eine solche Ausrede für geistige Trägheit wird den unproduktiven Verwalter der Wahrheit in Gegenwart des Meisters nicht rechtfertigen. Der Meister der Wahrheit wird von euch entsprechend der euren Händen anvertrauten Wahrheit Rechenschaft fordern.
(1918.1) 176:3.8 In der nächsten Welt wird man euch auffordern, über eure Gaben und über eure Verwalterdienste in dieser Welt Rechenschaft abzulegen. Ob ihr wenige oder viele angeborene Talente habt — ihr müsst einer gerechten und mitleidsvollen Abrechnung ins Auge sehen. Wenn Gaben nur zur Verfolgung selbstischer Zwecke gebraucht und keine Gedanken an die höhere Pflicht gegeben werden, einen größeren Ertrag an geistigen Früchten zu erzielen, wie sie im stets wachsenden Dienst an den Mitmenschen und in der Anbetung Gottes zum Ausdruck kommen, dann müssen solche egoistischen Verwalter die Folgen ihrer vorsätzlichen Wahl akzeptieren.
(1918.2) 176:3.9 Und wie sehr glich dieser pflichtvergessene Diener mit dem einen Talent allen egoistischen Sterblichen darin, dass er für seine Trägheit direkt seinen Herrn tadelte! Wie geneigt ist doch der Mensch, wenn er mit seinem selbst verursachten Versagen konfrontiert wird, dafür anderen die Schuld zu geben, und oft gerade jenen, die es am wenigsten verdienen!
(1918.3) 176:3.10 Als sie sich an diesem Abend zur Ruhe begaben, sagte Jesus: „Ihr habt reichlich erhalten; deshalb solltet ihr die Wahrheit des Himmels reichlich weiter schenken, und im Geben wird sich diese Wahrheit vervielfältigen und sie wird das Licht der rettenden Gnade immer heller leuchten lassen, während ihr sie austeilt.“
(1918.4) 176:4.1 Kein einziger Aspekt von allen Unterweisungen des Meisters ist so gründlich missverstanden worden wie sein Versprechen, dereinst persönlich auf diese Welt zurückzukehren. Es ist nicht verwunderlich, dass Michael ein Interesse daran hat, irgendwann auf den Planeten zurückzukehren, auf dem er als ein Sterblicher der Welt durch die Erfahrung seiner siebenten und letzten Selbsthingabe gegangen ist. Es ist nur natürlich zu glauben, dass Jesus von Nazareth, jetzt souveräner Herrscher über ein ausgedehntes Universum, daran interessiert ist, nicht nur einmal, sondern sogar viele Male auf die Welt zurückzukehren, auf der er ein so einzigartiges Leben gelebt und dafür vom Vater schließlich unbegrenzte Macht und Autorität über sein Universum erhalten hat. Urantia wird ewig eine der sieben Geburtswelten Michaels bleiben, auf denen er sich die Souveränität über sein Universum verdient hat.
(1918.5) 176:4.2 Jesus bekundete bei zahlreichen Gelegenheiten und vielen Personen gegenüber seine Absicht, auf diese Welt zurückzukehren. Als seine Anhänger der Tatsache gewahr wurden, dass ihr Meister nicht die Rolle eines weltlichen Befreiers übernehmen würde, und als sie seine Vorhersagen über die Zerstörung Jerusalems und den Fall der jüdischen Nation anhörten, begannen sie ganz natürlich, seine versprochene Rückkehr mit diesen katastrophalen Ereignissen in Verbindung zu bringen. Als aber die römischen Armeen die Mauern Jerusalems dem Erdboden gleichmachten, den Tempel zerstörten und die Juden Judäas zerstreuten und der Meister sich immer noch nicht in Macht und Glanz offenbarte, begannen seine Anhänger jenen Glauben zu formulieren, der schließlich das zweite Erscheinen Christi mit dem Ende des Zeitalters oder sogar mit dem Ende der Welt verband.
(1918.6) 176:4.3 Jesus versprach, zwei Dinge zu tun, nachdem er zum Vater aufgestiegen wäre und alle Macht im Himmel und auf Erden in seine Hände gelegt würde. Erstens versprach er, der Welt an seiner Stelle einen anderen Lehrer, den Geist der Wahrheit, zu senden; und das tat er am Pfingsttag. Zweitens versprach er seinen Anhängern ganz bestimmt, irgendwann persönlich auf diese Welt zurückzukehren. Aber er sagte nicht, wie, wo und wann er diesen Planeten, auf dem er durch seine menschliche Erfahrung der Selbsthingabe gegangen war, erneut besuchen werde. Bei einer Gelegenheit deutete er an, dass das leibliche Auge ihn wohl erblickt habe, als er hier in Menschengestalt lebte, dass ihn aber bei seiner Rückkehr (oder zumindest bei einem seiner möglichen Besuche) nur das Auge des geistigen Glaubens erkennen werde.
(1919.1) 176:4.4 Viele von uns neigen dem Glauben zu, dass Jesus in den kommenden Zeitaltern viele Male auf Urantia zurückkehren wird. Wir haben nicht sein ausdrückliches Versprechen, dass er diese wiederholten Besuche machen wird, aber es scheint höchst wahrscheinlich, dass derjenige, der unter seinen Universumstiteln auch den eines Planetarischen Fürsten von Urantia führt, die Welt, deren Eroberung ihm einen so einzigartigen Titel eintrug, viele Male besuchen wird.
(1919.2) 176:4.5 Wir glauben ganz bestimmt, dass Michael wieder persönlich nach Urantia kommen wird, aber wir haben nicht die leiseste Ahnung, welchen Zeitpunkt oder welche Art des Kommens er wählen wird. Wird sein zweites Erscheinen auf der Erde zeitlich so angesetzt werden, dass es in Verbindung mit dem letzten Gericht des gegenwärtigen Zeitalters stattfindet, sei es mit oder ohne ein damit verknüpftes Erscheinen eines Richtersohnes? Wird er im Zusammenhang mit der Beendigung irgendeines späteren urantianischen Zeitalters kommen? Wird er unangemeldet erscheinen und als ein selbständiges Ereignis? Wir wissen es nicht. Wir sind nur einer Sache sicher, nämlich dieser: Wenn er wiederkehrt, wird es voraussichtlich die ganze Welt wissen, denn er muss als der höchste Gebieter eines Universums kommen und nicht als das unbekannte Neugeborene von Bethlehem. Wenn aber jedes Auge ihn sehen soll, und wenn nur geistige Augen imstande sind, seine Gegenwart wahrzunehmen, dann muss sein Erscheinen lange hinausgeschoben werden.
(1919.3) 176:4.6 Ihr tätet deshalb gut daran, des Meisters persönliche Rückkehr auf die Erde mit keinen festen Ereignissen oder bestimmten Epochen in Verbindung zu bringen. Wir sind uns nur einer Sache sicher: Er hat versprochen zurückzukehren. Wir haben keine Ahnung, wann und in welchem Zusammenhang er sein Versprechen erfüllen wird. Soviel wir wissen, kann er jeden Tag auf der Erde erscheinen, es kann aber auch sein, dass er erst kommen wird, nachdem ganze Zeitalter verstrichen und diese von seinen Mitarbeitern, den Söhnen des Paradies-Korps, ordnungsgemäß gerichtet worden sind.
(1919.4) 176:4.7 Das zweite Erscheinen Michaels auf Erden ist sowohl für die Mittler wie für die Menschen ein Ereignis von gewaltigem gefühlsmäßigem Wert; aber im Übrigen hat es für die Mittler keine unmittelbare Bedeutung und ist für die menschlichen Wesen von keiner größeren praktischen Wichtigkeit als das gewöhnliche Ereignis des natürlichen Todes, der die sterblichen Menschen so plötzlich in die unmittelbare Aktualität jener Folge universeller Abläufe wirft, die direkt in die Gegenwart eben desselben Jesus, des souveränen Gebieters unseres Universums, führen. Die Kinder des Lichts sind alle dazu bestimmt, ihn zu sehen, und es hat keine ernsthafte Bedeutung, ob wir zu ihm gehen, oder ob es sich trifft, dass er zuerst zu uns kommt. Haltet euch deshalb stets bereit, ihn auf Erden willkommen zu heißen, so wie er bereit ist, euch im Himmel willkommen zu heißen. Wir erwarten zuversichtlich sein glorreiches Erscheinen, sogar sein wiederholtes Kommen, aber wir wissen überhaupt nichts darüber, wie, wann und in welchem Zusammenhang ihm zu erscheinen bestimmt ist.
www.urantia.org/de/das-urantia-buch/schrift-176-am-dienstagabend-auf-dem-olberg
Das Urantia Buch
Am Montag in Jerusalem
(1888.1) 173:0.1 WIE verabredet, versammelten sich Jesus und die Apostel an diesem Montagmorgen in der Frühe in Simons Haus in Bethanien, und nach einer kurzen Besprechung machten sie sich auf nach Jerusalem. Auf dem Weg zum Tempel waren die Zwölf merkwürdig still; sie hatten sich von dem am Vortag Erlebten noch nicht erholt. Sie waren erwartungsvoll und ängstlich und empfanden zutiefst eine Art Entfremdungsgefühl, das aus dem plötzlichen Taktikwechsel des Meisters sowie aus seiner Weisung erwuchs, sich während dieser Passahwoche jedes öffentlichen Lehrens zu enthalten.
(1888.2) 173:0.2 Als die Gruppe den Ölberg hinabstieg, ging Jesus voran, und die Apostel folgten in nachdenklichem Schweigen dicht hinter ihm. Mit Ausnahme Judas Iskariots beherrschte alle ein einziger Gedanke, nämlich: Was wird der Meister heute tun? Der in ihm alles absorbierende Gedanke des Judas war: Was soll ich tun? Soll ich bei Jesus und meinen Gefährten bleiben, oder soll ich mich zurückziehen? Und wenn ich aufgebe, wie soll ich den Bruch vollziehen?
(1888.3) 173:0.3 Es war gegen neun Uhr an diesem schönen Morgen, als die Männer beim Tempel anlangten. Sie begaben sich sofort zu dem großen Hof, wo Jesus so oft gelehrt hatte. Nachdem er die Gläubigen, die auf ihn warteten, begrüßt hatte, bestieg Jesus eines der Rednerpodeste und begann, zu der sich versammelnden Menge zu sprechen. Die Apostel zogen sich auf kurze Distanz zurück und warteten die weitere Entwicklung ab.
(1888.4) 173:1.1 Ein gewaltiger Geschäftsbetrieb hatte sich im Tempel in Verbindung mit den Gottesdiensten und Anbetungszeremonien entwickelt. Da gab es das Geschäft, die verschiedenen Opferhandlungen mit passenden Tieren zu versorgen. Obwohl es jedem Tempelgänger gestattet war, sein eigenes Opfertier mitzubringen, blieb doch die Tatsache bestehen, dass dieses von allem „Makel“ frei zu sein hatte im Sinne des Levitischen Gesetzes und dessen Auslegung durch die offiziellen Tempelinspektoren. Manch ein Tempelgänger hatte die Demütigung erlebt, dass die Examinatoren des Tempels sein, wie er glaubte, vollkommenes Tier zurückwiesen. Deshalb war es gängige Praxis geworden, die Opfertiere im Tempel zu kaufen, und obgleich es auf dem nahe gelegenen Ölberg mehrere Orte gab, wo man sie erwerben konnte, war es Brauch geworden, diese Tiere direkt aus den Pferchen des Tempels zu kaufen. Nach und nach war es zur Gewohnheit geworden, in den Tempelhöfen alle möglichen Arten von Opfertieren zum Kauf anzubieten. Auf diese Weise war ein ausgedehnter Handel entstanden, bei dem enorme Profite gemacht wurden. Ein Teil dieser Gewinne war für den Tempelschatz bestimmt, aber der größere Teil floss auf Umwegen in die Hände der Familien der regierenden Hohenpriester.
(1888.5) 173:1.2 Dieser Tierverkauf im Tempel florierte, denn wenn der Opfernde ein solches Tier erstand, obwohl dessen Preis recht hoch sein konnte, waren keine weiteren Abgaben zu bezahlen, und er konnte sicher sein, dass sein beabsichtigtes Opfer nicht aufgrund wirklicher oder theoretischer Mängel zurückgewiesen wurde. Von Zeit zu Zeit wurde das gemeine Volk mit ungeheuerlichen Preisaufschlägen gedrückt, insbesondere während der großen nationalen Feste. Einmal gingen die habgierigen Priester so weit, für ein Taubenpaar, das den Armen für einige wenige Pfennige hätte verkauft werden sollen, eine Summe zu verlangen, die dem Wert von einer Woche Arbeit entsprach. Die „Söhne des Hannas“ hatten bereits damit begonnen, ihre Basare im Tempelbezirk zu errichten, eben jene Warenmärkte, die weiter existierten, bis der Pöbel sie endlich drei Jahre vor der Zerstörung des Tempels niederriss.
(1889.1) 173:1.3 Aber der Handel mit Opfertieren und allerlei Waren war nicht die einzige Art, in der die Tempelhöfe entweiht wurden. Zu dieser Zeit wurde ein ausgedehntes System von Bank- und Tauschgeschäften aufgebaut, die direkt im Tempelbezirk abgewickelt wurden. Dazu war es folgendermaßen gekommen: Während der Dynastie der Hasmonäer prägten die Juden ihre eigenen Silbermünzen, und es war Praxis geworden zu verlangen, dass die Tempelgebühr von einem halben Schekel und alle übrigen Tempelabgaben mit dieser jüdischen Münze zu bezahlen seien. Diese Bestimmung machte die Erteilung von Konzessionen an Geldwechsler nötig, um die vielen Geldsorten, die in Palästina und anderen Provinzen des Römischen Reiches im Umlauf waren, gegen diese orthodoxen Schekel jüdischer Prägung einzutauschen. Die Tempelkopfsteuer, die alle mit Ausnahme von Frauen, Sklaven und Minderjährigen zu entrichten hatten, betrug einen halben Schekel, eine ziemlich dicke Münze von zwei Zentimetern Durchmesser. Zurzeit Jesu waren die Priester auch von der Bezahlung der Tempelabgaben befreit worden. Folglich schlugen beglaubigte Geldwechsler in der Zeit vom 15. bis zum 25. des dem Passahfest vorangehenden Monats in den wichtigsten Städten Palästinas ihre Buden auf, um die jüdischen Bürger mit dem ordnungsgemäßen Geld zu versehen, das diese, einmal in Jerusalem angelangt, zur Entrichtung der Tempelsteuern benötigten. Nach dieser zehntägigen Periode zogen die Geldwechsler nach Jerusalem und stellten ihre Wechseltische in den Tempelhöfen auf. Es war ihnen gestattet, für den Umtausch einer Münze im Wert von etwa zehn Pfennigen eine Kommission von drei bis vier Pfennigen zu erheben, und wenn eine Münze von größerem Wert zum Wechsel angeboten wurde, durften sie das Doppelte kassieren. Desgleichen profitierten diese Bankleute des Tempels vom Wechsel allen Geldes, das zum Kauf von Opfertieren oder zur Bezahlung von Gelübden und für Spenden bestimmt war.
(1889.2) 173:1.4 Die Geldwechsler des Tempels führten nicht nur einen regelrechten Bankbetrieb mit Gewinn aus dem Umtausch von mehr als zwanzig Geldsorten, die die Pilger-Besucher in regelmäßigen Abständen nach Jerusalem brachten, sondern sie beschäftigten sich auch mit sämtlichen anderen zum Bankgeschäft gehörenden Transaktionen. Sowohl der Tempelschatz wie die religiösen Führer profitierten gewaltig von diesen geschäftlichen Aktivitäten. Es war nicht ungewöhnlich, dass der Tempelschatz die Entsprechung von zehn Tonnen Gold ent-hielt, während das gemeine Volk in Armut darbte und fortfuhr, diese ungerechten Abgaben zu zahlen.
(1889.3) 173:1.5 Inmitten dieses lärmenden Haufens von Geldwechslern, Waren- und Viehhändlern versuchte Jesus an diesem Montagmorgen das Evangelium vom himmlischen Königreich zu verkündigen. Nicht nur er empörte sich über diese Entheiligung des Tempels: Auch die einfachen Leute und insbesondere die jüdischen Besucher aus ausländischen Provinzen waren echt entrüstet über diese Entweihung ihres nationalen Hauses der Anbetung durch Wuchergeschäfte. Damals hielt auch der Sanhedrin seine ordentlichen Sitzungen in einem Raum ab, der von diesem ganzen Stimmengewirr und Durcheinander von Tausch und Handel umgeben war.
(1890.1) 173:1.6 Als sich Jesus anschickte, mit seiner Rede zu beginnen, ereigneten sich zwei Dinge, die seine Aufmerksamkeit erregten. Am Geldtisch eines nahen Wechslers war ein heftiger und hitziger Streit über eine angeblich zu hohe Geldforderung an einen Juden aus Alexandria ausgebrochen, während im selben Augenblick das Gebrüll einer Herde von gut hundert Ochsen, die von einem Abteil der Tierpferche zum anderen getrieben wurden, die Luft zerriss. Als Jesus innehielt und schweigend, aber nachdenklich dieses Bild der Krämerei und Verwirrung betrachtete, erblickte er ganz in der Nähe einen schlichten Galiläer, einen Mann, mit dem er einst in Iron gesprochen hatte, und der eben jetzt von hochmütigen und sich überlegen wähnenden Judäern verspottet und angerempelt wurde; und all das wirkte zusammen, um in Jesu Seele einen jener seltsamen und periodischen Ausbrüche gefühlsmäßiger Empörung auszulösen.
(1890.2) 173:1.7 Zur Verblüffung seiner Apostel, die nahe dabei standen und davon absahen, sich an dem, was sofort folgen sollte, zu beteiligen, stieg Jesus vom Rednerpodest herab, ging zu dem jungen Burschen hinüber, der das Vieh durch den Hof führte, nahm ihm seine Schnurpeitsche aus der Hand und trieb die Tiere rasch aus dem Tempel hinaus. Aber das war nicht alles: Unter den staunenden Blicken der Tausende, die im Tempelhof versammelt waren, schritt er majestätisch zu dem entferntesten Viehpferch und machte sich daran, die Boxentore eines nach dem anderen zu öffnen und die gefangenen Tiere hinauszutreiben. Jetzt waren die versammelten Pilger wie elektrisiert, und mit lauten Rufen gingen sie auf die Basare los und begannen, die Tische der Geldwechsler umzustürzen. In weniger als fünf Minuten war alles Markttreiben aus dem Tempel gefegt. Bis die in der Nähe befindlichen römischen Wachsoldaten auf dem Schauplatz eintrafen, war alles ruhig, und die Menge war wieder friedlich geworden. Jesus kehrte zum Rednerpodest zurück und sprach zu ihr: „Ihr seid heute Zeugen dessen geworden, was in den Schriften geschrieben steht: ‚Mein Haus soll ein Haus des Gebets für alle Nationen genannt werden, ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle gemacht.‘“
(1890.3) 173:1.8 Bevor er noch ein weiteres Wort sprechen konnte, brach die große Versammlung in Hosiannarufe der Lobpreisung aus, und gleich darauf trat eine Schar von Jugendlichen aus der Menge hervor und sang Dankeshymnen zur Würdigung dafür, dass die profanen und gewinnsüchtigen Händler aus dem geheiligten Tempel verjagt worden waren. Inzwischen waren einige Priester am Ort des Geschehens eingetroffen, und einer von ihnen sagte zu Jesus: „Hörst du nicht, was die Kinder der Leviten sagen?“ Und der Meister antwortete: „Hast du nie gelesen: ‚Vollkommen ist das Lob aus dem Munde von kleinen Kindern und Säuglingen gekommen‘?“ Und während Jesus den Rest des Tages über lehrte, wachten durch das Volk bestellte Posten an allen Bogengängen und duldeten nicht einmal, dass jemand ein leeres Gefäß quer durch die Tempelhöfe trug.
(1890.4) 173:1.9 Als die Hohenpriester und Schriftgelehrten von diesen Vorfällen hörten, waren sie sprachlos. Je mehr sie den Meister fürchteten, um so entschlossener wurden sie, ihn umzubringen. Aber sie waren völlig ratlos. Sie wussten nicht, wie sie seinen Tod herbeiführen könnten, denn sie fürchteten sich sehr vor der Menge, die so offen ihre Zustimmung zum Hinauswurf der weltlichen Profitjäger bekundet hatte. Und während dieses ganzen Tages der Ruhe und des Friedens in den Tempelhöfen hörten die Leute der Lehre Jesu zu und hingen förmlich an seinen Lippen.
(1890.5) 173:1.10 Dieser überraschende Akt Jesu überstieg das Verständnis seiner Apostel. Sie wurden von dieser plötzlichen und unvorhergesehenen Handlung ihres Meisters derart überrumpelt, dass sie während des ganzen Vorgangs beim Rednerpodest zusammengeschart verharrten und keinen Finger rührten, um die Tempelreinigung zu unterstützen. Hätte sich dieser Aufsehen erregende Vorfall am Tag zuvor ereignet, im Augenblick der triumphalen Ankunft Jesu beim Tempel am Ende seiner tumultartigen Prozession durch die Stadttore und während ihm die Menge fortwährend laut zujubelte, wären sie dazu bereit gewesen, aber die Plötzlichkeit des Geschehens fand sie zur Teilnahme völlig unvorbereitet.
(1891.1) 173:1.11 Die Tempelreinigung zeigt des Meisters Haltung gegenüber der Kommerzialisierung der Religionspraktiken wie auch seine Abscheu vor allen Formen von Ungerechtigkeit und Profitgier auf Kosten der Armen und Ungebildeten. Diese Episode beweist ebenfalls, dass Jesus die Weigerung missbilligte, zum Schutz der Mehrheit irgendeiner Menschengruppe Gewalt anzuwenden gegen die unfairen und versklavenden Machenschaften ungerechter Minderheiten, die sich hinter politischer, finanzieller oder geistlicher Macht zu verschanzen wissen. Gerissenen, gottlosen und berechnenden Menschen darf nicht gestattet werden, sich zur Ausnutzung und Unterdrückung derer zu organisieren, die aufgrund ihres Idealismus nicht bereit sind, zu ihrem Selbstschutz und zur Förderung ihrer löblichen Lebensprojekte Gewalt anzuwenden.
(1891.2) 173:2.1 Der triumphale Einzug in Jerusalem am Sonntag schüchterte die jüdischen Führer dermaßen ein, dass sie von einer Verhaftung Jesu absahen. Die spektakuläre Tempelreinigung schob des Meisters Festnahme auch an diesem Tag wirksam hinaus. Tag für Tag wuchs die Entschlossenheit der Führer der Juden, ihn umzubringen, aber zwei Befürchtungen beunruhigten sie, deren Zusammenwirken die Stunde des Zuschlagens hinausschob. Die Hohenpriester und Schriftgelehrten wollten Jesus nicht in der Öffentlichkeit verhaften aus Angst, die Menge könnte sich in einem Zornesausbruch gegen sie wenden; ebenso befürchteten sie, an die römische Garde gelangen zu müssen, um eine Volkserhebung niederzuschlagen.
(1891.3) 173:2.2 Da kein Freund des Meisters an der Mittagssitzung des Sanhedrins teilnahm, kam diese Versammlung einstimmig überein, dass Jesus schleunigst beseitigt werden müsse. Aber sie konnten sich über Zeitpunkt und Art und Weise seiner Gefangennahme nicht einigen. Schließlich vereinbarten sie, fünf Gruppen zu bestimmen, die sich unter das Volk mischen und versuchen sollten, ihn sich in seiner Lehre verfangen zu lassen oder auf andere Weise in den Augen derer, die seiner Unterweisung zuhörten, zu diskreditieren. Folglich bahnte sich gegen zwei Uhr, als Jesus gerade seine Rede über „die Freiheit der Sohnschaft“ begonnen hatte, eine Gruppe dieser Ältesten Israels einen Weg in die Nähe Jesu und unterbrach ihn in der gewohnten Weise mit der Frage: „Kraft welcher Autorität tust du diese Dinge? Wer hat dir diese Autorität gegeben?“
(1891.4) 173:2.3 Es war durchaus rechtmäßig, dass die Tempelvorsteher und die Beamten des jüdischen Sanhedrins diese Frage einem jedem stellten, der sich anmaßte, in der außerordentlichen, für Jesus charakteristischen Weise zu lehren und zu handeln, ganz besonders im Zusammenhang mit seinem eben erfolgten Vorgehen bei der Säuberung des Tempels von allem Kommerz. All diese Händler und Geldwechsler waren mit direkter Genehmigung der obersten Führer tätig, und ein Prozentsatz ihrer Gewinne war dafür gedacht, direkt in den Tempelschatz zu fließen. Man vergesse nicht, dass Autorität das Losungswort des gesamten Judentums war. Die Propheten stifteten immer wieder Unruhe, weil sie sich so unerschrocken anmaßten, ohne Autorität zu lehren, ohne in den rabbinischen Akademien ordentlich ausgebildet und danach vom Sanhedrin formgerecht ordiniert worden zu sein. Die Anmaßung, ohne diese Autorität öffentlich zu lehren, betrachtete man entweder als Zeichen ignoranter Vermessenheit oder offener Auflehnung. Zu dieser Zeit konnte nur der Sanhedrin jemanden zum Ältesten oder Lehrer weihen, und eine solche Zeremonie musste in Gegenwart von mindestens drei Personen stattfinden, die früher ihre Weihe auf dieselbe Weise empfangen hatten. Eine solche Weihe verlieh dem Lehrer den Titel „Rabbi“ und berechtigte ihn, auch als Richter zu fungieren, „zu binden und zu lösen in allen Angelegenheiten, die ihm zur Rechtsprechung unterbreitet werden mochten“.
(1892.1) 173:2.4 Die Tempelvorsteher erschienen zu dieser nachmittäglichen Stunde bei Jesus nicht nur, um seine Lehre, sondern auch, um seine Handlungen anzufechten. Jesus wusste wohl, dass dieselben Männer seit langem öffentlich lehrten, dass seine Lehrbefugnis satanisch sei und dass er all seine gewaltigen Werke durch die Macht des Teufelsfürsten tue. Deshalb begann der Meister die Beantwortung ihrer Frage mit einer Gegenfrage. Jesus sagte: „Ich möchte euch ebenfalls eine Frage stellen. Wenn ihr sie mir beantworten wollt, dann werde auch ich euch sagen, kraft welcher Autorität ich diese Werke tue. Wer hat Johannes ermächtigt zu taufen? Hat Johannes seine Autorität vom Himmel oder von den Menschen empfangen?“
(1892.2) 173:2.5 Als seine Befrager dies vernahmen, zogen sie sich auf eine Seite zurück, um unter sich Rat zu halten, was für eine Antwort sie geben könnten. Sie hatten danach getrachtet, Jesus vor der Menge in Verlegenheit zu bringen, aber nun befanden sie sich selber vor allen, die zu dieser Zeit im Tempelhof versammelt waren, in großer Verwirrung. Und ihre Verlegenheit war umso sichtbarer, als sie zu Jesus zurückkehrten und sagten: „Was die Taufe des Johannes angeht, können wir nicht antworten; wir wissen es nicht.“ Und sie gaben dem Meister diese Antwort, weil sie miteinander überlegt hatten: Sagen wir „vom Himmel“, dann wird er sagen: „Warum habt ihr ihm nicht geglaubt?“, und wird vielleicht hinzufügen, er habe seine Autorität von Johannes erhalten; und sagen wir „von den Menschen“, dann könnte sich die Menge gegen uns wenden, denn die meisten glauben, Johannes sei ein Prophet gewesen; und so waren sie gezwungen, vor Jesus und das Volk zu treten und zu bekennen, dass sie, die religiösen Lehrer und Führer Israels, nicht imstande (oder nicht willens) waren, ihre Meinung über die Sendung des Johannes zu äußern. Und nachdem sie gesprochen hatten, blickte Jesus auf sie herunter und sagte: „Ebenso wenig will ich euch sagen, kraft welcher Autorität ich diese Dinge tue.“
(1892.3) 173:2.6 Jesus beabsichtigte nie, sich für seine Autorität auf Johannes zu berufen; Johannes hatte nie eine Weihe durch den Sanhedrin empfangen. Jesu Autorität lag in ihm selber und in seines Vaters ewiger Oberhoheit.
(1892.4) 173:2.7 Als Jesus in dieser Weise mit seinen Gegnern verfuhr, hatte er nicht die Absicht, die Frage zu umgehen. Auf den ersten Blick mag es scheinen, als habe er sich einer meisterlichen Ausflucht schuldig gemacht, aber dem war nicht so. Jesus war nie bereit, irgendjemanden, auch seine Feinde nicht, unfair auszunutzen. Mit seiner scheinbaren Ausflucht lieferte er tatsächlich allen seinen Zuhörern die Antwort auf die Frage der Pharisäer nach der hinter seiner Sendung stehenden Autorität. Sie hatten behauptet, er handle kraft der Autorität des Fürsten der Teufel. Jesus hatte wiederholt erklärt, dass all sein Lehren und seine Werke von der Macht und Autorität seines Vaters im Himmel stammten. Die jüdischen Führer weigerten sich, das anzuerkennen und suchten ihn derart in die Enge zu treiben, dass er zugeben müsse, ein unrechtmäßiger Lehrer zu sein, da er nie vom Sanhedrin sanktioniert worden war. Durch die Art seiner Antwort, ohne sich auf die Autorität des Johannes zu berufen, stellte er das Volk zufrieden; denn letztlich wandte sich das Bemühen seiner Feinde, ihn in eine Falle zu locken, tatsächlich gegen sie selber und brachte sie in den Augen aller Anwesenden in starken Misskredit.
(1892.5) 173:2.8 Es war gerade dieses Genie des Meisters, mit seinen Gegnern umzugehen, was sie ihn so fürchten ließ. Sie wagten an diesem Tag keine weiteren Fragen zu stellen und zogen sich zurück, um sich erneut miteinander zu beraten. Aber die Leute brauchten nicht lange, um die Unehrlichkeit und Unaufrichtigkeit in den Fragen der jüdischen Führer zu erkennen. Selbst das gewöhnliche Volk musste unweigerlich den Unterschied zwischen der sittlichen Majestät des Meisters und der berechnenden Heuchelei seiner Feinde wahrnehmen. Aber die Säuberung des Tempels hatte die Sadduzäer auf die Seite der Pharisäer gebracht, um den Plan zur Beseitigung Jesu zu vollenden. Und die Sadduzäer bildeten jetzt die Mehrheit des Sanhedrins.
(1893.1) 173:3.1 Wie die nörglerischen Pharisäer da so stumm vor ihm standen, sah Jesus auf sie herab und sagte: „Da ihr an der Sendung des Johannes Zweifel habt und den Lehren und Werken des Menschensohns feindselig gegenübersteht, leiht mir euer Ohr, wenn ich euch ein Gleichnis erzähle: Ein großer und angesehener Grundbesitzer hatte zwei Söhne, und da er wünschte, dass sie ihm bei der Leitung seiner ausgedehnten Besitzungen behilflich wären, suchte er den einen auf und sagte zu ihm: ‚Mein Sohn, gehe heute in meinem Weinberg arbeiten.‘ Und dieser unüberlegte Sohn gab seinem Vater zur Antwort: ‚Ich mag nicht hingehen‘, aber danach bereute er es und ging doch hin. Als der Vater seinen älteren Sohn gefunden hatte, sagte er ebenfalls zu ihm: ‚Mein Sohn, geh und arbeite in meinem Weinberg.‘ Und dieser heuchlerische und treulose Sohn antwortete: ‚Ja, mein Vater, ich gehe.‘ Aber als sein Vater weg war, ging er nicht. Nun lasst mich euch fragen, welcher von diesen beiden Söhnen wirklich seines Vaters Willen tat?“
(1893.2) 173:3.2 Und die Leute sagten einmütig: ‚Der erste Sohn‘. Und da sprach Jesus: ‚Richtig; und nun erkläre ich, dass die Zöllner und die Huren, selbst wenn sie den Ruf nach Buße jetzt abzulehnen scheinen, den Irrtum ihres Weges einsehen und ins Königreich Gottes eingehen werden noch vor euch, die ihr dünkelhaft vorgebt, dem Vater im Himmel zu dienen, während ihr euch weigert, des Vaters Werke zu tun. Nicht ihr Pharisäer und Schriftgelehrten wart es, die an Johannes glaubten, sondern viel eher die Zöllner und Sünder; ebenso wenig glaubt ihr an meine Lehre, aber das einfache Volk ist glücklich, meine Worte zu hören.
(1893.3) 173:3.3 Jesus verachtete die Pharisäer und Sadduzäer nicht persönlich. Was er diskreditieren wollte, war das System ihrer Lehren und Bräuche. Er war keinem Menschen feindlich gesinnt, aber hier ereignete sich der unvermeidliche Zusammenprall einer neuen und lebendigen Religion des Geistes mit der älteren, auf Zeremonie, Tradition und Autorität beruhenden Religion.
(1893.4) 173:3.4 Die ganze Zeit über hielten sich die Apostel in der Nähe des Meisters auf, aber sie beteilig-ten sich in keiner Weise an diesen Vorgängen. Jeder der Zwölf reagierte in der ihm eigenen Art auf die Ereignisse dieser letzten Tage des irdischen Wirkens Jesu, und alle hielten sich gleich gehorsam an des Meisters Weisung, während dieser Passahwoche von jeglicher öffentlichen Lehr- und Predigttätigkeit abzusehen.
(1893.5) 173:4.1 Als sich die führenden Pharisäer und Schriftgelehrten, die versucht hatten, Jesus durch ihre Fragen zu verwirren, die Geschichte von den beiden Söhnen zu Ende angehört hatten, zogen sie sich zu weiterer Beratung zurück. Der Meister wandte seine Aufmerksamkeit wieder der zuhörenden Menge zu und erzählte ein weiteres Gleichnis:
(1893.6) 173:4.2 „Es lebte einmal ein gütiger Mann, der einem großen Hause vorstand, und er legte einen Weinberg an. Er umgab ihn mit einer Hecke, hob eine Grube für die Weinpresse aus und baute einen Wachturm für die Wächter. Darauf übergab er den Weinberg Pächtern und machte sich auf eine lange Reise in ein anderes Land. Als die Zeit der Reife nahte, sandte er Diener zu den Pächtern, um den Pachtbetrag einzuziehen. Aber sie hielten untereinander Rat und weigerten sich, den Dienern die Früchte zu geben, die sie ihrem Meister schuldeten. Stattdessen fielen sie über die Diener her, schlugen den einen, steinigten den anderen und jagten die übrigen mit leeren Händen weg. Als der Besitzer all das erfuhr, schickte er andere, verlässlichere Diener, die sich mit diesen gottlosen Pächtern auseinandersetzen sollten. Aber auch diese verwundeten sie und behandelten sie schändlich. Daraufhin sandte der Besitzer seinen bevorzugten Diener, den Verwalter, und diesen töteten sie. Trotzdem sandte er in seiner Geduld und Nachsicht noch viele weitere Diener aus, aber sie empfingen keinen. Einige schlugen sie, andere töteten sie, und nachdem der Besitzer in dieser Weise behandelt worden war, entschloss er sich, seinen Sohn zu senden, um sich mit diesen undankbaren Pächtern zu befassen, indem er sich sagte: ‚Sie mögen wohl meine Diener misshandeln, aber meinem geliebten Sohn werden sie sicherlich Respekt bezeugen.‘ Aber als diese reue- und ruchlosen Pächter den Sohn erblickten, sprachen sie untereinander: ‚Das ist der Erbe; kommt, töten wir ihn, dann wird das Erbe unser sein.‘ Also packten sie ihn, und nachdem sie ihn aus dem Weinberg hinausgeworfen hatten, brachten sie ihn um. Was wird wohl der Herr des Weinbergs mit diesen undankbaren und bösartigen Pächtern machen, wenn er hört, wie sie seinen Sohn abgewiesen und getötet haben?“
(1894.1) 173:4.3 Als die Leute das Gleichnis und die Frage von Jesus gehört hatten, antworteten sie: „Er wird diese elenden Männer vernichten und seinen Weinberg an andere, ehrliche Bauern verpachten, die ihm die Früchte zur Reifezeit abliefern werden.“ Und als einige der Zuhörer begriffen, dass sich dieses Gleichnis auf die jüdische Nation und die Behandlung, die sie ihren Propheten hatten widerfahren lassen, bezog und auf die unmittelbar bevorstehende Ablehnung Jesu und seines Evangeliums vom Königreich, sagten sie kummervoll: „Gott möge verhüten, dass wir wieder solche Dinge tun.“
(1894.2) 173:4.4 Jesus sah, wie sich eine Gruppe von Sadduzäern und Pharisäern ihren Weg durch die Menge bahnte. Er hielt einen Augenblick inne, bis sie in seiner Nähe waren, und sagte dann: „Ihr wisst, wie eure Väter die Propheten verworfen haben, und ihr wisst sehr wohl, dass ihr in euren Herzen entschlossen seid, den Menschensohn zu verwerfen.“ Und während Jesus mit forschendem Blick auf die nahe bei ihm stehenden Priester und Ältesten sah, sagte er: „Habt ihr nie in den Schriften über den Stein gelesen, den die Bauleute verwarfen und der, als die Leute ihn entdeckt hatten, zum Eckstein gemacht wurde? Und so warne ich euch einmal mehr davor, dass, wenn ihr fortfahrt, dieses Evangelium abzulehnen, das Königreich Gottes euch bald weggenommen und einem Volk gegeben werden wird, das gewillt ist, die gute Nachricht anzunehmen und die Früchte des Geistes hervorzubringen. Ein Geheimnis umgibt diesen Stein, denn wer auf ihn fällt, soll gerettet werden, obwohl er dabei in Stücke bricht; aber auf wen immer dieser Stein fällt, der wird zu Staub zerrieben und seine Asche in alle vier Winde zerstreut werden.“
(1894.3) 173:4.5 Als die Pharisäer diese Worte hörten, verstanden sie, dass Jesus sich auf sie und die anderen jüdischen Führer bezog. Sie verspürten einen mächtigen Drang, ihn gerade jetzt und hier zu verhaften, aber sie fürchteten die Menge. Immerhin hatten des Meisters Worte sie derart aufgebracht, dass sie sich zurückzogen und sich weiter miteinander berieten, wie sie seinen Tod herbeiführen könnten. An diesem Abend schmiedeten die Sadduzäer und Pharisäer gemeinsam einen Plan, um ihn am nächsten Tag in einer Schlinge zu fangen.
5. Das Gleichnis vom Hochzeitsfest
(1894.4) 173:5.1 Nachdem sich die Schriftgelehrten und Führer zurückgezogen hatten, wandte sich Jesus wieder der versammelten Menge zu und erzählte das Gleichnis vom Hochzeitsfest. Er sagte:
(1894.5) 173:5.2 „Das Königreich des Himmels kann mit einem König verglichen werden, der für seinen Sohn ein Hochzeitsfest gab und Boten ausschickte, um diejenigen, die zuvor schon zum Fest geladen worden waren, mit diesen Worten herbeizurufen: ‚Alles ist bereit für das Hochzeitsessen im Königspalast.‘ Nun aber weigerten sich viele von denen, die einst ihre Teilnahme versprochen hatten, zu kommen. Als der König von der Ablehnung der Einladungen erfuhr, sandte er andere Diener und Boten aus, zu denen er sprach: ‚Sagt allen, die geladen waren, sie sollen kommen, denn seht, mein Abendessen ist bereitet. Meine Ochsen und meine Masttiere sind geschlachtet, und alles ist für die Feier der bevorstehenden Hochzeit meines Sohnes bereit.‘ Aber wieder nahmen diese Gedankenlosen den Ruf ihres Königs auf die leichte Schulter und gingen ihrer Wege, der eine zu seinem Bauernhof, ein anderer zu seiner Töpferei und andere zu ihren Waren. Andere wieder begnügten sich nicht damit, den Ruf des Königs in dieser Weise zu überhören, sondern legten in offener Rebellion Hand an die Boten des Königs, misshandelten sie schändlich und erschlugen sogar einige von ihnen. Als der König erfuhr, dass seine ausgewählten Gäste und sogar die, die seine frühere Einladung angenommen und versprochen hatten, am Hochzeitsfest teilzunehmen, schließlich seine Einladung zurückgewiesen und aufsässig seine ausgewählten Boten angegriffen und umgebracht hatten, wurde er über die Maßen zornig. Und der beschimpfte König bot seine Armeen und die Armeen seiner Verbündeten auf und befahl ihnen, diese rebellischen Mörder zu vernichten und ihre Stadt niederzubrennen.
(1895.1) 173:5.3 Und nachdem er die, die seine Einladung verächtlich zurückgewiesen hatten, bestraft hatte, setzte er die Hochzeitsfeier auf einen anderen Tag an und sagte zu seinen Sendboten: ‚Die zuerst zur Hochzeit Geladenen waren es nicht wert; so geht nun an die Wegkreuzungen, auf die Hauptstraßen und sogar über die Stadtgrenze hinaus, und fordert, so viele ihr findet, auf und ladet sogar die Fremden ein, hereinzukommen und am Hochzeitsfest teilzunehmen.‘ Darauf begaben sich die Diener auf die Hauptstraßen und in die abgelegenen Ortschaften und versammelten so viele, als sie nur finden konnten, Gute und Böse, Reiche und Arme, so dass der Hochzeitssaal schließlich mit willigen Gästen gefüllt war. Als alles bereit war, kam der König herein, um sich seine Gäste anzusehen, und zu seiner großen Überraschung erblickte er einen Mann, der kein Hochzeitsgewand trug. Da der König an alle Gäste umsonst Hochzeitskleider hatte verteilen lassen, wandte er sich mit diesen Worten an den Mann: ‚Mein Freund, wie kommt es, dass du meinen Empfangssaal zu diesem Anlass ohne Hochzeitsgewand betrittst?‘ Der unvorbereitete Mann war sprachlos. Da sagte der König zu seinen Dienern: ‚Werft diesen gedankenlosen Gast aus meinem Haus. Er teile das Los all derer, die meine Gastfreundschaft verachtet und sich geweigert haben, meinem Ruf zu folgen. Ich will hier niemand außer denen haben, die meine Einladung mit großer Freude annehmen und mir die Ehre geben, die Gastgewänder zu tragen, die ich allen so freigebig zur Verfügung gestellt habe.‘“
(1895.2) 173:5.4 Nach diesem Gleichnis wollte Jesus die Menge gerade entlassen, als ein freundlich gesinnter Glaubender sich durch die Menschenmasse einen Weg zu ihm bahnte und fragte: „Aber Meister, wie sollen wir von diesen Dingen Kenntnis erhalten? Wie können wir uns für die Einladung des Königs bereitmachen? Was für ein Zeichen wirst du uns geben, damit wir wissen, dass du der Sohn Gottes bist?“ Als der Meister das hörte, sprach er: „Nur ein Zeichen soll euch gegeben werden.“ Und dann zeigte er auf seinen eigenen Körper und fuhr fort: „Zerstört diesen Tempel, und innerhalb von drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten.“ Aber sie verstanden ihn nicht, und im Auseinandergehen sagten sie zueinander: „Fast fünfzig Jahre lang hat man an diesem Tempel gebaut, und doch sagt er, er werde ihn zerstören und in drei Tagen wieder aufbauen.“ Nicht einmal seine Apostel begriffen die Bedeutung dieser Äußerung, aber später, nach seiner Auferstehung, erinnerten sie sich an seine Worte.
(1895.3) 173:5.5 Gegen vier Uhr nachmittags gab Jesus seinen Aposteln einen Wink und äußerte den Wunsch, den Tempel zu verlassen und zum Abendessen und zur Nachtruhe nach Bethanien zu gehen. Während sie den Ölberg hinaufstiegen, gab Jesus Andreas, Philipp und Thomas Anweisung, am folgenden Tag ein näher bei der Stadt gelegenes Lager zu errichten, das sie während des Rests der Passahwoche bewohnen könnten. In Befolgung dieses Auftrags stellten sie ihre Zelte am nächsten Morgen in einem Hohlweg am Berghang auf einem Grundstück auf, das Simon von Bethanien gehörte, und von wo man den öffentlichen Zeltplatz von Gethsemane überblicken konnte.
(1896.1) 173:5.6 Wieder stieg an diesem Montagabend eine schweigende Gruppe von Juden den Westabhang des Ölbergs hinauf. Diese zwölf Männer begannen wie nie zuvor zu ahnen, dass bald etwas Tragisches geschehen würde. Während die dramatische Tempelreinigung am frühen Morgen ihre Hoffnung geweckt hatte, dass der Meister sich behaupten und seine gewaltige Macht offenbaren werde, so wirkten die Ereignisse des ganzen Nachmittags nur enttäuschend, insofern sie alle auf die sichere Verwerfung der Lehren Jesu durch die jüdische Obrigkeit hindeuteten. Schreckliche Ungewissheit und große Spannung hielten die Apostel in ihrem Griff. Sie erkannten, dass nur noch einige wenige Tage zwischen den Ereignissen des eben vergangenen Tages und dem Hereinbrechen eines drohenden Verhängnisses liegen konnten. Sie alle fühlten, dass etwas Entsetzliches unmittelbar bevorstand, aber sie wussten nicht, auf was sie sich gefasst machen sollten. Sie suchten ihre verschiedenen Nachtlager auf, schliefen aber nur sehr wenig. Sogar die Alphäus Zwillinge waren endlich zu der Erkenntnis erwacht, dass die Ereignisse im Leben des Meisters sich rasch auf ihren abschließenden Höhepunkt zu bewegten.
www.urantia.org/de/das-urantia-buch/schrift-173-am-montag-in-jerusalem
Das Urantia Buch
Das Urantia Buch
Auf dem Weg nach Jerusalem
(1867.1) 171:0.1 AM Tag nach der denkwürdigen Predigt über „Das Königreich des Himmels“ kündigte Jesus an, dass er sich am folgenden Tag mit den Aposteln zum Passahfest nach Jerusalem aufmachen und unterwegs zahlreiche Städte im südlichen Peräa besuchen werde.
(1867.2) 171:0.2 Die Ansprache über das Königreich und die Ankündigung, dass er sich zum Passahfest begeben werde, ließ all seine Anhänger annehmen, dass er nach Jerusalem gehe, um das zeitliche Königreich jüdischer Oberhoheit zu eröffnen. Was Jesus auch immer über den nichtmateriellen Charakter des Königreichs sagen mochte, so konnte er doch aus den Gemütern seiner jüdischen Zuhörer die Idee nicht ganz entfernen, dass es Aufgabe des Messias sei, irgendeine Art nationalistischer Regierung mit Sitz in Jerusalem einzusetzen.
(1867.3) 171:0.3 Was Jesus in dieser Sabbatpredigt sagte, trug nur dazu bei, die Mehrheit seiner Anhänger zu verwirren; sehr wenige wurden durch die Rede des Meisters erleuchtet. Die führenden Jünger begriffen etwas von seinen das innere Königreich, „das Königreich des Himmels in euch“, betreffenden Lehren, aber sie hatten ihn auch über ein anderes, künftiges Königreich sprechen hören, und sie glaubten, er gehe jetzt nach Jerusalem hinauf, um dieses Königreich zu errichten. Als sie in dieser Erwartung enttäuscht wurden, als er von den Juden zurückgewiesen wurde, und als später Jerusalem buchstäblich vernichtet wurde, klammerten sie sich immer noch an diese Hoffnung und glaubten wahrhaftig, der Meister werde bald in großer Macht und majestätischer Herrlichkeit zur Erde zurückkehren, um das versprochene Königreich zu errichten.
(1867.4) 171:0.4 An diesem Sonntagnachmittag geschah es, dass Salome, die Mutter von Jakobus und Johannes Zebedäus, mit ihren beiden Apostelsöhnen zu Jesus kam und versuchte, in der Art, wie man sich einem orientalischen Potentaten nähert, von ihm das Versprechen zu erhalten, ihr im Voraus jede Bitte zu gewähren, die sie an ihn richten würde. Aber der Meister wollte nichts versprechen; stattdessen fragte er sie: „Was möchtest du von mir?“ Da antwortete Salome: „Meister, jetzt, da du nach Jerusalem hinaufgehst, um das Königreich zu begründen, möchte ich dich im Voraus darum bitten, mir zu versprechen, dass diese meine Söhne die Ehre haben werden, in deinem Königreich der eine zu deiner Rechten und der andere zu deiner Linken zu sitzen.“
(1867.5) 171:0.5 Als Jesus dieses Ansinnen Salomes vernahm, sagte er: „Frau, du weißt nicht, was du verlangst.“ Und darauf sagte er zu den zwei nach Ehren trachtenden Aposteln, indem er ihnen gerade in die Augen schaute: „Weil ich euch lange gekannt und geliebt habe und weil ich sogar in eurer Mutter Haus gewohnt habe und weil Andreas euch dazu bestimmt hat, jederzeit bei mir zu sein: deshalb erlaubt ihr eurer Mutter, mich heimlich aufzusuchen und dieses unziemliche Ansinnen an mich zu stellen. Aber lasst mich euch fragen: Seid ihr fähig, den Kelch zu trinken, den ich bald trinken werde?“ Und ohne einen Augenblick zu überlegen, antworteten Jakobus und Johannes: „Ja, Meister, wir sind dazu fähig.“ Da sagte Jesus: „Ich bin betrübt, dass ihr nicht begreift, weshalb wir nach Jerusalem hinaufgehen; es bekümmert mich, dass ihr die Art meines Königreichs verkennt. Ich bin enttäuscht, dass ihr eure Mutter herbringt, um so etwas von mir zu erbitten; aber ich weiß, dass ihr mich in euren Herzen liebt; deshalb erkläre ich, dass ihr tatsächlich aus meinem Kelch der Bitternis trinken und meine Demütigung teilen werdet, aber mir steht es nicht zu, die Sitze an meiner Rechten und an meiner Linken zu vergeben. Solche Ehren sind denen vorbehalten, die von meinem Vater dazu bestimmt worden sind.“
(1868.1) 171:0.6 Unterdessen hatte jemand Petrus und den anderen Aposteln die Nachricht von dieser Besprechung hinterbracht, und sie waren hell empört darüber, dass Jakobus und Johannes versucht hatten, ihnen bevorzugt zu werden, und sie heimlich mit ihrer Mutter gegangen waren, um eine solche Bitte vorzubringen. Als sie untereinander zu streiten begannen, rief Jesus sie alle zusammen und sagte: „Ihr wisst gut, wie die Gebieter der Nichtjuden sich ihren Untertanen gegenüber als Herren aufspielen, und wie die Großen ihre Autorität ausüben. Aber im Königreich des Himmels soll es nicht so sein. Wer unter euch groß sein möchte, werde zuerst euer Diener. Wer im Königreich der erste sein möchte, lasse euch seine tätige Liebe spüren. Ich erkläre euch, dass der Menschensohn nicht gekommen ist, um bedient zu werden, sondern um zu dienen; und ich gehe jetzt nach Jerusalem hinauf, um in Ausführung des Willens meines Vaters und im Dienst an meinen Brüdern mein Leben hinzugeben.“ Als die Apostel diese Worte hörten, zogen sie sich zurück, um jeder für sich zu beten. Infolge der Bemühungen von Petrus entschuldigten sich Jakobus und Johannes an diesem Abend gebührend bei ihren zehn Brüdern und wurden von ihnen wieder angenommen.
(1868.2) 171:0.7 Als die Söhne des Zebedäus Plätze zur Rechten und zur Linken Jesu in Jerusalem begehrten, ahnten sie nicht, dass ihr geliebter Lehrer in weniger als einem Monat an einem römischen Kreuz hängen würde mit einem sterbenden Dieb auf der einen Seite und einem anderen Missetäter auf der anderen. Und ihre Mutter, die bei der Kreuzigung zugegen war, erinnerte sich lebhaft an die törichte Bitte, mit der sie in Pella an Jesus herangetreten war, als sie so unklug für ihre Apostelsöhne Ehrenplätze verlangt hatte.
(1868.3) 171:1.1 Am Montagvormittag, dem 13. März, verabschiedeten sich Jesus und seine zwölf Apostel endgültig vom Lager bei Pella und brachen nach Süden zu ihrer Rundreise in die Städte des südlichen Peräa auf, wo Abners Mitarbeiter am Werk waren. Sie verbrachten mehr als zwei Wochen mit Besuchen bei den Siebzig und gingen dann direkt nach Jerusalem zur Passahfeier.
(1868.4) 171:1.2 Als der Meister Pella verließ, folgten ihm an die tausend Jünger, die mit den Aposteln im Lager gewesen waren. Etwa die Hälfte davon trennte sich an der Jordanfurt auf der Straße nach Jericho von ihm, als sie hörten, er gehe nach Hesbon hinüber, und nachdem er die Predigt über „die Berechnung des Preises“ gehalten hatte. Sie begaben sich nach Jerusalem hinauf, während die andere Hälfte ihm zwei Wochen lang nachfolgte und die Städte im Süden Peräas besuchte.
(1868.5) 171:1.3 Im Allgemeinen begriffen die meisten der engeren Anhänger Jesu, dass das Lager von Pella aufgegeben worden war, aber sie dachten allen Ernstes, das bedeute, dass ihr Meister endlich beabsichtige, nach Jerusalem zu gehen und Anspruch auf Davids Thron zu erheben. Die große Mehrzahl seiner Anhänger war nie fähig, irgendein anderes Konzept des Königreichs zu begreifen; ganz gleich, was er sie lehrte, sie wollten nicht von der jüdischen Vorstellung von einem Königreich ablassen.
(1868.6) 171:1.4 In Befolgung der Anweisungen des Apostels Andreas schloss David Zebedäus das Besucherlager bei Pella am Mittwoch, dem 15. März. Zu diesem Zeitpunkt hielten sich darin fast viertausend Besucher auf, wobei die über tausend Personen nicht mitgerechnet sind, die sich mit den Aposteln im so genannten Lager der Lehrer aufhielten und mit Jesus und den Zwölf nach Süden aufbrachen. So ungern David es auch tat, so verkaufte er doch die ganze Lagerausrüstung an zahlreiche Käufer und ging mit dem Erlös nach Jerusalem, wo er das Geld später Judas Iskariot übergab.
(1869.1) 171:1.5 David war während der tragischen letzten Woche in Jerusalem anwesend, und nach der Kreuzigung nahm er seine Mutter mit sich nach Bethsaida zurück. Er hielt bei Lazarus in Bethanien an, um auf Jesus und die Apostel zu warten, und er geriet dabei in helle Empörung über die Art und Weise, in der die Pharisäer den Lazarus seit seiner Auferweckung zu verfolgen und zu belästigen begonnen hatten. Andreas hatte David angewiesen, den Läuferdienst einzustellen; und das wurde von allen als Hinweis auf die nahe Errichtung des Königreichs in Jerusalem gedeutet. David fand sich ohne Beschäftigung, und er hatte sich so gut wie entschieden, zum selbsternannten Verteidiger von Lazarus zu werden, als dieser, dessen er sich in seiner Empörung angenommen hatte, plötzlich Hals über Kopf nach Philadelphia floh. Demgemäß übersiedelte David einige Zeit nach der Auferstehung sowie nach dem Tod seiner Mutter, und nachdem er noch Martha und Maria beim Verkauf ihrer Besitzung geholfen hatte, nach Philadelphia; und hier verbrachte er in Zusammenarbeit mit Abner und Lazarus den Rest seines Lebens. Ihm wurde die finanzielle Oberaufsicht über all die bedeutenden Interessen des Königreichs übertragen, die ihr Zentrum zu Abners Lebzeiten in Philadelphia hatten.
(1869.2) 171:1.6 Kurze Zeit nach der Zerstörung Jerusalems wurde Antiochia das Hauptquartier des Paulinischen Christentums, während Philadelphia das Zentrum des Abnerischen Königreichs des Himmels blieb. Von Antiochia aus verbreitete sich die Paulinische Version der Lehren von und über Jesus in der ganzen westlichen Welt; von Philadelphia aus verstreuten sich die Missionare der Abnerischen Version des Königreichs des Himmels über ganz Mesopotamien und Arabien, bis diese kompromisslosen Überbringer von Jesu Lehre in späterer Zeit von der plötzlichen Flut des Islams überwältigt wurden.
(1869.3) 171:2.1 Als Jesus und die ihm nachfolgende fast tausendköpfige Schar an der manchmal Bethabara genannten Furt des Jordans bei Bethanien ankamen, begannen seine Jünger zu merken, dass er nicht direkt auf Jerusalem zuging. Als sie zauderten und miteinander diskutierten, bestieg Jesus einen großen Felsblock und hielt jene Ansprache, die als „Berechnung des Preises“ bekannt wurde. Der Meister sagte:
(1869.4) 171:2.2 „Ihr, die ihr mir von jetzt an folgen wollt, müsst gewillt sein, den Preis rückhaltloser Hingabe an die Ausführung des Willens meines Vaters zu bezahlen. Wenn ihr meine Jünger sein möchtet, müsst ihr willens sein, Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder und Schwestern zu verlassen. Wenn irgendeiner von euch jetzt mein Jünger sein möchte, muss er gewillt sein, sogar sein Leben hinzugeben, gerade so, wie der Menschensohn sich jetzt anschickt, sein Leben aufzuopfern in Erfüllung seiner Sendung, den Willen des Vaters auf Erden und als Mensch auszuführen.
(1869.5) 171:2.3 Wenn ihr nicht gewillt seid, den vollen Preis zu bezahlen, könnt ihr schwerlich meine Jünger sein. Bevor ihr weitergeht, sollte sich jeder von euch hinsetzen und berechnen, was es kostet, mein Jünger zu sein. Wer von euch würde es unternehmen, auf seinem Land einen Wachturm zu errichten, ohne sich erst hinzusetzen und die Kosten zu überschlagen, um zu sehen, ob er genug Geld zur Fertigstellung hat? Wenn ihr es unterlasst, die Kosten zu berechnen, werdet ihr nach dem Legen des Fundaments vielleicht entdecken, dass ihr unfähig seid, das Begonnene zu vollenden, und deshalb werden all eure Nachbarn euch verspotten und sagen: ‚Seht, dieser Mann begann zu bauen und war außerstande, sein Werk zu Ende zu führen.‘ Oder welcher König, der gegen einen anderen König einen Krieg vorbereitet, setzt sich nicht zuerst hin und hält Rat, ob er mit zehntausend Mann imstande sein wird, gegen jenen anzutreten, der mit zwanzigtausend Mann gegen ihn heranrückt? Wenn sich der König nicht erlauben kann, seinem Feind gegenüberzutreten, weil er unvorbereitet ist, schickt er dem anderen König eine Botschaft, selbst wenn dieser noch weit weg ist, um sich nach den Friedensbedingungen zu erkundigen.
(1870.1) 171:2.4 So setze sich nun jeder von euch hin und schätze ab, was es kostet, mein Jünger zu sein. Von jetzt an werdet ihr uns nicht mehr nachfolgen können, um die Unterweisung zu hören und die Werke zu sehen. Es wird von euch verlangt werden, heftigen Verfolgungen ins Auge zu sehen und für dieses Evangelium angesichts vernichtender Enttäuschungen Zeugnis abzulegen. Wenn ihr nicht willens seid, auf alles, was ihr seid, zu verzichten und alles, was ihr habt, hinzugeben, seid ihr nicht wert, meine Jünger zu sein. Wenn ihr euch in euren Herzen bereits selbst besiegt habt, braucht ihr euch vor dem äußeren Sieg nicht zu fürchten, den ihr sehr bald werdet erringen müssen, wenn der Menschensohn von den Hohenpriestern und Sadduzäern zurückgewiesen und den Händen spottender Ungläubiger überantwortet wird.
(1870.2) 171:2.5 Ihr solltet euch jetzt selber erforschen, um herauszufinden, was euch dazu bewegt, meine Jünger zu sein. Wenn ihr Ehre und Ruhm sucht, wenn ihr weltlichen Sinnes seid, dann gleicht ihr dem Salz, das seinen Geschmack verloren hat. Und wenn das, was wegen seiner Salzigkeit geschätzt wird, seinen Geschmack verloren hat, womit soll man es dann würzen? Eine solche Würze ist nutzlos; sie taugt zu nichts, als zum Abfall geworfen zu werden. Ich habe euch jetzt nahe gelegt, friedlich nach Hause zurückzukehren, wenn ihr nicht gewillt seid, mit mir den Kelch zu trinken, der in Vorbereitung ist. Immer wieder habe ich euch gesagt, dass mein Königreich nicht von dieser Welt ist, aber ihr wollt mir nicht glauben. Wer Ohren hat zu hören, vernehme, was ich sage.“
(1870.3) 171:2.6 Kaum hatte Jesus diese Worte gesprochen, als er sich an der Spitze der Zwölf auf den Weg nach Hesbon machte, und etwa fünfhundert Menschen folgten ihm nach. Kurz darauf ging die andere Hälfte der Menge nach Jerusalem hinauf. Seine Apostel und die führenden Jünger dachten viel über diese Worte nach, aber sie hielten immer noch an ihrem Glauben fest, dass das Königreich nach dieser kurzen Zeit der Not und Prüfung mit Sicherheit irgendwie in Übereinstimmung mit ihren lange gehegten Hoffnungen errichtet werden würde.
(1870.4) 171:3.1 Mehr als zwei Wochen lang wanderten Jesus und die Zwölf, von mehreren hundert Jüngern gefolgt, durch den Süden Peräas und besuchten dabei alle Städte, in denen die Siebzig arbeiteten. In dieser Gegend lebten viele Nichtjuden, und da sich nur wenige von ihnen zum Passahfest nach Jerusalem begaben, kamen die Botschafter des Königreichs mit ihrem Lehren und Predigen gut voran.
(1870.5) 171:3.2 Jesus traf mit Abner in Hesbon zusammen, und Andreas gab Weisung, dass die Arbeit der Siebzig wegen des Passahfestes keine Unterbrechung erfahren dürfe; Jesus riet den Botschaftern, in ihrer Arbeit ohne jede Rücksicht auf das fortzufahren, was sich in Kürze in Jerusalem abspielen werde. Er riet Abner auch, dem Frauenkorps, oder wenigstens jenen davon, die es wünschten, zu erlauben, zum Passahfest nach Jerusalem zu gehen. Und das war das letzte Mal, dass Abner Jesus persönlich sah. Jesus verabschiedete sich von ihm mit den Worten: „Mein Sohn, ich weiß, dass du dem Königreich treu bleiben wirst, und ich bitte den Vater, dir Weisheit zu schenken, damit du deine Brüder lieben und verstehen kannst.“
(1870.6) 171:3.3 Während sie von Stadt zu Stadt weiterzogen, verließ sie ein Großteil ihrer Anhänger, um sich nach Jerusalem zu begeben, so dass bis zu dem Zeitpunkt, da Jesus sich zum Passahfest aufmachte, die Zahl derer, die ihn Tag für Tag begleiteten, auf weniger als zweihundert geschrumpft war.
(1871.1) 171:3.4 Die Apostel begriffen, dass Jesus zum Passahfest nach Jerusalem ging. Sie wussten, dass der Sanhedrin in ganz Israel eine Botschaft des Inhalts verbreitet hatte, er sei zum Tode verurteilt worden, und jedermann, der seinen Aufenthaltsort kenne, sei angewiesen, den Sanhedrin zu benachrichtigen; und trotz alledem waren sie weniger alarmiert als damals, als er ihnen in Philadelphia angekündigt hatte, er wolle nach Bethanien gehen, um Lazarus zu besuchen. Die Hauptursache dieses Sinneswandels von intensiver Angst zu stummer Erwartung war vornehmlich die Auferweckung des Lazarus. Sie waren zu dem Schluss gekommen, dass Jesus im Notfall seine göttliche Macht geltend machen und seine Feinde beschämen werde. Diese Hoffnung, zusammen mit ihrem tieferen und reiferen Glauben an die hohe geistige Macht ihres Meisters, erklärt den äußeren Mut, den seine engsten Anhänger zeigten, als sie sich nun anschickten, ihm angesichts der offenen Erklärung des Sanhedrins, er müsse sterben, nach Jerusalem hinein zu folgen.
(1871.2) 171:3.5 Die Mehrheit der Apostel und viele aus dem engeren Kreis der Jünger glaubten nicht an die Möglichkeit von Jesu Tod; sie, die daran glaubten, dass er „die Auferstehung und das Leben“ sei, betrachteten ihn als unsterblich und als einen, der bereits über den Tod triumphiert hatte.
(1871.3) 171:4.1 Am Mittwochabend, dem 29. März, lagerten Jesus und seine Anhänger auf ihrem Weg nach Jerusalem in Livias, nachdem sie ihre Rundreise durch die Städte des südlichen Peräa abgeschlossen hatten. Simon Zelotes und Simon Petrus hatten insgeheim verabredet, sich hier über hundert Schwerter aushändigen zu lassen, und in dieser Nacht erhielten sie die Waffen und verteilten sie an all jene, die sie annehmen und unter ihren Mänteln versteckt tragen wollten. Simon Petrus trug sein Schwert in der Nacht, da der Meister im Garten verraten wurde, immer noch auf sich.
(1871.4) 171:4.2 Früh am Donnerstagmorgen, bevor die anderen aufgewacht waren, rief Jesus Andreas zu sich und sagte: „Wecke deine Brüder! Ich habe ihnen etwas zu sagen.“ Jesus wusste von den Schwertern und auch, wer von den Aposteln Waffen empfangen hatte und bei sich trug, aber er verriet ihnen nie, dass er solche Dinge wusste. Nachdem Andreas seine Gefährten geweckt hatte und sie sich abseits versammelt hatten, sprach Jesus: „Meine Kinder, ihr seid lange Zeit bei mir gewesen, und ich habe euch vieles gelehrt, was in dieser Zeit nützlich ist, aber ich möchte euch jetzt warnen, in den Belastungen und Prüfungen, die uns bevorstehen, weder auf die unzuverlässige menschliche Natur noch auf die schwache menschliche Widerstandskraft zu bauen. Ich habe euch hier beiseite genommen, um euch noch einmal in klaren Worten zu sagen, dass wir nach Jerusalem hinaufgehen, wo, wie ihr wisst, der Menschensohn bereits zum Tode verurteilt worden ist. Erneut sage ich euch, dass der Menschensohn in die Hände der Hohenpriester und religiösen Führer gegeben werden wird und dass sie ihn verurteilen und darauf den Heiden ausliefern werden. Und sie werden den Menschensohn verhöhnen, ihn sogar bespucken und auspeitschen und ihn dem Tod überantworten. Und wenn sie den Menschensohn töten, lasst euch nicht in Schrecken versetzen, denn ich erkläre, dass er am dritten Tage auferstehen wird. Gebt Acht auf euch selber und erinnert euch daran, dass ich euch vorgewarnt habe.“
(1871.5) 171:4.3 Wieder waren die Apostel erstaunt und wie gelähmt; aber sie vermochten sich nicht dazu zu bringen, seine Äußerungen wörtlich zu nehmen; sie konnten nicht verstehen, dass der Meister genau das meinte, was er sagte. Ihr hartnäckiger Glaube an das weltliche Königreich auf Erden mit Hauptsitz in Jerusalem machte sie derart blind, dass sie es sich ganz einfach nicht erlauben konnten — oder wollten –, das von Jesus Gesagte wörtlich zu nehmen. Sie sannen den ganzen Tag darüber nach, was der Meister wohl mit solch seltsamen Erklärungen meinen mochte. Aber keiner von ihnen wagte es, ihm hinsichtlich dieser Erklärungen eine Frage zu stellen. Erst nach seinem Tode erwachten die bestürzten Apostel zu der Erkenntnis, dass der Meister in Vorwegnahme seiner Kreuzigung offen und sehr direkt mit ihnen gesprochen hatte.
(1872.1) 171:4.4 Hier in Livias trug es sich zu, dass freundliche Pharisäer kurz nach dem Frühstück zu Jesus kamen und sagten: „Fliehe eilends von hier, denn Herodes trachtet dir jetzt in der gleichen Weise nach dem Leben wie einst dem Johannes. Er befürchtet eine Volkserhebung und hat beschlossen, dich umzubringen. Wir bringen dir diese Warnung, damit du fliehen kannst.“
(1872.2) 171:4.5 Und das entsprach teilweise der Wahrheit. Die Auferweckung des Lazarus erschreckte und alarmierte Herodes, und im Wissen darum, dass der Sanhedrin es gewagt hatte, Jesus sogar noch vor einem Prozess zum Tode zu verurteilen, beschloss Herodes, Jesus entweder zu töten oder ihn aus seinem Herrschaftsbereich wegzuschaffen. Er wünschte wirklich die zweite Lösung, denn er fürchtete ihn so sehr, dass er hoffte, ihn nicht hinrichten zu müssen.
(1872.3) 171:4.6 Als Jesus sich angehört hatte, was die Pharisäer ihm zu sagen hatten, antwortete er ihnen: „Ich weiß wohl, wie es um Herodes und seine Furcht vor dem Evangelium des Königreichs steht. Aber irrt euch nicht, er würde es bei weitem vorziehen, der Menschensohn zöge nach Jerusalem hinauf, um durch die Hohenpriester zu leiden und zu sterben; nachdem er seine Hände mit dem Blut des Johannes besudelt hat, ist er nicht darauf erpicht, auch noch für den Tod des Menschensohns verantwortlich zu werden. Geht und sagt diesem Fuchs, dass der Menschensohn heute in Peräa predigt und morgen nach Judäa geht und nach ein paar Tagen seine Erdensendung vollendet haben und bereit sein wird, zum Vater aufzusteigen.“
(1872.4) 171:4.7 Dann wandte sich Jesus an seine Jünger und sprach: „Von alters her sind die Propheten in Jerusalem umgekommen, und es ist nur angemessen, wenn der Menschensohn zu der Stadt hinaufgeht, wo seines Vaters Haus steht, um geopfert zu werden als Preis für menschliche Engstirnigkeit und zufolge religiösen Vorurteils und geistiger Blindheit. Oh Jerusalem, Jerusalem, das du die Propheten tötest und die Lehrer der Wahrheit steinigst! Wie oft hätte ich deine Kinder versammeln wollen, so wie eine Henne ihre Brut unter ihre Fittiche nimmt, aber du hast mich nicht gewähren lassen! Seht, euer Haus wird euch bald verwüstet zurückgelassen werden! Viele Male werdet ihr mich zu sehen verlangen, aber ihr werdet mich nicht sehen. Ihr werdet mich dann suchen, aber nicht finden.“ Nach diesen Worten wandte er sich an die Umstehenden und sagte: „Lasst uns trotzdem nach Jerusalem hinaufgehen, um dem Passahfest beizuwohnen und das zu tun, was uns in Ausführung des Willens des Vaters im Himmel zu tun obliegt.“
(1872.5) 171:4.8 Eine verstörte und ratlose Schar von Gläubigen folgte Jesus an diesem Tag nach Jericho hinein. Die Apostel konnten aus Jesu Erklärungen über das Königreich nur den sicheren Ton schließlichen Triumphs heraushören; sie konnten sich ganz einfach nicht an den Punkt bringen, wo sie bereit gewesen wären, die Warnungen im Hinblick auf den nahe bevorstehenden Rückschlag ernst zu nehmen. Als Jesus von „am dritten Tag auferstehen“ redete, fassten sie diese Erklärung so auf, als bedeute sie einen sicheren Triumph des Königreichs, der unmittelbar auf ein vorausgegangenes unerfreuliches Scharmützel mit den jüdischen religiösen Führern folgen würde. Der „dritte Tag“ war eine übliche jüdische Redewendung, die „sofort“ oder „bald danach“ bedeutete. Als Jesus von „auferstehen“ sprach, dachten sie, er spreche von der „Auferstehung des Königreichs“.
(1872.6) 171:4.9 Jesus war von diesen Gläubigen als der Messias angenommen worden, und die Juden wussten wenig oder gar nichts von einem leidenden Messias. Sie verstanden nicht, dass Jesus durch seinen Tod vieles erfüllen würde, was er durch sein Leben nie hätte erreichen können. Während die Auferweckung des Lazarus den Aposteln die Stärke verlieh, nach Jerusalem zu gehen, war es die Erinnerung an die Verklärung, die den Meister während dieser schweren Zeit seiner Selbsthingabe aufrecht hielt.
5. Der blinde Mann bei zu Jericho
(1873.1) 171:5.1 Am 30. März, spät am Donnerstagnachmittag, näherten sich Jesus und die Apostel an der Spitze von etwa zweihundert Anhängern den Stadtmauern von Jericho. In der Nähe des Stadttors begegneten sie einer Schar von Bettlern, unter denen sich ein gewisser Bartimäus, ein älterer, von Jugend auf blinder Mann befand. Dieser blinde Bettler hatte viel von Jesus gehört und wusste alles über die Art, wie er den blinden Josia in Jerusalem geheilt hatte. Er hatte von Jesu letztem Besuch in Jericho erst vernommen, als Jesus bereits nach Bethanien weitergegangen war, und Bartimäus hatte sich geschworen, er würde ihn Jericho nie wieder besuchen lassen, ohne ihn gebeten zu haben, ihm das Augenlicht wiederzuschenken.
(1873.2) 171:5.2 Die Nachricht vom Nahen Jesu war in ganz Jericho ausposaunt worden, und die Einwohner strömten ihm zu Hunderten entgegen. Als diese große Menschenmenge den Meister in die Stadt zurückbegleitete, merkte Bartimäus, der das schwere Getrampel der Menge hörte, dass etwas Außergewöhnliches vor sich ging, und so fragte er Umstehende, was los sei. Und einer der Bettler antwortete: „Jesus von Nazareth kommt vorbei.“ Als Bartimäus hörte, dass Jesus in der Nähe sei, erhob er seine Stimme und begann laut zu rufen: „Jesus, Jesus, hab Erbarmen mit mir!“ Als er immer lauter und lauter zu schreien fortfuhr, gingen einige der Begleiter Jesu zu ihm hin, wiesen ihn zurecht und forderten ihn auf, sich ruhig zu verhalten, aber ohne Erfolg, denn er schrie nur noch mehr und lauter.
(1873.3) 171:5.3 Als Jesus den blinden Mann rufen hörte, hielt er an. Und als er ihn erblickte, sagte er zu seinen Freunden: „Bringt den Mann zu mir.“ Und sie gingen zu Bartimäus und sagten zu ihm: „Sei guten Mutes; komm mit uns, denn der Meister verlangt nach dir.“ Als Bartimäus diese Worte vernahm, warf er seinen Mantel ab und stürzte vorwärts, der Straßenmitte zu, während die Dabeistehenden ihn zu Jesus führten. Dieser fragte Bartimäus: „Was soll ich für dich tun?“ Da antwortete der Blinde: „Ich möchte wieder sehend werden.“ Und als Jesus diesen Wunsch hörte und seinen Glauben sah, sagte er: „Du sollst dein Augenlicht wieder erhalten; geh deines Weges; dein Glaube hat dich geheilt.“ Augenblicklich wurde er sehend und blieb, Gott lobpreisend, in Jesu Nähe, bis der Meister am nächsten Tag nach Jerusalem aufbrach, und alsdann ging Bartimäus der Menge voran und verkündete allen, wie ihm in Jericho seine Sehkraft wiedergegeben worden war.
(1873.4) 171:6.1 Als die Prozession des Meisters Jericho betrat, war es kurz vor Sonnenuntergang, und er beabsichtigte, die Nacht dort zu verbringen. Als Jesus am Zollhaus vorbeikam, traf es sich, dass Zachäus, der Hauptzöllner oder Steuereinnehmer, gerade zugegen war, und er wünschte sehr, Jesus zu sehen. Dieser Oberzöllner war sehr reich, und er hatte vieles über den Propheten aus Galiläa gehört. Er hatte bei sich beschlossen, das nächste Mal, wenn Jesus durch Jericho käme, selber zu sehen, was für ein Mensch das sei; deshalb versuchte Zachäus, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen, aber sie war zu groß, und da er klein von Wuchs war, konnte er nicht über ihre Köpfe hinwegsehen. Und so schloss sich der Oberzöllner der Menge an, bis sie in die Nähe des Stadtzentrums kamen, nicht weit weg von da, wo er wohnte. Als er sah, dass es ihm nicht möglich sein würde, durch die Menge zu dringen, und da er dachte, Jesus könnte ohne anzuhalten geradewegs durch die Stadt ziehen, rannte er voraus und erkletterte eine Platane, deren weit ausladende Äste über die Straße hingen. Er wusste, dass er auf diese Art eine gute Sicht auf den Meister haben würde, wenn er vorbeikam. Und er wurde nicht enttäuscht, denn als Jesus vorüber kam, hielt er an, schaute zu Zachäus auf und sagte: „Spute dich, Zachäus, und komm herunter, denn heute Nacht muss ich in deinem Hause wohnen.“ Und als Zachäus diese erstaunlichen Worte hörte, fiel er vor lauter Hast herunterzukommen fast vom Baum, und er ging auf Jesus zu und bekundete große Freude darüber, dass der Meister gewillt war, in seinem Hause abzusteigen.
(1874.1) 171:6.2 Sie begaben sich sofort zum Heim des Zachäus und es überraschte die Einwohner von Jericho ungemein, dass Jesus sich bereit fand, bei dem Oberzöllner zu wohnen. Während der Meister und seine Apostel noch mit Zachäus vor der Tür seines Hauses verweilten, sagte ein dabeistehender Pharisäer von Jericho: „Ihr seht, wie dieser Mann bei einem Sünder Quartier nimmt, bei einem abtrünnigen Sohn Abrahams und Erpresser und Plünderer seines eigenen Volkes.“ Als Jesus diese Worte hörte, schaute er auf Zachäus herab und lächelte. Da stieg Zachäus auf einen Schemel und sagte: „Männer von Jericho, hört mir zu! Ich mag zwar ein Zöllner und Sünder sein, aber der große Lehrmeister ist gekommen, um in meinem Haus zu wohnen; und bevor er es betritt, sage ich euch, dass ich die Hälfte all meines Gutes an die Armen verschenken werde, und von morgen an, sollte ich von jemandem irgendetwas unrechtmäßig eingefordert haben, werde ich es ihm vierfach zurückerstatten. Ich werde jetzt von ganzem Herzen das Heil suchen und lernen, rechtschaffen vor Gott zu leben.“
(1874.2) 171:6.3 Als Zachäus gesprochen hatte, sagte Jesus: „Heute ist das Heil in dieses Haus eingezogen, und du bist tatsächlich ein Sohn Abrahams geworden.“ Und Jesus wandte sich an die um sie versammelte Menge und sagte: „Und wundert euch nicht über meine Worte und nehmt keinen Anstoß an unserem Tun, denn ich habe schon immer erklärt, dass der Menschensohn gekommen ist, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.“
(1874.3) 171:6.4 Sie übernachteten bei Zachäus. Am Morgen gingen sie auf ihrem Weg zum Passahfest in Jerusalem über die „Räuberstraße“ nach Bethanien hinauf.
(1874.4) 171:7.1 Jesus verbreitete gute Zuversicht, wo immer er hinkam. Er war voll gewinnender Güte und Wahrheit. Seine Gefährten hörten nie auf, über den Charme der Worte zu staunen, die aus seinem Munde kamen. Man kann Anmut kultivieren, aber einnehmende Güte ist der Duft der Freundlichkeit, der einer liebeerfüllten Seele entströmt.
(1874.5) 171:7.2 Güte zwingt immer zu Hochachtung, aber wenn es ihr an Anmut mangelt, stößt sie die Zuneigung häufig zurück. Güte ist nur universell anziehend, wenn sie voller Anmut ist. Güte wirkt nur, wenn sie anziehend ist.
(1874.6) 171:7.3 Jesus verstand die Menschen wirklich; deshalb konnte er echter Anteilnahme Ausdruck geben und aufrichtiges Mitgefühl zeigen. Aber selten gab er sich der Bemitleidung hin. Während sein Mitgefühl grenzenlos war, zeigte sich seine Anteilnahme auf praktische, persönliche und konstruktive Weise. Nie erzeugte die Vertrautheit mit dem Leiden in ihm Gleichgültigkeit, und er war fähig, betrübten Seelen beizustehen, ohne ihr Selbstmitleid zu vergrößern.
(1874.7) 171:7.4 Jesus konnte den Menschen so viel helfen, weil er sie so aufrichtig liebte. Er liebte wahrhaft jeden Mann, jede Frau und jedes Kind. Er konnte ein so treuer Freund sein dank seinem außerordentlichen Einfühlungsvermögen — er wusste ganz und gar, was in Herz und Gemüt der Menschen vor sich ging. Er war ein interessierter und scharfer Beobachter. Er war ein Experte im Verstehen von menschlichen Bedürfnissen und besaß das Geschick, menschliche Sehnsüchte ausfindig zu machen.
(1874.8) 171:7.5 Jesus war nie in Eile. Er hatte Zeit, seine Mitmenschen „im Vorübergehen“ aufzurichten. Er sah immer zu, dass sich seine Freunde wohl fühlten. Er war ein charmanter Zuhörer. Er unternahm es nie, die Seelen seiner Gefährten in aufdringlicher Art auszuhorchen. Wenn er hungrige Gemüter erquickte und durstigen Seelen Trost spendete, hatten die Empfänger seiner Barmherzigkeit weniger das Gefühl, ihm etwas zu bekennen als mit ihm auszutauschen. Sie hatten grenzenloses Vertrauen zu ihm, weil sie spürten, dass er so sehr an sie glaubte.
(1875.1) 171:7.6 Er schien, was die Leute anbetraf, nie neugierig zu sein, und er bekundete nie den Wunsch, ihnen zu befehlen, sie zu dirigieren oder sich eifrig mit ihnen zu befassen. Er weckte in allen, die sich seines Umgangs erfreuten, tiefes Selbstvertrauen und soliden Mut. Wenn er einem Menschen zulächelte, verspürte dieser Sterbliche eine erhöhte Fähigkeit zur Lösung seiner vielfältigen Probleme.
(1875.2) 171:7.7 Jesus liebte die Menschen so sehr und in so weiser Art, dass er nie zögerte, mit ihnen streng zu sein, wenn die Umstände eine derartige Disziplin erforderten. Sehr oft kam er einer Person zu Hilfe, indem er sie um Hilfe anging. Auf diese Weise erregte er ihr Interesse und appellierte an das Bessere in der menschlichen Natur.
(1875.3) 171:7.8 Der Meister vermochte in dem groben Aberglauben der Frau, die durch Berühren des Saums seines Gewandes Heilung suchte, den rettenden Glauben zu erkennen. Er war jederzeit bereit und willens, eine Predigt zu unterbrechen oder eine Menge warten zu lassen, um sich den Bedürfnissen einer einzelnen Person oder gar einem kleinen Kind zuzuwenden. Große Dinge ereigneten sich nicht nur, weil die Leute an Jesus glaubten, sondern auch, weil Jesus so stark an sie glaubte.
(1875.4) 171:7.9 Die meisten der wirklich wichtigen Dinge, die Jesus sagte oder tat, schienen zufällig zu geschehen, „wenn er vorüberging“. Es gab so wenig an Professionellem, Wohlgeplantem oder Vor-ausbedachtem im irdischen Wirken des Meisters. In natürlicher und anmutiger Weise spendete er Gesundheit und teilte inneres Glück aus auf seiner Reise durchs Leben. Es war im wörtlichen Sinne wahr: „Er ging umher und tat Gutes.“
(1875.5) 171:7.10 Und in allen Zeitaltern obliegt es den Anhängern des Meisters, zu lernen, „im Vorübergehen“ zu dienen — uneigennützig Gutes zu tun, während sie ihren täglichen Pflichten nachgehen.
(1875.6) 171:8.1 Sie brachen von Jericho erst gegen Mittag auf, da sie am Abend zuvor noch bis spät in die Nacht hinein aufgeblieben waren, während Jesus Zachäus und seine Familie im Evangelium vom Königreich unterrichtete. Etwa halbwegs auf der nach Bethanien hinaufführenden Straße hielt die Gruppe zur Mittagspause an, während die Menge nach Jerusalem weiterging, ohne zu wissen, dass Jesus und die Apostel diese Nacht auf dem Ölberg verbringen würden.
(1875.7) 171:8.2 Das Gleichnis von den Pfunden richtete sich im Unterschied zu dem von den Talenten, das für alle Jünger gedacht war, ausschließlicher an die Apostel und fußte weitgehend auf der Erfahrung des Archelaus und seinem vergeblichen Versuch, die Herrschaft über das Königreich von Judäa zu erringen. Dies ist eines der wenigen Gleichnisse des Meisters, das auf einer wirklichen historischen Gestalt beruht. Es ist nicht verwunderlich, dass sie an Archelaus dachten, denn das Haus des Zachäus in Jericho befand sich ganz in der Nähe des prunkvollen Palastes des Archelaus, und sein Aquädukt verlief längs der Straße, auf der sie Jericho verlassen hatten.
(1875.8) 171:8.3 Jesus sagte: „Ihr denkt, der Menschensohn geht nach Jerusalem hinauf, um ein Königreich zu empfangen, aber ich erkläre euch, dass ihr einer sicheren Enttäuschung entgegengeht. Erinnert ihr euch nicht an einen gewissen Fürsten, der in ein fernes Land ging, um für sich ein Königreich in Empfang zu nehmen? Aber noch bevor er zurückkehren konnte, sandten die Bewohner seiner Provinz, die ihn insgeheim bereits abgelehnt hatten, ihm Botschafter nach, die sagten: ‚Wir wollen nicht, dass dieser Mann über uns herrsche.‘ Gleich wie dieser König als weltlicher Herrscher abgelehnt wurde, wird auch der Menschensohn als geistiger Herrscher abgelehnt werden. Erneut erkläre ich, dass mein Königreich nicht von dieser Welt ist. Aber wenn dem Menschensohn die geistige Herrschaft über sein Volk zugestanden worden wäre, dann hätte er solch ein Königreich menschlicher Seelen angenommen und hätte dieses Land menschlicher Herzen regiert. Ungeachtet dessen, dass sie meine geistige Herrschaft über sich zurückweisen, werde ich zurückkehren und von anderen so ein Königreich des Geistes empfangen wie das, welches man mir jetzt verweigert. Ihr werdet erleben, dass der Menschensohn jetzt abgelehnt wird, aber in einem anderen Zeitalter wird man das, was die Kinder Abrahams jetzt zurückweisen, empfangen und preisen.
(1876.1) 171:8.4 Und jetzt, gleich dem verschmähten Adligen dieses Gleichnisses, möchte ich meine zwölf Diener, meine besonderen Verwalter vor mich rufen. Indem ich jedem von euch die Summe von einem Pfund in die Hände lege, möchte ich euch ermahnen, gut auf meine Anweisungen zu achten, damit ihr in meiner Abwesenheit mit dem euch anvertrauten Geld umsichtig handelt und etwas zur Rechtfertigung eurer Verwaltung vorweisen könnt, wenn ich wiederkehre, wenn von euch Rechenschaft gefordert wird.
(1876.2) 171:8.5 Selbst wenn dieser abgewiesene Sohn nicht zurückkehren sollte, wird ein anderer Sohn gesandt werden, um das Königreich zu empfangen, und dieser Sohn wird dann nach euch allen schicken, um den Bericht über eure Verwaltung entgegenzunehmen und durch eure Gewinne froh zu werden.
(1876.3) 171:8.6 Und als diese Verwalter später zusammengerufen wurden, um Rechenschaft abzulegen, trat der erste vor und sprach: ‚Herr, mit deinem Pfund habe ich zehn weitere erworben.‘ Und sein Meister sagte zu ihm: ‚Gut gemacht; du bist ein guter Diener; weil du dich in dieser Angelegenheit als verlässlich erwiesen hast, will ich dich über zehn Städte setzen.‘ Und der zweite kam und sagte: ‚Das Pfund, das du mir gegeben hast, Herr, hat fünf Pfunde eingebracht.‘ Und der Meister sagte: ‚Ich werde dich entsprechend als Herrscher über fünf Städte setzen.‘ Und so verfuhr er mit allen anderen, bis der letzte Diener, als er zur Rechenschaft gezogen wurde, berichtete: ‚Herr, schau, hier ist dein Pfund, das ich, sicher in dieses Tuch eingewickelt, aufbewahrt habe. Ich tat dies, weil ich dich fürchtete. Ich glaubte, du seist unvernünftig, weil du abhebest, wo du nichts hinterlegt hast, und zu ernten versuchst, wo du nicht gesät hast.‘ Da sagte sein Herr: ‚Du pflichtvergessener und untreuer Diener, ich will dich nach deinen eigenen Worten richten. Du wusstest, dass ich da ernte, wo ich scheinbar nichts gesät habe; deshalb wusstest du, dass diese Rechenschaft von dir gefordert würde. Und da du das wusstest, hättest du mein Geld zum mindesten einem Bankier übergeben sollen, damit ich es bei meiner Rückkehr mit angemessenen Zinsen vorgefunden hätte.‘
(1876.4) 171:8.7 Darauf sprach der Herrscher zu den Umstehenden: ‚Nehmt diesem faulen Diener das Geld weg und gebt es dem, der zehn Pfunde hat.‘ Und als sie den Herrn darauf aufmerksam machten, dass jener bereits zehn Pfunde besitze, sagte er: ‚Jedem, der da hat, soll noch mehr gegeben werden, aber dem, der nicht hat, soll sogar noch das, was er hat, genommen werden.‘“
(1876.5) 171:8.8 Da versuchten die Apostel zu erfahren, was denn der Unterschied zwischen der Bedeutung dieses Gleichnisses und jener des früheren Gleichnisses von den Talenten sei, aber Jesus antwortete auf ihre vielen Fragen nur: „Sinnt in euren Herzen gut über diese Worte nach, und jeder von euch möge ihre wahre Bedeutung herausfinden.“
(1876.6) 171:8.9 Es war Nathanael, der die Bedeutung dieser beiden Gleichnisse in den Jahren danach so trefflich lehrte, indem er seine Unterweisungen in den folgenden Schlussfolgerungen zusammenfasste:
(1876.7) 171:8.10 1. Fähigkeit bestimmt in der Praxis das Ausmaß, in dem die Chancen des Lebens wahrgenommen werden. Ihr werdet nie für die Erfüllung von Dingen, die eure Fähigkeiten übersteigen, verantwortlich gemacht werden.
(1876.8) 171:8.11 2. Treue ist der untrügliche Maßstab für menschliche Vertrauenswürdigkeit. Wer in kleinen Dingen treu ist, wird wahrscheinlich auch in allem, was mit seinen Gaben vereinbar ist, treu sein.
(1876.9) 171:8.12 3. Der Meister gewährt für geringere Treue geringere Belohnung, wenn gleiche Gelegenheiten vorliegen.
(1877.1) 171:8.13 4. Er gewährt für gleiche Treue gleiche Belohnung, auch wenn schlechtere Gelegenheiten gegeben sind.
(1877.2) 171:8.14 Nachdem sie ihr Mittagsmahl beendet hatten und die Anhängerschar nach Jerusalem weitergegangen war, wies Jesus, der neben der Straße im Schatten eines überhängenden Felsens vor seinen Aposteln stand, voll fröhlicher Würde und anmutsvoller Majestät mit dem Finger nach Westen und sagte: „Kommt, meine Brüder, lasst uns nach Jerusalem weitergehen, um dort entgegenzunehmen, was uns erwartet; so werden wir in allen Dingen den Willen des himmlischen Vaters erfüllen.“
(1877.3) 171:8.15 Und so setzten Jesus und seine Apostel diesen Gang nach Jerusalem fort, den letzten des Meisters, während er als Sterblicher unter Sterblichen weilte.
www.urantia.org/de/das-urantia-buch/schrift-171-auf-dem-weg-nach-jerusalem
Das Urantia Buch
Der Einzug in Jerusalem
(1878.1) 172:0.1 JESUS und die Apostel erreichten Bethanien am Freitag, dem 31. März 30 kurz nach vier Uhr nachmittags. Lazarus, seine Schwestern und ihre Freunde erwarteten sie. Da jeden Tag so viele Menschen kamen, um mit Lazarus über seine Auferweckung zu sprechen, teilte man Jesus mit, man habe für seine Unterkunft bei Simon, einem gläubigen Nachbarn, Vorkehrungen getroffen. Simon war seit dem Tod des Vaters von Lazarus der führende Einwohner des kleinen Dorfes.
(1878.2) 172:0.2 An diesem Abend empfing Jesus viele Besucher, und die einfachen Leute von Bethanien und Bethphage taten ihr Bestes, um ihn fühlen zu lassen, wie willkommen er war. Obwohl viele dachten, Jesus gehe nun in offener Verachtung des sanhedrinischen Todesurteils nach Jerusalem, um sich zum König der Juden zu proklamieren, erkannte die Familie von Bethanien — Lazarus, Martha und Maria — klarer, dass der Meister kein König dieser Art war; sie fühlten dunkel, dass dies wohl sein letzter Besuch in Jerusalem und Bethanien sein könnte.
(1878.3) 172:0.3 Die Hohenpriester waren unterrichtet, dass Jesus in Bethanien wohnte, aber sie hielten es für das Beste, nicht zu versuchen, ihn aus der Mitte seiner Freunde heraus zu verhaften. Sie beschlossen abzuwarten, bis er nach Jerusalem komme. Jesus wusste um all das, aber er war von erhabener Ruhe; nie hatten seine Freunde ihn gelassener und freundlicher gesehen; sogar die Apostel waren erstaunt, dass er so unbeschwert sein konnte angesichts der Tatsache, dass der Sanhedrin alle Juden aufgerufen hatte, ihm Jesus auszuliefern. Während der Meister schlief, wachten die Apostel in dieser Nacht immer zu zweit über ihn, und viele von ihnen waren mit Schwertern gegürtet. Am nächsten Morgen wurden sie in der Frühe von Hunderten von Pilgern geweckt, die sogar an einem Sabbattag aus Jerusalem herübergekommen waren, um Jesus und den von den Toten auferstandenen Lazarus zu sehen.
(1878.4) 172:1.1 Sowohl Pilger von außerhalb Judäas als auch die jüdischen Machthaber hatten sich die Frage gestellt: „Was meint ihr? Wird Jesus zum Fest kommen?“ Deshalb waren die Leute erfreut, als sie hörten, Jesus sei in Bethanien, aber die Hohenpriester und Pharisäer waren einigermaßen ratlos. Sie waren zufrieden, ihn unter ihrer Gerichtsbarkeit zu haben, aber seine Kühnheit beunruhigte sie ein wenig. Sie dachten daran, dass er bei seinem letzten Besuch in Bethanien Lazarus von den Toten auferweckt hatte, und Lazarus wurde für Jesu Feinde zu einem großen Problem.
(1878.5) 172:1.2 Sechs Tage vor Passah, am Abend nach dem Sabbat, kamen ganz Bethanien und Bethphage zusammen, um Jesu Ankunft mit einem öffentlichen Bankett in Simons Haus zu feiern. Dieses Abendessen wurde sowohl Jesu wie auch Lazarus zu Ehren gegeben, und es wurde in offener Missachtung des Sanhedrins veranstaltet. Martha überwachte das Auftragen der Speisen; ihre Schwester Maria befand sich unter den Zuschauerinnen, denn es war wider jüdische Sitte, dass eine Frau bei einem öffentlichen Bankett Platz nehme. Die Agenten des Sanhedrins waren zugegen, aber sie fürchteten sich davor, Jesus inmitten seiner Freunde festzunehmen.
(1879.1) 172:1.3 Jesus sprach mit Simon über den Josua von ehedem, dessen Namensvetter er war, und erzählte, wie Josua und die Israeliten durch Jericho nach Jerusalem heraufgekommen waren. Die Legende vom Einsturz der Mauern Jerichos kommentierte Jesus mit den Worten: „Ich kümmere mich nicht um solche Mauern aus Ziegel und Stein; aber ich möchte, dass das Predigen der Liebe des Vaters zu allen Menschen die Mauern aus Vorurteil, Selbstgerechtigkeit und Hass zum Einsturz brächte.“
(1879.2) 172:1.4 Das Bankett ging in sehr fröhlicher und gewohnter Art vonstatten, außer dass alle Apostel ungewöhnlich ernsthaft blieben. Jesus war ausnehmend heiter und spielte mit den Kindern, bis man sich zu Tische begab.
(1879.3) 172:1.5 Es geschah nichts Ungewöhnliches, bis gegen Ende des Festes Maria, die Schwester des Lazarus, aus der Gruppe der zuschauenden Frauen heraustrat, sich dahin begab, wo der Meister als Ehrengast lagerte, und sich anschickte, ein großes Alabastergefäß mit einem sehr seltenen und kostbaren Salböl zu öffnen; und nachdem sie des Meisters Kopf damit gesalbt hatte, begann sie, es über seinen Füßen auszugießen, wobei sie ihre Haare löste und die Füße damit trocknete. Das ganze Haus wurde vom Wohlgeruch des Öls erfüllt, und alle Anwesenden staunten über das, was Maria getan hatte. Lazarus sagte nichts, aber als einige Leute murrten und ihre Empörung darüber zum Ausdruck brachten, dass ein so kostbares Öl derart verwendet wurde, schritt Judas Iskariot dahin, wo Andreas lagerte und sagte: „Wieso hat man dieses Öl nicht verkauft und den Erlös zur Speisung der Armen verwendet? Du solltest mit dem Meister sprechen, damit er solche Verschwendung tadle.“
(1879.4) 172:1.6 Jesus, der wusste, was sie dachten, und hörte, was sie sagten, legte seine Hand auf den Kopf Marias, die an seiner Seite kniete, und sagte mit freundlichem Gesichtsausdruck: „Lasst sie in Ruhe, ihr alle. Weshalb behelligt ihr sie, da sie doch aus Herzensgrund etwas Gutes getan hat? Euch, die ihr murrt und sagt, dieses Öl hätte verkauft und das Geld den Armen gegeben werden sollen, lasst mich sagen, dass ihr die Armen stets um euch habt, so dass ihr ihnen jederzeit, wenn es euch beliebt, Gutes tun könnt; aber ich werde nicht immer bei euch sein; ich gehe bald zu meinem Vater. Diese Frau hat das Öl seit langem für das Begräbnis meines Körpers aufgehoben, und jetzt, wo sie es für gut fand, diese Salbung in Vorausnahme meines Todes vorzunehmen, soll ihr diese Befriedigung nicht verweigert werden. Durch ihre Handlung hat sie euch allen eine Rüge erteilt, indem sie durch diese Tat ihren Glauben an das, was ich über meinen Tod und meine Auffahrt zu meinem Vater im Himmel gesagt habe, bewiesen hat. Diese Frau soll für das, was sie heute Abend getan hat, nicht getadelt werden; ich sage euch vielmehr, dass, wo immer auf der ganzen Welt in den kommenden Zeitaltern dieses Evangelium gepredigt wird, man sich an sie erinnern und von dem sprechen wird, was sie getan hat.“
(1879.5) 172:1.7 Wegen dieses Tadels, den er als persönlichen Vorwurf auffasste, beschloss Judas Iskariot schließlich, sich für seine verletzten Gefühle zu rächen. Oft hatte er unbewusst solche Ideen genährt, aber jetzt wagte er es, sich so abscheulichen Gedanken bei hellwachem Bewusstsein zu überlassen. Und viele andere ermutigten ihn in dieser Haltung, denn der Preis für das Salböl entsprach der Summe, die ein Mann in einem ganzen Jahr verdiente — genug, um fünftausend Menschen Brot zu verschaffen. Aber Maria liebte Jesus; sie hatte dieses kostbare Öl erworben, um seinen toten Körper damit einzubalsamieren, denn sie glaubte seinen Worten, als er sie vorwarnte, er müsse sterben; und man konnte es ihr nicht verdenken, dass sie sich umbesann und beschloss, den Meister mit dieser Gabe zu beschenken, während er noch lebte.
(1879.6) 172:1.8 Lazarus und Martha wussten beide, dass Maria seit langem das Geld zum Kauf des Krugs mit Lavendelöl zusammengespart hatte, und sie stimmten ihr aufrichtig zu, in dieser Angelegenheit so zu handeln, wie es ihr Herz begehrte, denn sie waren wohlhabend und konnten es sich ohne weiteres leisten, ein solches Geschenk zu machen.
(1880.1) 172:1.9 Als die Hohenpriester von diesem zu Jesu und Lazarus‘ Ehren gegebenen Abendessen in Bethanien erfuhren, begannen sie miteinander zu beratschlagen, was mit Lazarus zu geschehen habe. Alsbald beschlossen sie, dass er ebenfalls sterben müsse. Sie überlegten folgerichtig, dass es zwecklos wäre, Jesus hinzurichten, wenn sie Lazarus, den er von den Toten auferweckt hatte, am Leben ließen.
(1880.2) 172:2.1 An diesem Sonntagmorgen rief der Meister seine zwölf Apostel in Simons schönem Garten um sich zusammen und gab ihnen die letzten Anweisungen vor dem Betreten Jerusalems. Er sagte ihnen, er werde wahrscheinlich viele Ansprachen halten und manche Unterweisungen geben, bevor er zum Vater zurückkehre, aber er riet den Aposteln von jeglichem öffentlichen Wirken während dieses Passahaufenthaltes in Jerusalem ab. Er wies sie an, in seiner Nähe zu bleiben und zu „wachen und zu beten“. Jesus wusste, dass viele seiner Apostel und engen Anhänger eben jetzt heimlich Schwerter bei sich trugen, aber er spielte nicht auf diese Tatsache an.
(1880.3) 172:2.2 Diese morgendlichen Instruktionen enthielten auch einen kurzen Rückblick auf ihr Wirken vom Tag ihrer Weihe bei Kapernaum an bis zu diesem Tag, da sie sich zum Einzug in Jerusalem bereit machten. Die Apostel hörten schweigend zu; sie stellten keine Fragen.
(1880.4) 172:2.3 Früh am Morgen hatte David Zebedäus Judas den Erlös aus dem Verkauf der Ausrüstung des Lagers von Pella übergeben, und Judas seinerseits hatte den größeren Teil dieses Geldes Simon, ihrem Gastgeber, für voraussichtliche dringende Erfordernisse bei ihrem Einzug in Jerusalem zur Verwahrung übergeben.
(1880.5) 172:2.4 Nach der Unterredung mit den Aposteln besprach sich Jesus mit Lazarus und hielt ihn an, sein Leben nicht der Rachsucht des Sanhedrins zu opfern. In Beherzigung dieses Rates floh Lazarus wenige Tage später, als die Offiziere des Sanhedrins Männer zu seiner Verhaftung aussandten, nach Philadelphia.
(1880.6) 172:2.5 Auf irgendeine Weise spürten sämtliche Anhänger Jesu die unmittelbar bevorstehende Krise, aber die ungewöhnliche Fröhlichkeit und die ausnehmend gute Laune des Meisters hinderten sie daran, deren Ernst ganz zu erfassen.
(1880.7) 172:3.1 Bethanien lag ungefähr drei Kilometer vom Tempel entfernt, und um halb zwei an diesem Sonntagnachmittag machte sich Jesus bereit, nach Jerusalem aufzubrechen. Er empfand für Bethanien und seine einfachen Menschen tiefe Zuneigung. Nazareth, Kapernaum und Jerusalem hatten ihn abgelehnt, aber Bethanien hatte ihn angenommen und an ihn geglaubt. Und gerade dieses kleine Dorf, in dem fast jeder Mann, jede Frau und jedes Kind Glaubende waren, hatte er dazu ausersehen, um hier das gewaltigste Werk seiner irdischen Selbsthingabe, die Auferweckung des Lazarus, auszuführen. Er rief Lazarus nicht ins Leben zurück, auf dass die Dorfbewohner glaubten, sondern vielmehr, weil sie bereits glaubten.
(1880.8) 172:3.2 Während des ganzen Morgens hatte Jesus über seinen Einzug in Jerusalem nachgedacht. Zuvor hatte er sich stets bemüht, jeden öffentlichen Jubel um ihn als den Messias zu unterbinden, aber nun war es etwas anderes; er näherte sich dem Ende seiner irdischen Laufbahn, der Sanhedrin hatte seinen Tod beschlossen, und es konnte nichts schaden, seinen Jüngern zu erlauben, ihren Gefühlen freien Ausdruck zu geben, womit zu rechnen war, wenn er sich für einen formellen und öffentlichen Einzug in die Stadt entscheiden würde.
(1881.1) 172:3.3 Jesus entschloss sich nicht zu einem öffentlichen Einzug in Jerusalem, um ein letztes Mal um die Volksgunst zu werben oder endgültig nach der Macht zu greifen. Und er tat es auch in keiner Weise, um die menschlichen Sehnsüchte seiner Jünger und Apostel zu befriedigen. Jesus gab sich nicht den Illusionen eines fantastischen Träumers hin; er wusste sehr gut, welches Ende der Besuch nehmen würde.
(1881.2) 172:3.4 Nachdem er sich für einen öffentlichen Einzug in Jerusalem entschlossen hatte, stand der Meister vor der Notwendigkeit, eine geeignete Methode zur Ausführung dieser Entscheidung zu finden. Jesus dachte über alle mehr oder weniger widersprüchlichen so genannten messianischen Prophetien nach, aber es schien darunter nur eine einzige zu geben, der zu folgen sich für ihn überhaupt eignete. Die meisten dieser prophetischen Äußerungen beschrieben einen König, den Sohn und Nachfolger Davids, einen kühnen und dynamischen weltlichen Befreier ganz Israels vom Joch der Fremdherrschaft. Aber da gab es eine Schriftstelle, die manchmal von denen, die seine Sendung eher im geistigen Sinne auffassten, mit dem Messias in Beziehung gebracht wurde, und von der Jesus dachte, sie könne ihn vernünftigerweise bei seinem geplanten Einzug in Jerusalem leiten. Diese Stelle befand sich in Zacharias und lautete: „Frohlocke, oh Tochter Zions! Jauchze, oh Tochter Jerusalems! Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und er bringt Rettung. Er kommt als ein Demütiger, auf einem Esel reitend, einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin.”
(1881.3) 172:3.5 Ein Kriegerkönig zog stets auf einem Pferd in eine Stadt ein; ein König in friedlicher und freundschaftlicher Mission zog immer auf einem Esel reitend ein. Jesus wollte in Jerusalem nicht als ein Mensch hoch zu Ross Einzug halten, aber er war gewillt, friedlich und guten Willens als der Menschensohn auf einem Esel zu reiten.
(1881.4) 172:3.6 Jesus hatte lange Zeit durch direkte Unterweisung versucht, seinen Aposteln und Jüngern einzuprägen, dass sein Königreich nicht von dieser Welt, sondern eine rein geistige Angelegenheit sei; aber seinem Bemühen war kein Erfolg beschieden. Nun wollte er versuchen, durch einen symbolischen Appell zu erreichen, was ihm im klaren und persönlichen Unterricht nicht gelungen war. Also rief Jesus gleich nach dem Mittagsmahl Petrus und Johannes zu sich und wies sie an, nach Bethphage, einem etwas abseits der Hauptstraße und eine kurze Strecke nordwestlich von Bethanien gelegenen Nachbardorf, hinüberzugehen, und fügte hinzu: „Geht nach Bethphage, und wenn ihr bei der Wegkreuzung angelangt seid, werdet ihr dort ein angebundenes Fohlen einer Eselin finden. Bindet das Fohlen los und führt es mit euch zurück. Wenn euch jemand fragt, wieso ihr das tut, sagt nur: ‚Der Meister braucht es.‘“ Und als die beiden Apostel gemäß des Meisters Anweisung in Bethphage anlangten, fanden sie das angebundene Fohlen ganz nah bei seiner Mutter auf offener Straße neben einem Eckhaus. Als Petrus das Fohlen loszubinden begann, kam der Besitzer herüber und fragte, wieso er das tue. Als Petrus ihm antwortete, wie Jesus ihm aufgetragen hatte, sprach der Mann: „Wenn euer Meister Jesus von Galiläa ist, soll er das Fohlen haben.“ Und so kehrten sie mit dem Eselchen zurück.
(1881.5) 172:3.7 Bis dahin hatten sich mehrere hundert Pilger um Jesus und seine Apostel geschart; seit der Mitte des Vormittags hatten die durchziehenden Besucher auf ihrem Weg zum Passahfest Halt gemacht. Mittlerweile waren David Zebedäus und einige seiner früheren Kuriergefährten aus eigener Initiative nach Jerusalem hinuntergeeilt, wo sie rund um den Tempel unter den auf Besuch weilenden Pilgerscharen wirkungsvoll die Kunde verbreiteten, Jesus sei im Begriff, einen triumphalen Einzug in die Stadt zu halten. Demzufolge strömten Tausende von diesen Besuchern hinaus, um den Propheten und Wundertäter zu begrüßen, von dem so viel gesprochen wurde und den einige für den Messias hielten. Die aus Jerusalem herausströmenden Menschenmassen trafen auf Jesus und die der Stadt zustrebende Menge, gerade als diese die Kuppe des Ölbergs überschritten und mit dem Abstieg nach der Stadt begonnen hatte.
(1882.1) 172:3.8 Als die Prozession Bethanien verließ, herrschte große Begeisterung in der festlichen Menge von Jüngern, Gläubigen und Pilgern, die auf Besuch waren und von denen viele aus Galiläa und Peräa stammten. Gerade bevor sie sich in Bewegung setzten, trafen die zwölf Frauen des ursprünglichen Frauenkorps in Begleitung einiger ihrer Mitarbeiterinnen auf dem Schauplatz ein und schlossen sich der einzigartigen Prozession an, die sich freudig der Stadt zu bewegte.
(1882.2) 172:3.9 Vor dem Aufbruch legten die Alphäus Zwillinge ihre Mäntel auf den Esel und hielten ihn, während der Meister aufstieg. Als die Prozession sich dem Gipfel des Ölbergs näherte, warfen die festlich gestimmten Scharen ihre Kleider auf den Boden und brachen Zweige von den umstehenden Bäumen ab, um daraus einen Ehrenteppich für den Esel zu bilden, der den königlichen Sohn, den versprochenen Messias, trug. Während die fröhliche Menge sich auf Jerusalem zu bewegte, begann sie zu singen oder richtiger einstimmig den Psalm zu rufen: „Hosianna dem Sohn Davids; gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe. Gesegnet sei das Königreich, das vom Himmel herabkommt.“
(1882.3) 172:3.10 Jesus war unbeschwert und heiter, während sie dahin zogen, bis er auf der Kuppe des Ölbergs anlangte, von wo sich dem Auge Stadt und Tempeltürme voll darboten. Hier hielt der Meister die Prozession an, und eine große Stille legte sich über alle, als sie ihn weinen sahen. Der Meister blickte auf die riesige Menge hinunter, die aus der Stadt kam, um ihn zu grüßen, und mit großer Bewegung und tränenerstickter Stimme sprach er: „Oh Jerusalem, hättest du, gerade du, nur wenigstens an diesem, deinem Tag, die Dinge erkannt, die zu deinem Frieden gehören und die du so uneingeschränkt hättest haben können! Aber nun sind diese Herrlichkeiten im Begriff, vor deinen Augen verborgen zu werden. Du bist dabei, den Friedenssohn zurückzuweisen und dem Evangelium des Heils den Rücken zu kehren. Bald werden die Tage über dich kommen, da deine Feinde um dich herum einen Graben legen und dich von allen Seiten her belagern werden; sie werden dich dem Erdboden gleichmachen, und kein Stein wird auf dem anderen bleiben. Und all das wird dir widerfahren, weil du die Zeit deiner göttlichen Visitation nicht erkannt hast. Du bist im Begriff, das Geschenk Gottes zurückzuweisen, und alle Menschen werden dich zurückweisen.“
(1882.4) 172:3.11 Als er fertig gesprochen hatte, begannen sie mit dem Abstieg vom Ölberg und trafen kurz danach auf den von Jerusalem herkommenden Besucherstrom, der Palmwedel schwenkte, Hosianna rief und seiner fröhlichen und kameradschaftlichen Stimmung in anderer Weise Ausdruck gab. Der Plan des Meisters sah nicht vor, dass ihnen diese Scharen aus Jerusalem entgegenkommen sollten; das war das Werk anderer. Er plante nie Theatralisches.
(1882.5) 172:3.12 Mit der Menge, die dem Meister zur Begrüßung entgegenströmte, kamen auch viele von den Pharisäern und seinen übrigen Feinden. Dieser plötzlich und unerwartet ausbrechende Beifall des Volkes verwirrte sie dermaßen, dass sie nicht wagten, ihn zu verhaften, aus Furcht, dadurch eine offene Volkserhebung heraufzubeschwören. Sie fürchteten die Haltung einer großen Zahl von Besuchern sehr, die viel von Jesus gehört hatten und von denen viele an ihn glaubten.
(1882.6) 172:3.13 Als sie sich Jerusalem näherten, wurde die Menge demonstrativer, so dass einige Pharisäer sich einen Weg an die Seite Jesu bahnten und sprachen: „Lehrer, du solltest deine Jünger zurechtweisen und sie ermahnen, sich angemessener zu benehmen.“ Jesus antwortete: „Es ist nur ziemlich, wenn diese Kinder den Friedenssohn willkommen heißen, den die Hohenpriester zurückgewiesen haben. Es wäre nutzlos, ihnen Einhalt zu gebieten, denn statt ihrer würden diese Steine am Straßenrand zu schreien beginnen.“
(1882.7) 172:3.14 Die Pharisäer überholten die Prozession und hasteten zum Sanhedrin, der zu dieser Zeit im Tempel tagte, und berichteten ihren Gefährten: „Seht, alles, was wir unternehmen, ist ohne Erfolg; wir sind bestürzt über diesen Galiläer. Das Volk ist verrückt nach ihm geworden; wenn wir diesen Ignoranten nicht Einhalt gebieten, wird ihm die ganze Welt nachlaufen.“
(1883.1) 172:3.15 Tatsächlich durfte man diesem oberflächlichen und spontanen Ausbruch von Volksbegeisterung keine tiefere Bedeutung beimessen. Obwohl die Begrüßung freudig und aufrichtig war, entsprang sie keiner echten oder tiefen Überzeugung in den Herzen der festlich gestimmten Teilnehmer. Die gleiche Menge war später in der Woche ebenso bereit, Jesus eilig abzulehnen, nachdem der Sanhedrin ihm gegenüber einmal eine feste und entschlossene Haltung eingenommen hatte, und nachdem die Ernüchterung über sie gekommen war — als sie gewahr wurden, dass Jesus das Königreich nicht in Übereinstimmung mit ihren lange gehegten Erwartungen errichten würde.
(1883.2) 172:3.16 Aber die ganze Stadt war mächtig aufgewühlt, und jedermann fragte: „Wer ist dieser Mann?“ Und die Menge antwortete: „Das ist der Prophet von Galiläa, Jesus von Nazareth.“
(1883.3) 172:4.1 Während die Alphäus Zwillinge den Esel seinem Besitzer zurückbrachten, lösten sich Jesus und die zehn Apostel von ihren unmittelbaren Begleitern, und während sie durch den Tempel schlenderten, schauten sie den Vorbereitungen zum Passahfest zu. Kein Versuch, Jesus zu belästigen, wurde unternommen, da der Sanhedrin große Angst vor dem Volk hatte; und das war schließlich einer der Gründe, weshalb Jesus der Menge gestattet hatte, ihm in dieser Art Beifall zu spenden. Die Apostel begriffen nicht, dass dies die einzig wirksame menschliche Vorgehensweise war, um beim Betreten der Stadt einer sofortigen Verhaftung zu entgehen. Der Meister wollte den Bewohnern Jerusalems, hohen und niedrigen, sowie den Zehntausenden von Passahbesuchern diese zusätzliche, letzte Gelegenheit geben, das Evangelium zu hören und, wenn sie es wünschten, den Friedenssohn anzunehmen.
(1883.4) 172:4.2 Und als nun der Abend nahte und die Menge sich verlief, um sich nach Verpflegung umzusehen, fanden sich Jesus und seine engeren Gefährten allein. Was für ein seltsamer Tag war das doch gewesen! Die Apostel waren nachdenklich, blieben aber stumm. Nie in all den mit Jesus verbrachten Jahren hatten sie einen solchen Tag verlebt. Sie setzten sich für eine Weile bei der Schatztruhe nieder, und schauten zu, wie die Leute ihre Beiträge hineinwarfen: Die Reichen legten viel in den Sammelkasten, und jedermann gab etwas, was der Größe seines Besitzes entsprach. Endlich kam eine arme Witwe in dürftiger Kleidung daher, und sie beobachteten, wie sie zwei Miten (kleine Kupferstücke) in den Trichter warf. Da lenkte Jesus die Aufmerksamkeit der Apostel auf die Witwe und sagte: „Merkt euch gut, was ihr eben gesehen habt. Diese arme Witwe hat mehr hineingeworfen als alle anderen, denn alle anderen haben als Geschenk ein klein wenig von ihrem Überfluss weggegeben; aber obwohl diese arme Frau in Not ist, hat sie alles gegeben, was sie besaß, sogar das Lebensnotwendige.“
(1883.5) 172:4.3 Als es Abend wurde, gingen sie schweigend in den Tempelhöfen umher, und nachdem Jesus wieder einmal diese vertrauten Szenen betrachtet und sich dabei seiner Gefühle anlässlich vorangegangener Besuche, einschließlich der früheren, erinnert hatte, sagte er: „Lasst uns zur Nachtruhe nach Bethanien hinaufgehen.“ Jesus begab sich mit Petrus und Johannes zu Simons Haus, während die anderen Apostel bei ihren Freunden in Bethanien und Bethphage übernachteten.
5. Die Haltung der Apostel
(1883.6) 172:5.1 Als sie an diesem Sonntagabend nach Bethanien zurückkehrten, schritt Jesus den Aposteln voran. Nicht ein Wort wurde gesprochen, bis sie, bei Simons Haus angelangt, auseinander gingen. Nie hatten zwölf menschliche Wesen ähnlich verschiedenartige und unerklärliche Gefühle durchlebt wie die, welche jetzt in Gemüt und Seele dieser Botschafter des Königreichs aufwallten. Diese robusten Galiläer waren verwirrt und aus der Fassung gebracht; sie wussten nicht, was sie als Nächstes erwartete; sie waren zu überrascht, um sich allzu sehr zu ängstigen. Sie wussten nichts von den Plänen des Meisters für den nächsten Tag, und sie stellten keine Fragen. Sie begaben sich in ihre Quartiere, obwohl sie, mit Ausnahme der Zwillinge, nicht viel schliefen. Aber sie stellten für Jesus keine bewaffnete Wache vor Simons Haus.
(1884.1) 172:5.2 Andreas war völlig fassungslos, nahezu verwirrt. Er war der einzige Apostel, der nicht ernsthaft versuchte, die spontane Sympathiekundgebung des Volkes zu bewerten. Er war zu sehr vom Gedanken an seine Verantwortung als Haupt des Apostelkorps beherrscht, als dass er sich ernstlich Gedanken über Bedeutung oder Sinn der lauten Hosiannarufe der Menge gemacht hätte. Andreas war damit beschäftigt, einige seiner Gefährten im Auge zu behalten, von denen er befürchtete, sie könnten sich in der Erregung von ihren Gefühlen hinreißen lassen, insbesondere Petrus, Jakobus, Johannes und Simon Zelotes. Den ganzen Tag über und während der folgenden Tage machten Andreas ernsthafte Zweifel zu schaffen, doch nie teilte er seinen apostolischen Gefährten auch nur einen einzigen davon mit. Die Haltung einiger der Zwölf, die, wie er wusste, mit Schwertern bewaffnet waren, bereitete ihm Sorgen; aber er wusste nicht, dass auch sein eigener Bruder Petrus eine solche Waffe bei sich trug. Und so machte die Prozession nach Jerusalem auf Andreas einen vergleichsweise oberflächlichen Eindruck; zu sehr beschäftigten ihn die Verantwortlichkeiten seines Amtes, als dass er in anderer Weise hätte berührt werden können.
(1884.2) 172:5.3 Simon Petrus war anfangs nahezu hingerissen ob dieser Kundgebung des begeisterten Volkes; aber als sie an diesem Abend nach Bethanien zurückkehrten, war er beträchtlich ernüchtert. Petrus konnte ganz einfach nicht begreifen, was der Meister vorhatte. Er war zutiefst enttäuscht dar-über, dass Jesus auf diese Welle der Volksgunst nicht irgendeine Verlautbarung folgen ließ. Petrus konnte nicht verstehen, weshalb Jesus nicht zu der Menge sprach, als sie beim Tempel ankamen, oder wenigstens einem der Apostel erlaubte, sich an die Versammelten zu wenden. Petrus war ein großer Prediger, und es schmerzte ihn, mit ansehen zu müssen, wie eine so große aufnahmebereite und begeisterte Zuhörerschaft ungenutzt blieb. So gerne hätte er dieser Menschenmenge gerade hier im Tempel das Evangelium vom Königreich gepredigt; aber der Meister hatte ihnen ausdrücklich Weisung gegeben, während dieser Passahwoche in Jerusalem jedes Lehren und Predigen zu unterlassen. Der Rückschlag nach der spektakulären Prozession in die Stadt hinein war für Simon Petrus niederschmetternd; am Abend war er ernüchtert und unbeschreiblich traurig.
(1884.3) 172:5.4 Für Jakobus Zebedäus war dieser Sonntag ein Tag tiefer Verwirrung und Ratlosigkeit; er konnte den Sinn dessen, was sich da abspielte, nicht begreifen. Er konnte nicht verstehen, was der Meister bezweckte, als er diesen wilden Beifall zuließ und sich dann weigerte, auch nur ein Wort zu den Menschen zu sagen, als sie beim Tempel anlangten. Während die Prozession sich den Ölberg hinunter auf Jerusalem zu bewegte und besonders, als die Tausende von Pilgern zu ihnen stießen, die aus der Stadt geströmt waren, um den Meister willkommen zu heißen, fühlte sich Jakobus auf grausame Weise hin- und hergerissen zwischen widerstreitenden Gefühlen freudiger Erregung und Genugtuung über das, was er sah, und beklemmender Angst vor dem, was geschehen würde, wenn sie beim Tempel anlangten. Und dann war er niedergeschlagen und von Enttäuschung überwältigt, als Jesus vom Esel stieg und gemächlich durch die Tempelhöfe schritt. Jakobus konnte nicht verstehen, aus welchem Grund Jesus eine solch großartige Gelegenheit zur Verkündigung des Königreichs vorübergehen ließ. Am Abend hielt eine peinigende und schreckliche Ungewissheit sein Gemüt fest im Griff.
(1884.4) 172:5.5 Johannes Zebedäus kam dem Verständnis der Handlungsweise Jesu einigermaßen nahe; wenigstens erfasste er teilweise die geistige Bedeutung dieses so genannten triumphalen Einzugs in Jerusalem. Als die Menge sich auf den Tempel zu bewegte und Johannes seinen Meister rittlings auf einem Fohlen sitzend erblickte, erinnerte er sich daran, wie er einst Jesus jene Schriftstelle aus Zacharias hatte zitieren hören, die den kommenden Messias als einen Mann des Friedens beschrieb, der auf einem Esel in Jerusalem einzog. Als Johannes über diese Schriftstelle nachsann, begann er die symbolische Bedeutung dieses sonntagnachmittäglichen Festzuges zu begreifen. Wenigstens erfasste er genug vom Sinn dieser Schriftstelle, um die Episode irgendwie genießen zu können und sich durch das scheinbar zwecklose Ende der triumphalen Prozession nicht übermäßig deprimieren zu lassen. Johannes hatte einen Verstandestyp, der natürlicherweise dazu neigte, in Symbolen zu denken und zu fühlen.
(1885.1) 172:5.6 Philipp wurde durch die Plötzlichkeit und Spontaneität des Ausbruchs völlig aus dem Gleis geworfen. Auf dem Weg vom Ölberg herunter war er nicht in der Lage, seine Gedanken genügend zu sammeln, um zu irgendeiner festen Vorstellung darüber zu gelangen, was die ganze Veranstaltung bezwecken sollte. Irgendwie genoss er das Schauspiel, weil sein Meister geehrt wurde. Als sie beim Tempel ankamen, beunruhigte ihn der Gedanke, Jesus könnte ihn möglicherweise bitten, die Menge zu speisen, so dass er ganz erleichtert war, als sich Jesus gemächlich von den Leuten entfernte, was gerade die Mehrzahl der Apostel so bitter enttäuschte. Die Menschenmassen waren für den Proviantmeister der Zwölf oft eine große Belastungsprobe gewesen. Nachdem diese persönlichen Befürchtungen hinsichtlich der materiellen Bedürfnisse der Menge von ihm genommen waren, gab er mit Petrus seiner Enttäuschung darüber Ausdruck, dass nichts getan wurde, um die Menge zu lehren. Am Abend überdachte Philipp diese Erlebnisse und geriet in Versuchung, an der ganzen Idee vom Königreich zu zweifeln; er stellte sich ehrlich die Frage, was das alles zu bedeuten habe, aber er teilte seine Zweifel niemandem mit; er liebte Jesus zu sehr. Er hatte einen großen persönlichen Glauben an den Meister.
(1885.2) 172:5.7 Von den symbolischen und prophetischen Aspekten abgesehen, kam Nathanael der Deutung dessen am nächsten, was den Meister bewogen hatte, die öffentliche Unterstützung der Passahpilger zu gewinnen. Noch bevor sie beim Tempel anlangten, hatte er logisch gefolgert, dass Jesus ohne solch einen demonstrativen Einzug in Jerusalem von den Beamten des Sanhedrins im Augenblick, da er sich angemaßt hätte, die Stadt zu betreten, verhaftet und ins Gefängnis geworfen worden wäre. Es überraschte ihn deshalb nicht im geringsten, dass der Meister von den ihm zujubelnden Massen keinen weiteren Gebrauch machte, sobald er ins Innere der Stadtmauern gelangt war und dadurch die jüdischen Führer so nachhaltig beeindruckte, dass sie davon absahen, ihn sofort unter Arrest zu stellen. Da Nathanael den wahren Grund verstand, weshalb der Meister in dieser Art in der Stadt Einzug hielt, folgte er der Prozession ganz natürlich mit mehr Gelassenheit und ließ sich durch Jesu anschließendes Verhalten weniger verwirren und enttäuschen als die übrigen Apostel. Nathanael hatte großes Vertrauen in Jesu Menschenkenntnis sowie in seinen Scharfsinn und seine Klugheit im Umgang mit schwierigen Situationen.
(1885.3) 172:5.8 Matthäus machte das Schauspiel des Festzugs zuerst ratlos. Er begriff den Sinn dessen, was sich seinen Augen darbot, erst, als auch er sich an die Schriftstelle in Zacharias erinnerte, wo der Prophet den Jubel Jerusalems erwähnte, weil sein König Rettung bringend gekommen war und auf dem Fohlen einer Eselin ritt. Als die Prozession sich auf die Stadt zu bewegte und danach zum Tempel weiterzog, geriet Matthäus in Ekstase; er war sicher, dass etwas Außerordentliches geschehen würde, wenn der Meister an der Spitze dieser laut rufenden Menge beim Tempel anlangen würde. Als einer der Pharisäer sich über Jesus mit den Worten lustig machte: „Schaut alle her, seht, wer da kommt, der König der Juden auf einem Esel reitend!“ ließ Matthäus seine Hände nur unter Aufbietung großer Selbstbeherrschung von ihm. Keiner der Zwölf war am Abend auf dem Rückweg nach Bethanien niedergeschlagener als er. Nach Simon Petrus und Simon Zelotes litt er unter der größten nervlichen Anspannung und befand sich nachts in einem Zustand der Erschöpfung. Aber bis zum Morgen hatte Matthäus wieder Mut geschöpft; er war letzten Endes ein guter Verlierer.
(1886.1) 172:5.9 Thomas war von allen Zwölfen der Bestürzteste und Fassungsloseste. Die meiste Zeit folgte er nur einfach nach, starrte auf das Schauspiel und fragte sich ehrlich verwundert, was des Meisters Beweggrund sein könnte, sich an einer so eigenartigen Kundgebung zu beteiligen. Zutiefst im Herzen kam ihm die ganze Darbietung ein wenig kindisch, wenn nicht geradezu närrisch, vor. Er hatte Jesus nie etwas Ähnliches tun sehen und fand für sein seltsames Verhalten an diesem Sonntagnachmittag keine Erklärung. Bis sie den Tempel erreicht hatten, war Thomas zu dem Schluss gelangt, der Zweck dieser Volksdemonstration sei, den Sanhedrin so sehr zu erschrecken, dass er es nicht wagen würde, den Meister sofort zu verhaften. Auf dem Rückweg nach Bethanien dachte Thomas viel nach, sagte aber nichts. Bis zur Schlafenszeit hatte die Klugheit, mit der der Meister den tumultartigen Einzug in Jerusalem in Szene gesetzt hatte, begonnen, an seinen Sinn für Humor zu rühren, und diese Reaktion stimmte ihn bedeutend heiterer.
(1886.2) 172:5.10 Dieser Sonntag hatte für Simon Zelotes als großer Tag begonnen. Er hatte Visionen von wunderbaren Geschehnissen, die sich in den nächsten paar Tagen in Jerusalem ereignen würden, und damit hatte er recht, aber Simon träumte von der Errichtung der neuen nationalen Regierung der Juden mit Jesus auf dem Thron Davids. Simon sah die Nationalisten in Aktion treten, sobald das Königreich ausgerufen würde, und sich selber als obersten Befehlshaber über die sich versammelnde Streitmacht des neuen Königreichs. Während des Abstiegs vom Ölberg hielt er sogar den Tod der Sanhedristen und aller ihrer Sympathisanten noch vor Sonnenuntergang dieses Tages für möglich. Er glaubte wirklich, etwas Großes werde sich in Kürze ereignen. Er war der lauteste Mensch in der ganzen Menge. Gegen fünf Uhr an jenem Nachmittag war er ein stiller, wie vernichteter, desillusionierter Apostel. Er erholte sich nie vollständig von der Depression, die sich als Folge des Schocks an diesem Tag in ihm festsetzte; wenigstens nicht bis lange nach des Meisters Auferstehung.
(1886.3) 172:5.11 Für die Alphäus Zwillinge war dies ein vollkommener Tag. Sie genossen ihn wahrlich von Anfang bis Ende, und da sie während des stillen Tempelrundgangs nicht anwesend waren, entgingen sie weitgehend der Ernüchterung nach dem Sympathieausbruch des Volkes. Sie konnten sich die Niedergeschlagenheit der Apostel einfach nicht erklären, als sie an diesem Abend nach Bethanien zurückkehrten. In der Erinnerung der Zwillinge blieb dies immer der Tag, an dem sie sich auf Erden dem Himmel am nächsten gefühlt hatten. Dieser Tag war der befriedigende Höhepunkt ihrer ganzen Laufbahn als Apostel. Und die Erinnerung an die Hochstimmung dieses Sonntagnachmittags trug sie durch die ganze Tragödie dieser ereignisreichen Woche bis hin zur Stunde der Kreuzigung. Es war der passendste Einzug des Königs, den sich die Zwillinge vorstellen konnten; sie genossen jeden Augenblick des ganzen Umzugs. Sie billigten alles, was sie sahen und behielten es lange in liebevoller Erinnerung.
(1886.4) 172:5.12 Von allen Aposteln war Judas Iskariot derjenige, auf den sich dieser prozessionsartige Einzug in Jerusalem am nachteiligsten auswirkte. In seinem Gemüt gärte es bedenklich wegen der Zurechtweisung durch den Meister am Vortag anlässlich der Salbung durch Maria beim Fest in Simons Haus. Judas war von dem ganzen Schauspiel angewidert. Es kam ihm kindisch, wenn nicht geradezu lächerlich vor. Als dieser rachsüchtige Apostel auf das blickte, was sich an diesem Sonntagnachmittag abspielte, schien ihm Jesus mehr einem Clown als einem König zu gleichen. Er ärgerte sich gründlich über die ganze Veranstaltung. Er teilte die Ansicht der Griechen und Römer, die auf jeden herabschauten, der bereit war, auf einem Esel oder einem Eselfüllen zu reiten. Bis zum Einzug der triumphalen Prozession in die Stadt hatte sich Judas nahezu entschieden, die ganze Idee von einem solchen Königreich fallen zu lassen; er war beinahe entschlossen, sich von all solch possenhaften Versuchen zur Errichtung des Königreichs des Himmels loszusagen. Aber dann dachte er an die Auferweckung des Lazarus und an vieles andere und beschloss, bei den Zwölfen zu bleiben, wenigstens noch einen Tag lang. Außerdem trug er den Geldsack, und er würde nicht mit den apostolischen Mitteln in seinem Besitz desertieren. Auf dem Heimweg nach Bethanien an diesem Abend fiel sein Verhalten nicht sonderlich auf, da alle Apostel ebenso niedergeschlagen und schweigsam waren.
(1887.1) 172:5.13 Der Spott seiner Sadduzäerfreunde traf Judas zutiefst. Bei seinem endgültigen Entschluss, Jesus und seine Mitapostel zu verlassen, übte kein einziger anderer Faktor auf ihn einen so mächtigen Einfluss aus wie jener Vorfall, der sich gerade zutrug, als Jesus das Stadttor erreichte: Ein prominenter Sadduzäer (ein Freund der Familie des Judas) eilte voll schadenfrohen Spottes auf ihn zu und klopfte ihm mit den Worten auf die Schulter: „Warum so zerknirscht, mein guter Freund? Kopf hoch! Komm mit uns, um diesem Jesus von Nazareth, dem König der Juden, zuzujubeln, der auf einem Esel sitzt und durch die Tore von Jerusalem reitet.“ Judas hatte sich nie vor Verfolgung gefürchtet, aber er konnte diese Art Spott nicht ertragen. In die lange gehegten Rachegefühle mischte sich nun diese verhängnisvolle Furcht vor Lächerlichkeit, dieses schreckliche und beängstigende Gefühl, sich seines Meisters und seiner Apostelgefährten schämen zu müssen. In seinem Herzen war dieser geweihte Botschafter des Königreichs bereits ein Deserteur; er hatte nur noch einen glaubwürdigen Vorwand für einen offenen Bruch mit dem Meister zu finden.
www.urantia.org/de/das-urantia-buch/schrift-172-der-einzug-in-jerusalem
(1850.1) AM Montag, dem 6. März, langte Jesus mit den zehn Aposteln spätabends im Lager von Pella an. Dies war die letzte Woche seines dortigen Aufenthaltes, und er widmete sich sehr aktiv der Unterweisung der Menge und der Ausbildung der Apostel. Jeden Nachmittag predigte er zu den Massen und jeden Abend beantwortete er Fragen der Apostel und gewisser fortgeschrittenerer Jünger, die im Lager wohnten.
(1850.2) Die Kunde von der Auferweckung des Lazarus hatte zwei Tage vor des Meisters Ankunft das Lager erreicht, und all die Versammelten waren äußerst gespannt. Seit der Speisung der Fünftausend hatte sich nichts ereignet, das die Einbildungskraft der Leute derart erregt hätte. Und so beschloss Jesus auf dem Höhepunkt der zweiten Phase der öffentlichen Verkündigung des Königreichs, während dieser einen kurzen Woche in Pella zu lehren und danach die Rundreise durch Südperäa anzutreten, die direkt zu den abschließenden und tragischen Geschehnissen der letzten Woche in Jerusalem führen sollte.
(1850.3) Die Pharisäer und höchsten Priester hatten begonnen, ihre Anklagen zu formulieren und ihre Anschuldigungen zu präzisieren. Aus folgenden Gründen erhoben sie gegen des Meisters Lehren Protest:
(1850.4) 1. Er ist ein Freund von Zöllnern und Sündern; er empfängt die Gottlosen und setzt sich sogar mit ihnen zu Tisch.
(1850.5) 2. Er ist ein Gotteslästerer; er spricht von Gott als seinem Vater und denkt, er sei Gott ebenbürtig.
(1850.6) 3. Er ist ein Gesetzesbrecher. Er heilt am Sabbat Krankheiten und verspottet in manch anderer Weise das heilige Gesetz Israels.
(1850.7) 4. Er steht mit Teufeln im Bunde. Er wirkt Wunder und scheinbare Mirakel durch die Macht Beelzebubs, des Teufelsfürsten.
(1850.8) Am Donnerstagnachmittag sprach Jesus zu der Menge über die „Gnade der Errettung“. Im Laufe dieser Predigt erzählte er einmal mehr die Geschichte vom verlorenen Schaf und von der verlorenen Münze und fügte dann sein Lieblingsgleichnis vom verlorenen Sohn an. Jesus sagte:
(1850.9) „Die Propheten von Samuel bis Johannes haben euch ermahnt, Gott zu suchen — nach Wahrheit zu forschen. Sie haben immer gesagt: ‚Sucht den Herrn, solange ihr ihn finden könnt.‘ Alle derartigen Unterweisungen sollte man sich zu Herzen nehmen. Aber ich bin gekommen, um euch zu zeigen, dass, während ihr Gott zu finden versucht, Gott euch ebenfalls zu finden versucht. Viele Male habe ich euch die Geschichte vom guten Hirten erzählt, der die neunundneunzig Schafe seiner Herde verließ, um sich auf die Suche nach dem einen zu machen, das sich verlaufen hatte, und der dann das verirrte Schaf, als er es gefunden hatte, auf seine Schultern lud und es liebevoll zur Herde zurücktrug. Und ihr erinnert euch, dass, nachdem das verlorene Schaf zu der Herde zurückgebracht worden war, der gute Hirte seine Freunde zusammenrief und sie einlud, sich mit ihm über das wiedergefundene Schaf zu freuen, das sich verirrt hatte. Wiederum sage ich, im Himmel herrscht größere Freude über einen einzigen reuigen Sünder als über neunundneunzig Gerechte, die nichts zu bereuen haben. Die Tatsache, dass Seelen sich verirrt haben, verstärkt nur noch das Interesse des himmlischen Vaters. Ich bin in diese Welt gekommen, um meines Vaters Gebot auszuführen, und man hat zu Recht vom Menschensohn gesagt, er sei ein Freund von Zöllnern und Sündern.
(1851.1) Man hat euch gelehrt, Gott nehme euch erst nach eurer Reue und zufolge all eurer Opfer- und Bußhandlungen an, aber ich versichere euch, dass der Vater euch schon annimmt, noch bevor ihr reuig geworden seid, und den Sohn und seine Mitarbeiter aussendet, um euch zu finden und euch mit Freude zur Herde zurückzubringen, ins Königreich der Sohnschaft und des geistigen Fortschritts. Ihr seid alle wie Schafe, die vom Wege abgeirrt sind, und ich bin gekommen, um die Verlorenen zu suchen und zu retten.
(1851.2) Und ihr solltet ebenfalls an die Geschichte jener Frau denken, die als Schmuck ein aus zehn Silbermünzen gefertigtes Halsband besaß und eine davon verlor. Sie zündete darauf die Lampe an, kehrte fleißig das Haus und gab die Suche nicht eher auf, als bis sie das verlorene Silberstück gefunden hatte. Und sobald sie die verlorene Münze gefunden hatte, rief sie ihre Freunde und Nachbarn herbei und sagte: ‚Freut euch mit mir, denn ich habe das verlorene Geldstück wieder gefunden.‘ So sage ich wiederum, es herrscht stets Freude bei den Engeln des Himmels über einen einzigen Sünder, der Reue zeigt und zu des Vaters Herde zurückkehrt. Und ich erzähle euch diese Geschichte, um euch einzuprägen, dass der Vater und sein Sohn sich auf die Suche nach denjenigen machen, die sich verirrt haben; und bei dieser Suche setzen wir alle Einflüsse ein, die uns bei unseren eifrigen Bemühungen hilfreich sein können, die Verlorenen und der Rettung Bedürftigen zu finden. Und so geht der Menschensohn nicht nur in die Wüste hinaus, um das vom Weg abgeirrte Schaf zu suchen, sondern er sucht auch nach der Münze, die im Hause abhanden gekommen ist. Das Schaf entfernt sich unabsichtlich; die Münze wird vom Staub der Zeit zugedeckt und liegt unter den Dingen verborgen, die der Mensch anhäuft.
(1851.3) Und jetzt möchte ich euch die Geschichte von dem unbesonnenen Sohn eines wohlhabenden Bauern erzählen, der seines Vaters Haus willentlich verließ und sich in ein fremdes Land begab, wo ihm viel Widerwärtiges zustieß. Ihr erinnert euch daran, dass das Schaf ohne Absicht in die Irre ging, aber dieser Jüngling verließ sein Heim mit Vorbedacht. Das trug sich folgendermaßen zu:
(1851.4) Ein Mann besaß zwei Söhne; der eine, jüngere, war unbeschwert und sorglos, trachtete immer danach, sich zu vergnügen und drückte sich vor Verantwortung, während sein älterer Bruder ernsthaft und sachlich war, hart arbeitete und gewillt war, Verantwortung zu tragen. Nun, diese beiden Brüder vertrugen sich nicht gut; sie stritten und zankten sich dauernd. Der jüngere Bursche war fröhlich und lebhaft, aber träge und unzuverlässig; der ältere Sohn war solide und fleißig, aber zugleich egozentrisch, mürrisch und eingebildet. Der jüngere Sohn liebte es zu spielen, aber mied die Arbeit; der ältere gab sich ganz der Arbeit hin und spielte selten. Das Zusammenleben wurde derart unangenehm, dass der jüngere Sohn zum Vater kam und sagte: ‚Vater, gib mir den dritten Teil deines Besitzes, der mir zufallen würde, und erlaube mir, in die Welt hinauszuziehen und mein Glück zu versuchen.‘ Und als der Vater, der wusste, wie unglücklich der junge Mann zu Hause mit seinem älteren Bruder war, diese Bitte hörte, teilte er seinen Besitz auf und gab dem Jüngling seinen Anteil.
(1851.5) Innerhalb weniger Wochen raffte der junge Mann all sein Geld zusammen und begab sich auf die Reise in ein fernes Land. Da er keine einträgliche Arbeit fand, die zugleich auch vergnüglich gewesen wäre, brachte er in kurzer Zeit sein ganzes Erbe in zügellosem Lebenswandel durch. Und als er alles ausgegeben hatte, brach in jenem Land eine lang andauernde Hungersnot aus und stürzte ihn ins Elend. Und dann, als er Hunger litt und seine Not groß war, fand er eine Beschäftigung bei einem Bewohner jenes Landes, der ihn auf die Felder sandte, um die Schweine zu füttern. Und der junge Mann wäre glücklich gewesen, sich an den Schoten satt zu essen, die die Schweine fraßen, aber niemand wollte ihm etwas geben.
(1852.1) Eines Tages, als er sehr hungrig war, ging er in sich und sagte: ‚Wie viele angeworbene Knechte meines Vaters haben mehr als genug Brot zu essen, während ich hier vor Hunger schier umkomme und in diesem fremden Land Schweine füttere! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen, und ich will zu ihm sagen: Vater, ich habe gegen den Himmel und gegen dich gesündigt. Ich bin es nicht länger wert, dein Sohn zu heißen; willige bloß ein, mich zu einem deiner angeworbenen Knechte zu machen.‘ Und nachdem der junge Mann zu diesem Entschluss gelangt war, erhob er sich und machte sich auf den Weg nach dem Hause seines Vaters.
(1852.2) Unterdessen hatte der Vater wegen seines Sohnes großen Kummer gelitten; er hatte den fröhlichen, wenn auch unbesonnenen Jungen vermisst. Dieser Vater liebte seinen Sohn und hielt stets nach dessen Heimkehr Ausschau, so dass an dem Tag, als dieser sich dem Hause näherte, der Vater ihn sogar schon sah, als er noch weit entfernt war. Und Liebe und Mitleid trieben ihn, ihm entgegenzueilen, und zur Begrüßung schloss er ihn liebevoll in seine Arme und küsste ihn. Und nachdem sie sich so wieder gefunden hatten, schaute der Sohn auf in das tränennasse Gesicht seines Vaters und sagte: ‚Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin es nicht mehr wert, ein Sohn genannt zu werden‘ — aber der Jüngling konnte seine Beichte nicht zu Ende sprechen, da der überglückliche Vater zu den mittlerweile herbeigeeilten Dienern sagte: ‚Bringt schnell sein bestes Gewand herbei, dasjenige, das ich aufbewahrt habe, und zieht es ihm an, und steckt den Sohnesring an seinen Finger, und holt Sandalen für seine Füße.‘
(1852.3) Und dann führte der glückliche Vater den müden Jungen, dessen Füße wund waren, ins Haus und rief seinen Dienern zu: ‚Bringt das gemästete Kalb und schlachtet es, und lasst uns essen und fröhlich sein, denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig; er war verloren und ist wieder gefunden.‘ Und sie versammelten sich alle um den Vater, um sich mit ihm über die Heimkehr seines Sohnes zu freuen.
(1852.4) Und während sie feierten, kehrte der ältere Sohn von seinem Tagewerk auf dem Feld zurück, und als er sich dem Hause näherte, hörte er Musik und Tanzen. Beim hinteren Eingang angelangt, rief er einen Diener heraus und fragte ihn, was diese ganze Festlichkeit zu bedeuten habe. Da sagte der Diener: ‚Dein lange vermisster Bruder ist nach Hause zurückgekehrt, und dein Vater hat das Mastkalb geschlachtet, um sich über den heil zurückgekehrten Sohn zu freuen. Komm herein, um deinen Bruder ebenfalls zu begrüßen und ihn wieder daheim in deines Vaters Haus willkommen zu heißen.‘
(1852.5) Aber als der ältere Bruder das hörte, war er derart verletzt und ungehalten, dass er das Haus nicht betreten wollte. Als der Vater vernahm, dass er über den seinem jüngeren Bruder bereiteten Empfang aufgebracht war, ging er zu ihm hinaus, um ihn dringend hereinzubitten. Aber der ältere Sohn blieb gegenüber den Versuchen seines Vaters, ihn umzustimmen, unnachgiebig und antwortete ihm: ‚All diese Jahre hindurch habe ich dir gedient und nie gegen den geringsten deiner Befehle verstoßen, und dennoch hast du mir nicht wenigstens einmal ein Zicklein gegeben, um mit meinen Freunden fröhlich zu sein. All diese Jahre bin ich hier geblieben, um für dich zu sorgen, und nie hast du wegen meines treuen Dienstes feiern lassen, aber wenn dieser dein Sohn zurückkehrt, nachdem er dein Gut mit Huren verprasst hat, beeilst du dich, das Mastkalb zu töten und für ihn ein Fest zu geben.‘
(1852.6) Da der Vater seine beiden Söhne wahrhaftig liebte, versuchte er, dem älteren gut zuzureden: ‚Aber, mein Sohn, du warst die ganze Zeit bei mir, und alles, was ich besitze, gehört auch dir. Jederzeit hättest du ein Zicklein haben können, wenn du dir Freunde gemacht hättest, um mit ihnen fröhlich zu sein. Aber es ist nur natürlich, wenn du jetzt mein Glück und meine Fröhlichkeit über deines Bruders Rückkehr teilst. Denke daran, mein Sohn, dein Bruder war verloren und ist wiedergefunden worden; er ist lebendig zu uns zurückgekehrt!‘“
(1853.1) Dies war eines der rührendsten und wirkungsvollsten Gleichnisse, die Jesus je vortrug, um seinen Hörern einzuprägen, dass der Vater stets bereit ist, alle zu empfangen, die Einlass ins Königreich begehren.
(1853.2) Jesus erzählte diese drei Geschichten besonders gern zu gleicher Zeit. Mit der Erzählung des Gleichnisses vom verlorenen Schaf wollte er zeigen, dass, wenn Menschen unabsichtlich vom Pfad des Lebens abkommen, der Vater sich um die so Verlorenen kümmert und mit seinen Söhnen, den wahren Hirten der Herde, auf die Suche nach dem verlorenen Schaf geht. Hierauf pflegte er die Geschichte von der im Hause verlorenen Münze zu erzählen, um zu veranschaulichen, wie gründlich die göttliche Suche nach allen ist, die zufolge der materiellen Sorgen und Anhäufungen des Lebens verwirrt, ratlos oder sonstwie geistig blind geworden sind. Und danach ging er jeweils zur Erzählung dieses Gleichnisses vom verlorenen Sohn über, vom Empfang des heimkehrenden Verschwenders, um klarzumachen, wie vollständig die Rehabilitierung des verlorenen Sohnes im Hause und im Herzen seines Vaters ist.
(1853.3) Viele, viele Male während seiner Jahre des Lehrens erzählte Jesus nimmermüde diese Geschichte vom verschwenderischen Sohn. Dieses Gleichnis und die Geschichte vom guten Samariter waren seine bevorzugten Mittel, um die Liebe des Vaters und die Nächstenliebe der Menschen zu lehren.
(1853.4) Sich auf eine Äußerung Jesu beziehend, sagte Simon Zelotes eines Abends: „Meister, was meintest du, als du heute sagtest: ‚Viele Kinder der Welt sind weiser als ihre Zeitgenossen, die Kinder des Königreichs, da sie sich darauf verstehen, sich mit dem ungerechten Mammon anzufreunden‘?“ Jesus antwortete:
(1853.5) „Bevor einige von euch ins Königreich eintraten, waren sie im Umgang mit ihren Geschäftspartnern sehr schlau. Wenn ihr auch ungerecht und oft unfair wart, so wart ihr doch vorsichtig und vorausblickend, indem ihr bei der Abwicklung eurer Geschäfte allein euren gegenwärtigen Profit und eure zukünftige Sicherheit im Auge hattet. Desgleichen solltet ihr jetzt euer Leben im Königreich so einrichten, dass ihr für eure gegenwärtige Freude sorgt und zugleich eure künftige Freude an den im Himmel angelegten Schätzen sicherstellt. Wart ihr schon so eifrig auf euren Gewinn bedacht, als ihr euch selber dientet, warum solltet ihr weniger Eifer zeigen, dem Königreich Seelen zu gewinnen, jetzt, da ihr Diener der Bruderschaft der Menschen und Gottes Verwalter seid?
(1853.6) Ihr könnt alle eine Lehre aus der Geschichte eines reichen Mannes ziehen, der einen gewitzten, aber ungerechten Verwalter besaß. Dieser hatte nicht nur seines Meisters Kunden selbstsüchtig zur eigenen Bereicherung bedrängt, sondern auch direkt die Gelder seines Herrn verschwendet und vertan. Als dies schließlich seinem Meister zu Ohren kam, rief er den Verwalter zu sich und fragte, was diese Gerüchte zu bedeuten hätten, und verlangte, dass er ihm unverzüglich über seine Verwaltung Rechenschaft ablege und Maßnahmen treffe, um seines Meisters Angelegenheiten einem anderen zu übergeben.
(1853.7) Da begann der ungetreue Verwalter zu sich zu sagen: ‚Was soll ich tun, da ich in Kürze mein Verwalteramt verlieren werde? Den Boden umzugraben, bin ich nicht kräftig genug, und ich schäme mich zu betteln. Ich weiß, was ich tun werde, um sicherzustellen, nach dem Verlust meiner Verwalterstelle in den Häusern all derer, die mit meinem Meister Geschäfte treiben, willkommen zu sein.‘ Darauf rief er die Schuldner seines Herrn einen nach dem anderen herein und sagte zum ersten: ‚Wie viel schuldest du meinem Meister?‘ Er antwortete: ‚Hundert Maß Öl‘. Da sagte der Verwalter: ‚Nimm deine Wachstafel mit den Schulden, setz dich schnell hin und ändere die Zahl in fünfzig um.‘ Dann sagte er zu einem anderen Schuldner: ‚Wie viel schuldest du?‘ Und er antwortete: ‚Hundert Maß Weizen‘. Da sagte der Verwalter: ‚Nimm deine Urkunde und schreib achtzig.‘ Und so verfuhr er mit zahlreichen anderen Schuldnern. Auf diese Weise versuchte sich dieser unehrliche Verwalter Freunde zu machen für die Zeit nach der Entlassung aus seinem Amt. Als sein Herr und Meister dies später herausfand, war sogar er gezwungen zuzugeben, dass sein ungetreuer Verwalter wenigstens in der Art, wie er für künftige Tage der Not und des Unglücks vorzusorgen versuchte, Scharfsinn an den Tag gelegt hatte.
(1854.1) Und so beweisen die Söhne dieser Welt manchmal bei der Vorbereitung auf die Zukunft größere Umsicht als die Kinder des Lichts. Ich sage euch, die ihr beteuert, euch einen Schatz im Himmel anzulegen: Nehmt euch ein Beispiel an denen, die sich mit dem ungerechten Mammon anfreunden, und führt euer Leben ebenfalls so, dass ihr auf ewig mit den Kräften der Rechtschaffenheit Freundschaft schließt, um einmal, wenn alles Irdische zu Ende gegangen ist, in den himmlischen Wohnungen freudig empfangen zu werden.
(1854.2) Ich bekräftige, dass, wer im Kleinen treu ist, auch im Großen treu sein wird. Wer aber im Kleinen Unrecht tut, wird auch im Großen Unrecht tun. Wenn ihr in den weltlichen Dingen nicht vorausschauend und unbescholten gewesen seid, wie könnt ihr dann hoffen, treu und besonnen zu sein, wenn ihr mit der Verwaltung der wahren Reichtümer des himmlischen Königreichs betraut werdet? Wenn ihr keine guten Verwalter und gewissenhaften Finanzleute seid, wenn ihr mit dem Gut anderer treulos umgegangen seid, wer wird dann so töricht sein, Euch auf euren Namen hin einen großen Schatz anzuvertrauen?
(1854.3) Und wiederum erkläre ich, dass niemand zwei Herren dienen kann. Entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird zu dem einen halten und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott und dem Mammon dienen.“
(1854.4) Als die anwesenden Pharisäer das hörten, begannen sie zu hohnlächeln und zu spötteln, da sie stark am Erwerb von Reichtum hingen. Diese unfreundlichen Zuhörer versuchten, Jesus in eine unfruchtbare Diskussion zu verstricken, aber er lehnte es ab, mit seinen Feinden zu debattieren. Als die Pharisäer aneinander gerieten, zogen ihre lauten Stimmen einen großen Teil der nahen Lagerbewohner an, und angesichts des zunehmenden Streits zog sich Jesus zurück und begab sich für die Nacht in sein Zelt.
(1854.5) Als die Versammlung zu laut wurde, stand Simon Petrus auf und nahm die Sache in die Hand, indem er sagte: „Männer und Brüder, es ist nicht schicklich, so miteinander zu streiten. Der Meister hat gesprochen, und ihr tut gut daran, über seine Worte nachzudenken. Was er euch verkündet hat, ist keine neue Lehre. Habt ihr das Gleichnis der Nasiräer vom Reichen und vom Bettler nicht auch schon gehört? Einige von uns haben Johannes den Täufer mit diesem warnenden Gleichnis gegen jene donnern hören, die den Reichtum lieben und nach unrechtmäßig erworbenen Gütern trachten. Und obwohl dieses alte Gleichnis nicht gemäß dem Evangelium ist, das wir verkünden, würdet ihr alle guttun, seine Lehre zu beherzigen, bis die Zeit kommt, da ihr das neue Licht des Königreichs des Himmels begreift. Und dies ist die Geschichte, wie Johannes sie erzählte:
(1854.6) Es gab da einen reichen Mann, Dives mit Namen, der sich in Purpur und feines Linnen kleidete und jeden Tag herrlich und in Freuden lebte. Und da war auch ein Bettler, der Lazarus hieß und vor der Pforte des reichen Mannes lag. Er war mit Wunden übersät und bat darum, sich von den Krumen ernähren zu dürfen, die von des reichen Mannes Tisch fielen; ja, sogar die Hunde kamen und leckten seine Wunden. Und es begab sich, dass der Bettler starb und die Engel ihn zur Ruhe in Abrahams Schoß hinwegtrugen. Und bald darauf verstarb auch der Reiche und wurde mit großem Pomp und fürstlicher Pracht beigesetzt. Nach seinem Hinschied aus dieser Welt erwachte der Reiche im Hades, wo er Qualen litt. Als er aufblickte, sah er in der Ferne Abraham und in seinem Schoß Lazarus. Da rief Dives mit lauter Stimme: ‚Vater Abraham, erbarme dich meiner und schicke mir Lazarus herüber, damit er seine Fingerspitze ins Wasser tauche, um meine Zunge zu kühlen, denn ich bin wegen meiner Bestrafung in großer Pein.‘ Da antwortete Abraham: ‚Mein Sohn, du solltest dich zurückerinnern, dass du dich zu Lebzeiten ebenso sehr der guten Dinge erfreutest, wie Lazarus Schlimmes erlitt. Aber jetzt ist alles anders, denn Lazarus wird getröstet, während du gepeinigt wirst. Und zudem liegt zwischen uns und dir ein großer Abgrund, so dass wir weder zu dir gelangen können, noch du zu uns.‘ Da sprach Dives zu Abraham: ‚Ich bitte dich, Lazarus zum Haus meines Vaters zurückzuschicken, zumal ich noch fünf Brüder habe, und vor ihnen Zeugnis abzulegen, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual gelangen.‘ Abraham jedoch sprach: ‚Mein Sohn, sie haben Moses und die Propheten; mögen sie auf diese hören.‘ Und Dives antwortete: ‚Nein, nein, Vater Abraham! Nur wenn einer aus dem Totenreich zu ihnen kommt, werden sie Buße tun.‘ Da sagte Abraham: ‚Wenn sie nicht auf Moses und die Propheten hören, wird auch ein von den Toten Auferstandener sie nicht überzeugen.‘“
(1855.1) Nachdem Petrus dieses alte Gleichnis der Bruderschaft der Nasiräer erzählt und sich die Menge wieder beruhigt hatte, erhob sich Andreas und entließ die Leute für die Nacht. Obgleich sowohl die Apostel wie seine Jünger Jesus oft Fragen zum Gleichnis von Dives und Lazarus stellten, fand er sich nie zu einem Kommentar bereit.
(1855.2) Jesus hatte immer Mühe, seinen Aposteln begreiflich zu machen, dass, obwohl sie die Errichtung des Königreichs Gottes verkündigten, der Vater im Himmel kein König ist. Zur Zeit, da Jesus als Mensch auf Erden lebte und lehrte, kannten die Völker Urantias meist nur Könige und Kaiser als Herrscher über die Nationen, und die Juden hatten seit langem das Kommen des Königreichs Gottes erwartet. Aus diesen und anderen Gründen fand der Meister es am besten, die geistige Bruderschaft der Menschen als Königreich des Himmels und das geistige Haupt dieser Bruderschaft als den Vater im Himmel zu bezeichnen. Nie bezog sich Jesus auf seinen Vater als einen König. In seinen vertraulichen Gesprächen mit den Aposteln sprach er von sich selbst immer als vom Menschensohn und als von ihrem älteren Bruder. Er bezeichnete alle seine Anhänger als Diener der Menschheit und Botschafter des Evangeliums vom Königreich.
(1855.3) Jesus gab seinen Aposteln nie eine systematische Lektion über die Persönlichkeit und die Eigenschaften des Vaters im Himmel. Er forderte die Menschen nie auf, an seinen Vater zu glauben; er hielt es für selbstverständlich, dass sie dies taten. Jesus setzte sich nie selber herab, indem er Argumente zum Beweis der Realität des Vaters vorbrachte. Seine den Vater betreffende Unterweisung konzentrierte sich immer auf die Erklärung, dass er und der Vater eins sind; dass, wer den Sohn gesehen hat, den Vater gesehen hat; dass der Vater, wie der Sohn, alles weiß; dass nur der Sohn den Vater wirklich kennt und derjenige, dem der Sohn ihn offenbaren will; dass, wer den Sohn kennt, auch den Vater kennt; und dass der Vater ihn in die Welt gesandt hat, um ihre vereinigten Naturen zu offenbaren und den Menschen ihr gemeinsames Werk vor Augen zu führen. Er gab über seinen Vater nie andere Erklärungen ab außer gegenüber der Frau aus Samaria am Jakobsbrunnen, als er ihr erklärte: „Gott ist Geist.“
(1856.1) Kenntnis von Gott wird euch durch Jesus zuteil, wenn ihr die Göttlichkeit seines Lebens betrachtet und nicht, indem ihr euch auf seine Lehren beruft. Ein jeder von euch mag sich vom Leben des Meisters her jene Vorstellung von Gott aneignen, die dem Grad seiner Fähigkeit entspricht, geistige und göttliche Realitäten, echte und ewige Wahrheiten zu erkennen. Das Endliche kann nie hoffen, das Unendliche zu verstehen, außer als sich das Unendliche in der Zeit-Raum-Persönlichkeit Jesu von Nazareth verdichtete, der die endliche Erfahrung des menschlichen Lebens machte.
(1856.2) Jesus wusste sehr wohl, dass man Gott nur durch die Realitäten der Erfahrung kennen kann; nie kann er durch bloße verstandesmäßige Unterweisung begriffen werden. Jesus lehrte seine Apostel, dass sie Gott zwar niemals ganz verstehen, aber mit Sicherheit kennen könnten, gerade so, wie sie den Menschensohn gekannt hatten. Ihr könnt Gott nicht kennen, weil ihr versteht, was Jesus sagte, sondern weil ihr wisst, was Jesus war. Jesus war eine Offenbarung Gottes.
(1856.3) Außer wenn er aus den hebräischen Schriften zitierte, bezog sich Jesus immer nur unter zwei Namen auf die Gottheit: Gott und Vater. Und wenn sich der Meister auf seinen Vater als Gott bezog, gebrauchte er gewöhnlich das hebräische Wort, das den pluralen Gott (die Trinität) bezeichnete, und nicht das Wort Jahwe, das für die sich entwickelnde Vorstellung vom Stammesgott der Juden stand.
(1856.4) Jesus nannte den Vater nie König, und er bedauerte es außerordentlich, dass die jüdische Hoffnung auf ein wiederhergestelltes Königreich und die Verkündigung eines kommenden Königreichs durch Johannes ihn dazu zwangen, seine geplante geistige Bruderschaft Königreich des Himmels zu nennen. Mit der einzigen Ausnahme — der Erklärung „Gott ist Geist“ — bezog sich Jesus auf die Gottheit nie anders als in Ausdrücken, die seine eigene, persönliche Beziehung mit dem Ersten Zentralen Ursprung des Paradieses beschrieben.
(1856.5) Jesus gebrauchte das Wort Gott, um die Idee der Gottheit, und das Wort Vater, um die Erfahrung, Gott zu kennen, zu bezeichnen. Wenn das Wort Vater gebraucht wird, um Gott zu bezeichnen, sollte man es in seiner weitestmöglichen Bedeutung verstehen: Das Wort Gott kann nicht definiert werden und steht infolgedessen für die unendliche Vorstellung vom Vater, während der Ausdruck Vater, der sich teilweise definieren lässt, zur Beschreibung der menschlichen Vorstellung vom göttlichen Vater in seiner Beziehung zum Menschen während dessen sterblicher Existenz angewendet werden kann.
(1856.6) Für die Juden war Elohim der Gott der Götter, während Jahwe der Gott Israels war. Jesus akzeptierte das Elohim-Konzept und nannte diese Gruppe höchster Wesen Gott. Anstelle der Vorstellung von Jahwe, der Gottheit der Rasse, führte er die Idee der Vaterschaft Gottes und der weltumspannenden Bruderschaft der Menschen ein. Er hob die Jahwe-Vorstellung von einem vergöttlichten Vater der Rasse zur Idee eines Vaters aller Menschenkinder, eines göttlichen Vaters jedes einzelnen Gläubigen empor. Und er lehrte überdies, dass dieser Gott der Universen und dieser Vater aller Menschen ein und dieselbe Gottheit des Paradieses sind.
(1856.7) Jesus erhob nie den Anspruch, eine Manifestation von Elohim (Gott) in Menschengestalt zu sein. Er erklärte nie, er sei eine Offenbarung Elohims (Gottes) an die Welten. Er lehrte nie, dass, wer ihn gesehen habe, Elohim (Gott) gesehen habe. Aber er verkündigte sich selber als Offenbarung des Vaters in Menschengestalt und sagte in der Tat, dass, wer ihn gesehen habe, den Vater gesehen habe. Als göttlicher Sohn beanspruchte er, einzig den Vater zu repräsentieren.
(1857.1) In der Tat war er auch der Sohn des Gottes Elohim; aber in der Gestalt eines Sterblichen und für die sterblichen Söhne Gottes beschränkte er seine Lebensoffenbarung auf die Porträtierung des Wesens seines Vaters im Rahmen der Fähigkeit des sterblichen Menschen, eine solche Offenbarung zu verstehen. Was das Wesen der anderen Personen der Trinität des Paradieses anbelangt, müssen wir uns mit der Lehre begnügen, dass sie jenem Vater vollkommen gleichen, dessen persönliches Porträt im Leben seines inkarnierten Sohnes, Jesu von Nazareth, offenbart worden ist.
(1857.2) Obwohl Jesus in seinem Erdenleben die wahre Natur des himmlischen Vaters offenbarte, lehrte er nur weniges über ihn. Eigentlich lehrte er lediglich zwei Dinge: dass Gott in seinem Wesen Geist ist und dass er in allem, was seine Beziehungen zu seinen Geschöpfen betrifft, ein Vater ist. An diesem Abend äußerte sich Jesus abschließend über seine Beziehung zu Gott, als er erklärte: „Ich bin aus dem Vater hervorgegangen, und ich bin in die Welt gekommen; und ich werde die Welt wieder verlassen und zum Vater zurückkehren.“
(1857.3) Aber wohlgemerkt! Jesus sagte nie: „Wer mich gehört hat, hat Gott gehört.“ Sondern er sagte: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“ Jesu Lehre zu hören, ist nicht gleichbedeutend damit, Gott zu kennen, aber Jesus zu sehen ist eine Erfahrung, die in sich selber eine Offenbarung des Vaters an die Seele ist. Der Gott der Universen regiert die gewaltige Schöpfung, aber der Vater im Himmel ist es, der seinen Geist aussendet, um eurem Verstand innezuwohnen.
(1857.4) Jesus ist das geistige Objektiv in Menschengestalt, das dem materiellen Geschöpf Ihn, den Unsichtbaren, sichtbar macht. Er ist euer älterer Bruder, der, inkarniert, euch mit einem Wesen bekannt macht, das mit unendlichen Attributen ausgestattet ist und das ganz zu begreifen sich nicht einmal die himmlischen Heerscharen anmaßen. Aber all das muss persönliche Erfahrung des individuellen Gläubigen sein. Gott, der Geist ist, kann nur als eine geistige Erfahrung gekannt werden. Gott kann den endlichen Söhnen der materiellen Welten durch den göttlichen Sohn der geistigen Reiche nur als ein Vater offenbart werden. Ihr könnt den Ewigen als einen Vater kennen; ihr könnt ihn anbeten als den Gott der Universen, den unendlichen Schöpfer aller Existenzen.
www.urantia.org/de/das-urantia-buch/schrift-169-letzte-unterweisung-in-pella
Das Urantia Buch
Schrift 170
Das Königreich des Himmels
(1858.1) 170:0.1 AM Samstag, dem 11. März nachmittags hielt Jesus seine letzte Predigt in Pella. Sie war eine der bemerkenswertesten Ansprachen seines öffentlichen Wirkens und hatte eine vollständige und erschöpfende Abhandlung über das Königreich des Himmels zum Inhalt. Er war sich der Verwirrung bewusst, die in den Köpfen seiner Apostel und Jünger hinsichtlich Sinn und Bedeutung der Begriffe „Königreich des Himmels“ und „Königreich Gottes“ herrschte, die er austauschbar zur Bezeichnung seiner Mission der Selbsthingabe verwendete. Obwohl der Begriff Königreich des Himmels an sich hätte genügen sollen, das, wofür er stand, von aller Verbindung mit irdischen Königreichen und weltlichen Regierungen zu trennen, tat er es dennoch nicht. Die Idee eines weltlichen Königs war in der jüdischen Vorstellung zu tief verwurzelt, um in einer einzigen Generation ausgemerzt zu werden. Deshalb stellte sich Jesus am Anfang nicht offen gegen diese so lange genährte Vorstellung von einem Königreich.
(1858.2) 170:0.2 An diesem Samstagnachmittag versuchte der Meister, die Lehre vom Königreich des Himmels zu klären; er behandelte das Thema aus jedem Gesichtswinkel und bemühte sich, die vielen verschiedenen Bedeutungen, unter denen der Begriff gebraucht worden war, klarzumachen. Wir wollen in diesem Bericht Jesu Predigt um die Hinzufügung zahlreicher Erklärungen bereichern, die er bei früheren Gelegenheiten gemacht hatte, und um einige Bemerkungen, die er während der abendlichen Diskussionen desselben Tages nur gegenüber seinen Aposteln äußerte. Wir werden auch einen Kommentar zur weiteren Entwicklung der Idee des Königreichs im Zusammenhang mit der späteren christlichen Kirche abgeben.
(1858.3) 170:1.1 In Verbindung mit der Wiedergabe von Jesu Predigt sollte vermerkt werden, dass das Königreich des Himmels durch die ganzen hebräischen Schriften hindurch in zweifachem Sinne verstanden wurde. Die Propheten stellten das Königreich Gottes dar als:
(1858.4) 170:1.2 1. Eine gegenwärtige Realität; und als
(1858.5) 170:1.3 2. Eine Hoffnung auf Zukünftiges — wenn das Königreich dereinst nach dem Erscheinen des Messias voll verwirklicht würde. Dies ist die Auffassung vom Königreich, die Johannes der Täufer lehrte.
(1858.6) 170:1.4 Von allem Anfang an lehrten Jesus und die Apostel diese beiden Vorstellungen. Es gab zwei weitere Vorstellungen vom Königreich, die man sich vergegenwärtigen sollte:
(1858.7) 170:1.5 3. Die spätere jüdische Vorstellung von einem weltweiten und transzendenten Königreich übernatürlichen Ursprungs mit wunderbarem Auftakt.
(1858.8) 170:1.6 4. Die persischen Lehren von der Errichtung eines göttlichen Königreichs als letztendlicher Triumph des Guten über das Böse am Ende der Welt.
(1858.9) 170:1.7 Gerade vor Jesu Erscheinen auf Erden verbanden und verwirrten die Juden alle diese Ideen vom Reich zu ihrer apokalyptischen Vorstellung vom Messias, der kommen würde, um das Zeitalter des jüdischen Triumphs zu errichten, das ewige Zeitalter der höchsten Herrschaft Gottes auf Erden, der neuen Welt, der Ära, in der die ganze Menschheit Jahwe anbeten würde. Indem sich Jesus entschloss, dieses Konzept des Königreichs des Himmels zu verwenden, traf er die Wahl, sich das wesentlichste und den Höhepunkt bildende Erbe der jüdischen wie der persischen Religion zu eigen zu machen.
(1859.1) 170:1.8 So, wie das Königreich des Himmels durch all die Jahrhunderte der christlichen Ära hindurch verstanden und missverstanden wurde, umfasste es vier verschiedene Ideengruppen:
(1859.2) 170:1.9 1. Die Vorstellung der Juden.
(1859.3) 170:1.10 2. Die Vorstellung der Perser.
(1859.4) 170:1.11 3. Jesu Vorstellung, auf persönlicher Erfahrung beruhend — „das Himmelreich in euch“.
(1859.5) 170:1.12 4. Die gemischten und wirren Vorstellungen, die die Gründer und Verbreiter des Christentums der Welt einzuprägen versuchten.
(1859.6) 170:1.13 Wenn Jesus auch zu verschiedenen Zeiten und bei verschiedenen Anlässen in seiner öffentlichen Unterweisung zahlreiche Konzepte des „Königreichs“ verwendet haben mag, so lehrte er seine Apostel doch ständig, das Königreich beinhalte die persönliche Erfahrung des Menschen mit seinesgleichen auf Erden und mit dem Vater im Himmel. In allem, was das Königreich betraf, war sein letztes Wort immer: „Das Königreich ist in euch.“
(1859.7) 170:1.14 Die jahrhundertelange Verwirrung um die Bedeutung des Ausdrucks „Königreich des Himmels“ ist auf drei Faktoren zurückzuführen:
(1859.8) 170:1.15 1. Die Verwirrung, die aus der Beobachtung hervorging, wie die Idee des „Königreichs“ die verschiedenen Phasen allmählicher Umgestaltung durch Jesus und seine Apostel durchlief.
(1859.9) 170:1.16 2. Die Verwirrung, die unvermeidlich mit der Verpflanzung des frühen Christentums aus jüdischem in nichtjüdischen Boden einherging.
(1859.10) 170:1.17 3. Die Verwirrung, die in der Tatsache beschlossen lag, dass das Christentum zu einer Religion wurde, die um die zentrale Idee von der Person Jesu herum aufgebaut wurde; das Evangelium vom Königreich wurde je länger je mehr zu einer Religion über ihn.
(1859.11) 170:2.1 Der Meister machte klar, dass das Königreich des Himmels mit dem doppelten Konzept von der Wahrheit der Vaterschaft Gottes und von der damit verbundenen Tatsache der Bruderschaft der Menschen beginnen und darin seinen Mittelpunkt haben muss. Jesus erklärte, dass die Annahme solch einer Lehre den Menschen von der Jahrtausende alten Knechtung durch animalische Furcht befreien und das menschliche Leben zugleich mit den folgenden Gaben des neuen Lebens geistiger Freiheit bereichern würde:
(1859.12) 170:2.2 1. Besitz neuen Mutes und vermehrter geistiger Macht. Das Evangelium vom Königreich war dazu bestimmt, den Menschen zu befreien und ihn zu inspirieren, wagemutig auf das ewige Leben zu hoffen.
(1859.13) 170:2.3 2. Das Evangelium brachte allen Menschen und selbst den Armen eine Botschaft neuen Vertrauens und wahren Trostes.
(1859.14) 170:2.4 3. Es stellte in sich selber eine neue Norm sittlicher Werte dar, einen neuen ethischen Maßstab, der an die menschliche Lebensführung angelegt werden konnte. Es entwarf das Ideal einer daraus hervorgehenden neuen Ordnung der menschlichen Gesellschaft.
(1859.15) 170:2.5 4. Es lehrte den Vorrang des Geistigen gegenüber dem Materiellen; es verherrlichte geistige Realitäten und pries übermenschliche Ideale.
(1860.1) 170:2.6 5. Das neue Evangelium erhob geistige Errungenschaften zum wahren Lebensziel. Das menschliche Leben wurde mit neuen sittlichen Werten und mit neuer göttlicher Würde ausgestattet.
(1860.2) 170:2.7 6. Jesus lehrte, dass die ewigen Realitäten das Resultat (die Belohnung) rechtschaffenen irdischen Bemühens seien. Der irdische Aufenthalt des sterblichen Menschen erlangte neue Bedeutungen dank der Wahrnehmung einer edlen Bestimmung.
(1860.3) 170:2.8 7. Das neue Evangelium versicherte, dass die menschliche Errettung die Offenbarung eines weitgesteckten göttlichen Planes ist, der sich in der zukünftigen Bestimmung endlosen Dienens der erretteten Söhne Gottes erfüllt und verwirklicht.
(1860.4) 170:2.9 Diese Lehren umfassen die erweiterte Idee vom Königreich, die Jesus vermittelte. Diese großartige Vorstellung war in den elementaren und verworrenen Lehren Johannes‘ des Täufers über das Königreich kaum enthalten.
(1860.5) 170:2.10 Die Apostel waren unfähig, die wahre Bedeutung der Äußerungen Jesu zu erfassen, die das Königreich betrafen. Die spätere Entstellung von Jesu Lehren, wie sie im Neuen Testament aufgezeichnet sind, rührt daher, dass die Vorstellung der Evangelienverfasser vom Glauben durchdrungen war, Jesus sei nur für kurze Zeit von der Erde abwesend und werde bald wiederkehren, um das Königreich in Macht und Herrlichkeit zu errichten — genau die Vorstellung, die sie gehabt hatten, als er als Mensch unter ihnen weilte. Aber Jesus verband die Errichtung des Königreichs nicht mit der Idee seiner Rückkehr in diese Welt. Dass Jahrhunderte ohne Zeichen der Ankunft eines „Neuen Zeitalters“ vergangen sind, steht in keiner Weise im Widerspruch zu Jesu Lehre.
(1860.6) 170:2.11 Das große Bestreben dieser Predigt war der Versuch, die Vorstellung vom Königreich in das Ideal der Idee, den Willen des Vaters zu tun, umzuwandeln. Seit langem lehrte der Meister seine Anhänger beten: „Dein Königreich komme; dein Wille geschehe“; und jetzt versuchte er ernstlich, sie dahin zubringen, den Ausdruck Königreich Gottes zugunsten des praktischeren, gleichbedeutenden Ausdrucks der Wille Gottes aufzugeben. Aber es gelang ihm nicht.
(1860.7) 170:2.12 Jesus wünschte, die Vorstellung von einem Königreich mit König und Untertanen zu ersetzen durch die Idee von der himmlischen Familie, dem himmlischen Vater und den befreiten Söhnen Gottes, die sich dem freudigen und freiwilligen Dienst an ihren Mitmenschen und der sublimen und intelligenten Anbetung Gottes, des Vaters widmen.
(1860.8) 170:2.13 Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Apostel zu einer doppelten Betrachtungsweise des Königreichs gekommen; sie begriffen es als:
(1860.9) 170:2.14 1. Eine Angelegenheit vorhandener persönlicher Erfahrung in den Herzen der wahren Gläubigen, und
(1860.10) 170:2.15 2. Eine Angelegenheit rassischer oder weltlicher Phänomene; das Königreich lag in der Zukunft und war etwas, worauf man sich freuen konnte.
(1860.11) 170:2.16 Sie betrachteten das Kommen des Königreichs in den Herzen der Menschen als eine schrittweise Entwicklung, vergleichbar der Hefe im Teig oder dem Wachsen des Senfkorns. Sie glaubten, das Königreich im rassischen oder weltlichen Sinn würde auf plötzliche und Aufsehen erregende Weise kommen. Jesus wurde nie müde, ihnen zu sagen, das Königreich des Himmels sei ihre persönliche Erfahrung der Wahrnehmung höherer Qualitäten geistigen Lebens, und dass diese Realitäten geistiger Erfahrung fortschreitend auf immer neue und höhere Ebenen göttlicher Gewissheit und ewiger Größe übergingen.
(1860.12) 170:2.17 An diesem Nachmittag lehrte der Meister deutlich ein neues Konzept der Doppelnatur des Königreichs, indem er die folgenden zwei Phasen beschrieb:
(1860.13) 170:2.18 „Erstens. Das Königreich Gottes in dieser Welt, der höchste Wunsch, den Willen Gottes zu tun, die selbstlose Liebe des Menschen, die die guten Früchte eines verbesserten ethischen und sittlichen Verhaltens hervorbringt.
(1861.1) 170:2.19 Zweitens. Das Königreich Gottes im Himmel, das Ziel der sterblichen Gläubigen, der Zustand, in dem die Liebe zu Gott vervollkommnet und der Wille Gottes auf göttlichere Weise getan wird.“
(1861.2) 170:2.20 Jesus lehrte, dass der Gläubige kraft seines Glaubens jetzt ins Königreich eintritt. In seinen verschiedenen Reden lehrte er, dass zwei Dinge wesentlich sind, um durch den Glauben in das Königreich einzutreten:
(1861.3) 170:2.21 1. Glaube, Aufrichtigkeit. Zu kommen wie ein kleines Kind, um die Gabe der Sohnschaft als ein Geschenk zu empfangen; sich dem Willen des Vaters ohne zu zweifeln in völliger Sicherheit und mit echtem Vertrauen in seine Weisheit zu fügen; vorurteilsfrei und vorbehaltlos in das Königreich einzutreten; offenen Sinnes und belehrbar zu sein wie ein unverdorbenes Kind.
(1861.4) 170:2.22 2. Hunger nach Wahrheit. Durst nach Rechtschaffenheit, ein Sinneswandel, Erlangung des Antriebs, Gott zu gleichen und ihn zu finden.
(1861.5) 170:2.23 Jesus lehrte, dass die Sünde nicht das Kind einer mangelhaften Veranlagung ist, sondern vielmehr das Erzeugnis eines wissenden Verstandes, der von einem rebellischen Willen beherrscht wird. Bezüglich der Sünde lehrte er, dass Gott bereits vergeben hat und dass wir persönlich zu dieser Vergebung gelangen können, indem wir unseren Nächsten verzeihen. Wenn ihr eurem menschlichen Bruder vergebt, schafft ihr dadurch in eurer eigenen Seele die Fähigkeit zum Empfang der tatsächlichen Vergebung eurer Missetaten durch Gott.
(1861.6) 170:2.24 Bis zu der Zeit, als der Apostel Johannes die Geschichte von Jesu Leben und Lehren aufzuschreiben begann, hatten die frühen Christen mit der Idee vom Königreich Gottes als der Ursache von Verfolgung so viel Unannehmlichkeiten erlebt, dass sie auf den Gebrauch des Ausdrucks weitgehend verzichtet hatten. Johannes spricht viel vom „ewigen Leben“. Jesus sprach oft vom „Königreich des Lebens“. Er bezog sich auch oft auf das „Königreich Gottes in euch“. Einmal sprach er von dieser Erfahrung als von der „Familiengemeinschaft mit Gott dem Vater“. Jesus versuchte es mit vielen anderen Ausdrücken als Ersatz für Königreich, aber immer ohne Erfolg. Er gebrauchte unter anderem: die Familie Gottes, des Vaters Wille, die Freunde Gottes, die Gemeinschaft der Gläubigen, die Bruderschaft der Menschen, des Vaters Herde, die Kinder Gottes, die Gemeinschaft der Getreuen, der Dienst des Vaters und die befreiten Söhne Gottes.
(1861.7) 170:2.25 Aber er kam nicht um den Gebrauch der Idee des Königreichs herum. Erst mehr als fünfzig Jahre später, nach der Zerstörung Jerusalems durch die römischen Armeen, begann sich diese Vorstellung vom Königreich in den Kult des ewigen Lebens zu verwandeln, während ihre sozia-len und institutionellen Aspekte von der rasch expandierenden und feste Formen annehmenden Kirche in die Hand genommen wurden.
3. Die Beziehung zur Rechtschaffenheit3. Die Beziehung zur Rechtschaffenheit
(1861.8) 170:3.1 Jesus versuchte immer, seinen Aposteln und Jüngern einzuprägen, dass sie aus ihrem Glauben heraus eine Rechtschaffenheit erwerben müssten, die über die Rechtschaffenheit der sklavischen Werke hinausginge, mit denen sich manche der Schriftgelehrten und Pharisäer so großsprecherisch vor der Welt brüsteten.
(1861.9) 170:3.2 Obwohl Jesus lehrte, dass der Glaube, ein einfacher, kindlicher Glaube, der Schlüssel zum Tor des Königreichs ist, so lehrte er auch, dass jedes gläubige Kind nach dem Durchschreiten des Tors die Stufen der Rechtschaffenheit hinanzusteigen hat, um zu der vollen Statur eines widerstandsfähigen Gottessohnes heranzuwachsen.
(1861.10) 170:3.3 Durch die Betrachtung der Art und Weise, Gottes Vergebung zu empfangen, enthüllt sich uns die Art, wie man die Rechtschaffenheit des Königreichs erlangt. Glaube ist der Preis, den ihr für die Zulassung in die Familie Gottes zahlt; aber Vergebung ist der Akt Gottes, der euren Glauben als Preis eurer Aufnahme akzeptiert. Und das Empfangen der Vergebung Gottes durch einen, der an das Königreich glaubt, umfasst eine ganz bestimmte und reale Erfahrung und besteht aus den vier folgenden Stufen, den Königreich-Stufen innerer Rechtschaffenheit:
(1862.1) 170:3.4 1. Der Mensch kann Gottes Vergebung genau in dem Maße tatsächlich empfangen und persönlich erfahren, wie er seinen Mitmenschen vergibt.
(1862.2) 170:3.5 2. Der Mensch wird seinen Mitmenschen nicht wahrhaftig verzeihen, solange er sie nicht liebt, wie sich selber.
(1862.3) 170:3.6 3. Deinen Nächsten so zu lieben wie dich selber, ist deshalb die höchste Ethik.
(1862.4) 170:3.7 4. Sittliches Verhalten, wahre Rechtschaffenheit wird dann die natürliche Folge dieser Liebe.
(1862.5) 170:3.8 Daraus geht klar hervor, dass die wahre und verinnerlichte Religion des Königreichs unfehlbar und zunehmend danach strebt, sich in praktischem, sozialem Dienst zu äußern. Jesus lehrte eine lebendige Religion, welche diejenigen, die sich ihr öffnen, dazu bewegt, sich liebendem Dienen zu verpflichten. Aber Jesus setzte nicht die Ethik an die Stelle der Religion. Er lehrte Religion als eine Ursache und Ethik als ein Resultat.
(1862.6) 170:3.9 Die Rechtschaffenheit jeder Handlung muss an ihrem Motiv gemessen werden: Deshalb sind die höchsten Formen des Guten unbewusst. Jesus kümmerte sich nie um Moral oder Ethik als solche. Sein ganzes Bemühen galt der inneren und geistigen Verbundenheit mit Gott dem Vater, die sich so gewiss und direkt im äußeren und liebenden Dienst an den Menschen kundtut. Er lehrte, dass die Religion des Königreichs eine echte, persönliche Erfahrung ist, die niemand für sich selbst behalten kann; dass das Bewusstsein, ein Mitglied der Familie der Gläubigen zu sein, unvermeidlich zur Befolgung der im Familienleben geltenden Regeln führt, nämlich zum Dienst an seinen Brüdern und Schwestern im Bestreben, die Brüderlichkeit zu verstärken und zu erweitern.
(1862.7) 170:3.10 Die Religion des Königreichs ist persönlich, individuell; die Früchte, die Resultate sind familiär, sozial. Jesus verfehlte nie, den geheiligten Charakter des Einzelnen im Gegensatz zur Gemeinschaft zu preisen. Aber ebenso sehr anerkannte er, dass der Mensch seinen Charakter durch selbstlosen Dienst entwickelt; dass er seine sittliche Natur in liebevollen Beziehungen zu seinen Mitmenschen entfaltet.
(1862.8) 170:3.11 Durch seine Lehre, dass das Königreich sich im Inneren befindet, durch sein Feiern des Einzelnen versetzte Jesus der alten Gesellschaft den Todesstoß, womit er eine neue Epoche wahrer sozialer Rechtschaffenheit einleitete. Man hat in der Welt von dieser neuen Gesellschaftsordnung wenig gespürt, weil sie sich geweigert hat, die Prinzipien des Evangeliums vom Königreich des Himmels in die Tat umzusetzen. Aber wenn dieses Königreich geistiger Vormachtstellung auf die Erde kommt, wird es nicht nur durch verbesserte soziale und materielle Bedingungen in Erscheinung treten, sondern vielmehr im Glanz jener erhöhten und bereicherten geistigen Werte, die charakteristisch sind für das nahende Zeitalter verbesserter menschlicher Beziehungen und fortschreitender geistiger Errungenschaften.
4. Jesu Lehre vom Königreich4. Jesu Lehre vom Königreich
(1862.9) 170:4.1 Jesus definierte das Königreich nie genau. Einmal mochte er über den einen Gesichtspunkt des Königreichs sprechen und ein andermal einen anderen Aspekt der Brüderlichkeit behandeln, die Gottes Herrschaft in den Herzen der Menschen entstehen lässt. Im Laufe der Predigt dieses Sabbatnachmittags erwähnte Jesus nicht weniger als fünf Phasen, oder Epochen, des Königreichs, nämlich:
(1862.10) 170:4.2 1. Des individuellen Gläubigen persönliche und innere Erfahrung der lebendigen geistigen Gemeinschaft mit Gott, dem Vater.
(1863.1) 170:4.3 2. Die wachsende Bruderschaft der an das Evangelium Glaubenden, die sozialen Aspekte einer gehobenen Moral und neu aufblühenden Ethik, die eine Folge des in den Herzen der individuellen Gläubigen herrschenden Geistes Gottes sind.
(1863.2) 170:4.4 3. Die übersterbliche Bruderschaft unsichtbarer geistiger Wesen, die auf Erden und im Himmel vorherrscht, das übermenschliche Königreich Gottes.
(1863.3) 170:4.5 4. Die Aussicht auf eine vollkommenere Erfüllung des göttlichen Willens, der Fortschritt in Richtung des Heraufdämmerns einer neuen gesellschaftlichen Ordnung in Verbindung mit einem verbesserten geistigen Leben — das nächste Zeitalter des Menschen.
(1863.4) 170:4.6 5. Das Königreich in seiner Fülle, das künftige Zeitalter des Lichts und Lebens auf Erden.
(1863.5) 170:4.7 Deshalb müssen wir die Unterweisung des Meisters stets aufmerksam studieren, um sicher zu sein, auf welche der fünf Phasen er sich bezieht, wenn er den Ausdruck Königreich gebraucht. Durch den Prozess der allmählichen Veränderung des menschlichen Willens und den dadurch auf die menschlichen Entscheidungen ausgeübten Einfluss verändern Michael und seine Mitarbeiter ebenfalls allmählich, aber bestimmt den ganzen gesellschaftlichen und übrigen Lauf der menschlichen Evolution.
(1863.6) 170:4.8 Bei dieser Gelegenheit unterstrich der Meister insbesondere die folgenden fünf Punkte, die die wesentlichen Züge des Evangeliums vom Königreich darstellen:
(1863.7) 170:4.9 1. Der Vorrang des Individuums.
(1863.8) 170:4.10 2. Der Wille als entscheidender Faktor in der Erfahrung des Menschen.
(1863.9) 170:4.11 3. Geistige Gemeinschaft mit Gott, dem Vater.
(1863.10) 170:4.12 4. Die allerhöchsten Befriedigungen durch den liebevollen Dienst an den Menschen.
(1863.11) 170:4.13 5. Die Überlegenheit des Geistigen über das Materielle in der menschlichen Persönlichkeit.
(1863.12) 170:4.14 Die Welt hat diese dynamischen Ideen und göttlichen Ideale von Jesu Lehre vom Königreich des Himmels nie ernstlich oder aufrichtig oder ehrlich erprobt. Aber ihr solltet euch durch den scheinbar langsamen Fortschritt der Idee des Königreichs auf Urantia nicht entmutigen lassen. Denkt daran, dass die Ordnung der fortschreitenden Evolution plötzlichen und unerwarteten periodischen Veränderungen sowohl in der materiellen wie in der geistigen Welt unterworfen ist. Die Selbsthingabe Jesu als inkarnierter Sohn war gerade solch ein seltsames und unerwartetes Ereignis im geistigen Leben der Welt. Macht auch nicht den verhängnisvollen Fehler, nach der epochalen Manifestation des Königreichs Ausschau zu halten und es darüber zu versäumen, dieses in eurer eigenen Seele zu errichten.
(1863.13) 170:4.15 Obwohl Jesus auf eine bestimmte, in der Zukunft liegende Phase des Königreichs hinwies und bei zahlreichen Gelegenheiten zu verstehen gab, dass ein solches Ereignis als Teil einer Weltkrise auftreten könnte; und obwohl er ebenfalls bei mehreren Anlässen mit großer Bestimmtheit und definitiv versprach, eines Tages nach Urantia zurückzukehren, sollte festgehalten werden, dass er diese beiden Ideen nie eindeutig miteinander in Verbindung brachte. Er versprach eine neue Offenbarung des Königreichs auf Erden zu einem in der Zukunft liegenden Zeitpunkt; er versprach ebenfalls, dereinst persönlich auf diese Welt zurückzukehren. Aber er sagte nicht, dass diese beiden Ereignisse dasselbe seien. Nach allem, was wir wissen, können sich diese Versprechen auf dasselbe Ereignis beziehen, oder auch nicht.
(1863.14) 170:4.16 Seine Apostel und Jünger hingegen verknüpften ohne Zweifel diese beiden Lehren miteinander. Als sich das Königreich nicht erwartungsgemäß verwirklichte, erinnerten sie sich an des Meisters Äußerungen über ein zukünftiges Königreich und an sein Versprechen wiederzukehren und zogen den voreiligen Schluss, dass diese Versprechen sich auf ein und dasselbe Geschehen bezögen; und also lebten sie in der Hoffnung auf sein unmittelbar bevorstehendes zweites Kommen, um das Königreich in seiner ganzen Fülle und mit Macht und Herrlichkeit zu errichten. Und so haben gläubige Generationen nacheinander auf der Erde gelebt und dieselbe inspirierende, aber enttäuschende Hoffnung aufrechterhalten.
(1864.1) 170:5.1 Nachdem wir Jesu Lehren über das Königreich des Himmels zusammengefasst haben, sind wir autorisiert, einige spätere Ideen wiederzugeben, die mit der Vorstellung vom Königreich in Verbindung gebracht worden sind, und eine prophetische Vorhersage über die mögliche Entwicklung des Königreichs im kommenden Zeitalter zu machen.
(1864.2) 170:5.2 Während der ersten Jahrhunderte christlicher Propaganda wurde die Idee des Königreichs von den sich damals rasch ausbreitenden Gedanken des griechischen Idealismus sehr stark beeinflusst, von der Vorstellung vom Natürlichen als dem Schatten des Geistigen — vom Zeitlichen als dem vergänglichen Schatten des Ewigen.
(1864.3) 170:5.3 Aber der große Schritt, der die Verpflanzung der Lehren Jesu von jüdischem in nichtjüdischen Boden kennzeichnete, geschah, als aus dem Messias des Königreichs der Erlöser der Kirche wurde, einer religiösen und sozialen Organisation, die aus den Aktivitäten des Paulus und seiner Nachfolger hervorging und auf Jesu Lehren basierte, welche ihrerseits durch Philos Ideen und die persischen Lehren von Gut und Böse ergänzt worden waren.
(1864.4) 170:5.4 Die Verwirklichung der in der Lehre des Evangeliums vom Königreich enthaltenen Ideen und Ideale Jesu wäre beinahe misslungen, da seine Anhänger seine Aussagen in zunehmendem Maße entstellten. Des Meisters Vorstellung vom Königreich wurde durch zwei große Tendenzen nennenswert verändert:
(1864.5) 170:5.5 1. Die jüdischen Gläubigen hielten daran fest, in ihm den Messias zu sehen. Sie glaubten, Jesus würde sehr bald wiederkehren, um tatsächlich das weltweite und mehr oder weniger materielle Königreich zu errichten.
(1864.6) 170:5.6 2. Die nichtjüdischen Christen begannen sehr früh, die Lehren des Paulus anzunehmen, was immer mehr zu dem allgemeinen Glauben führte, Jesus sei der Erlöser der Kinder der Kirche, jener neuen institutionellen Nachfolgerin der früheren Vorstellung von der rein geistigen Bruderschaft des Königreichs.
(1864.7) 170:5.7 Die Kirche als soziale Folgeerscheinung des Königreichs wäre völlig natürlich und sogar wünschenswert gewesen. Das Schlimme an der Kirche war nicht ihre Existenz, sondern vielmehr, dass sie Jesu Vorstellung vom Königreich fast vollständig verdrängte. Die institutionalisierte Kirche des Paulus wurde praktisch zum Ersatz für das Königreich des Himmels, das Jesus verkündet hatte.
(1864.8) 170:5.8 Aber zweifelt nicht daran: Dieses selbe Königreich des Himmels, das der Lehre des Meisters zufolge im Herzen des Gläubigen existiert, wird der christlichen Kirche, sowie allen anderen Religio-nen, Rassen und Nationen der Erde trotzdem verkündigt werden — und sogar jedem Einzelnen.
(1864.9) 170:5.9 Das Königreich, wie Jesus es lehrte, das geistige Ideal individueller Rechtschaffenheit und die Vorstellung von der göttlichen Gemeinschaft des Menschen mit Gott ging allmählich in der mystischen Vorstellung von Jesu Person als dem Erlöser-Schöpfer und geistigen Haupt einer sozialisierten, religiösen Gemeinschaft unter. Auf diese Weise wurde eine offizielle und institutionelle Kirche zum Ersatz für die individuell durch den Geist gelenkte Bruderschaft des Königreichs.
(1864.10) 170:5.10 Die Kirche war ein unvermeidliches und nützliches soziales Ergebnis aus Jesu Leben und Lehren; die Tragödie lag in der Tatsache, dass diese soziale Reaktion auf die Lehren des Königreichs die geistige Vorstellung vom wahren Königreich, wie Jesus es lehrte und lebte, so vollkommen verdrängte.
(1865.1) 170:5.11 Für die Juden war das Königreich die israelitische Gemeinschaft; für die Nichtjuden wurde aus ihm die christliche Kirche. Für Jesus war das Königreich die Summe jener Individuen, die sich zu ihrem Glauben an die Vaterschaft Gottes bekannt und damit die aus tiefem Herzen kommende Bereitschaft bekundet hatten, Gottes Willen zu tun, wodurch sie zu Mitgliedern der geistigen Bruderschaft der Menschen wurden.
(1865.2) 170:5.12 Der Meister war sich völlig im Klaren darüber, dass sich im Gefolge der Verbreitung des Evangeliums vom Königreich in der Welt gewisse soziale Auswirkungen einstellen würden; aber seine Absicht war, dass alle solchen wünschenswerten sozialen Erscheinungen als unbewusste und unvermeidliche Ergebnisse oder natürliche Früchte jener inneren persönlichen Erfahrung der einzelnen Gläubigen auftreten sollten, als Früchte jener rein geistigen Gemeinschaft und Verbindung mit dem göttlichen Geist, der allen derartigen Gläubigen innewohnt und sie aktiviert.
(1865.3) 170:5.13 Jesus sah voraus, dass eine soziale Organisation oder Kirche dem Fortschritt des wahren geistigen Königreichs auf dem Fuße folgen würde, und aus diesem Grunde widersetzte er sich nie der Ausübung des Taufritus des Johannes durch die Apostel. Er lehrte, dass eine Seele, die die Wahrheit liebt und nach Rechtschaffenheit, nach Gott hungert und dürstet, durch ihren Glauben Einlass in das geistige Königreich erhält; gleichzeitig lehrten die Apostel, dass dieser Gläubige durch den äußeren Ritus der Taufe zu der sozialen Organisation der Jünger zugelassen wird.
(1865.4) 170:5.14 Als Jesu unmittelbare Anhänger ihren teilweisen Misserfolg bei der Verwirklichung seines Ideals erkannten, des Ideals der Errichtung des Königreichs in den Menschenherzen aufgrund der Beherrschung und Führung des einzelnen Gläubigen durch den Geist, machten sie sich daran, seine Lehre vor dem völligen Verschwinden zu bewahren, indem sie des Meisters Ideal vom Königreich durch die schrittweise Schaffung einer sichtbaren sozialen Organisation, der christlichen Kirche, ersetzten. Und nachdem sie diesen Austauschplan durchgeführt hatten, verlegten sie das Königreich in die Zukunft, um folgerichtig zu bleiben und die Anerkennung der Lehre des Meisters bezüglich der Tatsache des Königreichs sicherzustellen. Sobald die Kirche fest begründet war, begann sie zu lehren, das Königreich werde in Wahrheit auf dem Höhepunkt des christlichen Zeitalters mit dem zweiten Kommen von Christus erscheinen.
(1865.5) 170:5.15 Auf diese Weise wurde das Himmelreich zur Vorstellung von einem Zeitalter, zur Idee einer späteren Wiederkehr und zum Ideal der schließlichen Erlösung der Heiligen des Allerhöchsten. Die frühen Christen (und allzu viele der späteren) verloren im Allgemeinen die in Jesu Lehre vom Königreich enthaltene Vater-und-Sohn-Idee aus den Augen und setzten an ihre Stelle die gut organisierte soziale Gemeinschaft der Kirche. So wurde die Kirche in der Hauptsache eine sozia- le Bruderschaft, die Jesu Ideal und Vorstellung von einer geistigen Bruderschaft wirkungsvoll verdrängte.
(1865.6) 170:5.16 Jesu ideale Vorstellung schlug weitgehend fehl, aber auf dem Fundament des persönlichen Lebens des Meisters und seiner Lehren, ergänzt durch die griechischen und persischen Vorstellungen vom ewigen Leben und erweitert durch Philos Lehre vom Zeitlichen im Kontrast zum Geistigen, ging Paulus daran, eine der fortschrittlichsten menschlichen Gesellschaften aufzubauen, die es auf Urantia je gegeben hat.
(1865.7) 170:5.17 Jesu Vorstellung ist in den fortgeschrittenen Religionen der Welt immer noch lebendig. Die christliche Kirche des Paulus ist der sozialisierte und humanisierte Schatten dessen, was das Königreich des Himmels in Jesu Absicht sein sollte — und mit großer Sicherheit einmal werden wird. Paulus und seine Nachfolger übertrugen teilweise die Fragen des ewigen Lebens vom Individuum auf die Kirche. Dadurch wurde Christus eher zum Haupt der Kirche als zum älteren Bruder jedes einzelnen Gläubigen in des Vaters Familie des Königreichs. Paulus und seine Zeitgenossen wandten alle geistigen Zusammenhänge, die Jesus selber und den einzelnen Gläubigen betrafen, auf die Kirche als eine Gruppe von Gläubigen an; und damit versetzten sie der Vorstellung Jesu vom göttlichen Königreich in den Herzen der individuellen Gläubigen den Todesstoß.
(1866.1) 170:5.18 Und so hat die christliche Kirche jahrhundertelang unter großer Behinderung gelitten, weil sie es gewagt hatte, jene geheimnisvollen Kräfte und Privilegien des Königreichs für sich zu beanspruchen, Kräfte und Privilegien, die nur zwischen Jesus und seinen gläubigen Brüdern im Geiste ausgeübt und erfahren werden können. Und dabei wird offensichtlich, dass Mitgliedschaft in der Kirche nicht notwendigerweise Gemeinschaft im Königreich bedeutet; diese ist geistig, jene hauptsächlich sozial.
(1866.2) 170:5.19 Früher oder später wird ein anderer und größerer Johannes der Täufer mit der Botschaft auftreten: „Das Reich Gottes ist nahe“ — und darunter eine Rückkehr zu jener hohen geistigen Idee Jesu verstehen, der verkündete, dass das Königreich der Wille seines himmlischen Vaters ist, der auf transzendente Weise im Herzen der Gläubigen herrscht — und er wird all dies tun, ohne sich in irgendeiner Weise auf die sichtbare Kirche auf Erden oder auf das erwartete zweite Kommen Christi zu beziehen. Es muss eine Wiedererweckung der tatsächlichen Lehren Jesu kommen, eine Neuformulierung, die das Werk seiner frühen Anhänger rückgängig macht, die es unternommen hatten, ein soziophilosophisches Glaubenssystem um die Tatsache des Aufenthalts Michaels auf Erden herum aufzubauen. In kurzer Zeit verdrängte die Lehre dieser Geschichte über Jesus beinahe die Predigt von Jesu Evangelium vom Königreich. In dieser Weise ersetzte eine historische Religion jene Lehre, in der Jesus die höchsten sittlichen Ideen und geistigen Ideale des Menschen mit der erhabensten Zukunftshoffnung des Menschen — dem ewigen Leben — verschmolzen hatte. Und das war das Evangelium vom Königreich.
(1866.3) 170:5.20 Gerade weil Jesu Evangelium so vielschichtig war, spalteten sich innerhalb weniger Jahrhunderte die Exegeten der Aufzeichnungen seiner Lehren in so viele Kulte und Sekten. Diese erbärmliche Unterteilung der christlichen Gläubigen resultiert aus dem Unvermögen, in des Meisters vielfältigen Lehren die göttliche Einheit seines unvergleichlichen Lebens zu erkennen. Aber eines Tages werden die wahrhaft an Jesus Glaubenden in ihrer Haltung gegenüber den Ungläubigen nicht mehr derart geistig gespalten sein. Stets wird es wohl Unterschiede in intellektuellem Verstehen und Interpretieren und sogar unterschiedliche Stufen der Sozialisierung geben, aber ein Mangel an geistiger Brüderlichkeit ist ebenso unentschuldbar wie verwerflich.
(1866.4) 170:5.21 Täuscht euch nicht! In Jesu Lehren wohnt eine ewige Natur, die ihnen nicht erlaubt, in den Herzen der denkenden Menschen auf immer unfruchtbar zu bleiben. Das Königreich, wie Jesus es entwarf, hat auf Erden weitgehend fehlgeschlagen; einstweilen hat eine vordergründige Kirche seinen Platz eingenommen; aber ihr solltet begreifen, dass diese Kirche nur ein Larvenstadium des verhinderten geistigen Königreichs ist und dieses durch das materielle Zeitalter hindurch in eine geistigere Dispensation tragen wird, wo die Lehren des Meisters sich günstigerer Entwicklungsbedingungen erfreuen werden. So wird die so genannte christliche Kirche zum Kokon, in dem das Königreich nach Jesu Vorstellung jetzt schlummert. Das Königreich der geistigen Bruderschaft ist immer noch lebendig und wird schließlich und sicher aus seiner langen Versenkung auftauchen, ebenso sicher, wie der Schmetterling letzten Endes prächtig entfaltet aus dem unscheinbareren Geschöpf metamorphischer Entwicklung hervorgeht.
www.urantia.info/de/OUcopy/170.htm
Schrift 168 – Zusammenfassung von Alexandra